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• DIE THATEN BOGDA GESSER CHANS,
DES
VERTILGERS DER WURZEL DER ZEHN ÜBEL IN DEN ZEHN GEGENDEN.
EINE
OSTASIATISCHE HELDENSAGE,
Aus DEM MONGOLISCHEN ÜBERSETZT
I. J. SCHMIDT,
Kaiserlich - Russischem Slaatsrathe, Ritter des St Annenordens zweiter,
des St. Stanislausordens zweiter und des St. Wladimirordens
Tierter Classe, ordentlichem Mitgliede der Kaiserlichen
Akademie der Wissenschaften u. s. w.
1839. ST. PETERSBURG,
bei W, GrUff,
LEIPZIG,
bei Leopold Уо$а,
Wf ■ А&^^Ш.
Auf Verfügung der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften.
P. H. Füss,-
beständiger Secretär. St. Petersburg, im Octoher 1839.
VORREDE.
Im Jahre 1836 beschloss die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften auf meinen Vorschlag, von der Ostasiatischen Heldensage „die Thaten Gesser Ghän's u. s. w." eine neue Ausgabe des Mongohschen Textes derselben unter meiner Aufsicht und Gorrectur zu ver- anstalten. Der Druck derselben, nach einem Exem- plare der in Peking im Jahre П16 unter der Regie- rung Kanghi und auf Befehl dieses Kaisers erschie- nenen Ausgabe, wurde alsbald begonnen und noch in demselben Jahre beendigt. Eine bedeutende Anzahl Exemplare der neuen Ausgabe wurde von den um den Baikal лvohnenden Buräten und Mongolen, sobald das Daseyn derselben zu ihrer Kunde gelangte, ver- langt und angekauft; sie hat aber auch in Europa, namentlich im Deutschen Vaterlande, Abnehmer ge- funden.
Mit dieser neuen Ausgabe war hauptsächlich die Absicht verbunden, den Liebhabern des Orientalischen Sprachstudiums, deren Zahl im Auslande sich von Tage zu Tage mehrt und denen auch die Mongolische Sprache richts weniger als gleichgültig ist, ein Buch in die
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Hände zu geben, aus Avelchem sie diese Sprache auch von einer andern Seite könnten kennen lernen, als diess aus den, in dem gewöhnlichen Bücherstyl ab- gefassten Werken möglich ist. Es ist nämlich der G e s s e r - G h ä n nicht in der sogenannten Bücher- sprache*), sondern in der SjDrache des Lebens, wie sie im Munde des Volkes lautet und von allen Stän- den desselben gesprochen лvird, geschrieben. Sind nun gleich die grammatischen Formen in der Volks- sprache nur wenig alterirt und immer kennbar, weil ja aus ihnen der Bau der Grammatik nothwendig her-
*) Unter dieser Benennung versiehe ich die ganze Literatur des Buddhaisraus, d. li. sowohl die Werke Indischen und Tibetischen Ursprungs, als diejenigen, >velche Mongolen zu Verfassern haben; die Zahl der letztern ist keineswegs ganz unbedeutend, obgleich gegen die Menge jener doch nur gering zu nennen. Diese ganze Literatur, ausschliesslieh von gelehrten Geistlichen cultivirt, zeigt, лүепп gleich nicht im Style doch in der Behandlung und dem Gebrauche der Sprache, eine solche grammatische Consequenz und Gleichförmigkeit, dass sie mit Recht als Typus der Büchersprache betrachtet >verden kann. Eine auffallende Verschiedenheit von derselben bietet die neuere profane Mongolische Literatur, die ganz unter dem Einflüsse Mandschuischer oder vielmehr Chinesischer Terminologie und Sprach- eigenthümlichkeit steht, dar; — Avesbalb man sich луо1Л hüten muss, dieses von Peking aus emanirte Mongolische zur Grundlage des Stu- diums der Sprache zu machen , obgleich dessen Kenntniss für das Gesammtstudium der Mongolischen Sprache und ihrer Literatur un- umgänglich nüthig ist. Mit Ausnahme des über den Chinesischen Leisten geschlagenen Styls und der Chinesischen Satzbildung, ist bei dieser neuen Literatur der Gebrauch der grammatischen Formen so ziemlich mit der Bücbersprache übeieinstimmcud; indcss finden auch einige Abweichungen davon Statt, die aber durchaus nicht zur Nach- ahmung zu empfehlen sind.
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vorgehen muss; so bieten eine Menge eigener Wort- formen, Ausdrücke und Wendungen, so wie das nicht seltene Verkürzen und Zusammenziehen der gewöhn- lichen Flexionspartikeln und bisweilen ganzer Satz- theile, oft eine solche Verschiedenheit von der allge- meinen Büchersprache dar, dass derjenige, der sich in diese letzte schon recht gut hineingearbeitet hat, gewahr werden muss, dass er mit jener Volkssprache nicht nach Wunsch fertig werden kann.
Ich sch\vieg von dem Inhalte unserer Heldensage mit Fleiss in der Hoffnung, dass irgend ein auslän- discher, sich mit dem Mongolischen beschäftigende, Gelehrte das Buch zwar nicht übersetzen (denn das wäre für jetzt noch zu viel gefordert) , doch aber ei- nen etwas ausführlichen Auszug des Inhalts bekannt machen лvürde; diess ist indess, so sehr ein solcher Auszug jeder orientalischen Zeitschrift mehr als man- ches Andere zur Zierde gereicht haben würde, nicht geschehen. Alles was sich in ausländischen Zeitschrif- ten über den Gesser-Ghan findet, beschränkt sich auf die Erwähnung einiger in demselben vorkom- menden Sprichwörter und ähnlicher unbedeutenden Bruchstücke.
Dieses sich an dem fast unberührten Problersteine sichtlich kund gegebene 'Unvermögen, den Gesser- Ghän nach Gebühr zu verstehen und auszubeuten, brachte mich zu dem Entschlüsse, ihn vollständig zu.
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übersetzen und somit das klare Verständniss des Ori- ginals jedem Freunde der Ostasiatischen Literatur zu eröffnen. Diess лүаге jedoch immer noch kein genü- gender Grund gewesen, лүепп ich ihn nicht in mehr als einer Beziehung der Uebersetzung werth gehalten hätte. Denn ausser dem oben angegebenen Umstände, dass er in einem geschlossenen hterarischen Werke den Typus der Volkssprache bildet, wodurch er nicht blos den sämmtlichen Mongolischen A'ölkerschaften, sondern allen nicht -muhammedanischen Völkern Ost- und Mittelasiens theuer und Yverth ist: — ausser die- sem uns dargebotenen Interesse in sprachwissenschaft- licher Hinsicht^ ist dieses Werk für die Ethnographie von hoher Wichtigkeit; denn es zeigt uns die Völker Mittelasiens, namentlich des nordlichen Tibets und der Gegenden am obern Choangho oder gelben Flusse so wie am Kökenoor, in ihrem häuslichen Leben, in ihren Neigungen und Beschäftigungen, in ihren Nationalbegriffen und Meinungen, in ihren Bewaff- nungen und der Handhabung ihrer Waffen besser, als irgend eine Beschreibung aus der P'eder einer frem- den Hand es л^егтосЫе.
Von der Zeit der Abfassung dieser Heldensage weiss man nichts, eben so wenig kennt man den Namen des Verfassers oder Sammlers derselben; auch bleibt es unentschieden, ob sie ursprünglich Mongolisch oder Tibetisch abgefasst war, denn sie exietirt in beiden
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Sprachen, wie wir aus einer , von Herrn Csoma Körösi mitgetheiltcn *) , bibliographischen Notiz Ti- betischer Werke ersehen. Dass die Sage in ihren einzelnen Theilen lange im Munde des Volkes fortge- lebt hat, ehe sie zu einem Ganzen gesammelt wurde, scheint aus ihrer ganzen Abfassung hervorzugehen; noch klarer erscheinen die zwei letzten, nämlich das sechste und siebente Gapitel, als spätere Anhängsel, indem in denselben ein ganz anderer Styl bemerkbar ist. Demnach besteht, meiner Meinung nach , der Haupttheil der Sage aus den fünf ersten Gapiteln und' dieser Haupttheil derselben schliesst mit dem Ende des Schiraighorschen Krieges. Es gibt indess noch einen andern Gesser-Ghän, von Avelchem B. Berg- mann nach einem Kalmükischen Originale eine Ueber- Setzung geliefert hat**). Die Wolgischen Kalmüken nennen denselben zum Unterschiede von unserer Sage — welche bei ihnen nicht mehr zu finden ist, deren
*) Siehe dessen Grammatik der Tibetischen Sprache, S. i80; so wie meiue Grammatik derselben Sprache, S. 216.
**) Siehe Nomadische Streifereien unter den Kalmüken; Theil III, S. 155. — Es sey mir erlaubt, hier einige Namen bei Bergmann zu verbessern oder nach unserer Gessersage auszugleichen. So ist der bei Bergmann oft vorkommende Buj antik niemand Anders als un- ser Buidong; die göttliche Chäninn Almur S. 280 ist Ad sc hu Mergen und der alte Säklä ebendaselbst ist der alte San gl un. — Die Bedeuturg des Wortes Choschotschi ist nicht „Tollkühner," sondern „Anführer einer Heeresabtheilung ," von Ghoscho oder Choschigho ,;eine Militärdivisioii. "
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Daseyn sie indess луоЫ kennen — den kleinen Ges- ser. Dieser sogenannte kleine Gesser ist aber auch den Mongolen лvoЫbekannt; bei ihnen gilt er jedoch blos als zugegebenes achtes Capitel der Gessersage. Die reiche Sammlung der Akademie besitzt davon ein Mongolisches Exemplar, Avelches — ohne das erste Buch bei Bergmann , mit dessen zweitem Buche der Sage anfangend — den Kampf Gesser 's mit dem funfzehn- köptigen Riesen gerade so erzählt, wie wir ihn ш den Nomadischen Streifereien lesen. — Jenes erste Buch des sogenannten kleinen Gesser's ist weiter nichts, als eine Recapitulation einiger frühern Begebenheiten und erzählt nebenbei den Akt der Wiederbelebung der Gebeine der vorlängst im Schiraighol'schen Kriege gefallenen dreissig Helden, um deren Wiedererschei- nung auf dem Schauplatze, im Kampfe gegen den funf- zehnköpfigen Riesen, zu motiviren. Dass übrigens die- ses achte Capitel oder dieser sogenannte kleine Ges- ser einer spätem Zeit angehört, als die Sammlung unserer Heldensage und als Zusatz mit derselben nur sehr lose zusammenhängt, ist leicht zu ersehen.
Die Beantwortung der Frage, ob die Sammlung unserer Heldensage ursprünglich Mongolisch oder Ti- betisch abgefasst лүаг, ist, so lange лvir den Tibeti- schen Text derselben nicht kennen, kaum möglich. Nehmen Avir an, dass sowohl der Held der Sage, als seine Umgebung und die Völkerschaften, über welche
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er herrschte , in derselben ausdrücklich als Tibeter bezeichnet werden, dass Tihet nebst Tan gut und die Gegenden am obern gelben Flusse (dem Gho- anjjho der Chinesen und Ohara Muren oder Gha- tun Muren der Mongolen) als der Hauptschauplatz der Thaten unsers Helden genannt sind, dass endlich sos^ar sein Name selbst Tibetisch ist, indem Gessar in dieser Sprache „das Pistill einer Blume" bedeutet, also Gesser Sserbo Donrub (vergl. S. 8) „das das Uebel angreifende gelbe Pistill^"*], so scheint diess, nebst Anderm , iür den Tibetischen Ursprung der Sage zu sprechen. Obgleich ich selbst dieser Meinung zU' gethan bin, so muss ich doch gestehen, dass bei ge- nauerer Betrachtung des Mongolischen Textes Sprache und Styl ganz das Gepräge der Originalität und kei- neswegs einer Uebersetzung tragen. Und da es ausser allen Zweifel gestellt ist, dass es auch Tibetische, aus dem Mongolischen übersetzte, Werke gibt**), so wird die Sache dadurch nur noch zweifelhafter gemacht.
*) Dei- Tibetisihe Name des Lotus ist Gessartsc lian „die mit einem Pistill versehene (Blume)." Es ist bekannt, welche Rolle der Lotus und dessen Pistill in der buddhaistischen Mythologie spielt,
**) Die reiche Sammlung der Akademie besitzt ein gedrucktes Exemplar des Tibetischen Ueligerun Nom nebst mehreren desselben Werkes in Mongolischer Sprache. Es ist dieses Werk ein ganz an- deres, als der Ueligerun Dalai, der einen Theil desKandschur bildet, und mit diesem nicht zu verwechseln. Dass der Tibetische Ueligerun Nom aus dem Mongolischen übersetzt ist und nicht um- gekehrt, wird daraus klar, dass an vielen Stelleu, wo der Sinn des
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Ob Gesser Chan eine historische Person ist, ob jemals ein Held dieses Namens und wann er gelebt hat, muss man gleichfalls dahin gestellt seyn lassen; vermiithlich hat er einen historischen Grund , auf welchem jedoch, weil er wohl schwerlich je wird auf zufinden seyn, nun nichts mehr zu bauen ist. Er wird in der Sage als Beherrscher der drei Tibetischen Völkerschaften Tussa, Dongsar und Lik genannt; diess hat den Chinesen Anlass 2;e2;eben, ihn in ihre Geschichte der drei Reiche zu verflechten, ihn darin eine grosse Rolle spielen zu lassen und ihm eine Epoche in ihrer Chronologie anzuweisen, nämlich den Anfang des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Aber was haben die Chinesen durch ibre anscheinend srenaue Sach- und Zeitbestimmuniü; nicht schon Alles zu Geschichte gemacht, vorzüglich луепп es einer altern Zeit angehört! Gesser Chan steht übrigens auch bei den Chinesen in hohen Ehren und die jetzt in China herrschende Dynastie erkennt ihn sogar als ih- ren Schutzgeist an*).
Tibetischen Wortes dunkel oder zweideutig erscheint, das Mongolische Wort in Klammern beigefügt ist, wie diess auch bei Mongolischen, aus dem Tibetischen übersetzten, Werken mit den Tibetischen Wör- tern häufig Statt findet.
*) Vielleicht in seiner Eigenschaft als wirklicher Chormusda oder Herr des materiellen Himmels, welche Würde ihm, als Nach- folger seines Vaters, von diesem in unserer Sage zugesichert wird; Stehe S. 6.
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Dem sey wie ihm wolle: die Heldenidee ist wohl bei keinem Volke ans der Luft gegriffen und ein blosses Phantasiegebilde; sie hat bei allen Völkern, besonders da, wo ein ganzer Gyklus von Thaten besungen wird, gewiss einen historischen Grund, der aber in den lichten und dunkeln Nebel gestalten der Ober- und Unterwelt, so wie des irdischen Thatenschauplatzes selbst völlig verschwindet. Das nämliche mag auch der Fall mit der Gessersage seyn. Denn gleich den Dichterwerken aller Völker der Erde, in welchen Hel- den der Vorzeit besungen oder ihre Thaten erzähU werden, ist auch in dieser Heldensage das übernatür- liche Princip vorherrschend: der Kampf des Guten und Bösen und ihrer Repräsentanten, der guten und bösen Dämonen, mischt sich in die menschlichen Handlun- gen und motivirt sie; daher Verkörperungen beider einander entgegenstehenden Kräfte , Verwandlungen, Zauber, Feerei ohne Zahl und Ende. Es ist diess gleichsam die Lebensader aller Epopöen, ohne welche sie matt seyn und aller Frische, alles Reitzes ent- behren Avürden: nur bewirkt das religiöse Element des einen oder des andern Volkes, die respective Stel- lung der Völker im grossen Weltdrama, ihr Bildungs- grad und ihre bürgerliche Verfassung natürlicherweise eine gewaltige Verschiedenheit in der Auffassupg und Darstellung der Heldenidee, so dass es z. B. mehr als possierlich seyn würde, einen Gesser-Ghan neben
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eine Ilias^ Odyssee, befrei tes Jerusalem u. s. лу. zu stellen. Dessenungeachtet behauptet unser Gesser Chan immer seine besondere Eigenthümlichkeit, die ihn dem лvissenschaftlicheп Interesse zuwendet. Denn ist gleich seine Poesie etwas Avüste und wild, sind gleich seine Metaphern etAvas barok, roh und hand- greiflich, ähnelt gleich die Darstellung der Begeben- heiten sehr oft mehr einem Mährchen als einer böhern Dichtung, — so zeigt er uns dafür fast ununterbrochen die Volksthümlichkeit Mittelasiens in der lebendigsten Veranschaulichung. Und ist diess nicht für den, der Wissenschaft lebenden, Erforscher des alten Griechen- lands , neben dem Sprachschatze und dessen Aus- beutung, gleichfalls der anziehendste Theil in den Ho- merischen Gedichten? Denn der Rausch der Poesie, die Gasperlen der begeisterten Phantasie vermögen es allein nimmer, den freien, nüchternen Geist auf die Dauer zufrieden zu stellen.
Ganz gegen die Geлvohnheit ist der Mongolische Text unserer Heldensage nicht in gebundener Rede, d. h. nicht in Versen und Strophen von einer be- stimmten Anzahl Sylben, abgefasst. Man kann dafür froh seyn, weil dadurch die Sprache der Dichtung ihren freyen, ungehemmten Gang behalten hat und nicht durch den Zwang der Sylbenzählung verrenkt ist. Bei der Uebersetzung habe ich mich bestrebt, durchaus nichts von der Farbe des Originals zu vcr»
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wischen und die möglichste Treue zu beobachten, ohne jedoch dadurch der Deutschen Sprache Gewalt anzu- thun, dieselbe ungelenk und das Lesen des Buches unangenehm und besch\verlich zu machen.
Für diejenigen meiner Leser, denen es auffallen möchte ^ dass ich in dieser Vorrede und in meinen sonstigen Schriften Tibet und nicht Tübet schreibe, 4vogegen in der Uebersetzung unserer Heldensage die letztere Schreibart überall beibehalten ist, finde ich nöthig zu bemerken, dass wenn ich die Sage aus dem Tibetischen übersetzt hätte , ich das besagte Land Bod, und луепп aus dem Kalmükischen, Töböd genannt haben würde. Bod ist jedenfalls die richtige Be- nennung, weil die Einwohner des Landes dasselbe sowohl als ihre Sprache und alle ihre Landes- und Volkseigenthümlichkeiten also nennen. Tübet oder Töböd ist aus dem Mongolischen Worte tüb oder tob entstanden, Avelches „die Mitte, der Mittelpunkt" bedeutet, weil Tibet von den buddhaistischan Völkern des innern Asiens als das Mittelland der Erde ап2;е- sehen wird und in den Tibetischen Schriften selbst oft unter der Benennung ssaji ITe „der Nabel der Erde erscheint. Ich halte es, ausgenommen etwa in Üebersetzungen, für ganz unnöthig und zwecklos, von der von jeher gebräuchlichen Europäischen Benennung Tibet blos deswegen abzugehen, лveil die Mongolen Tübet schreiben. Wie abgeschmackt würde es nicht
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klingen, wenn ein Deutscher anfinge, statt „Spanien'' Espana oder Spain, statt „ScliAveden und Nor- wegen'' S wer ige und Norge zu schreiben. Der verst. Klaproth hat jene völlig nutzlose Schreibart ein- geführt um zu zeigen, dass er die Mongolische Be- nennung des Landes kenne 5 dieses Neuerungsbeispiel hat mit Unrecht eine Menge Nachahmungen gefun- den; denn sey es auch, dass unser Tibet aus dem Mongolischen Tübet entstanden ist, so gibt diess kei- nen Grund, die gewohnte Benennung zu verleugiwn, um so weniger, da die Einwohner des Landes selbst einen ganz andern Namen dafür haben.
Inhalt.
Erstes Capitel.
Seite. Von der Geburt des Helden und den dieselbe vorangehenden лvunderЬaren Begebenheiten, von dessen Thun und Treiben als Kind und Jüngling, bis zu dessen Veröffentlichung als Gesser-Chän 1
Zweites Capitel. Gesser's Zug gegen den in einen Ungeheuern Tiger verwandel- ten Riesen und dessen Besiegung] . '89
Drittes Capitel. Wie Gesser Chaghan die gestörte Reichsverwaltung des Kiime
Chaghan von China in Ordnung bringt 95
Viertes Capitel.
Gesser's Zug gegen den zwölfköpGgen Riesen. Er tödtet den- selben, vernichtet dessen ganze Sippschaft und befreit seine, vom zwölköpfigen Riesen geraubte, Gemahlinn
Aralgho Goa 112
Fünftes Capitel.
Der Schiraighol'sche Krieg, die Veranlassung зи demselben und dessen unglücklicher Ausgang >vährend der Abwesenheit Gesser's. — Gesser kehrt zurück, erneuert den Krieg, besiegt und tödtet die drei Chane von Schiraighol und unterwirft sich ihre Untcrthanen 158
Sechstes Capitel. Gesser wird durch List eines feindseligen Zauberers in einen Esel verwandelt. Seine Freunde verschaflfen ihm durch Zaubermitlel wieder die Menschengestalt und er nimmt
Rache am Zauberer 273
Siebentes Capitel. Gesser's Fahrt in die UnterAvelt, um seine Mutter zu befreien. Er besiegt den Höllenrichter, befreit seine Mutter und führt sie der Gölterregion zu 282
^ЛL.Щ^*S»■
DIE THATEN GESSER - CHArV'S,
ERSTES CAPITEL.
Von der Geburt des Helden und den dieselbe voran- gehenden WUNDERBAREN BEGEBENHEITEN, VON DESSEN ThUN
UND Treiben als Kind und Jüngling, bis zu dessen Veröffentlichung als Gesser-Ghan.
T er Allers zvi einer Zeil, ehe noch Buddha S'akjamuni das Beispiel des Nirwana gezeigt hatte, erschien der Gott Chormusda*) vor Buddha, um demselben die Ehre der Anbetung zu erzeigen. Nachdem Chormusda sich ver- beugt hatte, sprach Buddha zu ihm: „Nach Ablauf von fünfhundert Jahren wird für die Welt eine Zeit der Ver- wirrung eintreten. Kehre jetzt heim, aber nach fünfhun- dert Jahren schicke einen deiner drei Söhne in die Welt, damit er die Herrschaft derselben übernehme; denn es wer- den alsdann die Mächtigen die Machtlosen unterdrücken, sogar wird das Wild des Feldes sich gegenseitig befehden
1) Ist in den buddhaistischen Religionsschriften der Indra der brahmanischen Systeme, wird aber von den Mongolen mit dem alt- persischen Ormusd oder Hormusd identificirt. Als Gott des ma- teriellen Himmrls ist er der Schutzgeist der Erde und die grossen Monarchen auf derselben werden als seine Söhne oder Emanationen angesehen.
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und vernichten. Schicke also einen deiner drei Söhne, da- mit er die Herrschaft der Welt ühernehme ! Fünfhundert Jahre lang überlasse dich ungestört deinen Freudegenüssen, dann a])er sende ihn, meinem Befehle gemäss, ungesäumt!" Der Gott Chormusda gah sein Wort und kehrte heim; jedoch nach seiner Zurückkunft vergass er den Befehl Bud- dhas, so dass er, statt fünfhundert, siebenhundert Jahre in Unlhätigkeit verblieb.
Da geschah es, dass plötzlich die westliche Mauerseite der Götlerresidenz Sudarassun, eine Strecke von zehn- tausend Meilen'^) entlang, einstürzte. Chormusda und die drei und dreissig Götter griffen alsbald zu den W äffen und riefen: „Wer hat diese unsere Befestigung zerstört? wir haben jetzt keinen Feind 1 oder waren es vielleicht die Assuri'), welche diese Zerstörung bewirkten?" Als sie nun an den Ort der Zerstörung kamen, landen sie, dass die Mauer von selbst eingestürzt sey. Chormusda und die sänimtlichen drei und dreissig Götter befragten sich unter einander um die Ursache dieses Ereignisses; da fiel dem Chormusda sein gegebenes Л¥ог1 ein und er sprach: „Ehe Buddha S äkjamuni das Beispiel des Nirwana zeigte, verfügte ich mich zu ihm zur Anbetung und er- hielt sodann ^on ihm folgenden Befehl: „„Nach fünfhun- „dert Jahren schicke einen deiner drei Söhne, denn es „vsird alsdann eine schlechte Zeit für die Welt eintreten: „die Starken werden die Schwachen unterdrücken und „auch das W^ild des Feldes wird sich gegenseitig ver- „nichten."" — Diesen Befehl hatte ich vergessen und es sind seitdem siebenhundert statt fünfhundert Jahre ver- flossen."
2) Eine Bere oder Meile enthält acht Stimmenweiten, jede von fünfhundert Klafter Länge.
3) Die bösen Geister in den Klüften des Wellberges Sumeru und Feinde der Hiramelsgeister.
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Der Gott Chormusda und die drei und dreissig Göt- ter insgesamrat richteten ein grosses. Festmahl an, und Chormusda schickte einen Gesandten zu seinen drei Söh- nen. Zuerst kam der Gesandte za Amin Ssakiktschi, dem äUesten Sohne, und sprach zu ihm: „Lieber! Chor- musda, dein Vater, schickt dir den Befehl, in die Welt zu gehen und die Oberhenschaft derselben zu überneh- men." Amin Ssakiktschi erwiederte : „Ich bin der Sohn Chormusda's; was wäre es, wenn ich auch hin- ginge? ich bin nicht im Stande, als Herrscher die Welt zu regieren. Wenn der Sohn des GoUes Chormusda in die Welt kommt und als untüchtig zur Herrschaft dersel- ben befunden wird, so möchte er den theuren Namen und die Herrschaft seines A'^aters, des Himmelbeherrschers, ein- büssen. Ich sage diess nicht aus Verlangen darnach, son- dern weil ich dem Berufe nicht gewachsen bin." Nach Empfang dieses Bescheids begab sich der Gesandte zum zweiten Sohne, dem Uile Bülegektschi, und sprach zu ihm: „Lieber! Chormusda, dein Л^ater, schickt dir den Befehl, in der Welt zu erscheinen und die Herrschaft der- selben zu übernehmen." Üile Bütegektschi erwiederte: „Bin ich nicht der Sohn des Gottes Chormusda? Sind die sich bewegenden lebenden Wesen nicht (vorzugsweise) die Menschen auf der Erdfläche? Begäbe ich mich gleich in die Welt, so würde ich sie dennoch nicht als Herr- scher regieren können. Es ist ja mein älterer Bruder Amin Ssakiktschi da, der ein näheres Anrecht zur Herrschaft hat, oder vielleicht hat mein jüngerer Bruder Tegüs Tsoktu Lust dazu; was geht die Sache mich an?" Der Gesandte begab sich zum (jüngsten Sohne, dem) Tegüs Tsoktu, <^ und sprach die vorigen Worte, worauf dieser erwiederte: „Die Sache betrifft meinen altern Bruder Amin Ssakik- tschi, oder meinen mittlem Bruder Üile Bütegektschi: was geht sie mich an! Ich würde wohl gehen; sollte ich aber nichts ausrichten, ist da der Name und die Herrschaft
meiner Ellern keiner Berücksichtigung werth?" — Mit die- sem Bescheid kehrte der Gesandte zurück und berichtete dem Chormusda und den drei und dreissig Göttern alle Worte, welche die drei Söhne gesprochen hatten.
Chormusda hefahl seinen drei Söhnen, vor ihm zu erscheinen. Sie kamen und er sprach zu ihnen: „Als ich euch den heillosen Zustand der Welt anzeigte, befahl ich euch nicht aus eigener Willkühr, hinzugehen, sondern in Folge der \^erordnung Buddha's, euch hinzusenden, gab ich euch diesen Befehl. Ich glaubte bisher, ihr wäret meine Söhne, mm aber scheint es umgekehrt, dass ihr nämlich mein Л' ater seyd uud ich euer Sohn bin. So über- nehmt denn auch, ihr Drei, meine Herrschaft und erfüllt, wie sichs gebührt, die damit verbundenen Pflichten.'' Auf diese \Vorle des Vaters entblösslen die drei Söhne ihr Haupt , knieten nieder , verbeugten sich und sprachen : „Weh uns, warum spricht der Himmelsfürst, unser \^ater, also mit uns!" Amin Ssakiklschi sprach weiter: „Sollte ich gleich, dem Befehle unsers Vaters und Herrn gemäss, hingehen, so würde ich die Herrschaft zu behaupten un- fähig seyn. Wenn nun die Weltbewohner, die Menschen, höhnend sprechen sollten: Amin Ssakiktschi, der Sohn des Gottes Chormusda, ist in die Well gekommen und konnte dieselbe nicht regieren , so würde diess deinen Na- men und Ruf treffen. Es würde heissen, ich hätte unbe- fugt mich mit meiner Eigenschaft als Götlersohn geprahlt und meinen Jüngern Bruder in Schalten gestellt. Denn es ist offenkundig, dass dieser Üile Bütegektschi jede Sache auszuführen vermag. Wenn z. B. bei grossen Festgelagen der siebzehn Götter aus dem Reiche Is'wara's Wettspiele oder Bogenschiessen angeordnet werden, wer anders bleibt Sieger als dieser Uile Bütegektshi, gegen welchen Nie- mand etwas vermag? So auch bei den Spielen, dem Bogen- schiessen und den Ringkämpfen der drei und dreissig Göt- ter uDler eiflander übertrifft Ищ keiaer. Passelbe gilt von
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den Spielen der Draclienfürsten , bei welchen Uile Büte- gektschi jedesmal Sieger bleibt, indem, er in allen Vor- zügen und Fertigkeiten ausgelernte Uebung besitzt. Ver- gebliches Unternehmen wäre es, wenn wir (andern) als Göttersöhne in die Welt kämen; soll einer hingehen, so ist dieser Uile Bütegektschi allein dazu befähigt." — Die drei und dreissig Götter bestätigten diese Rede mit fol- genden Worten: „Alles was Amin Ssakiktschi gesagt hat, ist die reine Wahrheit. Auch wir sind tapfer und gewandt, dessen ungeachtet besiegt derselbe (Üile Büte- gektschi) uns Alle bei Wettspielen, Kampfübungen und beim Bogenschiessen. Die Worte Amin Ssakiktschi's sind die reine Wahrheit." Auch der jüngere Bruder Te- güs Tsoktu bekräftigte das Gesagte mit denW^orten: „Es ist Alles wahr!"
Der Gott Chormusda sprach: „Nun, Üile Bütegek- tschi, da hasst du das Zeugniss Aller! was hast du dar- auf zu erwiede in?" Üile Bütegektschi antwortete: „Was soll ich anders sagen, als dass ich dem Befehle meines Va- ters und Herrn Folge leisten werde. Gott Chormusda, mein Vater, gib mir deinen blau-schwarzen, ihauschimmer- farbigen Panzer! gib mir deine blitzleuchtende Schulter- bedeckung! gib mir deinen, wie aus Sonne und Mond vereint zusammengesetzten, weissen Helm! gib mir deine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Türkis! gib mir deinen harten schwarzen Bogen! gib mir dein, drei Klafter langes, geistiges (übernatürliches) Schwert! gib mir deine, Daghorischoi genannte, goldene Fangschlinge! gib mir dein grosses, drei und neunzig Tsching schweres, stähler- nes Beil! gib mir dein kleines, drei und sechzig Tsching schweres , stählernes Beil ! gib mir deine eiserne neun- zackige Fangstange (mit neun Schlingen)! dieses Alles lass auf die Erde herab, w enn ich in der Welt geboren werde !" Chormusda sprach: „Es ist zugestanden!" Weiler sprach Üile Bütegektschi: „Lass drei der drei und dreissig
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Gölter als meine drei chubilganische (verwandelte) Schwe- stern mit mir zugleich von Einer Mutter geboren werden! Schicke auch einen der unter dir stehenden Gölter in meiner Gestalt als meinen altern chubilganischen (magischen) Bruder herab und zugleich dreissig Tapfere deines Gefol- ges als magische Helden! Ich fordere dieses Alles nicht aus habsüchtiger Begierde , sondern aus Besorgniss, dass der Sohn des Gottes Chormusda, wenn er in der Welt er- scheint, und deren Herrschaft zu übernehmen nicht im Stande seyn, oder gar von den Menschen überwunden wer- den sollte, deinem Namen Schande machen möchte. Ich fordere es in der guten Absicht, Unrecht und Gewalt zu beugen und die Wesen zu beglücken." Hierauf erwieder- ten Chormusda und die drei und dreissig Götter insge- sammt: „Wir sind mit Allem einverstanden, was du for- derst-, warum sollte uns das zu deiner Sendung Nöthige leid seyn? du sollst Alles haben". Ferner sprach Uile Bütegektschi: „Mein älterer Bruder Amin Ssakiktschi und mein jüngerer Bruder Tegüs Tsoktu sind nicht ge- gangen (haben es abgelehnt, der Sendung Folge zu leisten) ; dafür fordere ich, dass, wenn nach meiner Erscheinung in der W^ell das Wohl der Wesen durch mich begründet worden ist, mir die Erbfolge auf den Thron meines Va- ters zugesichert Averde." — „Sie ist dir zugesichert," war die Antwort. Noch sprach Uile Bütegektschi: „A^ater, gib mir auch deinen aus der härtesten und feinsten Erz- masse verfertigten Säbel!" — „Zugestanden!" — „Schicke mir ferner, nachdem ich auf der Welt geboren seyn werde, ein gutes Pferd herab, das von Niemand eingeholt werden kann!" — „Zugestanden," war die Antwort.
Als nach dieser Zeit der Zustand der Welt sich verschlim- merte, versammelten sich auf dem Owogha*) Küsseleng
4) Name von grossen, allmählig entstandenen Steinhaufen, die als Götteraltäre angesehen werden. Sie entstanden durch die Fröm-
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ausser schvN'arzköpfigen^) Menschen eine Menge Wesen in fliegender Vogelgestalt. Es waren da Wesen л^^оп dreihun- dert verschiedenen Zungen unter dem Vorsitze der sprach- kundigen weissen (Licht-) Götlinn Arjalamgari; ferner waren da die Zeichendeuter Moa Guschi, Dangho und der König der Berge Oa Guntschid, welche Drei ihre Zeichen zu stellen und zu wahrsagen sich bereit machten. Die Aveisse Götlinn Arjälamgari sprach: „Ihr drei Wahr- sager, erspähet aus euren Zeichen, oh ein Fürst geboren werden wird, der dem in der Welt überhand nehmenden Unheil zu steuern im Stande wäre, oder ob kein solcher zu erwarten ist!'' Zuerst stellte Moa Guschi seine Zeichen und sprach dann: „Geboren werden wird Boa Dongtsong Garbo mit einem Krystallkörper, mit schnee weissen Zäh- nen, mit dem Kopfe des \ogels Garuda und mit gold- gelbem zottigem Haar, dessen Spitzen das Aussehen von Weidenkätzchen haben werden. Dieser wird nach seiner Geburt Beherrscher der hohen Götter werden." Arjä- lamgari sprach: „Gut, stellt abermals eure Zeichen!" Nun stellte der Wahrsager Dangbo seine Zeichen und sprach dann: „Geboren werden wird Arjäwalori Ud- gari mit weitstrahlendem weissem Glänze und mit roth- braunem Gesichte^ der Oberlheil seines Körpers wird die Menschengestalt und der Untertheil desselben die Schlan- gengestalt der Drachenfürsten haben. Derselbe wird nach seiner Geburt der Beherrscher der Wasserdrachen werden." Sodann befahl die weisse Göltinn Arjälamgari dem Berg- fürsten Oa Guntschid, seine Zeichen zu stellen. Nach- dem dies geschehen war, sprach er: „Geboren werden wird Dschamtso Dari Udam in schneeweissem Glänze,
migkeit der Vorüben'eisenden , von welchen nie versäum l л\иг(1е, einen oder mehrere Steine hinzuzufügen. Sie befinden sich immer an hohen Stellen.
5) Eliu Epithel der Menschheit.
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der uach allen zehn Gegenden strahlt. Diese ^vircl nach ihrer Geburt die Beherrscherinn der Däkiuis^) der zehn Gegenden werden." Arjalamgari sprach: „Stelle noch einer von euch abermals seine Zeichen I" Diess geschah und es hiess: „Geboren \verdeu wird Gesser Sserbo Don r üb; der Oberlheil seines Körpers enthält den Inbe- griff der Buddhas der zehn Gegenden, der Mitteltheil sei- nes Körpers den der vier Maharadscha - Götter') und der Untertheil seines Körpers den Inbegriff der vier Dra- chenfürsten. Dieser лvird nach seiner Geburt der Beherr- scher des Dschambudwip^) werden unter dem Namen: Der in den zehnGegenden herrschende Heil spen- dende Held Gesser Chaghan. „Ferner fragte die weisse Göttinn Arjalamgari: „Werden sie Alle einen Vater und eine Mutler zu Eltern haben oder von verschiedenen Vätern und Müttern gezeugt und geboren werden? ЛҮег wird der \'ater, wer wird die Mutter seyn.?" Nach aber- maliger Zeichenslellung lautete die Antwort: „Der Vater wird seyn dieser (unser Gefährte, der) Bergfürst Oa Gun- tschid, und die Mutter wird seyn Geksche Amur- tschila, des Gü Bajan Tochter. Da sie Alle gemein- schaftlich handeln und sich gegenseitig unterstützen sollen, so werden sie Alle von einem Vater gezeugt und von ei- ner Mutter geboren werden." Arjalamgari fragte weiter: „Es heisst zwar: der Vater ist dieser und die Mutter eine solche, W'Oher aber kommt die Enkelschaft?" Die Wahr- sager antworteten: „Es ist der Sohn des Gottes Chor- rausda, welcher (Letztgenannte), den Eintritt der unheil- vollen Zeit wissend, dem Befehle Buddha's gemäss han-
6) Weibliche Gottheiten.
1) Die Hüter der vier Erdgegenden ; sie haben ihren Sitz an den vier Seiten des Berges Sumeru.
8) Im engem Sinne die indische Halbinsel, im weitern Sinne ganz Asien.
dek; ob derselbe (dessen Sohn) aber unter allen diesen Verwandlungen erscheinen wird, wissen wir nicht."
Zu der Zeit gab es drei- Völkerschaften, mit Namen Tussa, Dongsar und Lik. Der Fürst von Tussa war Sanglun, der Fürst von Dongsar war Tsargin und der Fürst von Lik war Tschotong. Der Fürst Tschotong war im Besitze vortrefflicher Pferde: er besass einen Koth- schimmel, der im Rennen einen herabschiessenden Wasser- sturz überholte, ein weisslich- gelbes Fuchspferd, welches in gerader Richtung jeden Fuchs einholte und ein (anderes) weisslich-gelbes Pferd, welches jede Antilope, ihre Kreuz- und Querzüge verfolgend, erjagte. Jene drei л erwandten Völkerschaften rüsteten sich gegen Gü Bajan zu einem Ueberfall. Tschotong, aus Neid gegen die Andern, eilte auf einem seiner trefflichen Pferde voraus und gab (dem Feinde) die Kunde , dass die Truppen der drei Völker- schaften Tussa, Dongsar und Lik zu einem Ueberfall bereits in der Nähe seyen. Gü Bajan 's Tochter, Namens Geksche Amurtschila ergriff die Flucht, glitschte aber auf dem Eise aus, fiel und wurde von Tschotong gefangen. Die Jungfrau hatte sich bei ihrem Falle die Hüftsehnen verletzt, so dass sie lahmte. Tschotong dachte: „Mein Ruf wird dem Spotte preisgegeben, wenn ich mit nichts als einem lahmen Weibe ohne alles Besitzthum heimkehre-, ich muss sie bei einem andern Manne anzubringen suchen. Ich werde sie meinem altern Bruder Sanglun übergeben, kann sie ja nachher immer wieder zurücknehmen." Bald nachdem er, dieser ausgesonnenen List gemäss, die Gek- sche Amurtschila dem Sanglun aufgedrungen hatte, heilte ihr Fuss und ihr Aussehen wurde, wie zuvor, über- aus schön und reitzend. Der Fürst Tschotong sah diess mit neidischen Augen und sprach (zu Sanglun): „Ein sol- ches schönes Weib ist schwer zu finden; ich hoffte, sie würde einen wackeru Knaben gebären , diess ist indess nicht geschehen. Uebrigens rührt das Unheil der jetzigen
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Zeit blos von euch. Mann und AVeib her." Diess gesagt beschloss er, den Sanglun und die Geksche Amur- tshila zu Aertreiben undSanglun's früheres Weib, dessen Haus und A'ieh ihm abzunehmen und sich zuzueignen. Dem gemäss gab er ihnen ein scheckiges Kameel mit scheckigem Füllen, eine Scheckstule mit Scheckfülleu, eine bunte Kuh mit buntem Kalbe, ein geflecktes Schaf mit geflecktem Lamra, und einen bunten Hund mit bunten Jungen, nebst einem schwarzen (schlechten) Halbzelte mit und schickte sie an den Ort, wo die Mündungen der drei Flüsse sich vereinigen, in die Verbannung. An diesem Orte beschäftigte der Alle, während des Weidens seines wenigen Viehes, sich damit , Berghasen in Schlingen zu fangen; den einen Tag tödlete er auf diese Weise zehn, den andern Tag sieben oder acht-, Geksche Amurtschila sammelte unterdessen Brennmaterial zur Feurung.
Eines Tages, als Geksche Amurtschila nach Brenn- material ausgegangen war. sah sie vor sich einen Sperber sitzen, dessen Vordertheil lus zur Brust die \^ogelgestalt, dessen Hintertheil al)er die Menschengestalt hatte. Gek- sche Amurtschila rief ihm zu: „Wie kommt es, dass der \'ordertheil deines Körpers einem Vogel und dein Hintertheil einem Menschen ähnlich sieht? was hat das zu bedeuten?" Der Spefber antwortete: „Weil ich meine mütterlichen Verwandten noch nicht kenne, hat mein Vor- dertheil bis zur Brust die Vogelgestalt, mein Hintertheil aber hat deswegen die Menschengestalt , weil ich meinen ursprünglichen Körper vernichtend hergekommen bin. Ich bin vom hohen Götterhimmel herab auf die Welt gekom- men und suche ein edles Weib, um von demselben ma- gisch geboren zu werden. Findet sich ein solches Weib, so mag es geschehen, wo nicht, so mag es bleiben." — Mit diesen Worten flog der Sperber davon.
Als Geksche Amurtschila in der Nacht des ersten Mondviertels mit einer Tracht Brennmaterial auf dem Heim-
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wege war, begegnete ihr unterwegs eine grosse Mannsge- stalt 5 vor Schrecken fiel sie in Ohnmacht. Nachdem sie eine Zeitlang gelegen und wieder zu sich gekommen war, setzte sie den Heimweg fort Da ein kleiner Schnee ge- fallen war, so suchte sie bei der anbrechenden Morgen- dämmerung die frühere Spur ihrer Tritte und stiess dabei auf die frische Spur eines Menschen, der Schritte von der Länge einer halben Klafter gemacht hatte. „Was für ein entsetzlich weilschreitender Mensch mag hier gewesen seyn," rief Geksche Amurischila und folgte der Spur. Diese führte zu einer Felsenhöhle. Geksche Amurtschila blickte verstohlen in das Innere derselben und geлvahrte einen Menschen mit einer ligerbunten Fahne, mit einer tigerbunten Mütze und 'mit einer ebensolchen Bekleidung und Beschuhung, der auf einem goldenen, von einem Pilze gestützten Sessel sass, den Reif von seinem tigerbunten Barte sreifte und dabei die Worte sprach: „In dieser Nacht habe ich mich aufs Aeusserte erschöpft." Geksche Amurtschila nahm aus Furcht die Flucht und kam nach Haus.
Die dreihundert Wesen лоп verschiedenen Zungen gin- gen auseinander; die weisse Götlinn Arjalamgari stieg zum Himmel empor; die beiden W^ahrsager Moa Guschi und Dangbo blieben auf dem Küsseleng genannten Owogha. Alle halten darauf gewartet, ob die Weissagung der Zeichendeuler in Erfüllung gehen würde. „Sie ist in Erfüllung gegangen," riefen sie und gingen aus einander.
Nach der Heimkunft der Geksche Amurtschila be- gann ibr Leib an Umfang zuzunehmen, so dass sie zuletzt weder stehen nocb aufstehen konnte. Am Vollmonde des- selben Monats nahm der Alte (nach seiner Gewohnheit) seine Schlingen und wollte sein Vieh auf die Weide trei- ben, als Geksche Amurtschila ihm zurief: „Warum willst du jetzt fortgehen? in meinem Leibe rumort es, als hielten mehrere Menschen ein Gespräch mit einander. Ich
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Vergehe vor Angst in der Einsamkeil; bleibe daher heute schon bei mir." Der alle Sangluii erwiederte: „Wer wird die Berghasen fangen, wer wird unser weniges Vieh beaufsichtigen, wenn ich zu Hause bleibe? womit sollen wir unser Leben fristen, wenn ich keine Berghasen fange?-' Mit diesen Worten entfernte er sich. Es dauerte nicht lange, so hatte der Alte bereits siebzig Berghasen gefan- gen, die er nach Hause trug und voller Freude sprach: „Heute habe ich sehr beträchtlich mehr als sonst gefangen: sicherlich steht meinem Hause Segen bevor." Er warf seine Ti'acht Berghasen ab und entl'ernte sich abermals.
Zwischen Mittag und Abend erhob sich der Gesang einer Knabenstimme im Leibe der Geksche Amurtschila folgendergestalt : „Ich, Boa Dongtsong Garbo genannt, mit einem kiystallenen Körper, mit schneeweissen Zähnen, mit dem Kopfe des A'ogels Garuda, mit goldgelbem zotti- gem Haare, dessen Spitzen wie AVeidenkätzcheu aussehen, werde nun geboren werden. Nach meiner Geburt werde ich der Beherrscher der hohen Himmelsgölter werden." Gleich darauf sang eine andere Stimme: „Ich, Arjawa- lori genannt, mit лveitstrahlendem weissen Glänze, mit rothbraunem Gesichte, mit einem Körper, dessen Ober- jl iheil die Menschengestalt und dessen Untertheil die Schlan- • \ gengestalt der Drachenfürsten hat, werde nun geboren wer- den. Nach meiner Geburt Averde ich der Beherrscher der untern Drachen und ihrer Fürsten werden." Sodann sang eine dritte Stimme: „Ich, Dschamlso Dari Udam Ud- . gari genannt, von blendendvveisser Farbe und einem Licht- I glänze, der nach allen zehn Gegenden strahlt, werde nun geboren werden. Nach meiner Geburt werde ich die Be- herrscherinn der Däkini's der zehn Gegenden werden." Zuletzt sang eine vierte Stimme: „Ich, Gesser Sserbo Don ruh genannt, mit einem Körper, dessen Obertheil den Inbegriff der Buddhas der zehn Gegenden, dessen Mitteltheil den Inbegriff der vier Mahärädscha-Götter und
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dessen Untertheil den Inbegriff der vier grossen Dracbeu-' fürsten in sich schliesst, werde nun geboren werden. Nach meiner Gebuit werde ich der Beherrscher des Dschambu Dwips, der Heil spendende Herrscher in den zehn Ge- genden, der Held Gesser Chaghan werden." — Die MuUer rief: „O Weh! O Weh! was für Buddhas könnte ich wohl empfangen und gebären, da sogar ein gewöhnlicher Mensch mich verachtet und an die Mündungen der drei Flüsse in die Verbannung geschickt hat! eher möchte ich wohl eine empfangene Teufelsbrut gebären. Der alte Sangluu, euer elender Vater , konnte keine Wiegen für euch zu- rechtmachen, da Niemand ihm seine Nahrung reicht, und wie soll ich in diesem Zelte, so gross als ein Vogelnest, euch Wiegen machen und ernähren, da Niemand für mei- nen eigenen Lebensunterhalt sorgt! Indess will ich suchen, euch hier unterzubringen!" Mit diesen Worten ergriff sie eine, zum Ausgraben von Wurzeln dienende, neun Klafter lange, eiserne Stange und grub damit vier Löcher, eins neben dem andern, in die Erde.
Kaum war sie damit fertig, so rief Boa Dongtsong Garbo: „Mutter, gib mir Raum!" und gleich darauf kam er aus ihrem Scheitel zur Welt. Seine Gestalt und sein Aussehen waren über alle Beschreibung schön. Er ent- schlüpfte der Mutter, kroch fort und liess sich von ihr nicht ergreifen. Während die Mutter sich abmühte ihn zu haschen, senkten die Götter einen gesattelten und gezäum- ten krystallenen Elephanten , unter Becken- und Pauken- schall, vom Himmel herab, auf welchen der Neugeborne gesetzt und unter Becken- und Paukenschall und wohl- riechendem Räucherduft gen Himmel emporgehoben wurde. „O Weh, rief die Mutter weinend, gewiss war jnein Kind ein Buddha!" Während sie noch weinte, rief der zweite: „Schwester, gib mir Raum!" Die Mutter hob ihren rech- ten Arm empor und drückte mit der Hand ihren Scheitel; Während sie drückte, fiel er aus ihrer гесЬ1ед Armhöhle
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heraus, machte sich gleich von der Mutter los, kroch fort und liess sich nicht von ihr erreichen. Unterdessen erschien von den Drachenfürsien aus der Meerestiefe, \vie in vori- ger Weise, ein gesattelter und gezäumter Krystallelephant, auf welchem die Drachenfürslen unter Becken- und Pau- kenschall und entzündetem wohlriechendem Räucherwerke ihn in die Tiefe des Oceans entführten. Nun rief es aher- mals: „Schwester, gib mir Raum!" Die Mutler drückte mit beiden Händen ihren Scheitel, während sie mit dem Oberarm von beiden Seiten ihre Armhöhlen zusammen- presste, worauf die Geburt aus dem ]УаЬе1 erfolgte. Die- ses Kind war ungleich schöner vind reitzender als die bei- den vorigen, liess sich jedoch ebenfalls von der Mutter nicht fangen. Während die Mutter dasselbe zu haschen strebte, sandten die Däkinis der zehn Gegenden einen himmelblauen gesattelten und gezäumten Elephanten herab und entführten das Kind unler Becken- und Paukenschall und dem Dufte wohlriechender Räucherungen. „O ЛҮеЬ, o Weh, welcher Jammer!" rief die Muller weinend, „vv^o- hin sind meine Kinder gerathen! es waren in der That imd wie sie selbst es verkündigt hallen, Buddha- Verwand- lungen ! v^'ozu habe ich die vier Gruben gegraben ! hätte ich wenigstens eines von euch vor der Trennung erkennen, herzen, küssen und umarmen können! O Weh, was habt ihr mir gethan, meine Kinder!"
Während sie also wehklagte, fragte die Stinuue des Vierten: „Schwester, auf welchem Wege soll ich erschei- nen?" Die Mutter entgegnete: „Auf dem natürlichen Wege mein Kind!" worauf das Kind auf dem natürlichen Wege zur Welt kam. Mit dem rechten Auge schielte der Knabe, mit dem linken schaute er gerade aus 5 die rechte Hand schwenkte er, die linke hielt er zusammengeballt 5 den rechten Fuss streckte er in die Höhe, den linken streckte er gerade ausj volle fünf und vierzig schnee weisse Zäline brachte er zusammengebissen mit auf die AVeit. — „O Weh,
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0 Weh, was ist das!" rief" die Mutter; „meine drei voi* ihm Geborenen waren sämmtlich buddhaische Verwand- lungen, deswegen konnte ich sie nicht bei mir erhaltend diese sündige Teufelsgeburt wird mir gewiss nicht davon laufen!" Weiter sprach sie: „Mein Kind, womit soll ich deine Nabelschnur ablösen?" Sie langte unter ihrem Kopf- kissen ein zweischneidiges Messer hervor, mit welchem sie hin und her sägte, ohne jedoch die Nabelschnur durch- schneiden zu können. Da sprach der Knabe: „Mutter! mit diesem Messer wirst du meine Nabelschnur nimmer ablösen; gehe aber zum grossen See vor unserm Hause, daselbst wirst du einen scharfen schwarzen Stein finden, womit es geschehen kann. Beim Durchschneiden sprich folgenden Segen: ,,„Mein Sohn, möchtest du ein Wesen werden fester als dieser Stein!"" Meinen Nabel verbinde mit weichem Heu und sprich dabei die Segens worte: „„Mein Sohn, möchte das Volk des befreundeten Stammes, zu wel- chem du gehörst, sich weiter ausbreiten als das Gras des Feldes!"" — Die Mutter wickelte ihr Kind in ihren Rock- schoos und ging an das Ufer des See's. Dort fand sie im Wasser einen scharfen schwarzen Stein, mit welchem sie die Nabelschnur unter Aussprechung der obigen Segens- Avorte durchschnitt; den Nabel verband sie mit Heu, in- dem sie die darauf bezüglichen Segensworte aussprach.
Zur Stunde, da Gesser geboren wurde, war nasskalte Witterung, so dass die Mutter bei der Ablösung der Na- belschnur ihren kleinen Finger erfror. „Welch ein sün- diges, welch ein heilloses Kind ist diess!" schrie die Mut- ter weinend; „während ich beschäftigt war, seinen Nabel, zu besorgen, ist mir der kleine Finger erfroren!" Der Knabe rief ihr zu: „Schimpfe nicht, weine nicht, meine Mutter! stecke deinen Finger in das Wasser des See's und siehe, was dann wird!" Die Mvitter that nach den Worten des Knaben und der Finger wurde gesund wie zuvor. Als die Mutter mit хЬгещ Knaben »ach Hause gekommen
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л\аг, fragte sie ihn: „Wo, mein Kind, soll ich dich betten? hier vielleicht in dieser Grube?" Als die Mutter den Kna- ben aufhob, entschlüpfte er ihr und fiel. Sie hob ihn wie- der auf, und er, ihr abermals entschlüpfend, klammerte sich an die Mutter, indem er die Worte sprach: „Meine Mutter! der schielende Blick meines rechten Auges durch- schauet das Thun und Treiben der Elje vmd Schimnus^); der gerade Blick meines linken Auges zeigt mir zugleich das gegenwärtige sowohl als das zukünftige Schicksal^ meine geschwenkte rechte Hand bedeutet meine drohende Stellung gegen alle Feinde und Widersacher, und meine zusam- mengeballte linke Hand bedeutet, dass ich Alles beherrsche und festhalte; mein emporgestreckter rechter Fuss bedeutet, dass ich das Religionsgesetz emporbringen werde und mein gerade ausgestreckter linker Fuss bedeutet, dass ich alle Ketzer und Ungläubige unterjochen vmd zerstreuen werde; meine fünf und vierzig zusammengebissenen Zähne, mit denen ich geboren bin, bedeuten, dass ich die Macht und Furchtbarkeit der schrecklichen S c h i m n u s verschlingen werde." — Die Mutter rief: „O W^eh, o Weh! sonst pfle- gen die Kinder bei ihrer Geburt mit dem vierten Finger ihrer beiden Hände sich die Nasenlöcher zuzuhalten, sie pflegen mit geschlossenen Augen geboren zu werden; was für ein schwatzhaftes, beissiges Kind habe ich da geboren, das jetzt schon sich mit mir zankt und balgt."
Während dieses Worlslreites kam Sanglun zu seiner Wohnung. Das eine Mal hörte er die Stimme eines Wei- bes, das andere Mal hörte er eine Stimme wie die eines Tigers. Der alte Sanglun kam, sein Vieh treibend, zehn Berghasen auf dem Rücken tragend und seine eiserne Fang- stange mit neun Schlingen in einer Hand nachschleppend,
9) Benennungen von teuflischen, übelwollendcu Wesen. Die Elje sind aus dem, Von mir in den Memoiren der Akademie erklärten, Steinernem Penkmale Tschinggis Chans bekannt.
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nach riause. „Was gibt es hier!" ri^f er. Geksche Amurtschila antwortete ihm: „Du besessener, erbärm- licher, vertrockneter Schuft! du vom Glücke verlassener Taugenichts! hatte ich dich nicht gebeten, heute bei mir zu bleiben? Kurz zuvor habe ich drei Kinder aus allen verschiedenen Theilen meines Körpers zur Welt gebracht; es луагеп lauter buddhaische Verwandlungen, welche, je nach dem Orte ihrer Bestimmung, iheils gen Himmel sich erhoben, theils in die Tiefe versanken, theils zu den Dä- kinis sich erhoben unter dem Rufe: die Götter in der Höhe! Die Drachenfürsten der Tiefe! die Däkinis der zehn Gegenden! und was dergleichen mehr war. Unter solchem Kufe entfernten sich Alle. Nun aber so eben, du nichtswürdiger Lump! habe ich eine Teufelsbrut zur Welt gebracht, die mich packt und fressen zu ул ollen .sclieint und sich, Avie du siehst, gebehrdet." Der Alte sprach : „O Weh! woher weisst du. dass es eine Teufelsbrut ist? wir vermuthen diess nur so, während es vielleicht ein Buddha ist. Wie können wir unser eigenes Kind tödten ! wir wollen lieber versuchen, es aufzuziehen. Heute habe ich achtzig Berghasen getödtet. Unser weniges, künnuerliches Vieh ist sammllich trächtig und schleppt den Bauch schon beinahe bis zur Erde. Anfangs gab es in der JNäbe unse- rer Wohnung keine Berghasen; heute i.sl in der Entfernung eines Pfeilschusses von unserm Hause kein Schnee gefallen und alle diese Berghasen habe ich auf diesem Räume ge- fangen. So etwas ist mir in meinem Leben noch nicht be- gegnet. Mag es nun Glück sej n , mag es die Güte meiner Schlingen seyn ; diess hier habe ich mitgebracht, "' Die Mutter entgegnete hierauf: „Wenn dem so ist. wie kön- nen wir das Kind umbringen; wir wollen es aufzuziehen suchen."
Zu der Zeit gab es einen Teufel, in der Gestalt eines schwarzen Raben, welcher den noch nicht jährigen Kin- dern die Augen auszuhacken und sie solchergestalt blind zu
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machen oder auch zu tödlen pflegte. Gess er, durch einesei- ner magischen Verwandlungen davon benachrichtigt, schloss sein eines Auge, während er mit dem andern schielend um- herblickte. Leber dieses offene Auge hatte er seine magi- sche eiserne neunzackige Fangstange gestellt. Als nun der Teufel in schwarzer Rabengestalt sich näherte, ihm das Auge auszuhacken, zog Gesser an das Seil seiner Schlin- gen, fing den Teufel in schwarzer Rabengestalt und er- würgte ihn.
Ferner gab es zu der Zeit einen andern Teufel mit Zähnen einer Ziege und mit der Schnauze eines Hundes. Dieser pflegte sich in einen Lama zu verwandeln und den Kindern im zv\ eiten Jahre , während er Miene machte , als ob er ihnen die Hand zum Segnen auflege die Zunge ab- zubeissen und sie stumm zu machen. Gesser wusste, dass dieser Teufel zu ihm kommen würde rmd erwartete ihn liegend, mit seinen fest auf einander gebissenen fünf und vierzig schneeweissen Zähnen. Der Teufel kam, verwan- delte sich in einen Lama und legte dem Knaben die Hand als wie zum Segen auf das Haupt. Während dessen ver- suchte er , mit seinem Finger und nachher mit einem Stocher, zwischen dessen Zähne zu kommen, welches ihm jedoch, trotz aller angewandten Mühe, nicht gelang. Da fragte der Lama die Eltern: .,Ist dieses euer Kind, wie gewöhnlich, mit einer Zunge geboren oder konnte es von Geburt an die Kinnladen nicht öffnen?-' Die Eltern ant- worteien: „Es hat wie andere Kinder geweint; weiter wis- sen wir nichts." Der Teufel gab hierauf seine Zunge dem Kinde zu saugen und sagte dann: „Das Kind saugt ein wenig!" Das Kind rief: „Ich will noch mehr saugen!" worauf der Teufel abermals seine Zunge saugen Hess. Wäh- rend des Saugens packte das Kind plötzlich die Zunge des Teufels mit den Zähnen und iödtete ihn. indem es ihm die Zunge an der Wurzel abbiss.
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Die bezauberten Bergbasen bekamen die Grösse von Ochsen . verwandelten dadurch die Gestalt der Erdober- fläche und Ihaten dem Volke der Monghol viel Schaden. Gesser. der dieses in Erfahrung brachte, verwandelte sich in einen alten Kuhhirten, ging hinaus und nahm sein Beil mit. Während die Berghasen Ochsen wurden und die Ge- stalt der Erdoberfläche umänderJen. hieb sie der Alte mit einem Beil zwischen die Hörner und tödtele sie; unmittel- Ыг darauf" tödtete er die «Irei Schrecklichen "^).
Darnach lammte d;is Schaf und brachle ein schneev^eisses Lamm zur Welt; hierauf fohlte die Stute und brachte ein übernatürliches (geistiges) braunes Füllen zur Welt ; die K.uh kalbte und brachte ein eisenblaues Kalb zur Welt; die Hündinn warf und brachte ein kupferfarbenes weib- liches Junges mit eisenfarbener Schnauze zur Welt. Diess Alles weihte Gesser unter Räucherung und überlieferte es seiner Grossmutter Absa Gurts e mit folgenden Worten: „Mutter, nimm diess von mii' zu dir und ziehe es sorg- fäliig auf! sollte ich es dereinst zurück fordern, so gib es mir zurück!" Die Grossmutter gab ihre Einwilligung und nahm (das junge Vieh) zu sich hinauf.
Der alle Sanglun gab dem vort der vielfach geplagten Frau geborenen Sohn den Namen Joro, und dieser Joro hütete das wenige Vieh. Eines Tage* während des Vieh- bötens riss er dreimal sieben Schilfstängel . dreimal sieben Grasstängel, dreimal sieben Kletlenstängel und dreimal sie- ben Stängel des Charagana genannten Krautes aus. Mit den Grasstängeln schlug er die schlechte Stute , indem er die Worte sprach: „Dass ich dich mit diesen dreimal sie- ben Grasstängeln schlage, möge die Folge haben, dass du die Mutter einer Pferdeheerde von der Farbe dieser weiss-
^- 10) TeufKsche Schreckgessalteu , durch welche allerlei Unheil an- gerichtet wurde. Bekanntlich schreiben die Völker Mittelasiens aftij Naturübel dem Einflüsse böser Geister zu.
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lieh- gelben Grasstängel werdest!" Mit den Schilfstäiigeln schlug er die schlechte Kuh und sprach dabei die Worte: „Werde die Mutter einer schönen Kuhheerde von der Farbe dieser Schilfähren und mit Schwänzen wie Schilfblälter!" Mil den Klettenstängeln schlug er das Schaf, sprechend: ,, Bekomme Lämmer in solcher Menge, als schöne Kletten an diesen Stängeln sindl" Mit dem Charagana genannten Kraute schlug er das räudige Kameel. Durch diese magi- sche W^eihe wurde alles Vieh trächtig und warf seine Jun- gen. Die einzelne Stute wurde die Mutter einer ganzen Pferdeheerde von weisslich- gelber Grasfarbe, aus mehr als hundert Stück bestehend. Jedes \'ieh in seiner Art warf einmal monatlich nach Gessers Befehl, so dass es sich ins Unendliche vermehrte. Die Freude des alten Sanglun hatte keine Grenzen, so dass er ausrief: „Hier sieht man mein Glück, meinen Segen! hier bewährt sich das Sprich- wort: Eins ist der Anfang von Tausend!" Hierauf entgeg- nete Geksche Amurtschila ihm höhnisch: „Ja wohl, du hast vollkommen Recht! dein ganzes Glück ist mir von allen Seiten wohlbekannt: du bist ein ungemein beglückter Mann!" — „Wer soll uns hier das viele Vieh hüten?" sprach (der alle Sanglun) und machte sich auf den Weg zu seinem Л^о1ке.
Sanglun kam zu Tschotong und sprach zu ihm: „Deffi aus Scheelsucht von dir verstossenes und wegge- jagtes reit^endes Weib hat einen nichtswürdigen Knaben geboren-, als nichtswürdig behalte ich ihn bei mir, als taug- lich würde ich ihn zu deinem Nachfolger machen ; sey er indess auch untauglich , so ist er doch der rechtmässige Erbe. Gib .mir nun mein Weib, meine Kinder und meine Habe zurück ! " Das ganze Volk (stimmte diesem Verlangen bei) mit den Worten: ,,^er alte Sanglun hat vollkom- men Recht!" so dass (Tschotong) ihm Alles herausgeben rousste.
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Der alle Saiiglun kehrte, nachdem er sein Eigenthum in Empfang genommen hatte, zurück nach Hause und be- fahl seineu drei Söhnen Dsesse, Rongsa und Toro, sein Vieh zu hüten. Während die drei Knaben das Vieh hüte- ten, Hess Joro die entfernten Berge als nahe und die nahen Berge als fern erscheinen und hütete (solchergestalt) das Vieh in magischer Weise. Eines Tages sprach Joro zu seinem Vater: „Wozu deine Freude über die Vermehrung deines Viehes und dein Prahlen über dein Glück? wie kommt es, dass du dir bis jeizt noch keine weisse Ordu") angeschafft hast?" Der Alte antwortete : „Sind wir im Stande, das dazu nöthige Holz herbeizuschaffen? lasst uns indess einen Versuch machen!" Als sie nun hingingen und in den Wald kamen, fingen sie Alle an, Holz zu fällen. Der Alte suchte sich gerade gewachsene Stämme aus und fällte deren eine Anzahl. Joro liess durch eine magische Verwandlung das zu Wänden taugliche Holz zu Wänden, und das zu Dachsparren taugliche Holz zu Dachsparren ver- arbeiten. Während der alte Sänglun noch einige stracke schlanke Stämme erblickte und sie umhauen wollte, л^ог- i wandelte Joro diese Stämme auf magische Weise in stache- liges Holz, so dass der Alte damit nicht fertig werden konnte , sich die Hände an den Dornen zerkratzte und voller Verdruss ausrief: „Hier hat wieder der nichtswürdige sünd- hafte Knabe seine Hand im Spiel! während ich schönes glattes Holz zu fällen im Begriff stand, ist es stacheliges geworden! Nun komme ich unverrichteter Sache, ermattet und mit verwundeten Händen nach Hause" Joro kam und brachte das Holz zu seiner weissen Ordu mit. (Bei seiner Ankunft) rief er: „Väterchen, warum hast du dein gefälltes Holz im Stiche gelassen? Aus deinem gefällten Holze habe ich ein vollständiges Haus zurechtgemacht."
• 11) Ein grosses weisses Filzzelt, als Residenz des Fürsten oder Stammoberhauptes, oder ein nomadisches Hoflagcr.
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Der Alle erwierlerte: „In Her Thal halte ich Holz gefällt, ich habe die Stelle verfehlt und das Holz nicht wieder ge- funden; gewiss hat dieser Taugenichts es gestohlen." Joro entgegnete: „Du hast Rechl . A^iiterchen ! mein Holz, wel- ches ich von dem deinigeri geslohlen habe, reicht zu zwei bis drei Häusern hin. Du hast das Holz gefällt und weil mir zu dieser \rbeit die Kraft gebrach, so machte ich aus deinem gefällten Holze das Haus fertig. '' Das Haus wurde sodann (mil Filz) iiberkleidel.
Die drei Knaben besorgten die \'iehhütung. Sanglun hatte eine besoudere \orliebe für die IMutter des Rongsa. Wenn die drei Knaben zur Viehhütung ausgegangen wa- ren . pflegte die Mutter ihnen das Essen zu bereiten . welches für Dsesse Schiker und Rongsa auf einen Tisch gestellt, für Joro aber in eine unreine Schale, aus welcher auch der Hund sein Futter zu fressen pflegte, ge- schüttet ^Aurde. — Joro sammelte drei Händevoll weisse und drei Händevoll schwarze Steine. Die weissen Steine breitete er auf einem Felsenslück aus; diess hatte zur Folge, dass das viele Vieh von selbst (ohne ge^^eidet zu Averden oder sicJi zu verlaufen) seiner Nahrung nachging. Beim Nachhauseijehen steckte er die schwarzen Steine in seine Tasche . worauf das viele Vieh ihm sogleich von selbst folgte. — An einem folgenden Morgen besorgten die drei Knaben abermals die Viehhülung. Als sie beim Vieh bei- sammen Sassen und sich unterredeten, spracli Joro zu sei- nen zwei Brüdern: ., Während wir diese grosse Viehheerde hüten müssen, lässt man uns mit leerem Magen sitzen: lasst uns ein Kalb schlachten und essen!" A\if diesen \'or- schlag antwortete Rongsa: „Unsere Eltern möchten uns ausschelten: ich mag nicht!" Dsesse S^rhiker sprach kein Wort. Joro entgegnete: ..Das Ausschellen und alles üeb- rige nehme ich auf jnich; geh. mein Dsesse und fange ein Kalb!" — Dsesse fmg ein Kalb, Joro schlachtete es und zog ihm die Haut unaufgeschnilten in der Gestalt eines
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Schlauches ab. Nachdem sie das Fleisch gegessen hatten, ihat Joro die Knochen in den Balg, ergriff ihn beim Schwanz und schwenkte (denselben) dreimal. Alsbald wurde der Balg wieder zum lebendigen Kalbe, welches sogleich den vielen andern Kälbern nachlief.
Die Knaben trieben ihr Vieh zusammen und traten den Heimweg an. Als sie ins Haus getreten waren, blieben Dsesse und Rongsa stehen, Joro aber setzte sich links an seinen Ort und verzehrte seine Mahlzeit. Die Mutter fragte: „Warum isst Joro sein Essen und ihr nicht das eurige?" Da antwortete Rongsa: „Unser Bruder Joro hat ein Kalb geschlachtet und uns damit bewirthet; wir sind noch ganz satt von dem genossenen Fleische und mö- gen nichts mehr." Als der alte Sanglun diess hörte, fragte er: „Was. Joro, ist das wahr?" Joro antwortete: „Ich sage nicht, dass es gelogen ist." Da sprang der Alte auf, ergriff seine Peitsche und fiel über Joro her, ihn zu züchtigen. Während er anfing zuzuhauen, warf Joro sich über die Peitsche, umfasste den Alten und zankte mit ihm. Leber dem Lärm kam Geksche Amurtschila herbei- gelaufen. „Was gibts, Alter, was gibts?" rief sie. Der Alte entgegnete ihr: „Dieses dein nichtswürdiges Teufels- kiud hat, wie ich höre, ein Kalb gefangen, geschlachtet und gefressen; eine so schändliche That hat meinen Zorn erregt, dessen ich nicht Meisler werden konnte." Geksche Amurtschila erwiederte , ihn ausscheltend, also: „Du ruinirier, nichtswürdiger und dabei erzdummer Schuft ! sind deine Kälber etwa zahllos? Komm, lass uns deine Kälber nachzählen! Woher aber. Nichtswürdiger, hast du denn das viele Vieh? und wenn er auch eins davon verzehrt hätte, wie kannst du dich unterstehen, um eines einzigen Kalbes willen, diesen meinen (Sohn) durchzuprügeln? Du scheinst zu glauben, dass das Vieh durch deine Mühe und Kunst sich so vermehrt hat." Der Alte lief hinaus, über- zählte seine Kälber und fand sie vollzählig. Er kam zu-
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rück und schalt den Rongsa aus mit folgenden "Worten: „Was für ein Lügner bist du. Rongsa! луепп ich dich künftig wieder auf einer Lüge ertappe, so sage von Glück, wenn ich dich nicht halhtodt schlage."
Am folgenden Morgen trieben die drei Knaben das Vieh wieder auf die ЛVeide. Joro schlachtete abermals ein Kalb, von welchem Rongsa die Schwanzwirbel heim- lich abschnitt und in den Busen steckte. Nachdem sie, wie zuvor, das Fleisch gegessen hallen, steckte Joro die Kno- chen in den Balg und schwenkte dreimal . worauf der Balg zum lebendigen Kalbe \Mirde und den andern Kälbern nachlief. Nach der Rückkunlt der drei Knaben in ihre Wohnung sprach Rongsa: „Lasst ims nun den Schwanz von dem Kalbe essen, welches unser Bruder Joro ge- schlachtet und uns zum Besten gegeben hat." Mit diesen Worten zog er die blutigen Schwanzwirbel aus seinem Busen, und vergrub sie unter die glühende Asche (des Heerde.s). Der Alte fragte: .,Kongsa, was machst du da?" Dieser ап1\л ortete: ..Unser Bruder Joro hat (heute) ein Kalb geschlachtet und uns damit bewirthel ; jetzt will ich den Schwanz desselben bralen und verzehren." Der Alte rief: ,.Joro. \>as für eine abermalige Schandthat ist diess !" ergriff seine Peitsche und hieb auf Joro los. Während er diess that. \^arf Joro sich über die Peitsche und hielt den Alten umfassl , indem er ausrief: ,.Wenn Jemand kindisch ist, so ist es dieser I warum fällt er mich an? aus welchem Grunde stürzt er auf' mich zu, um ^mich zuschlagen?" Die Mutter Joros kam hinziig« laufen. „Was gibts, erbärmlicher Schuft, \^as gibts denn wieder;'" rief sie. Der Alte ant- wortete; ,,Er hat wieder ein Kalb geschlachtet, sagt Rongsa und bratet jetzt die frischen blutigen Schwanzwirbel des- selben. Ist das ein Beweis oder ist es keiner?" Die Mutter Joro s erл^iedert(^: „Auf die Aussage dieses deines Sohnes fängst du, Dummkopf, gleich zu prügeln an; gehe doch «ttvor hin und zähle deine Kälber!" Der Alte überzählte
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«eine Kälber und fand sie vollzählig , nur eines davon blutete an der schvsanzlosen Stelle. „Er hat den Schwanz abgeschuillen", rief der Alle, eilte nach Hause und prür gelte den Rongsa durch unter den Worten: „Warum ver- leumdest du den armen Jungen! hier hast du den verdien- ten Lohn dafür!"*') — Joro bemerkte: „Slalt ihn bestän- dig lügen zu lassen, will ich ihn doch einmal etwas Wah- res erzählen lassen. Sehe zu, ob ich nicht morgen von deinem Vieh eine ordentliche Anzahl schlachte und ver- zehre!"
Die drei Knaben trieben das Vieh auf die Weide. Joro fing neun Hammel aus der Schaaf heerde , schlachtete sie, liess durch magische Kraft mehrere grosse Kessel herbei- schaffen, bannte den Rongsa durch seinen Machtblick und kochte das viele Fleisch gar. Nachdem Joro das Fleisch herausgenommen halte . streute er Pväucherwerk und rief alle seine Schutzgeisler mit folgenden Worten an: „Er- habener Gotl Chormusda, mein Vater! und sodann ihr. siebzehn Götter der Region Iswaras! Ihr um meinen Va- ter versammelten drei und dreissig Götter! iibsa Gürtse, meine Grossmutter! Weisse Götiinn Arjälamgari, meine Dolmelscherinn ! Ihr Alle, meine dreihundert Schutzgeisler von verschiedenen Zungen! Moa Guschi und Dangpo, ihr meine Zeichendeuler! Bergfürsl Oa Guntschid, mein magischer irdischer V^ater ! Ihr meine siegreichen drei Schwestern! Ihr erhabenen Buddhas der zehn Gegenden, meine Schulzgeister! Ihr meine vier Drachenfürsten der Tiefe! auf euer Aller Geheiss bin ich in die Welt kom- mend geboren und nun, nach meiner Geburt, zeige ich euch diesen meinen schlechten Körper. Ich bringe euch
12) Statt des letzten Satzes steht im Mongolischen Original ; „ Diess ist (so viel als) : Wenn der Taxator gekommen ist , bereitet ihm der Bürger eine Mahlzeit." Der Sinn dieses SprichAvorts ist mir völlig dunkel.
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zugleich in Demiith ein reines Opfer dar.'' Die sämmt- licheu Schutzgeister riefen: „Unser Rolznäschen *^) ist auf der Erde geboren! Unsere Nase riecht den lieblichen Duft (seines Opfers)! Er will uns damit ein Zeichen seiner Ge- burt auf Erden geben." — Nachdem Joro seine Anrufung vollende! hatte, setzte er auf einem grossen Tische zuerst dem Dsesse und Rongsa die Speise люг^ Dsesse ass, bis er satt лгаг. Rongsa hingegen, von Gesser's Macht- blick gebannt , konnte nicht essen. Sodann versammelte Joro seine Schutzgeister, die in der Gestalt vieler Men- schen erschienen und Alles verzehrten.
Nun stand Rongsa auf und rannte nach Hause, wäh- rend Dsesse und Joro sich wieder zum Yieh begaben. Bei der Heimkunft erzählte Rongsa seinen Eltern: „Dein Sohn Joro hat neun Hammel erwürgt, deren Aller Fleisch er kochte, nachdem er eine Anzahl Kessel herbeigeschafft hatte. Sobald das Fleisch gar und herausgenommen war, schrie er eine Menge Unsinn ins Blaue hii^ein, als: Ihr obern Götter! Ihr untern Drachenfürsten! Ihr Buddhas! Job, Jöh! und viel ähnliches Zeug, was ich nicht weiss. Darnach setzte er dem Dsesse und mir Fleisch vor, ich aber konnte , aus innerm Gram über die geschlachteten schönen Hammel, nichts davon geniessen. Wohin unter- dessen unser zahlreiches Vieh sich verlaufen haben mag, weiss ich nicht. AVährend des Essens kamen eine Menge Menschen, vermuthlich umherschweifendes Gesindel an, und nun schrie Joro abermals Buh, Buh! lief ihnen entgegen und nahm ihre Pferde in Empfang. Diese Alle haben so- dann das Fleisch des Festmahls bis auf den letzten Rest verzehrt."
13) Em sehr gewöhnlicher Schmeichelausdruck für geliebte kleine Kinder. Da derselbe in dieser Sage sehr oft vorkommt und ein charakteristisches Epithel Gessers während seiner Jugendzeit ist, so habe ich diesen Ausdruck, so unedel er auch ist, beibehalten zu müssen geglaubt, um nicht die Farbe des Originals zu verwischen.
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Diess erzählte Rongsa dem Alten, der sogleich seine Peitsche ergriff und mit den Worten: „Welche Sünde, welche Frechheit!" hinaus zum A'^ieh lief. Als er (dem Weideplatze) nahe kam, schaute er hin, die Hand über die Augen haltend. Die ganze Heerde war zwar um Joro versammelt, dieser aber \'erschloss durch magische Kraft dem Alten die Augen, so dass dieser sein Vieh nicht er- biiefeen konnte. Der Alte lief zurück nach Hause. Dort angelangt, fing er an zu jammern und zu drohen: „O Weh! o Jammer! nicht das Geringste ist zu sehen! Warte du, Joro, wie werde iclj dich!" Während der Alte sich durch Schimpfen und Drohen Luft machte, trieb Joro die Viehheerde mit Gesang und Geräusch лог sich nach Hause. „Gut, du singender Bursche, dich kenne ich jetzt 5 warte!" rief der Alte, ergriff seine Peitsche und lief dem Joro eötgegen. Als der Alte den Joro durchpeitschen wollte, entriss dieser ihm die Peitsche und warf sie weit weg. Nun packte der Alte den Joro und balgte sich mit ihm. Joro stellte sich, als fiele er. schrie Ach und Weh! und warf dabei den Allen über seinen Rücken herüber zur Erde. Der Alte schrie laut: „O Weh, O W^eh!" Joro schrie ebenfalls „Au, Au!" — Geksche Amurtschila kam herbeigelaufen und fragte: „Was gibts, Alter, was gibts?" Der Alle antwortete: „Ich war der Meinung, du hättest ein Menschenkind geboren, du haltest indess voll- kommen Recht, denn es war eine vollständige Teufelsbrut Wie ich höre, hat er neun Hammel erwürgt und gefressen. Als ich ihn dafür züchtigen wollte, hat er mich über sei- nen Kopf platt zur Erde geworfen. Ich weiss nicht, ob ich Schaden genommen habe, aber der ganze Körper schmerzt mir ausserordentlich." Geksche Amurtschila entgeg- nete: „Hast du Schaden genommen, so hat das nichts auf sich. Als Rongsa dir letzthin mit vielem Geschwätze hinterbrachte. Joro habe ein Kalb geschlachtet, war ein
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Hammel geschlachtet. Dass er dich tüchtig hingeschmissen hat, scheint wahr zu seyn-, nun aber gehe hin und über- zähle deine Hammel!" Der Alte ging hin, überzählte seine Hammel und fand sie vollzählig. „Weh, Weh! Rougsa, jammerte der Alte bei seiner Zurückknnft, was hast du wieder angerichtet!- Geksche Amurtschila sprach: „Und du. mein Sohn Joro, лvas hast du angerichtet! das Sprichwort sagt: wer die Hütte erbaut hat, blieb zurück, wer die Zweige dazu geschnitten hat, ging voraus. Dieser Rongsa hat es darauf abgesehen, dich umzubringen. Hüte dich , wenn er dem Alten wieder etwas hinterbringt und dieser dich durchprügeln will, dass er dich nicht meuch- lings ersteche! Alle deine (Rongsa 's) Nichtswürdigkeit habe ich längst durchschaut." Auch Joro schmählle den Rongsa mit folgenden Worten: „Lange vor dir habe ich die ganze Viehheerde ganz allein gehütet und gepflegt, ganz allein habe ich das \leh ohne Streit und Zwist geweidet. Wie hätte es gedeihen tind sich vermehren können, wenn ich alle Tage davon schlachtete und ässe? Was hat dein Groll und Neid gegen mich zu bedeuten? Was bezweckst du mit deinen unaufhörlichen Lügen und Zankstiftungen ?" Rongsa gab keine Antwort, aber Dsesse lachte. Der Alte sprach zu Rongsa: „Das ist die reine Wahrheit; kommst du in Zukunft wieder mit Anklagen, so sind dir die Prügel gewiss."
Am folgenden Morgen dachte der Alte bei sich: „Mit den drei Knaben allein geht es nicht, weil sie beständig uneins sind; ich v^'Al selbst beim Viehhülen gegenwärtig seyn." Demgemäss nahm er den Dsesse zur Begleitung mit und trieb das Vieh auf die W^eide. An diesem Tage kam nichts Besonderes vor und am Abend kamen Beide, der Alte und Dsesse, ihr Vieh vor sich treibend nach Hause. Den Morgen darauf nahm der Alte den Rongsa mit. W'ährend beide das Vieh hüteten, wurden drei Schafe von Wölfen erbeutet und gefressen. Am Abend kamen
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Beide zurück und der Alle sprach: „Während ich das übrige Vieh hülele , Hess ich diesen nichtswürdigen R o n g s a bei den Schafen; da hat er drei Schafe von Wölfen zer- reissen und fressen lassen/' Joro erwiederte: „Wenn ich es gewesen wäre, so würdest du mich geprügelt haben. Es ist dir Recht geschehen dafür, dass du mich aus Argwohn nicht mitgenommen hast.''
Am nächsten Morgen trieb der Alte in Begleitung des Joro sein Vieh auf die Weide. Joro liess die fernen Berge als nahe erscheinen. Während er sich zur Schaf- heerde verfügen wollte, erblickte er einen herbeieilenden Wolf. „Väterchen, rief er, kennst du die Absicht dieses dort laufenden Wolfes?" Der Alte erwiederte: ,,Was weiss ich! vermuthlich lauert er auf Schafe." Joro entgegnete: „Gut, Väterchen, schiesse und treffe doch diesen Wolf! triffst du ihn, so schlachte einen Hammel und theile mir nichts davon mit, sondern iss Alles allein 5 verfehlst du ihn aber, so werde ich schiessen, und wenn ich ihn treffe, so werde ich einen Hammel schlachten , das Fleisch allein essen und dir nichts davon miltheilen." Der Alte willigte ein , schoss , aber (sein Pfeil) erreichte den Wolf nicht. „Jetzt, Väterchen, ist die Reihe an mir!" rief Joro und der Alte bestätigte es. Joro schoss, durchbohrte den Wolf und gab ihn dem Allen mit den Worten: „Du bist ein alter Mann; mache dir einen warmen Bauchgurt daraus." Nun bannte Joro den Alten durch den Machtblick seiner magi- schen Kraft, schlachtete neun Schafe und schaffte eine An- zahl Kessel herbei. Während Joro die Schafe fing, wollte der Alte: „O Weh, Joro, halt ein!" rufen, konnte aber keinen Laut hervorbringen; er wollte sich erheben, um sich dazwischen zu werfen , konnte aber von seiner Stelle nicht aufstehen, so dass er genöthigt war, ein sliller Zu- schauer zu bleiben. Joro nahm das Schaffleisch (aus den Kesseln) heraus und rief abermals seine vielen Schutzgeister beisammen. Der Alte sah den Joro in eine Menge Men-^
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sehen verwandelt, vvelfche einen Tisch (vor den Alten) binslellten und ihm (Fleisch) vorsetzten ; der Alle jedoch, durch Gessers .Machlhirck gehannl , konnte nichts davon geuiessen. Hierauf ass Joro. in Geslalt vieler Menschen verAvandell, den ganzen Fleiscinoiralh allein. Nun standen Beide au/; der Alle lief', was er konnte, um sein Haus zu t^rreichen und .Toio ging \\iedfr zum Vieh. Zu Hause an- gekommen erzäljlle der Alle seinen Weihern sein Unglück mit vielem Wehklagen. Kr sagte: ,,So ist es. nun weiss ich.es, dass alles was Kongsa uns erzählt hat. die reine Wahrheit wav. > eun Schö])Se hat er geschlachlel uud das Fleisch ganz aHein aufgezelui. Wahr isl es. was du, Gek- sche Aiüu itscli ila, von ihm gesagt haltest, dass er ein Teufel sey: er i.st entweder ein Teufel oder ein Mang us **), und Mrrd, wenn er mit dem Vieh fertig isl, sicli auch üher uns hermachen und uns auffressen.''
W älirend der Alte also seinem Gram Luft machte, kam Joro sein Vieh vor sich hertreibend. Der Alte ergriff seine Peitsche, lief hinaus und fiel über Joro her mil den Worten: .,Bisl du ein Tiger, Joro? bist du ein Wolf.?" und hieb zu. Joro packte den Alten fest und fragte ihn: ,^Was ist dh-, Alter? was willst du?" Der Alle antwortete: „Hast du nicht vorhin vsieder Schafe erwürgt?" — „Geh, Altier," sprach Joro, „w'iv Beide werden uns hier nie ver- ständigen; wir wollen die Sache dem Dsesse zur Ent- scheidung vorlegen; komme mit mir!" Mit diesen Worten führte er den Allen mil sich und vor Dsesse kommend trügen sie ihm ihre Sache vor. Der Alte sprach: „Als ich und dieser nichtswürdige Joro heute das Vieh auf die Weide trieben, kam ein Wolf auf die Schafheerde zuge- laufen. Da sprach dieser Taugenichts zu mir: ..Väterchen, weisst du. warum dieser Wolf da läuft?'- Ich antvvortete:
14-) D. h. ein Riese, dasselbe was im Sanskrit durch Rakschata bezeichnet wtrd.
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„Vermutblich hat er die Absicht, Schafe zu fressen."* —^ „Wenn dem so ist, Väterchen," sagte er, „so wollen wir eine Welle eingehen." Ich gab dazu meine Einwilligung. — „Schiesse diesen Wolf!" fuhr er fort, „triffst du ihn, so schlachte ein Schaf und iss das Fleisch ganz allein, ohne mir etwas davon niitzulheilen." — „Gut!" antwortete ich, Sodann sprach er weiter: „Verfehlst du ihn aber, so werde ich schiessen, und wenn ich ihn treffe, so werde ich in derselben Weise (das Fleisch allein) esseu." — „Gut!,, sagte ich und wir schössen Beide,, jedoch gelangte mein Schuss, als der eines alten Mannes, nicht bis zum Wolfe. Nun schoss Joro und tödtete den Wolf — Sodann erzählten sowohl Joro als der Alte den frühern Hergang in Betreff des Essens der Schafe. Dsesse gab nun folgende Entschei- dung: „Du selbst hast erzählt, wie Rongsa gestern drei Schafe von Wölfen hat fangen und zerreissen lassen. Dass du, Väterchen, dich in Schiesswetten einlässt, war ganz verkehrt. Schweige also, alter Mann, und gehe deiner Wege!" — Der Alte entfernte sich und brummte: „Die Gemülhsart und Haudelsweise dieser meiner Buben ist von der meinigen ganz verschieden."
Den folgenden Morgen ging der Alte abermals in Be- gleitung des Joro zum Vieh. In der Nachbarschaft der Pferde- und Piindviehheerde sass eine Elster auf einem Baume und bei der Rindviehheerde lief ein Fuchs umher. Joro fragte: „Weisst du, A'^äterchen , warum der Fuchs und die Elster sich hier in der Nähe des Viehes herumtreiben?" Der Alte entgegnete: er wisse es nicht. Joro sprach: „Die Elster sucht die durchgeriebenen Rückenwunden der Pferde auf um darin zu hacken ^ dadurch wird endlich das Rücken- mark verletzt und das Pferd muss sterben. Das vom Fuchse gebissene (begeiferte) Gras wird von den Külien gefressen 5 es wirkt bei ihnen allmählig als Gift und bringt ihnen den Tod. Lasst uns diese Beiden mit zwei Schüssen tödten wer von uns sie tödten wird, der schlachtet und verzehrt
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ein Rind und ein Pferd, ohne den Andern davon kosten zu lassen." Der Alte willigte ein, und schoss nach der Elster, traf sie jedoch nicht. — „Väterchen," rief Joro, „ist der Fuchs da nicht ganz nahe?" Der Alte freute sich, den Fuchs so nahe zu sehen und wollte die Senne an- ziehen^ aber .loro bewirkte durch magische Kraft, dass der Bogen sich nicht spannen liess. ,,Was ist das!" rief der Alle, und zog aus allen Kräften, konnte aber (den Bogen nicht spannen. „Nun \"äterchen, лvird es bald?" rief Joro^ der Alte liess seinen Pfeil aufs Gerathewohl fahren, der aber nicht ans Ziel gelangte. Nun schoss Joro beide, die Elster und den Fuchs und tödtete sie. Den Fuchs schenkte Joro dem Allen, ging bin und suchte sich ans der Pferde- heerde eine feile Stute und aus der Kuhheerde ein fettes Kind aus, welche Beide er schlachtete. Der Alte wollte Ach und Wehe schreien, aber er konnte keinen Laut her- vorbringen. Nachdem Joro das Fleisch gar gekocht hatte, setzte er auf einem Tische dem Allen davon vor 5 dieser aber konnte nichts davon essen, wogegen Joro auf magi- sche Weise Alles aufass. Nun setzte Joro sich hin und sang: „Was verdient wohl mehr Schande und Spolt, als die Elster , welche die Rückenwanden der Pferde auf- hacken, als der Fuchs, welcher die Kühe vergiften und als der Alte, welcher Beide todtschiessen AvoUte?" — Der Alte stand auf und rannte nach Hause ; dort angelangt, sprach er zu seinen Weibern: „Mil diesem Burschen kann ich nicht länger zusammen bleiben: erst wird er all mein Vieh und dann zuletzt mich selbst auflfressen. Wenn er bei solcher Handelsweise kein Teufel ist, so ist er doch ein Mangus (Riese)."
Der Alle wollte die Eigenschaften seiner drei Söhne prüfen. Er halle ein Repphuhn gefangen, welches er in einen Sack steckte und die Mündung zuband. Sodann be- stieg er einen Büffel und nahm den Ds esse mil, den er hinter sich aufsitzen liess. Das Repphuhn (im Sacke) fing
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an uniuliig zu werden und zu flattern^ der Büffel (durch dieses Geräusch erschreckt) bockte und bäumte sich und warf den Alten ab. Dieser stellte sich, als wäre er todt. Dsesse weinte und rief: „Väterchen, habe ich es dir nicht gesagt: Mau muss zur Jagd erst eingeübt seyn; man muss den Feldzus verstehen. O Weh, was ist das nun!" Also
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wehklagend kam er nach Hause. Der Alte stand auf, be- stieg seinen Büffel und kam gleichfalls nach Hause. Am folgenden Morgen ritt er al)ermals auf seinem Büffel aus und liess den Rongsa hinter sich aufsitzen. Wie den Tag zuvor warf der Büffel den Alten ab und dieser lag für todt da. Pvongsa kam heulend nach Hause. Der Alte bestieg seinen Büffel imd kehrte ebenfalls heim.
Am folgenden Morgen ritt der Alte abermals aus und nahm den Joro mit, ihn hinter sich aufsitzen lassend. Auf ihrem Wege l)egegnete ihnen ein Chinese, der auf seinem Acker arbeitete. Der Rand des Ackers war mit Holz ein- gezäunt, auf welchem eine Elster hin und her hüpfte. Wie zuvor begann das Repphuhn im Sacke zu flattern , der Büffel bockte und bäumte sich und warf den Alten ab, welcher sich lodt stellte. Joro sprang gleichfalls herunter und während er den Büffel festhielt, fing er zum Schein ein entsetzliches Trauergeheul an. Plötzlich hielt er inne und spi'ach: „Dass ich geweint habe, möchte dieser Berg verrathen; es möchte von diesen Bäumen um den Berg verrathen werden. Hätte dieser tückische Chinese nicht hier seinen Acker angelegt, hätte er ihn nicht mit hölzer- nen Pallisaden umsteckt, wie hätte die Elster von da auf- fliegen können, warum sollte der Büffel gebockt haben und aus welcher Ursache hätte mein Alter hier sterben müssen; dieser Chinese soll mir dafür büssen!" Nachdem Joro dem Chinesen diese Worte wiederholt hatte, rief er ihm zu: „Jetzt nehme ich dich, den Lebenden, als Ersatz für den Todtenj komm mit!" Da der Chinese nicht kam, fing Joro an, das Getreide des Chinesen zu verwüsten, so dass
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(lieser, um die Etbaltung seines Getreides besorgt, herbei- gelaufen kam und sprach: „Was ist dir gefällig? ich will dir gerne zu Diensten seyn; nur verwüste mein Getreide nicht und entferne dich (von meinem Acker)!" Joro sprach: „Ich gehe nicht, ohne vorher Genuglhuung von dir erhal- ten zu liaben. Haue das Gehölz in der IVähe des Berges um und schaffe es her! es dient zum Leichenbegängnisse meines Vaters." Der Chinese ging hin und brachte das verlangte Holz. Joro legte dasselbe um seinen \'^ater her- um auf einen Haufen und zündete es an. Als dasselbe stark aufzulodern begann, schielte der Alte seitwärts hin. Joro nahm Händevoll Erde und warf sie auf die Augen des Alten mit den Worten: „Man sagt, Väterchen, es sey ein schlechtes Zeichen für die nachbleibende Familie, wenn Jemand mit offenen Augen stirbt." Als das Feuer immer stärker loderte und prasselte , zog der Alte seine beiden Beine zusammen. „Man behauptet, sprach Joro, die Glie- der des nachgelassenen Weibes und der Kinder könnten sich nicht ausstrecken, wenn Jemand im Tode die Beine zusammenzieht." Diess gesagt, nahm er ein Stück Balken und legte es dem Alten über beide Beine. Nun h(jb er den Alten auf und lud ihn auf den Kücken, um ihn auf den brennenden Holzsloss zu legen. Während er ihn liin- trug, schrie der Alte: „Dein Vater ist nicht todt, er lebt.'' Joro erwiederle: „Es ist- für die Nachkommenschaft von der schlechtesten A^orbedeulung, venn Jemand nach seinem Tode noch spricht." Mit diesen Worten Avar Joro im Be- aiiff, den Alten ins Feuer zu werfen, als dieser aufschrie: „Ich sat^e dir ja, dass ich nicht todt l»in ; \Ail!sl du deinen A'^ater bei lebendigem Leibe verbrennen?-' — „Es freul mich, Väterchen, dass du nicht todt bist," sprach Joro, war dem Alten behülllich, den Büffel zu besteigen und kam mit ihm nach Hause.
Daselbst angelangt, sprach der Alte zu seinem Weibe: .,Um die guten und schlechten Eigenschaften meiner drei
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Knaben zu prüfen, habe ich Jen Einen nach dem Andern mil zum Л'^ieh genommen: Dsesse wird ein Iierzhafler Mann werden-, Hongsa ein miltchnässiger Mensch-, weder der Eine noch der Andere kommt aber dem Joro gleich." Mit diesen Worten entfernte sicli der Alte, aber sein Weib fasste Groll und hatte Böses im Sinne. „Wie," dachte sie, „warum soll der Sohn des verslosserieu Weibes meine bei- den Sühne übertreffen ! den will ich in der Geschwindig- keit auf die Seite schaffen." In Gemässheit dieses Vor- satzes stellte sie auf einem Tische für ihre beiden Söhne gute Speisen auf, für den Joro aber mischte sie starkes Gift unter seine Speise. Als die drei Knaben am Abend nach Hause kamen, setzten Dsesse und Piongsa sich an ihren Tisch und assen ihr Mahl, während Joro als Uiüssi- ger Zuschauer links stehen blieb. Die Multer sprach: „Lie- ber Joro, was stehst du da und siehst zu? setze dich an den Tisch und verzehre dein Essen!" Joro ging hin, er- griff seine Schale, setzte sich und sprach: „Bis jetzt haben unsere Elt.;rn unsern Erbantheil an der Schüssel unter uns getheilt; von nun an aber werden sie unsern Erbantheil am Vieh unter uns theilen. Ihr, meine beiden Brüder, habt ein Л ersehen begangen, indem keiner von euch den Eltern die Aorkost als Opfer dargebracht hat; wenn ich gleich nichts esse, was hat es zu bedeuten." Mit diesen Worten überreichte er dem Vater die Speise; dieser war in seiner .Unschidd im Begriff, davon zu essen, als Joro die Schale zurückzog und sie der Stiefmutter darbot. Als diese aus Schamgefühl davon zu essen im Begriff" war, ent- zog er ihr gleichfalls die Schale und schüttete einen Theil des Inhalts in den grossen Kessel mit den Worten: „Diess war von jeher der allgemeine Familienkessel." Unmittel- bar darauf platzte der Kessel auseinander. Einen Theil schüttete er auf den Dreifuss; dieser zerliel in Stücke. Ei- nen Theil warf er aufwärts gegen den Rauchfang , der (gleichfalls) in Stücke ging. Einen Theil warf Joro dem
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gelblichen Haushund an den Kopf, der in ZAvei Theile zer- platzte. Den Rest genoss Joro selbst und brachte sein ausgepresstes Röthliclies **) seinen bei den Drachenfürsten befindlichen Schwestern zum Opfer dar.
Der alte Sanglun zog mit Haus und Habe zu seinem Volke zurück und schlug sein Lager an der Grenze des- selben auf. Der Fürst Tschotong erblickte während eines Jagdzuges das Lager und schickte einen seiner Leute mit der Frage ab: „Wem gehört das schöne weisse Haus? Wessen ist das unermesslich viele Vieh? Gehe hin und frage, wem Haus und Weh gehört!" Der Abgeordnete kam zurück mit der Antwort: ,,Es gehört dem alten Sang- lun." Der Fürst Tschotong ritt mit seinem ganzen Ge- folge sogleich ins Lager und auf die Frage Tschotongs: „Von wem habt ihr das viele Vieh und die schöne weisse Ordu?" antwortete der eben hinzugekommene Joro: „Thörigt warst du, wie eine Feile die ihr Eisen nicht kennt, wie ein Hund der seine Erzeuger nicht kennt. Eben .des- wegen, weil du deinen altern Bruder verfolgt, Verstössen und vertrieben hast, haben die Götter der Höhe und die Drachenfürsten der Tiefe sich seiner erbarmt und ihm dieses Haus und dieses Vieh verliehen." Tschotong rief: „Л^ег- dammter Bube! seht einmal den nichtswürdigen Schlingel!" Ferner sprach der Fürst Tschotong: „Man sagt, dass die sieben Alwin'^) täglich siebenhundert Menschen und sie- benhundert Pferde, ohne Unterschied der Eigenschaft oder Bestimmung, einzufangen und zu verzehren pflegen. Den Joro und seine Mutter opfere ich ihnen auf gutes Glück; ihr müsst daher heute noch von hier fori, damit die sieben Alwin euch recht bald zum Fressen erwischen. Morgen
15) Diese Stelle ist dunkel ; ob damit der ausgepresste Satz der vergifteten Speise oder was sonst damit gemeint seyn mag, ist nicht klar.
16) Eine Art teuÜisclier Wesen oder Gespenster.
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will ich ihnen andere Menschen zuschicken." Joro lachte auf und rief: „Vortrefflich!" Die Mutter verwies ihm diess mit den "Worten: „Was machst du, mein Sohn, wie kannst du darüber lachen? ich glaubte immer, einen gesetzten, klugen Sohn geboren zu haben, jetzt aber sehe ich, dass er ein thörigter Taugenichts ist. Sagt er nicht, dass die sieben Alwin täglich siebenhundert Menschen und sieben- hundert Pferde einfangen und verzehren? sagt er nicht, dass wir beide hingehen sollen, nm von ihnen gefressen zu werden?" Joro sprach: „Schweig, Mütterchen, du als Weib verstehst das nicht! bleiben wir hier, so wird uns der Oheim Tschotong gewiss umbringen; es kommt daher auf Eins heraus, ob wir hier umgebracht oder dort von den Alwin gefressen werden." Diess gesagt, lud er das schwarze Halbzeit seiner Mutter einem Büffel auf und zog mit ihr aufwärts längs des Boldsc homurun Gholai.
Am Ursprung des Boldschomurun Gholai angelangt schlug Joro das Zelt auf, machte für seine Mutter Feuer an und ging dann auf die Jagd. Von zweimal sieben er- legten und mitgebrachten Berghasen bereitete er sieben als Braten, die andern sieben kochte er. Am Abend kamen die sieben Alwin, von vorne mit hundert zusammengeboge- nen Menschen, von hinten mit hundert zusammengebogenen Pferden bepackt. Als Joro ihnen entgegenkam riefen sie: „O Weh, Herrscher in den zehn Gegenden, ausgezeichne- ter GesserGhaghan! warum bist du ausgezogen? wir sind halb todt vor Furcht und Schrecken." Joro sprach: „Das Gerücht von euch ist mir zu Ohren gekommen; vseil man von euch erzählt, dass ihr täglich siebenhundert Men- schen und siebenhundert Pferde, von welcher Eigenschaft oder Bestimmung sie auch seyn mögen, einfangt und ver- zehrt, hat der Oheim Tschotong mich hergesandt, damit ihr mich fresset; auf den folgenden Tag hat er andere Men- schen euch zu Hefern versprochen." Die Alwin erwie- derten: „Herrscher in den zehn Gegenden, edelmülhiger
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Held Gesser Chaghan! warlim spriclisl du solche Worte zu uns? du siehst, dass wir vor Furchl und Entsetzen er- starrt sind.'- — ,.Gut," entgegnete Joro, „wenn ihr mich nicht fressen wollt, so tretet in meine schlechte Hülle ein, geniesst meinen Thee und meine Fleischsuppe und reitet dann weiter!" Die sieben Alwin stiegen ab und Joro setzte ihnen die zweimal sieben Berghasen vor 5 sie konnten aber mit einem einzigen Berghasen nicht fertig werden. Als die sieben Alwin sich wieder zu Pferde gesetz.1 hatten, sprach Joro: „Ich möchte euch wohl eines meiner Zeichen gönnen, Avenn ihr mir dafür eure sieben Pferde abtreten wollt." Die Alwin beredeten sich unter einander und sprachen : „Worauf sollen wir denn weiter reiten , wenn %vir unsere sieben Pferde abliefern?" Joro sprach: „Reitet diese meine sieben weisse hölzerne Stecken und sprecht dabei in vollem Laufe rennend: „„Durchschneidet den Berg! vernichtet das Thal! Zertrümmert den Fels! Werft jeden Gegenstand über den Haufen! entfernt das Meer!"" In dieser Weise werden sie (die Stecken) euch ungleich bes- sere Dienste leisten als die Pferde." Die sieben Alwin willigten ein, stiegen ab und bestiegen mit Freuden ihre sieben Stecken, auf denen sie sich alsbald entfernten. Auf ihrem Wege riefen sie: „Durchschneide den Berg!" und es geschah, während sie fortgaloppirten , nach Gessers Wort. Da sprachen die Alwin unter einander: „Den Weg zu Lande können wir auch zu Pferde ausrichten ^ ein Anderes ist es mit dem Meere 5 lasst es uns mit dem Meere %'ersuchen!" Diesi gesagt, sprengten sie ins Meer hinein. In der Mitte des Meeres sanken die sieben weisse Stecken plötzlich und wurden sieben Fische. Die sieben Alwin versanken auf den Grund des Meeres und kamen um •, die sieben weisse Stecken kamen zu ihrem Eigenlhimier zu- rück. Also tödlele Gtsser die sieben Alwin und machte sich zum Herrn ihrer sieben Pferde.
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Zu der Zeit schweifte eine Barjtle Ssardak Ischin *'), aus Vagabunden, Räubern und gemeinem Gesindel bestehend, mit Weib und Kind in der Nachbarschaft auf der Jagcl цщ- her. Joro, durch magische Kraft hievon in Kenutniss ge- setzt, Hess durch diese eine seiner Verwandlungen die Ge- stalt eines Iltisses mit goldener Brust, silbernem Hinterthed und mit schneeweissen Krallen annehmen, begab sich mit diesem Iltis zur Bande und Hess ihn spielen und Kunst- stücke machen. Die dreihundert Mann stellten ihre Jao-d
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ein und sahep mit Gefallen und zu ihrer Belustigung dem Spiele des litis zu. Gegen Sonnenuntergang kehrte Joro nach Hause zurück und nahm seinen litis mit, und die dreihundert Mann schlugen sogleich ihr Nachtlager auf. Den- selben Abend кащ von ihnen ein Bote zu Joro mit den Worten: „Du bist ja unser kleiner Freund und Verwandter; leihe uns deinen Iltis! wir wollen ihn spielen lassen und ihn dann zurück liefern." Joro fragte: „Werdet ihr mir eure dreilmndert Pferde als Ersatz geben auf den Fall, dass mein Iltis euch davonliefe?" Der Bote bejahte diess. Joro, (damit nicht zufriedeij) fragte weiter: „Versprichst du diess im Auftrag deiner Obern oder sprichst d,u e'isßjx- mächtig? Gehe hin und frage erst an!" Der Bote ging zu- rück, fragte an und bekam den Bescheid: „Hole uns nur den litis her! wir versprechen Alles." Abermals кащ der Bote zurück zu Joro und sprach: „Sie versprechen, dir ihre dreihundert Pferde zu geben, wenn dein Iltis davon- laufen sollte." Nu;i gab Joro den Iltis her mit der Er- mahnung, ihn zn hüten, dass er nicht entwische. Indess kam der ^inen Herrn suchende Iltis während der Nacht depnoch zu seinem Herrn zurück. Am folgenden Morgen
П) Es ist schwer zu ermitteln, was für ein Volk unter dem Na- men Ssardaktschin zu verstehen ist; vermuthlich Einwohner der Bticliarei (Vergl. Gesch. der Ostmongolen nach Ssanang Ssetsen, Seite 91 und 38fi).
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früh ging Joro hin und forcierte seinen Iltis zurück. Sie hohen den umgestürzten Kessel auf, (unter welchem sie ihn die iVaclit üher halten verwahren wollen) aher der Iltis war fort. Sie sprachen: „Dein litis hat sich durch die Erde gegraben und sich davon gemacht." Joro eutgegnete: „Kommen die Iltisse etwa vom Himmel herab? ihr wusslet ja, dass sie aus der Erde kommen (in der Erde wohnen) und sucht nun einen \^orvvand , mich zum Besten zu ha- ben und mir meinen Iltis vorzuenthalten. Gebt mir nun nach unserer Abmachung eure dreihundert Pferde als Er- satz I" Die Bande brach auf und entfernte sich mit den Worten: „Du scheinst uns der rechte Mann der Männer zu seyn , uns unsere Pferde abzufordern!" Joro folgte ihnen zu Fuss nach, und während sie (im Thal) zwischen zwei sehr hohen Bergen durchzogen, bestieg Joro den Gipfel des herwärts gelegenen Berges, riss ein mächtiges Felsenstück ab und warf es mit Geлvalt gegen den Gipfel des jenseiligen Berges. Durch die dem jenseiligen Berge beigebrachte Erschütterung wurde auch der diesseitige Berg erschüttert, so dass das dadurch heraljfallende Gestein der beiden Berge die unterhalb derselben ziehenden Menschen und Pferde traf und verлvirrte , indem, лгепп sie sich vom jenseiligen Berge herwärts nach Joro 's Seite flüchteten, das nämliche geschah. Da riefen sie: „Ehrwürdiger Bogdal auf schreckliche Weise rächst du dich an unserm Leben; befiehl , was w ir thun sollen ! wir werden deinem Befehle nachkommen." Joro antwortete: „Ich habe euch nichts zu befehlen: gebt mir nur meinen Iltis zurück!" — „Dein litis ist wirklich niclit mehr da; wir wollen aber sonst dei- nem Befehle gehorsam seyn." — „Wenn dem so ist," sprach Joro, „so scheert euch Bart und Haare ab, befolgt- die Vorschriften des Religionsgeselzes, hallet die Fasten und legt die geistlichen Gelübde ab!" Diesem Befehle gemäss bescheren sich Alle, Männer und Weiber. Nachdem Gesser
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sie solchergestalt zur Religionslehre bekehrt hatte, nahm er ihre dreihundert Pferde in Empfang und kehrte heim.
Ausserhalb des schwarzen Halbzeltes also weideten die von Joro den Alwin abgenommenen sieben nebst den dreihundert Pferden der Bande gemeinen Gesindels. Wäh- rend diese zahlreiche Pferdeheerde das Sommergras ab- weidete, trauerte Dse sse Schikir, der ältere Bruder des Joro, um diesen mit folgenden Worten: „Der Fürst T seh o- tong hat aus Scheelsucht mein Rotznäschen Joro verbannt, damit er von den sieben Alwin gefangen und gefressen werde. Haben sie ihn gefressen? Sollte diess geschehen seyn, so gehe ich gegen die Alwin in den Kampf auf Leben und Tod 5 sollte er indess noch am Leben sejn, so muss ich meinen Bruder besuchen." Diess gesagt sattelte Dsesse Schikir seinen geflügelten Grauscliimmrl, er legte seinen Schujipenpanzer an, setzte den Daghoris-choi ge- nannten Helm auf sein edles Haupt, steckte seine dreissig weissen Pfeile in den Köcher, ergriff seinen schwarzen Bo- gen, umgürtete seinen Säbel vom feinsten Stahl und machte sich auf den Weg aufwärts längs des Boldschomurun Cholai. An den Quellen des Boldschomurun Cholai erblickte Dsesse Schikir eine grosse Pferdeheerde und dachte: „Gewiss haben die sieben Alwin mein Rotznäs- chen Joro gefangen und gefressen." Er rückte seinen Sä- bel vom feinsten Stahl zurecht, peitschte die Schenkel sei- nes geflügelten Grauschimmels und sprengte in die Pferde- heerde. In der Mitte derselben erblickte er das schwarze Halbzelt. Alsbald (stieg er ab), band seinen geflügelten Grauschimmel an einen verborgenen Ort fest, zog seinen Säbel vom feinsten Stahl und ging, behutsam schleichend, zum Zelte , durch dessen Spalte er lauschte. Hier erbhckte er sein Rotznäschen Joro schwitzend und, um sich abzu- kühlen, entkleidet sitzen. Sogleich steckte er den Säl)el ein und war mit einem Sprung im Zelte. Joro sprang auf mit dem Rufe: „Mein Dsesse!" flog an seinen Hals und Beide
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vergossen Freudentliriinen. AVähreiid Gesscr und Dsesse sich umarmend Frru(l('nlbiänen weinten, erbel)te und луапк1е die ganze Erdllärlic. Joro spracli: „Du, mein Dsesse, l)ist gekommen, um, wenn ich lodt seyn sollte, im Kampfe gegen die sieben Alwin mit mir den Tod zu finden, und sollte ich noch am Lehen seyn, mich zu hesuchen; diess ist das Avahre Zeichen deines Heldennnilhes!'' Sodann rief er: „Halt ein!" streute Räucherwerk auf und hesänftigte die Erde. Dann sprach er weiter zu Dsesse: „Bin ich nicht dein Rolznäschen Joro? Bin ich aher nicht zugleich der heilhringende Herrscher in den zehn Gegenden, der un- übcrtrefiliche Gesser Chaghan? Dieses letzte sage indess noch Niemanden; denn bis in mein fünfzehntes Jahr werde ich alle Feinde und WüLherige als Joro demüthigen, dann aher erst mich als Gesser offenbaren und euch zu meinen Gefährten machen." Dsesse Schikir lachte (vor Freu- den). Joro sprach weiter: „Diese dreihundert Pferde nimm mit und maclie damit jenem meinem armseligen Vater ein Geschenk ; jene sieben Pferde aber nimm für dich ! Uebri- gens, mein Lieber, sey getrosll es liegt gar nicht in mei- ner Bestimmung, zu sterben."
Dsesse Schikir trat den Rückweg an, seine Pferde- heerde vor sich treibend. Der Fürst Tschotong kam ihm entgegen und fragte ihn: „Woher, Dsesse, und von wem hast du die vielen Pferde?" Dsesse antwortete: „Die sie- ben Alwin haben den Joro gefangen und gefressen; ich al)er habe die sieben Alwin getödtet und diese ihre Pferde erbeutet." Tschotong erwiedertc: „Mag jener Nichts- würdige krepirt seyn! gut ist es, dass du mit heiler Haut davon gekommen bist." Die dreihundert Pferde schenkte Dsesse seinem Vater, worüber der Alle voller Freude ausrief: „Das ist doch ein Sohn, der mein Eben])ild ist!"
Zu der Zeil halte ein Riese, Namens Ik Tongorok. auf der Spitze der sehr hohen, gegen den Himmel anstre- benden Pyramide Kurme seinen Sitz. Dieser Riese ent-
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zog flarlurch den südlich von der Pyramide wohnenden Menschen den Anbhck der Morgensonne , den westhch wohnenden Leuten den Anblick der Mittagssonne und den nordlich wohnenden Leuten den Anblick der Abendsonne. Er konnte in der Entfernung einer Tagereise einen Men- schen erblicken und in der Enlfernuug einer halben Tage- reise ihn erschnappen und verschlingen. Joro, der diess wusste, verwandelte sich in einen schwärzlichen gemeinen Murraelthierfänger. Als solcher schlich er sich zum Fusse der Pyramide und fing daselbst an, in die Erde zu graben. Während er lag und grub, rief der Riese von oben herab und fragte: „Wer bist An? was machst du da?" Joro ant- woflete: „Ach, Gnädigster, wie könnte ich ehr schädlich oder hinderlich seyn! ich bin ein ganz armer, elender Mann, der sein Leben dadurch zu fristen sucht, dass er Murmel- thiere fängt. In dieses Loch hier ist ein Murmelthier ge- krochen und icli liege liier, um es auszugraben." Der Riese schwieg und Joro grub fort, l)is er den Grund der Pyramide von- der Seite herwärts bis zur entgegengesetzten Seite unterwühlt hatte. Nun gab er der Pyramide einen Stoss; sie fiel um und zerl)rach in vier bis fünf Stücke ^ der Riese stürzte von der Spitze der Pyramide herab und fiel völlig zerschmettert und todt zur Erde. Nachdem Joro den Riesen getödtct halte, kehrte er wieder heim. Er lud sein schwarzes Halbzelt auf und machte sich mit seiner Mutter auf den Rückweg zu seinem Volke.
Dort angelangt sah ihn der Fürst Tschotong und rief (verwundert): „Was, das ist ja Joro! wie kommst du hie- her! Dsesse hatte mir ja erzählt, die sieben Alwin hätten dich erwischt und gefressen; er erzählte ferner, er habe die sieben Alwin getödtet vmd die mitgebrachten Pferde habe et von ihnen erbeutet." Joro or\viederte : ., Jetzt glaubst du vielleicht, Dsesse und icli seycn miteinander eins gegen dich." Tschotong entgegnete: „Vielleicht Ja, vielleicht Nein; es sieht aber sehr darnach aus. Ein ver-
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wünschler Fall! wie lionnlc Dsesse mir eine solche Lüge aufbinden!" Mit rlieseu Worten enlfernle er sich, kam aber, von Argwohn und Scheelsucht gelriehen, wieder und sprach: ЧЧ Heule лvird unsere Lagerabtheilung aiifhrechen und an den Boldschomurun Cholai ziehen-, ilir aber, du Joro nnd deine Mutter, zieht in die (iegend Engkireküin Dschu!" — ,,Gul!" ei-wiederte Joro und lächle. „Wie," rief die Mutter weinend, „warum lachst du, mein Sohn! ich glauhte immer, einen wackern klugen Sohn gehören zu haben, nun aber sehe ich, dass er ein nichlswürdiger Dummkopf ist. Wie, mein Sohn, wcissl du denn nicht, dass Engkireküin Dschu eine лч)11 kommen wüste und ganz kahle Gegend ist, wo es im Sommer nicht regnet, wo es aber im Winter furchtbar schneit, stürmt und stö- bert? wo es keinen Mist, noch sonstige Feuerung gibt und wo man nie ein Wild erblickt? Schickt er uns nicht blos deswegen hin, damit wir Beide daselbst umkommen möch- ten? Lasst uns lieber beim A'olke Tscholongs bleiben und uns Beide mit Tuchweben ernähren!" — „Schweig Mutter!" rief Joro, „du als Weib verstehst das nicht. Das Sprichwort sagt: Die Ziege sucht ihres Gleichen und l rennt sich davon, wenn sie sich Beide wacker gestossen. Das Weib sucht einen Freund und trennt sich von ihm, nachdem sie sich zusammen tüchtig gezankt. Komm, Mut- ler, lasst uns fortziehen!" Alsbald zog Joro mit seiner Mutter nach der bestimmten Gegend.
Nachdem sie sich daselbst niedergelassen hatten, wurde Engkireküin Dschu ein beglückter, herrlicher Land- strich. Aus einem grossen See ergossen sich nach allen Seiten Gewässer und um (Joro's) Wohnung herum wuchsen alle Arten Bäume, von welchen jeder Früchte trug. Eine Menge Wild aller Art sammelte sich in dieser Gegend, welcher Joro den Namen Tsakirmak Chogollu gab. Als Joro sich eines Tages in Engkireküin Dsciiu auf der Jagd befand, begegnete er einem Zuge von fünfbundert
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Kaiifleuten des Erden i Chaghan von Teski, welclie l)elni Daibung Ghaghau***) gewesen waren und von da mit Schätzen und Gütern zurückkehrten. Unter diesen Schätzen befand sich, mit Ausnahme der zwei schwarzen Menschen- augeri, alles Ersinnliche j auch gab es durchaus nichts, was diese fünfhundert Kaufleute nicht auszuführen vermocht hätten. Joro kam ihnen entgegen, indem er eine Aiithei- lung seiner magischen Verwandlungskräfte in zwanzig Men- schen und eine andere Abtheilung derselben in siechende Hornisse und Bremsen umwandelte, welche jene Leute so- gleich umkreisten. Die Fünfhundert fanden gar kein Mit- tel, weiter zu kommen, und da sie den Tod vor Augen sahen, riefen sie: „Gnädiger Bogda, wir haben dich nicht erkannt! was wünschest du? diese unsere Schätze? Nimm sie nach Wohlgefallen! wünschest du aber, uns selbst zu Gefährten zu haben, so wollen wir gern deine Gefährten werden. *•' Joro erwiederle: „Gut. kommt mit' mir! Baut mir ein schönes Haus gleich einem Tempel des Glioni- shim BodhisatAva^^) 5 erbaut es mir aus Gold, Sill)er. Eisen und Stein nach Erforderniss!" Die fünfhundert Kauf- Jeute (willigten ein); zuerst überlegten sie den See mit ei- nem steinernen Brückengewölbe, dann errichteten sie Säu- len aus grossen Steinmassen. Die Dachsparren des Gebäu- des verfertigten sie aus Eisen, die Fensternischen aus Blei und in jede Fenstereinfassung wurde ein Krystall einge-
18) Eine gewöhnliche Mongolische Benennung für die Chinesi- sischeu Kaiser.
19) Der Mongolische, aus dem Chinesischen entstandene Name des Arjäwalokites'wara , Lokas'ri oder Padraapani. Sein gewöhnlicher Tibetische Name ist Tschanreisi „der mit den Augen Schauende." Er wird als der Stellvertreter des Buddha S'äkjamuni angesehen. Vorzüglich ist Tibet das Land seiner Er- scheinungen und Verkörperungen. So ist, nach dem Glauben der Tibeter und Mongolen, der Dalailama eine sich stets erneuernde Verkörperung des Chomschim Bodhisatwa.
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setzt, um das Licht einzulassen. Das Dach wurde mit Silber überlegt und mit Gold iiberzogen und der Dach- balken bestand aus feuerglühendem Edelstein. Im Innern dieses Gebäudes errichteten sie das Standbild des Chom- schim ßodhisatwa; vier feuerglühende, in den vier Win- keln des Innern angebrachte, Edelsteine (gahen des Nachts das nölhige Licht). Л^^ог dem Bilde des Chomschim Bo- dhisatwa war der Edelstein Tsch i jjlamani angebracht. Wenn ein Stein des Brückengewölhes herausgezogen wurde, strömte heiliges Weih\\ asser nach Bedürfniss in den Tem- pel. (Nach beendigter Arbeit) sprachen die lüni'hundert Kauüeute zu Joro: „Wir haben ein Gebäude vollendet, das von keinem Winde auf die Seite gebeugt vind von kei- nem Regen beschädigt werden kann, in welchem man we- der des Lampenlichts noch der Wohlgerüche bedarf und wo man nach heiligem Wasser nicht zu suchen brauchl- ein Gebäude, welches Alles vollständig darbietet, was. da- von erwartet werden kann. Lnübertrefllicher Chaghanl ist Alles dem Wunsche deines Herzens gemäss?'- Joro antwortete: „Ihr xVrmen, ich bin mit euch zufrieden und entlasse euch in eure Heimath. Euer Weg kann zwar durch unser Tübet gehen, jedoch auch oberhalb dieses Landes; schlagt aber auf euerm Heimwege den Weg ein. der durch Tübet führt. Dort sucht die W'ohnung des Tschotong auf, welcher euch vermuthlicli fragen \>ird: „Habt ihr auf eurer Heise Engkireküin Dschu berührt?-' darauf antwortet : „Wir kommen von daher." Wenn er ferner fragen möchte: ,, Einer von unsern Leuten, der rotz- näsige Joro, ist dahin gezogen; (л^'isst ihr nicht), ob dieser Nichtswürdige todt oder ob er noch am Leben ist?" so antwortet: „Der rotznäsige Joro hat dem Chomschim Bodhisatwa eintn Temjx-l erl)anl. dessen Bestandtheile Stein, Eisen, Silber, Gold, Blei, krystall und ähnliche Dinge sind. Joro selbst ist indess g«'Storben und das Ge- bäude steht da ohne Eigenthiiuier.''
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Nachdem Joro die Kaulleuto entlassen halte, umgib er das Gehäude mit starken Pallisaden von stachehgcm Holze, dnrcli welche er nur einen Eingang offen liess und diesen Eingang mit einer dreissig Klafter langen eisernen Kette versah. Diese Kette war an zwei, in die Erde ge- schlagene, drei Klafter lange Posten befestigt, in der. Art, dass sie am Eingange eine Schiinge bildete , mit einem solchen Zwischenräume jedoch, dass ein Mann zu Pferde durchreiten- konnte. Sodann sammelte Joro noch eine An- zahl Prügelstöcke und hielt sie neben sich in Bereitscliafl. Die Kaulleute kamen vor Tscholonof's Wolinunff, dieser kam ilinen entgegen und befragte sie. Die Kauileute be- antworteten seine Fragen mit den von Joro ihnen aufge- tragenen Worten, als wären es ihre eigenen. ,.Gul!-' sprach Tschotong, hestieg alsbald seinen Rappen, umgtiitete sich mit seinem Bogengeräthe und machte sicli auf den "Weg nach Engkireküift Dschu. Joro, durch seine magische Kraft diess wissend, erwartete ihn , dicht bei seiner Kette ausgestreckt liegend und sich (odl stellend. Als der Fürst Tschotong ankam, wurde sein Rappe sehen und bäumte sich vor dem Eingange. Tschotong peitschte sein Pferd über Kopf und Schenkel und spornte es, wor- auf es mit einem Satze durchspringen wollte, aber eben dadurch in der Kette hängen blieb. Plötzlich sprang Joro auf, riss den einen Pfahl aus und wickelte das Keltenende gedoppelt und fest um Tschotong und sein Pferd. Nach- dem er sie beide gefesselt hatte, (griff er nach seineu Stöcken) und prügelte wacker auf Beide, den Reiter nml das Pferd. Nach Beendigung dieser Arbeit riss er den an- dern Pfahl aus, fesselte sie noch fester zusammen und liess sie frei. Der Rappe nahm mit weiten Sätzen Reissans. „Ist der Fürst Tschotong toll geworden oder Avas fehlt ihm!-' riefen die Leute, als sie ihn jagen sahen, oline, ihn aufhalten zu können. Sie zogen Gräber, um ihn zu fan- gen, er aber sprang darüber hinweg und so dauerte e*
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volle sieben Tage, ehe Tscholong und sein Pferd aufge- halten und festgenommen werden konnten. Zuletzt richtete das Volk von Tühet um Tschotong herum eine ordent- liche Treibjagd an, wobei er, immer mehr eingeengt, in eine dreifache Wagenburg gelrieben und daselbst endlich festgenommen wurde. Nach Ablösung der eisernen Kette wurde Tschotong vom Pferde geh(j])en , konnte aber nicht auf den Beinen stehen, sondern wankte hin und her. .,\Vas hast du gemaclit. Oheim Tschotong!"' riefen Alle, „was ist dir begegnet?'' Tschotong antwortete: „Es kam ein Haufe Handelsleute an meinem Hause vorbei, welche ich um Nachrichten von Joro befragte, ob er lebe oder todt sey. Sie logen mir лог, er sey todt. Habe ich nun einmal die Mütter dieser Kaufleute gelödtet oder ihre Vä- ter.'^ kurz ich glaubte ihrer Aussage und begab mich zu Joro. Dieser ergriff' mich, prügelte mich in der Weise wie ihr seht halbtodt und jagte mich fort." Dsesse Schikir gab ihm erbittert hdgenden Verweis: „Du fragst, üb du etwa die Mütter oder Väter der KauHeule getödtet habest, hat denn Joro et\^a deine Mutter oder deinen Va- ter getödtet, dass tlu, um ihn sicher dem Ti^de preiszu- geben, ihn nach Engkireküin Dschu verbannt hast? Hätte dieser mein Trauter dich doch völlig zu Tode geprügelt !•' Nach diesem Auftiitte ging alles Volk aus einander.
Während Joro sich eines Tages auf der Jagd befand, schlachtete Aralgho Goa, die Tochter des Ma Bajan, ein Schaf, machte aus deju Fleisch desselben eine Pastete, die sie in einen Sack steckte und auf dem Kücken tragend beibrachte. Joro begegnete iiir und fragte sie, wessen Tochter sie sey und warum sie hergekommen? Sie ant- wortete: „ich bin die Tochter des Ma Bajan, genannt Aralgho Goa; mein A^ater hat mich hergesandt, dich um einen Lagerplatz za bitten." - ..Bleibe einstv> eilen an die- ser Stelle!"' entgegnete iiir Joro. nahm ihre mitgebrachte
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Speise und überreichte sie serner Mutter. Als Joro ZU-* rückkam , fand er die Jungfrau eingeschlafen. Da ging Joro zur Pferdeheerde ihres Vaters, hob ein frisch ge- fohltes Füllen auf, brachte es her und wickelte es in den Rockschoos der Jungfrau. Darnach rüttelte er sie mit dem Kufe: „Stelle auf! Stehe auf!" Die Jungfrau erwachte und richtete sich sitzend auf „Was für ein sündiges Mädchen," rief Joro, „was für ein schamloses Mädchen ist zu mir ge- kommen! Warst du mit deinem Vater eines Sinnes, dass du ein Kind mit einem Pferdekopf gebierst? war es mit deinem altern Bruder, und daher die Pferdemähne deines Kindes? oder \sarst du mit deinem jüngeren Bruder ein- verstanden, dass dein Kind einen Pferdeschweif hat? oder hast du dich mit Sclavengesindel eingelassen , dass dein Kind vier Pferdefüsse hat? stehe auf, schamloses Mädchen !^' Mit den Worten: „Was schwatzt der Mensch, was will er von mir?'' sprang die Jungfrau auf und das Füllen ent- tiel ihrem Schoosse. „O Weh, welche Sünde! welche Schande ! rief die Jungfrau , was soll ich thun ! Lieber Joro, erzähle es keinem Menschen! nimm mich zu deinem \Veibe!'' — „Ist das dein Ernst?" fragte Joro, worauf die Jungfrau antwortete: „Es ist mein лоИег Ernst!" Da stach Joro seinen kleinen Finger zu Blute und reichte ihn der Jungfrau hin mit den Worten: „Wenn es dein Ernst ist, so lecke diess ab!" welches die Jungfrau that. Sodann schnitt Joro die Schweifhaare des Füllens ab, flocht sie zu- sammen und legte sie um den Hals der Jungfrau mit den Worten: „Diess hier nimm als Pfand von mir! deinem Va- ter überlasse ich den ganzen Lagerplatz als Eigenthum un- ter der Bedingung, dass er durchaus keinen fremden Men- schen zulasse!" Die Jungfrau kehrte sodann heim.
Zu der Zeit warb der Fürst Tschotong um eine (an- dere) Tochter des Ma Bajan, der Jüngern Schwester des Tschoridong Lama, Namens Matschicha Kimsum, für seinen ältesten Sohn Altantu. Tschoridong Lama
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begleitete seine Schwester zum Lager des Oheims T sar- gin, in dessen Nachbarschaft Joro, der sich auf der Jagd befand, ihnen begegnete, dem Lama in den Zügel griff und ihn anredete v\ie folgt: ,,Du bist der allbarmherzige Crosse Lama, ich aber bin ein armer hülfsbedürfliger Mensch: vergönne mir doch etwas von deinem Uel)erflusse ! " Der Lama entgegnete: „Du siehst, dass ich auf der Reise bin und also für den Augenblick zum Geben nichts bei mir haben kann-, es gibt aber der Fürst Tschotong morgen ein grosses Festj komm hin und ich werde dir von mei- nem Ueberflusse geben." Joro sprach: „Wenn es dein Ernst wäre, mir etwas zu geben, so könntest du mir ja das Pferd, \^elches du reitest und den Mantel, welchen du am Leibe hast, überlassen." — „Schaut einmal das freche Benehmen dieses Nichtswürdigen !" rief, der Lauia und schlug den Joro mit der Peitsche über den Kopf Joro riss den Lama vom Pferde herunter und es entstand ein heftiger Streit. Der Oheim Ts argin kam hinzugelaufen und rief: „Lieber Joro, guter Joro, lass diesen Mann los und zanke dich nicht mit ihm! wenn Jch dem Tschori- dong Lama, als meinem Schwager, zu Hülfe komme, so wirst du, als mein Neffe, mir zürnen-, komme ich aber dir, meinem Neffen zu Hülfe, so wird mein Schwager mir zür- nen. Morgen soll ja ein grosses Festmahl gegeben werden, und wenn du auch keinen Theil daran haben solltest, was schadet es? Erbitte dir von irgend Jemand einen Bart und bringe ihn mit!" Joro sprach: „Auf die Bitte des Oheims Tsargin lasse ii:h dich los 5 aber noch in dieser Welt werde ich dir vor den Augen einer grossen Versamndung Schande bereiten und in jener Welt vor Erlik Chaghan^'^) dich zu Schanden machen.'- Mit diesen Worten liess Joro den Lama los.
20) Der Todtenrichter und Herr der Unterwelt.
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Аш folgenden Morgen erbat sich Joro von einem Be- kannten eine Ziege, schlachtete sie, bereitete das Fleisch und that es in einen Sack, den er auf den Rücken nahm und dann mit seiner Mutter zum Festgelage ging. Der Fürst Tschotong sass obenan auf einem Thron; ihm zur Linken sass Tschoridong Lama auf einem Thron obenan und von ihm abwärts waren die Sitze für die weiblichen Gäste. Das Feslgelag begann. Für Joro war kein Sitz bereitet, er nalmi daher seinen Platz am äusserten Ende der Männerseite; so war auch für seine Mutter kein Sitz bereitet und sie nuiss!e sich gleichfalls auf die blosse Erde niedersetzen. Joro lief hinaus, raffte trockenen Pferdemist zusammen, bedeckte damit die Erde, steckte einen drei- fach gespaltenen Grashalm in den Mist und machte auf den auseinander gebogenen drei Spitzen des Grashalms einen Sitz zurecht, den er einnahm. Alles war bei diesem Feste im Ueberfluss und Jedermann ass reichlich , aber Niemand theilte dem Joro vom Fleische das Geringste mit. Als nun der Fürst Tschotong das Vorderviertel eines Schafs in die Hand nahm, sprach Joro zu ihm: „Oheim! hier ist ein Berg von Fleisch, dort ein See von Branntwein-, die beglückten Augen sehen es, aber es wird dem unglück- lichen Schlünde versagt. Gib mir, Oheim, das Vordef- viertel, welches du in der Hand hältst!" Tschotong er- wiederte: „Ich wollte dir wohl das Schulterblatt davon gönnen, wenn es nicht- (das Sinnbild) meines Reichthums und Wohlstandes w äre ; ich wollte dir wohl auch die obere Markröhre geben, v\enn sie nicht das Glückzeichen meiner Kinder wäre. Was die untere Markröhre belriftt, so wüide das Weggeben derselben das Uebel aller Uebel seyn. Nimm also die kahle Erde! Empfange den Husten! Nimm den Schleim und die Thränen der Weinenden! Nimm das am rechten Ufer , am linken Ufer und am Ursprünge des Flusses krepirte \4eh in Empfang! Nimm das Er Jen
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iüerjen^^) eines zu verlobenden MäJcbens, das vordere Hinderniss der verlobten Braut in Empfang! Da hast du's, nimm.'" Joro sprang auf: ..Ihr Alle," rief er, „hört est Spott und Hohn spendet mir der Uheim Tschotong, statt mir von seinem Ueberflusse mitzutheilen. Die kahle Erde gibt er mir: wohlan, ihr Alle, die ihr nach Wur- zeln grabet, ihr Landbauer Alle, holt von mir erst die Er- laubniss zu eurer Beschäftigung! wer es ohne -meine Er- laubniss ihut, den treffe Spott und Schande! Er gibt mir den Schleim, den Speichel und die Thränen der Husten- den, der mit dem Schnupfen Behafteten und der AVeinen- den: wohlan, von nun an hustet und лveint auf von mir eingeholte Erlaubniss! wer ungefragt hustet, wer ungefragt weint, den treffe Schande und Spott! — Er schenkt mir ferner das Fleisch der krepirten Pferde am rechten Ufer des Flusses, das des krepirten Rindvieh's am linken Ufer und das der krepirten Schafe am Ursprung des Flusses: wohlan , esset künftighin davon erst nach von mir einge- holter Erlaubniss! wer es ungefragt thut, den treffe Schande und Spott! — Er macht mir ferner ein Geschenk mit dem vordem Unglücksteufel der verlobten Braut: wohlan!-' Diess gesagt, sprang Joro plötzlich hinzu und riss der Jungfrau Kimsun Goa ihre Bekleidung und ihren Schmuck vom Leibe.
Tschoridong Lama war im Besitze magischer Zau- berkünste: er liess aus seinem linken jNasenloche eine Wespe henorkriechen und schickte sie gegen Joro mit dem Befehl, ihm eines seiner Augen auszustechen. Joro! durch magisches Wissen davon unterrichtet, verschluss eines seiner Augen, während er mit dem andern seitwärts schielte. Die ЛҮезре kam angeflogen, gerielh in Furcht \or Joro und stach ihn in die Lippe, worauf sie zum Lama zu-
21) Dieses Wort ist unübersetzbar; auch der Sinn des Folgenden ist dunke).
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rückkehrle. Der Lama befragte sie, ob sie den Joro ins Auge gestochen habe, worauf sie antwortete: „Ich fand das eine Auge blind und das andere schielend; darum stach ich ihn in die Lippe und kehrte um." Da befahl der Lama ihr: „Fliege abermals hin, krieche in sein linkes Nasenloch aufwärts und tödle ihn durch Zerstechung des Gehirns!" Als die Wespe angeflogen kam, verstopfte Joro sein eines Nasenloch unter dem \^ox'geben, er habe Nasen- blulen bekommen, das linke Nasenloch behielt er offen, um sich desselben als Falle zu bedienen. Als nun die Wespe hineinzukriechen im Begriffe war, klappte er den Nasenflügel zu und fing die Wespe, die er in seine Hand nahm und diese fest zudrückte. Alsbald fiel der Lama von seinem Thron herab und wälzle sich ohnmächtig auf der Erde 5 sobald Joro aber die Hand etwas lockerte und das Insekt nicht drückte, richtete sich der Lama auf und vei'- beugte sich vor Joro; drückte dieser die Hand wieder zu, so fiel der Lama abermals in Ohnmacht und lag wie leblos da. Die Jungfrau Kimsun Goa, Schwester des Tscho- ridong Lama, wusste, dass es die Seele ihres Bruders sey, welche Joro gefangen in der Hand hielt; da nahm sie in der einen Hand einen Türkis von der Grösse eines Adlerkopfes und in der andern eine grosse lederne Brannt- weinflasche und trat damit vor Joro; dieser aber rief ihr entgegen: „O Weh, was soll das, schaut einmal dieses Mädchen I Bei uns Tübetern ist es Sitte, dass die Schwie- gertochter eines Chans drei Jahre lang und die Schwieger- tochter eines Unterthans drei Monate lang Niemand aus der Verwandtschaft des Mannes besucht. Diese hier ist eine verdächtige Schwiegertochter ohne Schwiegereltern. Oder ist etwa dieses Insekt dein Mann.>^ ist dieses Insekt etwa dein Vater oder deine Mutter?" Mit diesen Worten drehte Joro ihr den Rücken und entfernte sich von ilir. Da näherte sich der buckelige Richter des Tschori- dong Lama, Namens Chaia, dem Joro und sprach;
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„Lieber Joro, bester Joro, wer in Zukunft dich sieht und dir nichts mittheiU, dem mögen die Augen platzen! Wer in Zukunft dich hört und dir nichts gibt, dessen Oh- ren mögen taub werden! Wer in Zukunft isst und dir nichts mitthedt, dessen Zähne mögen ausfallen! Wer in Zukunft etwas (in der Hand) hält und dir nicht hinreicht, dessen Hand möge zerbrechen! Nun höre! es gibt einen schneevveissen Berg^ auf diesem schneeweissen Berge blockt ein schneeweisses Lamm. Es gibt einen Berg \on Gold^ ^ auf diesem goldenen Berge dreht sich eine goldene Mühle von selbst. Es gibt einen Berg von Eisen-, auf diesem eisernen Berge hüpft ein eisenblaues Fund umher. Es gibt noch einen goldenen Beig; auf diesem goldenen Berge be- findet sich ein goldener Stecken, der von selbst um sich schlägt. Es gibt einen Berg von Kupfer^ auf diesem kupfer- nen Berge bellt ein kupferfarbener Hund. Es gibt uoeh einen Berg von Gold; auf diesem goldenen Berge schnurrt eine goldene Bremse umher. Es gibt ferner (loldstaub, den der Ameisenkönig sich zum Bedarf gesammelt hatj es gibt eine goldene Fangscldinge, die Sonne zu fangen; eine silberne, den Mond zu fangen; eine Hornbüchse mit Na- senblut von Ameisen; eine Handvoll Sehnen von Läusen; eine Hornbüchse, gefüllt mit dem Nasenblute des männ- lichen schwärzen, Adlers; eine Hornl^üchse, gefüllt mit der Milch aus den Biäisten des weiblichen schwarzen Adlers; eine Hornbüchse, gefüllt mit den Thränen der Jungen, des schvkarzen Adlers, und endlich gibt es in der Mitte des Weltmeeres einen saftigen Krystall von der Grösse einer steinernen ЛҮаЬе. Alle diese Kostbarkeiten nimm, lieber Joro, als Eigenlhum und überdiess diese Kimsun Goa, nur lasse dieses Insekt los!^' Diess gesagt, verbeugte er sich und Joiro liess das Insekt fliegen. Der Lama, maqhte dem Joro seine Verbeugung und setzte sich mit dessen Zulassung wieder auf seinen Thron. Die ihm aniheimge-
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fallene Jungfrau Kimsun Goa überliess Joro seinem Her- zensfreunde Dsesse Schikir.
Zu der Zeit kam Rognio Goa, die Tochter des Sen- geslu Chaghan, welche bis dahin keinen ihrer würdigen Gemahl gefunden zu haben glaubte, in Begleitung von drei ausgezeichneten Bogenschützen , von drei starken Ring- kämpfern, eines weisen Lama und eines grossen Gefolges nach Tübet, weil sie gehört hatte, dass in diesem Lande dreissig magische Helden wohnen , von denen vielleicht Einer würdig seyn könnte , ihr Gemahl zu werden. Es wurden zehntausend Mann zusammenbern/en, welche sich auch einfanden. Als der Fürst Tschotong sich gleichfalls hinbegeben wollte , bat ihn Joro, er möchte ihn hinter sich aufsitzen lassen. Tschotong wies ihn ab mit den Worten: „Wie, Nichtswürdiger! willst du etwa auch dich um Kogmo Goa, diese Dak ini-A'^erwandlung bewerben? Mein Weg ist ein anderer und geht gar nicht dahin." Kaum war er fort, da kam Tsargin; Joro rief ihm zu: ,, Erlaube mir, Oheim T sargin, hinter dir aufzusitzen!" Tsargin entgegnete: „Komm her, mein Lieber, und nimm deinen Platz hinter mir!" Tsargin kam an, die zehntau- send Mann halten sich bereits versammelt und Tschotong befand sich an ihrer Spitze. Als Joro ihn erblickte, sprach er: „Ich w^ar sehr missvergnügt, als ich hörte, dass der Oheim Tschotong wo anders hingegangen sey; nun ist es gut, denn unzweifelhaft wird Niemand anders als du die Rogmo Goa erwerben." Rogmo Goa stand auf, trat vor und sprach: „Ich habe vernommen, dass es unter den Füislen dieses Landes vorzüglich tapfere Männer gibt. Ich habe bereits erklärt, dass ich denjenigen zu meinem Ge- mahl erwähle, der diese meine drei Bogenschützen und diese meine drei Ringkämpfer besiegen würde; bis jetzt hat sich indess noch Niemand gefunden, der sie übertrofi'en hätte. Ich wiederhole daher meine Erklärung, dass ich die Geraahlinn desjenigen werde, der diese meine Schützen
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im Bogenschiessen und diese meine Kämpfer im Ring- kampfe besiegen wird. Es möchte euch seltsam vorkom- men, dass eine edle Jungfrau sich das Recht nimmt, ihren Gemahl nach solcher Wahl zu bestimmen; darum wisset, dass zur Stunde meiner Geburt auf der rechten Seite des Daches meines Hauses ein Einhorn'^*) herumhüpfte, wäh- lend auf dessen linker Seite ein Uruluk hcrumsprang. Der Himmel war bewölkt und es leuchtete glänzender Son- nenschein; der Himmel wurde wolkenlos und es regnete. Auf eine der Stützen im Hause setzte sich ein Papagei und Hess seine Stimme hören, auf eine z\veite setzte sich ein Kukuk und erhob seine Stiname und auf eine dritte setzte sich ein Urjangchatin Goa genannter Vogel und sang. Ihr seht hieraus, dass ich, R^ogmo Goa, eine mit neun magischen Eigenschaften ausgerüstete Dakini bin. Seht nun zu, wie ihr meine drei Bogenschützen und meine drei Kämpfer besiegen möget!" — Das ausgezeichnete \er- raögen der drei Schützen im Bogenschiessen Itcsland bei dem Einen darin, dass sein mit Sonnenaufgang in die Höhe geschossener Pfeil erst zur Erde zurückkehrte, Avenn die Sonne bereits drei \ierlheile ihrer Bahn vollendet hatte; bei dem Zv\eiten darin, dass während der Abwesenheit des Pfeiles zweimal nach einander Thee gekocht werden konnte ^^): und bei dem Dritten darin, dass bis zur Rück- kehr seines Pfeiles einmal Thee fertig bereite! ^verden konnte. — Rogmo Goa sprach weiter: ,.\Venn meine Schützen bei Tagesanbitich ihren Pfeil abgeschossen liaben.
22) Der Tibetische uud Mongolische Name des Einhorns isl Ssern. Die Tibetischen Schriften behaupten das Daseyn dieses Thieres m den wilden Gebirgen Tibets und machen davon eine Beschreibung, die durchaus nicht auf das Rhinoceros passt.
23) Der bei den Völkern Mittelasiens fast allein gebräucliliehc Ziegelthee braucht ungleich längere Zeit zur Bereitung als der bei uns gewöhnliche Thee.
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so legen sie sich auf den Rücken und erwarten liegend die Rückkehr des Pfeiles. Sobald nun der Pfeil herniederfährt, wenden sie ihren Kopf auf die Seite und. der Pfeil muss an der Stelle, wo der Kopf gelegen hat, in die Erde fah- ren. Bios einen solchen Schiiss sehen wir als Meisler- schuss au ; wessen Pfeil beim Niederfahren dieses Ziel nicht triftl, der Pfeil mag übrigens auch noch so lange abwesend bleiben , den achten wir für einen schlechten Schützen.
Nun begann der Wettstreit; alle dreissig magische Ver- wandlungen versuchten sich im Bogenschiessen mit den drei Schützen der Rogmo, aber keine von ihnen калг den- selben gleich-, sie rangen mit den Kämpfern der Jungfrau," aber diese tragen den Sieg über Alle davon. Nun trat Joro hervor und fragte den Lama der Rogmo: „Ehrwür- diger! ich möchte auch mein Glück versuchen, wenn ich nicht noch zu klein wäre; indess möchte ich dennoch den Ringkampf wagen." Der Lama erwiederte: „Die dir weit überlegenen dreissig magischen Verwandlungen haben ja nichts vermocht ; lass es daher lieber seyn , mein kleiner Freund.'' Hierauf entgegnete Joro: ,,Ich möchte aber doch den Kampf versuchen." Der Lama gab seine Ein- willigung mit den Worten: „So kämpfe!" Joro machte sich zum Kampfe bereit und trat лог. ,,Wo sind unsere Kämpfer?" rief der Lama; „dieser Knabe will mit ihnen ringen." — Alsbald trat der stärkste der Kämpfer vor. Joro zeigte sich den Augen der Anwesenden zwar als Joro, hatte sich aber in Gesser umgewandelt, obgleich er diese Verwandlung vor den Augen der Menge verbarg. Mit dem einen Fusse trat er auf den Gipfel eines Berges, mit dem andern Fusse auf das Meeresufer. Li dieser Stellung ergriff er den stärksten der Kämpfer und warf ihn tausend Meilen in die Weite über sicli hinweg; den mittlem Kämpfer warf er zweitausend Meilen und den dritten Kämpfer dreitausend Meilen weit über sich hinweg.
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Aller Augen waren unverriakt auf Joro gerichlel. Nun schössen die drei ßogenscliülzeu und mit ihnen Joro. Um Mittag hatten die Pfeile der drei Schützen sich bereits zur Erde gesenkt 5 Joros Pfed war bis zu Mittag noch nicht heruntergekommen. Gegen Abend wurde es plötzlich dun- kel, so dass die Menge rief: „Die Sonne ist untergegangen, es wird Nacht; lasst uns auseinander gehen!" aber Dsesse Schikir entgegnete: „Nein, wartet! diess ist ein Zeichen, dass der Pfeil meines rotznäsigen Joro sich herabsenkt." Kaum hatte er dies ausgesprochen, so hiess es: „Joros Pfeil kommt!" Joro bog den Kopf auf die Seite und der Pfeil traf genau die Stelle, wo Joros Kopf gelegen hatte. Die den Himmel beherrschenden Schwestern des Joro hatten seinen Pfeil im Fluge aufgefangen und den Schaft desselben mit allerlei Vögeln besteckt, unter welchen auch ein Garuda war; beim Herabfallen dieses Garuda wurde die Sonne verdeckt.
Nun schrie alles Volk: „Was Niemand vermochte, das hat der rotznäsige Joro ausgeführt: lasst uns nun ausein- andergehen!-' Dagegen rief R(jgmo Goa: „Warte! noch!" Sie trat vor die Л olksmenge, in der einen Hand die Rip- penstücke von siebzig Schafen und in der andern Hand eine lederne Brannlweinflasche nebst einem Türkis von der Grösse eines Adlerkopfes haltend, und sprach: „Wer im Stande ist, während ich den zehnlausend Mann den Rücken kehre, diese Rippenstücke von siebzig Schafen und den Inhalt dieser Branntweinllasche an diese zehntausend Mann und an Jeden derselben zu vertljcilen, wer i'erner diesen Türkis von der Grösse eines Adlerkopfes in den Mund hin- ein zu bringen vermag, den werde ich als meinen Gemahl anerkennen." — Sie überreichte die Sachen Diesem und Jenem, al)er von allem \olke konnte keiner etwas aus- richten, nur der Sohn des Badmari, Namens Bam Schürtse, w äre im Stande gewesen , es auszuführen, wenn nicht der versteckt sitzende Joro ihn heimlich vier
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oder fünf seiner Mittel dazu beraubt hätte, so dass er gleichfalls nichts ausrichten konnte, .Als Rogmo Goa vor Joro trat und seine Rotznase erblickte, wandte sie sich mit Widerwillen weg und wollte weiter gehen, aber T sar- gin, der Oheim Joro 's, hielt sie zurück mit den Worten: „Du bist zwar schön, aber nur ein Weib, dagegen ist mein Joro zwar hässlich, aber er ist ein Mann. Besteht deine Vortrefflichkeit etwa darin, dass du schon vergessen iiast, wie er deine drei Bogenschützen besiegt und deine drei starken Kämpfer gelödtet hat?" Sie musste also zu Joro zurückkehren, der ihr entgegentrat, ihr die Sachen aus der Hand riss und zu ihr sprach: „Was hilft es dir, dass du ein schönes Mädchen bist 5 da du nicht bemerkst, dass dein hinterer Rockschoos brennt, so bist du iri der That nur ein gemeines Mädchen!" Die Jungfrau kehrte ihm den Rücken, und nachdem Joro durch magische Kraft die Rippenstücke von siebzig Schafen und den Inhalt der ßranntweinflasche unter die zehntausend Mann und an Jeden derselben verlheilt halte, setzte er sich, den Türkis ohne Schwierigkeit in den Mund nehmend. Da brach alles Volk in Lachen aus, der Fürst l'schotong aber sprach: „So nichtswürdig er ist, so hat doch Joro, der Sohn unserer Befreundeten, die Jungfrau erworben." A^on da an sann er auf Mittel, sie ihm wieder al)zunehmen.
Nun ging alles Volk auseinander. Rogmo Goa sam- melte ihr Gefolge und suchte eilig nach Hause zu ent- iliehen. Auf der, Flucht befragte sie ihr Gefolge: „Ver- folgt uns der hässliche Mensch?" Das Gefolge blickte hin- ler sich und antwortete: „Man erblickt nichls!" Abermals befahl sie: „Schaut euch um, ob Jemand zu sehen ist!" Antwort:, „Es ist Niemand zu sehen!" Unterdessen war Joro duych magische Verwandelung unbemerkt angelangt und hatte sich hinler Rogmo aufgesetzt. Als das Gefolge nochmals hinter sich blickte, wurde es den Joro gewahr und rief: „O Weh, er sitzt ja hinter dir!" Rogmo jam-
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hierte: „O Weh, was soll ich thun ! was soll ich nun an- fangen! ich hin nun ohne Rellung verloren! So lange habe ich gewählt und ausgesucht, um den Mann meiner Wahl zu finden und hin nun auf solche W^eise angekommen! Was soll ich nun meinen Ellern (zu meiner Entschuldigung) sagen! Mit was für einer Miene kann ich ihnen nun ent- gegentreten!" Unter solchen Klagen setzte sie weinend ihren ^^ eg fort. Unterdessen erregte Joro durch magische Kraft einen Staub als wie von zehntausend Mann hervor- gebracht. Die Ellern (der Rogmo) sahen diess und spra- chen: ,.Dem Staube nach zu urtheilen sind zehntausend Mann im Anzüge^ ist sie etwa dem Wirojana Chaghan zu Theil gew Orden ?'• Bald darauf erschien der Staub als wie von tausend Mann herrührend. „Nein, riefen die El- lern, es mag wohl der Mirajana Chaghan seyu, der sie heimführt." Nun erschien der Staub, wie von neunhundert Mann erregt. ,, Es scheint, sie ist dem Tschigatschin Chaghan zu Theil geworden," sprachen die Eltern. Dar- auf zeigte sich die Staubwolke, als von hundert Mann er- regt. „Sie hat wohl den Fürsten Tschotong bekommen," sprachen die Eltern. Nim erregte Joro einen Staub als wie von siebzig Mann, und die Eltern entschieden: „Bam Schürtse, der Sohn des Badmari hat sie bekommen." Aber kaum hatten sie diess ausgesprochen und hingeschaut, als Rogmo Goa mit dem rotznäsigen Joro hinter sich anlangte.
Der Vater, der Tochter zürnend, entfernte .sich (ohne Willkommen), nahm seinen Zaum und seine Peitsche und ging zum Thore rechts hinaus zu seiner Pferdeheerde. Der ältere Bruder, der Schwester zürnend, nahm sein Bogen- geräthe und ging zum Thore links hinaus zur Schafheerde. Die Mutter, der Tochter zürnend, machte ein böses Ge- sicht und schob das Hausgeräthe hin und her. Die Die- nerschaft schob am Kessel hin und her, legte für Joro die Decke verkehrt und dieser setzte sich verkehrt darauf mit
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dem Geslclite zur Wand. Die Dienerscbaft fragtet „Wai'uiii setzest du dich verkehrt auf die Decke, welche wir für dich ausgebreitet haben?" Joro entgegnete: „Wie pflegt ihr, wenn ihr reiten wollt, den Sattel aufs Pferd zu legen?" Hierauf liess die Dienerschaft den Joro aufstehen und legte ihm die Decke nach Gebühr zurecht. Joro nahm seinen Platz auf dem Sitze der Rogmo und sprach zu ihr: „Dein A^ater ist mit Zaum und Peitsche zum Thore rechts hinaus- gegangen 5 ist eure Pferdeheerde etwa von Räubern ange- fallen? Du weisst, dass ich tapfer bin: gib mir ein Pferd, und ich werde den Dieben nachsetzen imd den Raub zu- rückbringen. Dein Bruder ist mit seinem Bogengerätbe zum Thore links hinausgegangen 5 sind etwa Wölfe in eure Schaf heerde eingebrochen? Du weisst, dass ich ein guter Schütze bin; gib mir Bogen und Pfeile, ich werde euch die ЛVölfe getödlet herschaffen. Deine Mutter macht ein verdi'iessliches Gesicht und zerrt am Hausgeräthe hin und her; ist euer Hausgeräthe etwa behext? ich kenne kräftige Beschwörungen gegen Hexereien und will das Geräthe bald entzaubern. Eure Dienerschaft zerrt den Kessel hin und her; ist der Kessel etwa aussätzig geworden? ich habe kräf- tige Sprüche gegen den Aussatz gelernt und will den Kes- sel damit bald in Ordnung bringen."
Als am Abend die Eltern der Rogmo und das ganze Hausgesinde beisammen waren, überhäuften sie die Tochter mit Spott und A'orwürfen ; sie sprachen: „Da hast du, nichtswürdiges, gemeines Mädchen, uns endhch einen Mann der Männer ins Haus geschafft ! wir befürchten nur , dass einmal die Hunde sich über deinen ausgezeiclinet - vor- trefflichen Mann hermachen und ihn auffressen möchten! Welchen Verdruss (von Seiten seiner Verwandten) hättest du ims dann bereitet, wenn wir ihn von den Hunden auf- fressen liessen!" Mit diesen Worten steckten sie den Joro unter den Kessel. Während der Nacht stiess Joro den Kessel um, kroch hervor, schlachtete ein Schaf, ass eineq
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Theil des Fleisches selbst xmd gab den andern Theil den Hunden zu fressen. Dann befleckle er sein Oberkleid von Kalbfell mit dem Blute des Schafes, warf es hin und über- nachtete draussen im Freien. Als am folgenden Morgen (das Hausgesinde) aufstand, erblickten die Ellern (das blu- tige Kleid) und riefen der Tochter zu: „Deinen vortreff- lichen Mann haben während der Nacht die Hunde gepackt und gefressen; jetzt magst du allein für die schKmmen Fol- gen verantwortlich seyn ! '' Л^^оП innern Grams sass die Tochter und schaute vor sich hin. Sre dachte: „Was er auszurichten vermochte , ging weit über sein Aller und seine Gestalt-, soHle er wirklich todt seyn? das rauss ich iintersucheii." Während Rognio ihn aufsuchte, erschien ihr Jorö durch magische Kraft in der Gestalt eines, eine grosse Heerde hütenden, Pferdehirten. Sogleich rief sie ihm zt'i: „Hirte, hast du nicht etwa den rolznäsigen Joro ^sehen?" Der Pferdehirt antwortete : „Ich kenne den nicht, welchen du den rotznäsi^n Joro nennst, aber das habe ich gehört, dass die drei Völkerschaften Tussa, Döngsar und Lik im Anzüge sind mit dem Vorsatze, Rogmo Goa, die Tochter des Senggeslu Ghaghan, in schmählicher Weise zu tödlen und ihre Ellern in schmäh- licher Weise zu brandschatzen, weil sie den Joro entführt imd ihn von den Hunden hat fressen lassen." Rogmo glaiibte den gehörten Worten und setzte ihren Weg unter Tlirärien fort. Da erschien ihr Joro abermals in einen, eine grosse Heerde hütenden , Schafhirten umgewandelt. Aul" ihre Anfrage bekam sie von dem Schafhirlen die näm- liche Ant\^orl wie von dem Pferdehirten. Da dachte sie:' „Die Aussagen dieser beiden Männer stimmen überein: mir bleibt nun üichls übrig als zu sterben. Nur will ich nicht in die Nähe meiner Ellern zurückkehren und ihnen meinen Jämriier ttnd Tod vor die Augen bringen ; besser ist es, wO anders zu sterben. In diesen Fluss mich stürzend will ich mein Lebea enden." Mit diesen Worten sprengte sie das
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hohe Felsufer hinan, aber ehe sie dessen Höhe erreicht hatte, erwischte Joro mittels magischer Verwandlung den Schweif des Pferdes und hielt es zurück. Rogmo wandte sich um und erblickte ihn. „Bist du es, Joro, rief sie, komm und sitze auf!" Joro setzte sich hinter sie aufs Pferd ^ der goldgelbe Schleim floss ihm aus der Nase, so dass Rogmo Goa aus Ekel den Rücken vorwärts krümmte und ihm zurief: „Was machst du, Joro! das ist nicht aus- zuhalten; setze dich doch rückwärts!" Joro stieg ah und sprach: „Hat nicht auch der hohe Berg seinen Pfad? ein einzelner Körper hat doch nur einen Kopf, oder hat er zwei? Diess ist die rechte Art, dieses Pferd zu besteigen'.'' Mit diesen Worten wollte er über den Kopf des Pferdes aufsitzen. „Nein," rief er, „das ist nicht die rechte Weise, es muss also in solcher Art geschehen !" Diess gesagt ver- suchte er längs der Fersensehne (der Spannader, den Hin- terfüssen) aufs Pferd zu kommen, dieses aber schlug aus und warf ihn zu Boden. Joro blieb liegen imd stellte sich todt. Da stieg Rogmo ab und rief: „Lieber Joro, stehe doch auf!" aber Joro blieb ohne Lebenszeichen liegen. Auf abermaliges Rufen stand er endlich auf mit den Wor- ten: „Es hängt von dir ab, ob ich vorwärts oder rückwärts hinter dir aufsitzen soll!" worauf Rogmo ihn in üblicher Weise aufsitzen liess.
Nach der Zurückkunft Joro 's beschlossen der Oheim und die Muhme der Rogmo, ihrer Nichte einen Besuch abzustatten. Sie sprachen: „Unsere Nichte besitzt magische Eigenschaften: wir wollen doch sehen, ob sie sich einen guten oder schlechten Mann gewählt hat." Bei ihrer An- kunft versteckten die Schwiegereltern des Joro diesen hin- ter das Hausgerälhe, gaben ihm zur Essbeschäftigung eine Schale voll gerösteten Weitzen mit und sprachen zu ilnn: „Komm nicht zum Vorschein, bis diese Leute Abschied genommen haben!'' Bei ihrer Ankunft fragten der Oheim xmd die Mulune sogleich: „Wo ist euer Schwiegersohn?
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\vie ist er, gut oder schleclit?'- Die Schwiegereltern enf- gegneten: .,Wie kann man das jetzt schon wissen: er ist noch ein kleiner Knalle ! so eben ist er zum Besuch in die Nachbarschaft gegangen, um sich hei einem Festschmause zu vergnügen.'* Während dieses Gespräch^ kam Joro aus seinem Versteck hervor^ der goldgelbe Schleim, au dessen Spitze ein Weilzenkorn hing, floss ihm reichlich aus der Nase; er sprach: ,,Es ist von mir die Rede-, kann ich лоп Dienst seyn?" — Bestürzt über diesen Anblick riefen Oheim und Muhme: „Dass euch die Pest! haltet ihr. Nichtswür- dige, also euers Л^aters Haupt in Ehren!*' Mit diesen Wor- ten eilten sie hinaus und trieben heimkehrend die Pferde- heerde mit sich fort. Da sprach Joro: „Gebt mir ein Pferd, einen Panzer nebst Bogen und Pfeilen; ich bin ein herzhafter Bursche und werde sie verfolgen." Die Schwie- gereltern entgegneten: „\^erdammter Bursche! dir, Nichts- würdigen, sollen wir noch Pferd und Waffengeräth geben!" und gaben ihm das A^erlangle nicht. Da ging Joro zu den um das Haus lagernden Schafen, fing einen Schafbock und einen Ziegenbock, kuppelte sie zusammen, verfolgte damit (die Häuber), holte sie ein, schlug sie und ihre Pferde nieder, nahm ihnen die Pferdeheerde wieder ab und kehrte damit zurück.
Nach dieser Zei^ sprach Joro: „Jetzt will ich zuiück in meine Heimath ziehen!" — „Was hast du, Taugenichts, denn schon gethan," fuhr ihn Rogmo an, „dass wir dich in die Heimath schicken sollen? bleibe ruhig wo du bist!" Gesser verwandelte sich in den Fürsten Tschotong, während er in Joro 's Gestalt sich entfernte luiter dem Vorgeben, Berghasen zu fangen. In Tschotongs Gestalt kam er vor der Behausung der Rogmo an, stieg ab und fragte: „Wo ist Joro?" Rogmo erwiederte: „Was weiss ich! er ging fort um Berghasen zu fangen." Tschotong sprach zu ihr: „Ich bin das Oberhaupt und der Beherr- scher von Tübet; gewiss ist uieine gelieble, vortreftliche
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Schwiegerlochter unglücklich! Befiehl, den nichtswürdigen Joro zu lödlen und ich werde ihn tödlen, oder befiehl, ihm ein (anderes) Weib zu geben und ich werde es thun, oder befiehl auch, ihn zu verbannen, so werde ich ihn forijagen und dich zum Weil)e nehmen." Rogmo erwie- derle: „Kann ich hierin entscheiden? das ist eure Sache! das sind Familienangelegenheilen unter euch selbst." — „Mein Herz ist dir in Liebe zugellian, und ich werde dich zum Weibe nehmen," sprach Tschotong, stieg zu Pferde und entfernte sich in dem Augenblick, als Joro nach Hause kam. „Wer ist dieser so eben von hier Weg- reitende?" fragte er. „Was weiss ich, entgegnete Rogmo, er nannte sich als deinen Verwandten Tschotong." — • „Was war sein Begehr?" fragte Joro. „Was weiss ich!" entgegegnete Pxogmo, „er fragte nach dir, stieg wieder zu Pferde und ritt davon." Joro erwiederte: ,, Unser Land Tübet ist von diesem Lande weil entfernt; wenn er nach mir zu fragen bat, лтагат entfernt er sich wieder, ohne mich gesehen zu haben?" — „Das weiss ich nicht," sprach Roqmo, „er franste nach dir und ^ing- wieder seiner WWe." — ,,Ich aber weiss es, ich \>eiss es," entgegnete Joro. „Was weisst du, Taugenichts!" fuhr ihn Rogmo an, „blos um mich zu quälen ersinnst du dir solches." Joro ent- fernte sich mit den AVorten: „Jetzt gerade machst du mich für die Zukunft bange." — Am folgenden Tage verwan- delte sich Joro abermals und erschien in der Gestalt des Bam Schürtse, Sohnes des Badmari, während Joro in eigener Gestalt auf die Jagd gegangen war. Bam Schürtse erklärte der Rogmo seine Liebe mit denselben verführeri- schen Worten, wie vordem Tschotong. Beim Wegreiten desselben kam Joro nach Hause. „Wer war dieser ?'' fragte er. „Er nannte sich Bam Schürtse, Sohn des Badmari," entgegnete Rogmo. „Und Avas war sein Be- gehr?" fragte Joro. „Er fragte blos nach dir," entgegnete Rogmo, „und ritt dann wieder seiner Wege." Joro er-
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wiederlc: „Warum hat er meine Rückkunft denn nicht ab- gewartet? aber ich weiss nun die l^rsache: die Tühetischen Grossen haben sich verbunden, mich zu tödlen und ent- fernen sich von hier, nachdem sie deine Genehmigung ein- geholt haben." — Am folgenden Tage verwandelte sich Gesser abermals und erschien in der Gestalt der Tübeti- schcn dreissig Helden in ihiem schönsten Wafl'enschmucke und Staate. Sie liesseu sich vor der Behausung des Sen- geslu-Chaghan nieder. Dieser liess anfragen: „Wessen sind diese mir fremden ausgezeichneten JMänner?" Die Antwort war: „Wir sind Tübeter: Wenn du uns Joro's Weib geben willst, so sage Ja, wenn du dasselbe nicht geben willst, so sage Nein-, diess von dir zu erfahren sind wir hergesandt." Sengeslu Chaghau und die Seinigen hielten eine Berathung über den \'orschlagj sie sprachen: ,i Geben wir unsere Einwilligung, welchen Grund können wh- da augeben, dass wir ihnen unsere geliebte Tochter üJjerlassen; verweigern wir aber die Forderung, so werden die dreissig Helden uns umbringen; wir müssen auf ein Mittel sinnen, sie zu beschwichtigen." Dem gemäss gaben sie die Antwort: „Kehrt jetzt heim: wir werden euch un- sere Tochter nachsenden, wenn alle Л orbereitungen fertig seyn werden." Die Männer entgegneten: „Wenn ihr den Joro für zu schlecht haltet und eure Tochter (besser) ver- heirathen wollt, so gebt, sie her; wollt ihr das aber nicht und haltet dennoch den Joro zurück, so wisset, dass die dreissig Helden mit ganz Andern, als ihr seyd, fertig wer- den können. Macht euch daher nicht wichtig, ihr Ver- blendete! wollt ihr zögern, so schreibt euch die Folgen selbst zu!" Mit diesen Worten entfernten sie sich. — „Diese AN'orte machen uns Todesangst," riefen Sengeslu upd die Seinigeu; sie brachen sogleich auf, zogen den Hel- deq nach, kamen nacli Tübet und liesseu sich unter dem Volke nieder.
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Von Neid und Scheelsucht getrieben kündigte der Fürst Tschotong an: „Dreissig- Tausend Mann sollen sich zu einem grossen Wettrennen versammeln; der Preis ist ein geschuppler Panzer, ein Daghoris-choi genannter Helm, das Tomartsak genannte Schvert und der Tümen odun (zehntausend Sterne) genannte Schild. Wessen Pferd zu- erst das Ziel erreicht, der erhält nicht blos alle diese Sachen als Preis, sondern liberdiess nocli die Rognio Goa zur Frau.'- Die dreissigtausend Mann versammelten sich zum Wettrennen. Joro streute Räucherwerk und richtete an seine Grossmutter Absa Gürtse im Himmel folgende Bitte : „Um^ hier in der WMt allen Wesen zum Heil zu seyn, hin ich als Beherrscher der zehn Gegenden G e s s e r Chaghan geboren. Um im zukünftigen Lehen, im Ge- ]>iele des Erlik Chan, die Seelen aller Sünder zu er- lösen, hin ich als Changchoi Köbegüu geboren. Der Fürst Tschotong liat dreissigtausend Maim zu einem Wett- rennen versarnmelt, um mir mein Weib aus meinem Schoosse zu rauben. Sollte meiu braunes Füllen'^*) tauglich seyn, so sende es mir herab:, sollte es untauglich seyn, so sende mir ein anderes Pferd aus der himmlischen Heerde." — ■ „Das ist ja Unser Rotznäschen ," rief die Grossmutler und sandte das braune Füllen in ein siebenjäliriges braunes Pferd ver- v.andelt herab. Weil es лот Himmel hei'abgekommen war, drehte es- sich лyie ein Wirbelwind im Kreise und liess sich von Joro nicht fangen. Als Joro seine Mühe ver- geblich sah, legte er auf sein Rauchopfer unreines Räucher- werk; durch diese V^erunreinigung des Opfers wurde das braune Pferd zu einem räudigen zweijährigen braunen Fül- len und liess sich fangen. Joro bestieg sein räudiges brau- nes Füllen und folgte den dreissigtausend Mann zum Wett- rennen, als ihm Senge slu Chaghan begegnete. „Wen, mein nichtswürdiger Schwiegersohn," rief er, „gedenkst
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du mit deinem räudigen braunen Füllen zu überholen? oder Irägst du es vielleiclil darauf an, dass meine 'gelieble Tochter dir von einem Andern abgenommen werde? Be- steige doch lieber eines von nieinen schnellen kräftigen Reitpferden !•' — ..Deine schnellen, kräftigen Keilpferde möchten mich zu tragen nicht im Stande seyn," entgegnete Joro, „ich \>erde mit meinem räudigen braunen Füllen, welches ich gewohnt bin, Wettrennen. '' Mit diesen Wor- ten entfernte er sich. ^Nachdem die dreissigtausend Mann auf dem bezeichneten Sammelplatz angekommen waren und sich und ihre Pferde in Bereitschaft gesetzt hatten, begann das allgemeine Wettrennen. Joro hielt sein räudiges brau- nes Füllen im Zügel und blieb weit zurück. Dann liess er ihm seinen Lauf und überholte zehntausend Mann. Aber- mals hielt er sein Füllen zurück, liess es dann laufen und überholte das zwei e Zehulausend. Nochmals hielt er sein Füllen zurück, liess es dann laufen und überholte das dritte Zehnlausend. Л^ог Joro, in der Entfernung eines Saat- wurfes, rannte der Fürst Tschotong auf seinem, eine Antilope einholenden, weisslicli - gelben Pferde, und vor Tschotong, in der Weile eines Kinderpfeilschusses, gn- loppirle der Fürst Asmai auf seinem trefflichen Blauschim- mel. Joro sprach zu seinem räudigen Füllen: „Ich werde mit dem Zeichen des Muthes gegen ihn anrennen, und du renne gegen Tschotong und sein Pferd mit dem Zeichen des Helden und \\irf beide über den Haufen, indem du dem wcisslich- gelben I^ferde gegen die Vorderbeine schlägst. Das Füllen gab seine Einwilligung, es geschali nacli Joro 's Verlangen und Joro überholte den Tschotong, welcher ihm zurief: „O Weh, Joro, was machst du!" Joro ent- gegnete: „Und was machst du, Oheim? ich muss eilen, dass nicht irgend Jemand mir meine Piogmo abge^^inne.•' Joro sprach zum räudigen braunen Füllen: „Jetzt, mein räudiges braunes Füllen, welches dreissigtausend Keiler über- holt hat, musst du noch den Blauschimmcl des Fürsten
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Asniai überholen." Diess gesagt, hielt er das Füllen an und liess ihm dann seinen Lauf. Der treffliche Blauschimmel des Fürsten Asmai nahm das Gebiss zwischen die Zähne, sprengte einen Kinderpfeilschuss voraus und liess sich nicht einholen. Toro sprach weinend zu seinem räudigen brau- nen Füllen: „O Weh, mein räudiges braunes Füllen, was machst du! Willst du den geschuppten Panzer, den Da- ghoris-choi genannten Helm, den Tomartsak genannten scharfen Säbel, den Tümen odun genannten Schild, willst du allen diesen AVaffenschmuck und dazu meine in mei- nem sechsten Jahre angetraute Rogmo Goa die Beute ei- nes Andei'n \л erden lassen!" Das Füllen erwiederte: „Mein liebes Rotznäschen ! ich bin zw ar ein himmlisches Füllen und dieses ist nur ein irdisches Pferd, dessenungeachtet überlrifl't es mich vierfach und es ist ungleich behaarter als ich 5 ich kann es daher nicht einholen. Wende dich aber mit deiner Bitte an deine himmlische Grossmutter Absa Gürtse!" Joro rief jammernd: ,, Mütterchen, dein sieben- jähriges braunes Pferd ist niederwärts (von Kräften) ge- kommen! der niedere Blauschimmel des Fürsten Asmai hat sich gen Himmel erhoben (ist im Begriffe zu siegen)! der Fürst Asmai hofft den von mir ersehnten kostbaren Waffenschmuck und meine auf magische Weise erworbene Rogmo Goa zu erbeuten! O Weh, mein Müllerchen, was machst du!" Die Grossmutter hörte ihn; sie rief: „O Weh, Joro, mein Rotznäschen weint, weil er daran ist, von einem Menschen überwunden zu w'erden ! Boa Dongtsong*^), komm her und beblase das räudige braune Füllen! mit dem Pferde des Fürsten Asmai werde ich ein Mittel ver- suchen." Beide erschienen nebeneinander am Himmel 5 Boa Dongtsong beblies das braune Füllen, es bekam seine (frühere) Gestalt wieder als siebenjähriges braunes Pferd und nahm sogleich das Gebiss zwischen die Zähne. Die
35) Vergl. S. 1 uad 13. "^
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Grossmulter Absa Gürfse scboss dem Blauschiramel einen femigen Pfeal hinter den Vordrrfüssen durch die Brust; vier --oder fünfmal wankte der Blauschimmel und stürzte zusammen. Das Füllen setzte das Wettrennen fort und er- reichte das Ziel. Der Fürst Asmai stand weinend auf und rief: .,0 Weh, was ist das!" Joro rief: „Dos Glück he- günstigfe anfangs den Blausc])immel mehr als den Braunen, nun aber ist mir das Glück zugeTallen.'- Nachdem Joro den kostbaren WaÖenschmuck in Empfang genommen, be- sch en k le er dam^ t seinen allem Bruder .■ JD g c s s e S c h i k i r und kehrte in seine Behausung zurück.
Am folgenden Tage machte der Fürst Tscholong, abermals vpn Neid und Scheelsucht gelrieben, bekannt, dass wer den лүгЫеп Stier (Auerocbs)-^; mit einem Schwa,nze ЛТОП dreizehn AVirbeln erlegen und diesen ScliA^anz vor- zeigen würde, die Fl o gm o Goa erhallen solle. Al:es AVjk begab sich hinaus. Auch Joro kam iind schoss den Stier
in die Mitte zw;ischer| dessen beiden Augen niil dem Alang- kJr g^nann^n Bogen und c|en Schigenek genannten Pfeile, woran/" er dessen Schwanz von dreizehn Wirbeln abschnitt uijd zu sich pabm.;; Während dessen kam der. Fürst Tscho- long hinzu und rief: „Liebster ■ Joro! in Zukunft werde ich dich nie schelten, ich wercje dic^i nie prügeln; ich weide dich vielmehr zqrllicher als ineine .eigenep Kinder behandeln; überlassis mir aber den Schwanz, von itheizehn Wirhclnl" Joro entgegnete: „Warum nicht, Oheim, du кавп§| den ^c|i;v\ an z. /haben; was soll,, ioh, damit niachen; da ^e|> abprfii;'^! s^it Kurzem Bogengeräthe jtrag^^ so gib mir dafip- deinen Jsmanta genannten Pfeil!'','j Tschotong er-
!26i Die Beschreibungen, welche die Chine.si.ich-Manclschui.sch- Mongolischen Wörlei Spiegel von dem wilden Stier (Mgngol. Bucha Görögessun) macheu, pa^^en durchaus auf den Auerochsen, blos mit dem unterschiede, dass sie seine Farbe als bläulich bezeichnen. lu unserer Sage hingegen erscheint er immer schwärzlich
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wiederte: „Was soll ich mit dem Pfeil machen ; da hast du ihn!" Hierauf übergab Joro ihm den Schwanz, nach- dem er durch magische Kunst drei Wirbel davon abge schniüen und zu sich gesteckt hatte. Der Fürst Tscho- tong begab sich zur grossen Treibjagd und rief die Jäger zusammen. Mit lauter Stimme verkündigte er: „Ich habe den Slier erlegt; ich habe den Schwanz von dreizehn Wir- beln abgeschnilten; mir ist die Kogmo Goa anheimge- fallen I" Joro kam hinzu und rief: „O Weh, O Weh, Oheim Tscholong, was für ein sündlicher, was für ein schändlicher Lügner bist du! du kamst ja hinzu, während ich den Stier erlegte und dessen dreizehnwirbeligen Schwanz abschnitt; saglesl du nicht: „„Liebster Joro, in Zukunft werde ich dich nie schimpfen, nie werde ich dich prügeln 5 ich werde dich vielmehr zärilicher als meine eigenen Kin- der behandeln; nur überlasse mir diesen Schwanz?"" und antwortete ich da nicht: „„Was soll ich mit dem Schwänze anfangen ! da ich aber erst seit Kurzem Bogengeräthe trage, so gib mir dafür deinen Ismanla genannten Pfeil?"'* gabst du ihn mir nicht mit den Worten: „„Was soll mir der Pfeil?"" Diess gesagt, zog Joro den Pfeil heraus ипф zeigte ihn. Tschotong schrie: „3eht einmal die 3chur- kerei dieses Nichtswürdigen! da er merkte, dass sein ^eib mir anheimfallen würde, hat er den Pfeil von dem Hüter mieines Bogengeräthes gestohlen und macht nun ohne allen Grund Lärm." Joro erwiederte: „Du sollst Recht haben; jetzt aber sehe nach, ob du auch den vollen Schwanz hast!" Tschotong sah nach, es fehlten dem Schwänze aber drei Wirbel. „Wo sind die drei Wirbel?" fragte Joro. Tscho- tong antvvortete nichts. — Joro sprach weiter: „Wusste ich nicht, dass du ein schändliche;r Lügner bist und habe deswegen, ehe ich dir den §ch\^'anz überliess, drei Л^irbel davon zurückbehalten?" ]\lit diesen Worten zog er die drei Wirbel aus dem Busen und zeigte sie vor. Beschämt wandte der l^ürst Tscholong феп JlijickQjji ,i^nd е.п1|]вгп^е sich.
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In der folgeuden Nacht stahl Joro das schwarze Pferd des Tschotong von dem Werllic voa hundert und acht Büffeln und schlachtete es. Am andern Morgen machte der Fürst Tschotong sich auf, die Spur zu verfolgen. Wäh- rend des Nachspürens fand er das Fleisch seines Pferdes liegen. .,0 Weh, was ist das!" lief er und sammelle so- gleich die Kriegsmacht \on Tübet und Tan gut, um den Joro zu lüdten. Der Fürst Tschotong zog bepanzert und bewafl'nct heran; Joro aber hatte sich in einen grossen Knaben mit rothbraunem Gesichte vervsandelt; er zog aus seinem Feuerzeuge seinen Daghoris-choi genannten Bogen und spannte die Senne an. Dadurch entstand ein Prasseln und Schmellern gleichwie von lausend Donnern, so dass Tschotong an der Spitze der Seinigen die Flucht ergriff. Am folgenden Tage erliess der Fürst Tschotong a})er- mals folgenden Aufruf: ,, Welcher Mensch im Stande scyn wird. Avähi'end einer eintägigen Treibjagd zehntausend Stiere zu erlegen und das Fleisch dieser sämmllichen Stiere in den Magen eines einzigen Stieres zu verschliessen, wer fer- ner im Stande scyn wird, einen Durchgang (Uebergang) über den Fluss Uklus zu bewerkstelligen, derjenige soll die Rogmo Goa bekommen." Diesem Aufrufe zufolge A'ersammelten sich eine Menge Jäger. Da Joro weder Bogen noch Pfeil hatte, so gab Rogmo Goa ihm das Bo- gengeräthe des Kameelhirten. Joro zog den Bogen an, er brach in Stücke und Joro лүагГ ihn hin. Sodann brachte Rogmo Goa ihm den Bogen des Kuhhirten; auch diesen zerbrach Joro beim Anziehen. Zuletzt brachte Rogmo Goa ihm den Bogen des Pierdehirttn und sprach: „Lieber J'orö, wenn ich ausser diesem noch ein anderes Bogenge- räth häbfe, so müssen es meine Rippen seyn." Nachdem Joro auch' diesen Bogen zerbrochea hatte, entfern le er sich. Als Joro auf dem Jagdplatze anlangte, waren die Jäger schon beschäftigt, nach wilden Stieren zu schiessen. Wäh- rend Joro jagte, erlegte er in eintägiger Treibjagd durch
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magische Kraft zehnlausend Stiere, zerschnitt das Fleisch dieser zehntausend Slieie und verpackte es in den Magen eines einzigen Stieres. Er nahm den Schwanz eines Stieres und befestigte ilin an eine lange Stange, womit er den vie- len umherirrenden Jägern ein Zeichen gab, sich um ihn zu sammeln. Als sie am Strome Uktus anlangten, war von den zehnlausend Mann keiner im Stande, einen Uebergang' ZU bewerkstelligen. Joro kam hinzu; er schaffte einen Siier herljei und trieb ihn durch (den Fluss); blos dessen Hornerspitzen blieben über dem AVasser sichtbar. Sodann schaffte er ein Tschigitai herbei und trieb es (an einer andern SlßUe) durch; das Wasser ging ihm beim Durch- waten bis über den Rücken. Zuletzt schaffte er eine Anti- lope herbei und trieb sie (an einer dritten Stelle) durch , (den Fluss). Durch magische Mittel liess er das Thier in Tschotongs Augen von der Grösse eines Schweines im zweiten Jahre erscheinen, und rief dann: „Nun, grosse Füisten, sind die Uebergangspunkle bereitet: wählt euch nach Gefallen einen Uebergang !" Tschotong erklärte, er wolle an der Üebergangsstelle der Antilope den Fluss pas siren, wogegen Sanglun die Üebergangsstelle des Tschi- gilai vorzog. „Warum §chweigl der Oheim Tsargin," fragte Joro, worauf Tsargin erwiederte: „Ich überlasset ^ die Wahl dir, lieber Jorol" Joro versetzte: „So passire * di^n Fluss au der Üebergangsstelle des Tschigitai, Oheim Tsargin!'- Als nun Sanglun, Tsargin und die sämmt- l'chen Jäger an der gefährlichen Üebergangsstelle des Tschi-' gitai den Fluss passirt halten, wollte der Fürst Tscho- ' tong an der Üebergangsstelle der Antilope über den Fluss setzen, w'urde aber von der Strömung forlgerissen. Er schrie: „Lieber Joro, ziehe mich heraus!" Joro ergriff seine Peitsche, lief hin, sprang ins Wasser, warf ihm die Peitsche als Schlinge um den Hals und vzog ihn bis ans Ufer, als Tschotong die Bemerkung machte: „Lieber Joro, du hast mich zwar über den Fluss hergeschafft, aber
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wie! dafür seilst du den Tilel eines Henkers bekommen 5 einen andern wüssl ich nicht.'' — .,Gut,'- erwiederte Joro, „mir gilt es gleich!" und liess den Tscholong im Stich, worauf dieser ahermals von der Strömung forlgerissen wurde und im Begrifie stand zu ertrinken. Er schrie aus allen Kräften: ,. Lieber Joro, ziehe mich heraus!" Joro lief hinzu, ergriff den Tscholong bei den Haaren und riss ihm diese beim Herausziehen aus, so dass er kahlköpfig in die Nähe des Ufers kam, woselbst er zu Joro sprach: „Lieb.-r Joro, du hast mich z-v\ar herausgezogeu, aber wie! dafür sollst du den Titel „Kahlkopf" bekommen^ -einen andern wüsst ich nicht!" — .,Gut!" sprach Joro und liess den Tscholong fahren,' wodurch dieser abermals ins Treiben gerieth und schrie: ,, Lieber Joro, komm mir zu Hülfe! ich komme um!" aber Joro A^ollte nicht. Da rief alles Volk: „Ein Mann von Bedeutung geht zu Grunde*, lieber Joro, ziehe ihn doch heraus!" Joro wandelte seine Peitsche in ein zweischneidiges Schwert um, warf es dem Tscholong hin, dieser umCassle es, und als Joro ihn daran ans Ufer gezogen halle, waren seine beiden Hand- flächen durchschnitten. Tscholong sprach: „Lieber Joro, du hast mich zwar .herausgezogen, aber was ist aus meinen Handflächen geworden! Joro entgegnete: „Es ist von je- her deine GeAVohnheit, Einreden zu machen; schweig lie- ber still, Oheim, es hat nichts zu bedeuten!"
Die Jäger mussten auf ihrem Wege im Freien über- nachten; die Nacht war sehr kalt und es gab weder Holz noch Mist zur Feuerung. Tscholong hatte einen Hund, лгекЬег die Menschenspraclie verstand; diesem ]>cfahl er: „Gehe hin und horche, was Joro spricht!" Durch magi- sches Wissen von der Herkunft des tjundes, unterrichtet, sprach Joro: „Morgen kommen wir щ фп F|usslhal, wo es Bogen und Pfeile genug gibt und wo wir uns Bogen und Pfeile anschafien können; zerbrecht daher eure Bogen und Pfeile! Sodann gelangen wir in ein Flussthal, wo es
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Stiefel genug gibt und wo wir uns neue Sliefel anschaffen können 5 hängt daher eure Stiefel an die Hörnex' der Büffel! Drei Mann können mit ihren Knien einen Dreifuss für den Kessel bilden; übernachtet daher mit sattem und nicht mit leerem Magen!" Der Hund kam zu Tschotong zurück und erzählte ihm alles was Joro , gesprochen hatie. Auf diesen Bericht gab der Fürst Tschotong dem ganzen Volke folgenden Befehl; „Wenn wir morgen in dem Bogen- und Pfeil-Thale anlangen, so werden wir Bogen und Pfeile finden; wenn wir uns in dem StiefeUiale niederlassen, wer- den A-^ir Stiefel finden; lasst drei Mann mit ihren Knien einen Dreifuss bilden und Speise bereiten ! übernachtet nicht mit leerem, sondern mit sattem Magen! Steht auf! der Fürst Tschotong befiehlt euch, eure Bogen und Pfeile zu zerbrechen , aus Menschenknien Dreifüsse zu machen und Speise zu bereiten , eure Stiefel den Biifieln an die" Horner zu hängen und diese Nacht nicht ungegessen zu vorbringen!" Demgemäss zerbrach das \olk seine Bogen und Pfeile, liess je zu drei Mann ihre Knie zu einem Drei- füsse zusammenstellen und hing seine Stiefel den Büffeln an die Hörner. Als das Feuer aufloderte und ihnen an die Knie kam, sprangen sie mit Wehgeschrei auf und warfen den Kessel über den Haufen, so dass sie ungegessen und mit leerem Magen übernachten mussten. Am folgenden Morgen früh stieg der Fürst Tschotong zu Pferde und begab sich zu Joro. „Bist d" da, lieber Joro?" rief er. „Was gibts, Oheim?" fragte Joro nnd "kam hervor. Tschotong fragte ihn: „Wo, Joro, ist dein Thal mit Bo- ge;n un(J Pfeilen? wo ist dein Stiefelthal?" Joro fragte da- gegen:, „^^§ bedeutet 4as, Qbeim. was ^illst du damit sagenP't ]C,sicbptoug erwiederle: „IJast du nic^t gesagt, duss wenn \yir im Bogen- und Pfeilthale lagern würden, daselbst Bogen und Pfeile vorfinden, und dass wir am La- gerplätze im Stiefelthaie Stiefel vorfinden werden?" Joro fragte: „Wer, Oheim, hat dir das gesagt?" — „Mein Hund
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hat CS mir gesagt,'' verselzle Tschotong. ,.Dn bist ein ganz ausgezeichneter Mann, entgegnete Joro, \^епп du mit deinem Hunde Gespräche hähst und dich von ihm belehren Idsst!" Beschämt wandle Tschotong den Rücken und ent- fernte sich. Er drelite indess bald um, kam wieder und frao^te: „Ist es wahr, mein Lieher, dass du in dieser Nacht einen Traum gehal)t hast?" Joro erwiederle: „Allerdings ist es \ла11Г, OheimI mir liämnlc nämlich, dass es unheil- bringend seyn ANÜrde. uenn ein schwarzer Slier geschossen ^^ird, unschädlich aber, wenn ein schwarzer Slier mit weisser Blässe erlegt \>ird." Am folgenden Morgen in aller Frühe Avurde vom gesammten Л'"с1ке eine grosse Treibjagd veranstaltet. Tschotong schoss keinen, ihm aufstossenden schwarzen Stier, sondern suchte einen schwarzen Stier mit weisser Blässe. Schon am frühen Morgen 's^urde ein schwar- zer Slier mit einem weissen Fleck in der Mitte der Slirne aufgejagt und der Fürst Tschotong, in der Meinung, es sey ein schwarzer Slier mit weisser Blässe, jagte denselben. AVährcnd der Jagd versclnvand der weisse Fleck in der Mitte der Stirne und Tschotong hörte auf zu jagen mit den Worten: „Ich habe mich umsonst bemüht-, das ist ja ein schwarzer!" Während er sich wieder zum Treibjageu begab, kam ihm ein Slier entgegengelaufen, dem zAvischen den Hörnern ein Klumpen Schnee klebte." „Das ist ein schлvarzeг mit weisser Blässe!" rief Tschotong und machte Jagd auf ihn. Während er den Slier zu Pferde und mit seinem Hunde umkreiste, kam er in Joro 's Nähe und rief diesem zu: „Liebsler Joro, erlege mir doch diesen Stier mit einem Schuss!" Joro entgegnete: „Wersst du denn nicht, Oheim, dass ich ein sehr ungeschickter Bogenschütze bin? während ich auf den Stier anlege, könnte es sich treffen, dass ich dein Pferd und deinen Hund erschiesse-, ich will nicht!" Tschotong verselzle: „Lieber Joro, was liegt mir an dem Pferde und dem Hunde: erlege mir nur den Stier!" Joro erwiederle: „Wenn dem so ist,
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Olieim, so bringe mir den Slier in den Schuss, denn mein Pferd ist zu schlecht, als dass ich ihn einholen könnte." Demgemäss holte Tschotong den Slier ein und trieb ihn zurück, Joro entgegen. Dieser verfolgte ihn, den Bogen be- reithaltend, und erschoss durch magische ICfaft das Pferd und den Hund sowohl als den Stier. Der Fürst Tscho- tong kam nahe beim Stier vom Pferde herab. „Lieber Joro," rief er, „du hast zwar den Stier einlegt, aber wo ist mein armes Pferd und mein armer Hund!" Joro ent- gegnete: „Hast du wieder etwas auszusetzen, nachdem du selbst es gewollt hast? habe ich dir nicht gesagt, dass ich ein ungeschickter Bogenschütze bin.-^ Joro sprach weiter: „Dein Stier ist kein Stier mit weisser Blässe, es ist nur ein schwarzer Stier." Tschotong sähe nach und rief: „Was habe ich da gethan! ich glaubte, einen schwarzen Stier mit weisser Blässe zu jagen und es war ein ganz schwarzer Stier! was ist nun zu thun, lieber Joro?" Dieser en!gegnete: „Die schlimmen Folgen, Oheim, mö- gen dem Pferde und Hunde verbleiben; sey still und be- ruhige dich!" Tschotong sprach; „Lieber Joro, das ist gut, das ist herrlich von dir!" Joro hatte durch magische ^ Kraft das Pferd sowohl als den Hund deswegen getodtet, weil beide der Menschensprache kundig waren.
(Bei der Rückkunft) fragte Rogmo: „Wer war im Stande, einen Uebergang über den Slrom üktus zu be- werkstelligen?-' Der Oheim Tsargin erwiederle: „Wer anders vermochte es, als mein Schilu Teswe?^') Rogmo fragte, da sie diess nicht verstand, sich selbst: „Wer mag dieser Schilu Teswe seyn?" Da Rogmo nicht wusste, dass Joro einen Titel bekommen halle, fragte sie weiler
21) Der neue Titel, <len Gesser als Joro bekonmen halte. Dergleichen neue Namen oder Titel wechseln bei den Oütasiatiichcn Völkern sehr oft bei gewissen Veranlassungen. Der genannte Titel hat keine Sinu-gebende Bedeutung.
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und tliat an den Olicfm Tschotong die nämliche Frage. Dieser anLworLete: „Ein Jeder halte es vermocht; ülirigens lial mein ältester Sohii i\.ltan es bewerkstelligt." — „AVas für ein sonderbarer Fall," sprach Rogmo, und entfernte sich voll Gram und Unmuth.
,A1§ Rogmo Gqa nach Hause zurück kam, kam auch Joro kuf einem Kind angeritten, mit einer langen Stange, an deren Spitze ein kothiger Stiermagen hing. Die SchvviegermuLter kam ihm entgegen in der Absicht, das Fleisch der vom Schvs'iegersohn erlegten Stiere abzuladen. Als sie hinkam, rief sie: „O Weh, o Weh, die vielen Jager haben mich alle belogen!" und kelirle zornig zurück ins Haus, nach- dem sie den Magen mit dem Fleische auf den Rauchfang (der Filzhülte) geworfen hatte. Der Kranz (des Rauchfangs) ging plötzlich aus seinen Fugen und Alles fiel hinab mit sammt dem (Obertheil des) Hauses. „AVas ist das, Schwie- gersohn?" rief die Schwiegermutter. „Ein kothiger ]Mogen,'' entceenete Joro, lief ins Haus und stiess mit einer Stütz- Stange das Fleisch auseinander. Unterdessen grub seine Mutter eine Grube und stellte den Kessel auf Joro sprach zu ihr: ,,Mein Mütterchen! Dieses Fleisch der л'ОП mir erlegten Stiere findet in deinem einzelnen Kessel kei- nen Raumj wenn du es kochen willst, so hole die sämml- lichen Kessel der Nachbarschaft herbei!" Die Schwieger- mutter schickte nach allen Seiten hin, um die Kessel der iNachbarschaft beisammen zu holen, grub eine Menge Feuer- gruben'^^) und versah die Kessel mit Wasser; das Fleisch quoll auf und die sämmtlichen Kessel füllten sich bis an den Rand an. Als das Fleisch gar war und herausgenom- men wurde, versammelten sich eine Menge Menschen zum
28) Während der schönen Jaliroszeil wird bei den Nomaden- vülkern der Heerd ausserhalb des Hauses, d. h. der Filzhülte, im Freien angelegt. 14>rselbe bcbteht aus einer länglichen viereckigen Grube.
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Essen. ~ Die ScliwiegermulLer hatte eine Seile des Magens gegessen; diese wandelte Joro durch magische Kunst in den Eingeweiden der Schwiegermutter in einen ganzen Stier um-, die Schwiegermutter, welche die Menge Fleisch in ihren Eingeweiden vmmöglich verdauen konnte, lag hin- gestreckt und war dem Tode nahe. Joro nahm ein Stück Holz, ungefähr eine Klafter lang und bestrich damit den Leib der Schwiegermutter dreimal aufwärts nnd dreijnal niederwärts, wobei er die Worte sprach: „Mein Mütter- <:hen, stirb nicht an ünverdaulichkeit !" Alsbald fing die Schwiegermutter an, nach oben und nach unten sich aus- zuleeren und wurde gesund.
Dem Fürsten Tschotong kam wieder Neid und Scheel- sucht an; er Hess ausrufen: „Wer den (Vogel) Garuda erlegt und dessen zwei schöne Schwanzfedern sich erwirbt, demjenigen werde ich die Rogmo Goa zur Frau geben." Alles Л'^о1к begab sich hinaus, um dieser einfachen Jagd zuzusehen. Joro erhob sich in der Fülle magischer Ver- wandlung gen Himmel, während er in seiner niedrigen, schlechten Gestalt auf der Erde blieb. Als Joro auf den Platz kam, waren bereits. zehntausend Mann versammelt, welche nach dem Garuda schössen, ihn aber nicht er- reichten; blos Bam Schürtse, der Sohn des Badmari, halte mitten in das Nest des Garuda getroffen. Als Joro ankam, fing er an den Garuda zu rühmen; er sprach: „Wie herrlich ist nicht deine brausende Stimme ! wie herr- lich mag nicht erst dein Kopf und Hals seyn!" Hierauf zeigte der Garuda seinen Kopf und Hals. Weiter sprach Joro: „Wenn schon dein Kopf und Hals so schön sind, wie prachtvoll mag da nicht erst dein ganzer Körper seyn!" Hierauf zeigte der Garuda seinen ganzen Körper. Joro sprach sodann: „Dein ganzer Körper ist so wunderschön; gewiss ist dein Flug und Hin- und Herschweben nicht minder reitzend!" Während der Garuda seinen Flug be- gann, halte Joro angelegt, schoss und erlegte ihn. Die
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zwei schönen SchwanzfcHlern liess er ihm durch seine am Himmel schwebende Л erwandlung abnehmen und der Kogmo an ihre Kopfbedeckung stecken. Alles Volk fiel unterdessen über den herabgefallenen A'ogel her und slrilt sich um dessen Federn. Auch Joro kam hinzu, Avurde aber bald von Diesem, bald von Jenem zurückgestossen und geworfen. Da slellle Joro sich, als weine er; fiogmo Goa weinte in der That und sprach: „Während die wackern Männer Im Volke den Garuda erlegt und dessen Federn ihren Weibern angesteckt haben, hat mein Mann Joro niich auf solche Weise gedemüthigt." Indess weinten ausser Rogmo auch alle übrige ЛҮе!Ьег und jammerten: „Der rotznäsige, lumpige Joro hat den Garuda erlegt und die zwei schönen Schwanzfedern der Kogmo Goa aufgesteckt! ллагеп doch unsere wackern Männer auch solche gute Schützen gewesen!"
Alles Volk kehrte heim, nur Joro ging nicht nach Hause. Als Rogmo Goa nach Hause kam und eintreten w^ollte, stiessen die zwei schönen Schwanzfedern am obern Querbalken des Thürrahmens, und als sie ihre Mütze ah- nahm um nachzusehen, erblickte sie die Schwanzfedern. „Gewiss ist Joro eine magische A'^erwandlung!" rief sie und ging sogleich seiner Spur nach. Sie fand Gesser ron allen seinen Schulzgeislern umgeben in einer Felshöhle sitzen, woselbst ein grosses Festmahl bereitet war. Rogmo Goa stand draussen, blickte verstuhlen hinein und dachte: „W4e schön wäre mein Mann als Gesser!" Mit diesem Gedanken trat Rogma Goa hinein, aber in demselben Augenblick wandelte sich Gesser ^^ieder in Joro 's Ge- stalt um. Die weisse Götlertcchter Arjälamgari sprach zu Rogmo Goa: „Liebe SchAvägerinu, von heute an wer- den dich alle die vielen Schutzgeister, л\ eiche hier ver- sammelt sind, grüssend ehren. Wirst du aber auch, wenn man dir von diesem Festinalde irgend eine Speise reicht, dieselbe essen?" Rogmo Goa antwortete: „Ich werde!"
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Nach Beendigung des Festmahles überreichle die weisse Götlinn Arjälamgari der Rogmo Goa ein gekocht zube- reitetes Kind in einer Schüssel, aber Rogmo Goa ass es nicht. Darnach überreichte sie ihr den Finger eines gestor- benen Menschen; Rogmo Goa schnitt und kaute daran und spie ihn aus. Da sprach die weisse Göllinn Arjä- lamgari: „Was haben wir verabredet?" Nachdem sie diess gesprochen, zerstreuten sich alle Theilnehmer des Festes. Rogmo Goa, ihrer Bewegung nicht Meister, er- griff die weisse Göttertochter Arjälamgari beim Rock- schoosse. Diese sprach zu ihr: „Was ist dein Begehr, Schwägerinn?'' worauf Rogmo Goa antwortete: „Ich er- bitte mir ein Kind von dir." Arjälamgari entgegnete: „Hättest du dieses gegessen, so hättest du drei Söhne ge- boren, die Gesser übertreffen, drei Söhne, die Gesser gleich gewesen seyn würden und drei Söhne, geringer als Gesser; aber ach, Schwägerinn, du hast es nicht vermocht! wie viele verlangst du jetzt?" Rogmo Goa erwiederte: „Ich überlasse es dir, weisse Götterlochler, wie viele du verleihen willst." Hierauf entgegnete diese: „So sollst du hundert und acht haben." Die weisse Göttertochter führte die Rogmo Goa zurück in ihre Wohnung und entfernte sich dann.
Als Joro einstmals ausgegangen war, kam Rogrho Goa weinend zu ihrer Schwiegermuller und sprach: „Ach, Müt- terchen, von so lange her, bis jetzt, leide ich in jeglicher Art und Weise; dein Sohn lebt nicht nach Sitte mit mir als seinem Weibe; statt dieser beständigen Leiden ist es angemessener, auf schickliche Weise zu sterben; Erlik Chaghan (der Todtenrichler) mag dann zwischen uns ent- scheiden! Das Weisse meiner Augen ist gelb geworden, das Schwarze meiner Augen (der Augapfel) ist gebleicht!" Nach diesen Worten ging sie hinaus. Nachdem Rogmo Goa sich entfernt hatte, rief Joro's Mutter denselben. Er kam und sie sprach zu ihm: „Rogmo Goa, deiu Weib, sagt, dass
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eie «terben wolle; sie sagt, von eo lange her bis jetzt leide ich und will nun die Eiilscheidnng dem Erlik Chaghan anheimstellen. Statt der Tochter eines angesehenen Mannes den Tod zu bereiten und mir einen bösen Namen zu ma- chen, Ware es besser von dir, mein Sohn, in gebräuchlicher Weise zu leben. '' Joro entfernte sich und legte sich in Gessers Gestalt (verwandelt) nieder. Rogmo Goa, die draussen durch eine Spalte gelauscht hatte, lief hinein und warf sich über Gesser. Dieser sprach: „Es ist Sitte, dass der Mann auf der Frau liege, nicht aber die Frau auf dem Manne." Hierauf Hess er die Rogmo Goa sich mit dem Gesichte nach den vier Gegenden wenden , wobei er ihr jedesmal zu neun, in allem sechs und dreissig Ermahnun- gen (Belehrungen) gab; er sprach: „Als ich geboren wurde, gab es eine teuflische schwarze Krähe, welche den Kindern im ersten Jahre die Augen aushackte'*^). Nachdem ich über mein Auge die neunfache eiserne Fangschlinge gelegt und die teuflische schwarze Krähe gefangen und getödtet hatte, erzeigte ich mich da nicht als der über seine Augen noch ein Auge vermehrende Gesser Chaghan? — In meinem zweiten Jahre pflegte der Kungpo genannte Teufel mit Zähnen einer Ziege, mit einer Hundsschnauze und wie eine eiserne Bestie gestaltet, unter der Gestalt des Erkeslong Lama zu erscheinen'"), dtni Kindern die Zungenspitze ab- zubeissen und sie stumm zu machen. Als ich nun meine fünf und vierzig Zähne zusammenbiss und ohne saugen zu wollen dalag, fiagte er meine Eltern: „War dieses euer Kind von Geburt an so, oder ist es erst kürzlich so ge- worden?-* worauf meine Eltern erwiederten: „Л'^оп der Geburt an hatte es bisher Mund und Nase; ob es vor Kur- zem gestorben und also geworden ist, wissen wir niclit." Hierauf Hess der Lama an seiner Zunge saugen ; „ es fängt
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ein wenig an der Zunge zu saugen an," rief er; und dann ,,jelzt saugt es vortrefflich!" wobei er seine Zunge immer weiter zum Saugen hinstreckte. Als ich ihm sodann wäh- rend des Saugens die Zunge an der Wurzel mit meinen fünf und vierzig schneeweissen Zähnen abbiss und ihn tödlete, erwies ich mich in meinem zweiten Jahre da nicht als der über seine Zunge noch eine Zunge vermehrende G^'esser Chaghan? — Als in meinem dritten Jahre die verzauberten Berghasen'*) die Gestalt der Erdoberfläche um- wandelten und dem Monghol -Volke viel Schaden zufügten, verwandelte ich mich in einen alten Ochsenhirten, nahm mein kleines stählernes Beil mit, ging hin und fand die Berghasen von der Grösse von Ochsen umhergehen. Als alter Ochsenhirte schlug ieh diese Ochsen zwischeu beide Hörner und tödtete sie. Er\vies ich mich damals in meinem dritten Jahre, als die verzauberten Berghasen die Erdober- fläche umwandelten und dem Monghol - Volke Schaden zu- fügten, als ich die verzauberten Berghasen tödtete, nicht als der wohlthätige Held und Bogda Gesser Chaghan? — In meinem vierten Jahre zog ich nach Boldschomurun Chogolai '*)•, daselbst waren die sieben Alwin, welche täglich siebenhundert Menschen und siebenhundert Pferde, TOU welcher Eigenschaft oder Bestimmung sie auch seyn I mochten, verzehrten. Als ich in meiner Verwandlung als t Joro diese sieben Alwin ins Meer stürzte und tödtete, als 1 ich die dreihundert Mann Räuber, Vagabunden und ge- j meines Gesindel, als ich ferner den Mangus (Pviesen) i Ik Tonggorok tödtete, erwies ich mich da nicht als der i Herrscher in den zehn Gegenden, der heilbringende Held [ und Bogda Gesser Chaghan? — In meinem fünften Jahre j zog ich zur Niederlassung nach E n g k i r c kü i n D s c h u ^'^) und
1 31) Vergl. S. 20.
I 32) Vergl. S. 37.
33) Vergl. S. Vi.
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machte dieses Engkireküiu Dschu zu einer beglückten, herrlichen Gegend. Als ich hier in Nulumlal a'*) die drei- hundert Künstler des Erdeni Ghaghau aufhielt, indem ich durch magische Kraft aus drei Tagen einen machte und sie in der daraus entstehenden schrecklichen Hitze von Wespen und Bremsen umschwärmen Hess, als icii in dieser wasserlosen Gegend die dreihundert Kauüeute mir unter- ihan machte und, um die Wohlthaten meiner Eltern zu erwiedern, den Tempel des Chomschim Bodhisatwa erbauen liess-, als ich solchergestalt Engkireküin Dschu zu einem heglückten, herrlichen Ort gemacht hatte, erwies ich mich da nicht als Bogda Gesser Chaghan? — Als in meinem sechsten Jahr du, Kogmo Goa, in Begleitung dei- ner drei ausgezeichneten Bogenschützen und deiner drei starken Kingkämpfer kamsl"'^)^ als du dich vor den ver- sammelten zehntausend Mann als Rogmo Goa, die magi- sche \erwandlung einer Dakini, darstellest^ als ich deine drei starken Kämpfer tödtele und deine drei ausgezeichneten Schützen im Bogenschiessen besiegte^ als ich das Haupt der dreissigtausend Mann verwirrt machte und dich erwarb-, als sodann der Fürst Tschotong, abermals von Neid und Scheelsucht getrieben, dreissigtausend Mann zu einem Wett- rennen zusammenberief nnd zum Preise einen geschuppten Panzer, den Daghoris-choi genannten Helm, den To- mortsok genannten scharfen Säbel, nebsl dem Tümen odun genannten Schild bestimmte und dabei feststellte, dass
34) Dieses N u 1 u m t a I a , auch öfters N il u ni t a 1 a geschrieben üiid yefmulblich identiscli mit Engkireküin Dschu, war nach- her die beständig* Resident Gesser 's. Es ist wohl unstreitig, gleichwie Borotala und Schi ra lala, eine wirklich existirende Ge- gend in jenen , noch von keinem Eurupäischen Fusse betretenen Asiatischen Regionen. In Ssanang Sselsen's Geschichte der Ost- mongolen kommt Nilumtala S. 2'11 vor.
35) Vergl. S. 53 nnd 67.
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wessen Pferd den Sieg davon tragen würde, demjenigen sollte ausser diesen Kleinodien auch Rogmo Goa zu Thei werden; als damals die Volksmenge sich versammelte und ich, meine himmlische Grossmutter Absa Gürlse bittend und Räuchcrwerk streuend, das braune geistige Pferd be- stieg, die dreissiglausend Mann im AYettrennen besiegte jenen mannigfachen kostbaren Waffenschmuck gewann und ihn meinem altern Bruder Dsesse Schikir schenkte*, als ich damals Alles meinem Willen unterwarf, erwies ich mich da nicht als das Oberhaupt Gesser Chaghan? — iVls in meinem siebenten Jahre der Fürst Tschotong, abermals aus Neid und Scheelsucht, ankündigte'*'), dass wer den Stier durch einen Scliuss erlegen und zuerst dessen Schwanz von dreizehn Wirbeln abschneiden würde, derjenige solle die Rogmo Goa bekommen; als damals alles Volk zusammen- kam und ich, obgleich zuletzt, den Stier mit dem Alankir- Bogen und dem Schigi nak - Pfeile in den Mittelpunkt zwischen beiden Augen traf und erlegte, erwies ich mich <la nicht als der alles A'^olk unter seine Macht beugende und den Tschotong beschämt nach Hause schickende, treffliche Schütze Gesser Chaghan? — Als in meinem achten Jahre der Fürst Tschotong abermals ankündigte''), dass derjenige, welcher während eines einlagigen Jagdzuges zehnlausend Stiere erlegen und dann über den Strom Uktus einen Durchgang bereiten würde, die Rogmo Goa erhalten solle; als damals der Fürst Tschotong und alles Volk zusammenkam und Joro, sein räudiges braunes Füllen rei- tend, in einlägigem Jagdzuge zehntausend Stiere erlegte und über den Strom Uktus einen Durchgang bereitete, erwies ich mich da nicht als der Herrscher in den zehn Gegenden, als der wohlthälige Bogda Gesser Chaghan? — Als in meinem neunten Jahre der Fürst Tschotong. abermals von
36) Vergl. S. 10.
37) Vergl. S. 72.
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Neid und Scheelsucht gequäll. ankündigte *•), dass derjenige, welcher im Stande sex, den Л'ogel Garuda durch einen Schuss zu erlegen und sich dessen zwei schöne Schwanzfe- dern zu erwerben, die Rogmo Goa erhalten solle; als da- mals alles Volk zu diesem Schauspiele sich versammelte, wandelte ich in meiner Gestalt als Joro auf der Erde und in meiner magischen Verwandlung am Himmel. Als ich an den Ort (der A^ersammlung) ankam, wxr alles Volk beschäf- tigt, nach dem Garuda zu schiessen, erreichte ihn aber nicht. Nachdem der Sohn des Badmari, Namens Bam Schürtse mitten durch das Nest des Garuda geschossen hatte, kam ich und rühmte den Garuda, welcher hierauf sich zu zieren und zu flattern anfing. Als ich damals den Garuda mitten durch den Kopf schoss, durch meine magische Verwandlung ihm seine beiden schönen Schwanzfedern ab- nahm und sie dir aufsteckte, erwies ich mich da nicht als der alle Bogenschützen übertreffende ausgezeichnete Schütze Gesser Chaghan? — Bin ich nicht Bogda Gesser, der in seinem zehnten Jahre , um sich dankbar gegen die Wohl- tljaten seiner Eltern zu erweisen, dem Chomschim Bo- dhisatwa einen Tempel aufbaute? — Bin ich nicht der reiche Gesser Chaghan, der in seinem elften Jahre den Fürsten aller bösen Krankheiten, den Rogmo ?s'agpo ge- nannten Teufel tödtete? — Bin ich nicht der Allherrscher (jesser Chaghan, der in seinem zwölften Jahre den Für- sten der Wassersucht, den Teufel mit eisernen Ohrringen fing, tödtete und dadurch den Л\ asscrgeschwülslen ein Ende machte? — Bin ich nicht Bogda Gesser Chaghan, welcher in seinem dreizehnten Jahre den Fürsten der Brandbeulen (der Pest), den grossköpfigcn Tcultl tödtete und dadurch der Pest ein Ende machte? — in meinem vierzehnten Jahre zog ich mit Adschu 3Iergen, der Tochter des Drachenfürsten , auf die Jagd. — Während
38) Vergl. S. 79.
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Adschu Mergen und Gesser Chaghan zusammen jag- ten, stiess Gesser Chaghan auf siehen wilde Stiere; ich (Gesser) schoss sie alle Sieben durch und durch, so dass der Pfeil in der Erde stecken blieb. Adschu Mergen stiess darnach auf neun Stiere; Adschu Mergen schoss alle neun Stiere durch und durch, so dass der Pieil im Felsen stecken blieb. jNun dachte ich, Gesser, bei mir selbst: „ Wie kann ich erfahren, ob (mein Gefährte) ein Mann oder ein Weib ist !•' Während dessen begegnete uns ein Stier. Da ich, Gesser, ihn nicht in die Schussweite zu bringen vermochte, trieb ich ihn aus der Mille des Volkes (der Jagdgenossen) heraus. Adschu Mergen jagte hinler mir. Als ich, Gesser, rückwärts schauend, sie erbhckle, rief ich ihr zu: ,,Du bist nur ein Weib: der Mensch hinter mir scheint nur ein gemeines Weib zu seyn." Adschu Mer- gen erwiederte: „Hast du mich wirklich als Weib erkannt!" und erlegte den Stier mit einem Schuss. Ich, Gesser, kam hinzu, riss den Pfeil (aus der Wunde), drückte ihn unter die Armhöhle und stellte mich als todt hingestreckt. Da sprach Adschu Mergen: „Gestern habe icli den Temur Chadai, Sohn des Amalai getödtet und sein schwarzbrau- nes Pferd erbeutet; nun aber habe ich den Henscher in den zehn Gegenden getödtet und nehme sein braunes Pferd." Mit diesen Worten führte sie das Pferd hinweg, während Gesser regungslos liegen blieb. Gesser wandelte eine seiner magischen Kräfte in einen andern Menschen um, welcher rief: „Weil Adschu Mergen den Herrscher in den zehn (jegenden, Gesser Chaghan getödtet hat, Jiaben sich dessen Bruder Dsesse Schikir und alle drei Volksabtheilungen versammelt in der Absicht, die Adschu Mergen zu lödlen und zu plündern." Hierauf löste' Adschu IMergcn ihr verstecktes Haupthaar und mit den Worten: „Möge meine rechte Flechte meinem Vater und meinem Bruder kein Unglück bringen!" liess sie die rechte Haarseile herabfallen. Sodann mit den Worten: „Möge
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meine linke Flecbte meiner Mutter und Sclnvester kein Unheil bringen!" Hess sie die linke Haarseite herabwallen. Endlich mit den Worten: „Möge mein Scheitelzopf meinen Sclaven nnd meiner Dienerschaft kein Unglück bringen!" liess sie das Scheitelhaar auf den Rücken herabwallen. So wie Gesser erkannte (dass sie ein Weib sey), sprang er auf und rang mit ihr. Einmal warf sie den Gesser auf die Knie; da sprach Gesser: „Kämpfen die Männer nicht dreimal hinler einander? Klopfen sie sich nicht viermal den Staub aus?-' Abermals begann der Ringkampf und ich, Gesser, warf sie nieder. Gesser sprach: „Ich nehme dich zum Weibe!" und als Adschu Mergen einwilligte, sprach Gesser weiter : ..Wenn dem so ist , wirst du meinen kleinen Finger ablecken?" war Adschu Mergen auch damit einverstanden, worauf Gesser sich in den klei- nen Finger stach und sie das Blut ablecken liess. — Nun gingen Beide zum grossen See, um Wasser zu trinken.. Als sie zum Wasser kamen, sah Gesser das Abbild eines Pfeiles im Wasser schimmern und sprach : „ Hinler mir war Niemand mit gespanntem Bogen." Als er nun hinter sich schaute, erblickte er Adschu Mergen mit gespann- tem Bogen und fragte sie: „Was hast du vor?" Adschu Mergen antwortete : „Auf dich habe ich den Bogen nicht gespannt; es gilt einem Fisch im See." In der lliat rölhcle sich das Wasser von dem gelroffenen und getödleten Fisch. Als Beide an das Ufer des See's gelangt waren und ge- trunken hatten, zog Gesser seine Kleider aus, sprang in den See und schwamm an das jenseilige Ufer. Adschu Mergen, erhitzt und in Schweiss, konnte nicht ridiig blei- ben, sondern zog ebenfalls ihre Kleider aus und sprang in den See. Diess wussle Gesser, ei' pfiff und es entstand ein Wirbelwind, der ihre Kleider in die Höhe hob, wo sie an der Spitze eines Baumes hängen blieben. Nachdem Gesser zurückgekehrt war und seine Kleider wieder ange-
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legt hatte, kam Adschu Mergen, der es fröstelte, und setzte sich auf Gessers Schooss.
Nachdem Gesser, nach den vier Gegenden hingewen- det, je zu neun Belehrungen ertheilt hatte, sprach er: „Er- wies ich, der ich in meinem vierzehnten Jahre die Toch- ter des Drachenfürsten zum Weibe nahm, mich dadurch nicht als der Herrscher in den zehn Gegenden, als der Held Bogda Gesser Chaghan? — Dass ich nun in meinem fünfzehnten Jahre den Göttern gleich Blitze schleudere und den Drachen gleich donnere, beweise ich dadurch." Indem er diess sprach, blitzte es mit der Götterstimme und der Donner des Drachen krachte dazu'^), wobei ein Regen von Wasser des Lebens herabfiel. Während Gesser sprach, hörte Rogmo dann weinend, dann lachend zu.
ZWEITES CAPITEL.
Gessers Zug gegen den in einen Ungeheuern Tiger
VERЛVANDELTEN RiESEN UND DESSEN BeSIEGUNG.
In der Nordgegend hauste die Verwandlung eines Man- gus (Riesen) in der Gestalt eines schwarzgestreiften Tigers von der Grösse eines Berges. Seine Körperlänge nahm hundert Meilen AVegeslänge ein. Aus dem rechten seiner Nüstern loderte Feuer und aus dem linken wirbelte dicker Rauch empor. Einen Menschen erblickte er in der Entfernung einer Tagereise und erschnappte Um zum A^erschlingen in der Entfernung einer halben Tagereise. Die drei siegreichen Schwestern des Herrschers in den zehn Gegenden Gesser Chaghan, Namens Dschamtso, Dari und Udam, diese
39) Nach der Meinung der Tibeter und Mongolen sind die Blitze Pfeile einer auf einem Drachen iu den Wolken reitenden Gottheit, und der Donner wird als die Stimme dieses Drachen angeseheu.
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Schwestern kamen zu Gesser und sprachen zu ihm: .ЛҮ^Зб! du es auch, liebes Rotznäschen. dass in der Nord- gegend die Verwandlung eines Riesen in der Geslall eines schwarzgestreiflen Tigers von der Grösse eines Berges haust?" Ferner sprachen die drei durch magische Ver- wandlung siegreichen Schwestern: ,,Dass dieses dein A^olk auf Dschambudwip unter der Gewalt dieses Tigers sieht, ist gegen die Ordnung; suche daher ihn mit Vorsicht zu bekämpfen und zu besiegen!" Gesser erwiedcrte: „Meine Schwestern haben vollkommen Recht! ich habe es nicht gewusst; nun aber will ich hingehen und ihn besiegen." Sogleich schickte er einen Boten zu seinem edelii Bruder Dsesse Schikir und zu seinen dreissig Helden, mit dem Befehle, sie Einen nach dem Andern zu sich herzuberufen. Als Alle sich versammelt hatten, fragte Dsesse Schikir: „Mein Bogda, zu welchem Zwecke hast du uns herberufen?" Gesser Chaghan antwortete: „Hast du nichts davon ge- hört, mein Dsesse? in der Nordgegend haust ein schwarz- gestreifter Tiger von der Grösse eines Berges*, einen Men- schen erblickt er in der Entfernung eiupr Tagereise und erschnappt und verschlingt ihn in der Enlft-rnung einer hal- ben Tagereise. Die rölhfüssigen Menschen sollen nicht länger unter der Gewalt dieses Ungeheuers verbleiben. Da ich bis in mein fünfzehntes Jahr mein Daseyn in verwan- delter Gestalt (in niederer Gestalt als Joro) zeigte, so konnte ich euch kein einziges Zeichen meines Heldenberufs geben, nun aber will ich euch ein solches Zeichen geben: macht euch zum Aufbruch fertig!" Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Gegenden, halte sein braunes gei- stiges (magisches) Pferd bcslicgf-n. er hatte seinen ihau- schimmerfarbigen schwarzhlauei» Panzer angelegt, er lialle seine Avei.<;se Schullerbedcckung angelegl , er hatle stiiicn weissen, vic aus Sonne und Mond vereint zusammenge- setzten Helm aufgesetzt , er hatte seine dreissig weissen Pfeile mit Kerben von Edelstein und seinen straffen schwär-
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zen Bogen eingesteckt, er hatte sein geistiges (magisches) ckei Klafter langes Schwert von schwarzem Erze ange- schnallt und rief: „Du, mein Dsesse Schikir, Sperber unter den Menschen, besteige, mir nach, deinen geflügelten Grauschimmel, lege deinen geschuppten Panzer an, setze den Daghoris-choi genannten Helm auf dein edles Haupt, stecke deine dreissig weissen Pfeile ein, ergreife (fasse) dei- nen straffen schwarzen Bogen, schnalle deinen Kürmi ge- nannten Säbel von gegossenem Stahl um und folge unmit- telbar nach mir, mein Dsesse! Sodann du, mein Schumar, Adler unter den Menschen, besteige, meinem Dsesse nach, deinen Apfelschimmel , lege deinen thauschimmerfarbigen schwarzblauen Panzer an , stecke deine dreissig weissen Pfeile ein, fasse deinen straffen schwarzen Bogen, schnalle deinen Säbpl von unabstumpfbarer Schärfe und vom här- testen Stahle um ; und folge unmittelbar hinter meinem Dsesse! Sodann du Bam Schürtse, Sohn des Badmari, besteige, Schumar nach, deinen trefflichen Blauschimmel, lege deinen blau angelaufenen Panzer an, versehe dich mit deinem ganzen Walfengeräthe und folge unmittelbar hinter Schumar! Sodann du, mein Buidong, mein Verwandter von Frauenseite, besteige, Bam Schürtse nach, deinen Apfelschimmel, versehe dich mit deinem ganzen WafFen- gerälhe und folge unmittelbar hinler Bam Schürtse als Anführer der dreissig Helden in der Art, dass Einer nach dem Andern in ununterbrochener Linie dir folge!"
Nachdem der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan diese Befehle ertheilt halte, machle er sich in Begleitung seiner dreissig Helden auf den Weg. AVährend sie hinzogen, erblickte er in der Entfernung einer Tagereise den schwarzgestreiften Tiger von der Grösse eines Berges, Als Gesser Chaghan nun rief: „Dort ist der schwarz- gestreifte Tig<r von der Grösse eines Berges!- schaute auch der edle Dsesse Schikir hin und fragte: „Ist es etwa das gleich Nebel oder wie Rauch sich Ausbreilende auf dem
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Gipfel des Berges?" — .,Das ist es. mein Dsesse Schi- kir!" sprach Gesser. Die dreissig Helden fragten: .,Was? "Wo?" aber Dsesse Schikir entgegnete ihnen: ..Geht ruhig weiter! ihr seht es nicht. Lassl uns immer in der Richtung bleiben, wohin Gesser's Zügel lenkt!" Der Herr- scher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan ritt im massigen Trott, aber der schwarzgestreifte Tiger von der Grösse eines Berges , noch eine halbe Tagereise entfernt, nahm die Flucht. Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan gab seinem magischen Braunen einen Hieb über den Schenkel und. verstärkte dessen Lauf-, hinter Gesser folgten die dreissig Helden in einer Reihe nach ihrer Ordnung. Der schvv arzgestreifte Tiger von Berges- Grösse versuchte aus der Entfernung einer Tagereise Ges- ser Chaghan zu verschlingen, verfehlte ihn aber. Nach diesem verfehlten Versuche erreichten und umzingelten sie ihn. Als die dreissig Helden sämmtlich beisammen waren, wollte Gesser versuchen, welcher von ihnen herzhaft und welcher es nicht sey und sprang zu dem Ende in magi- scher Verwandlung in den Rachen des Tigers. Innerhalb des Rachens stemmte er seine beiden Füsse gegen die un- tern Hauzähne des Tigers, stemmte sein Haupt gegen dessen Gaumen und seine beiden Ellbogen gegen die beiden Mund- winkel desselben. Buidong mit den dreissig Helden er- griffen die Flucht. Dsesse Schikir, diess sehend, rief: „O Weh, warte doch, Buidong, лvas machst du!" Aber Buidong, ohne sich umzusehen, floh weiter fürs erste bis zur Grenzscheide, ehe er sich zurück zum grossen Volke begab. Bei Gesser waren geblieben der edle Dsesse, der Adler der Menschen Sc hum ar und Bam Schürtse, Sühn des Badmari 5 diese drei Helden waren allein übrig ge- blieben. Traurend sprach Dsesse Schikir zu den beiden andern Helden: ..Den Herrscher in den zehn Gegenden, den Vertilget der Wurzel der zehn Uebel, meinen iieil- bringenden Helden und Bogda Gesser Chaghan hat der
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schwarzgestreifte Tiger von Berges -Grösse verschlungen. Der nichtswürdige B u i d o n g ist geflohen und hat die dreissig Helden in seine Flucht mit forlgerissen. Was лvшde aus dem iheuern Namen meines Bogda werden, wenn auch wir Drei die Flucht ergriffen! Was würden die mancherlei grausamen Feinde sagen! was würden die neidisch - grollenden Verwandten, was die drei Schirai- ghol'schen Chane sagen! was ist eure Meinung, meine Ge- fährten?" Sie antworteten: „Was können wir Beide ent- scheiden: du, unser Dsesse Schikir, magst wissen was zu thun ist!'* Dsesse Schikir sjirach: „Das kann soviel heissen als: ich möge entscheiden, ob ein Fest gefeiert (d. h. nichts gethan) werden soll; ihr gebt aber damit wohl eure Absicht zu verstehen, entweder umzukommen oder davon zu kommen (d. h. zu siegen). Diess gesagt spornte Dsesse Schikir mit betrübtem Herzen seineu geflügelten Grauschimmel durch einen Schenkelslreich an, zog seinen Kurmi genannten scharfen Säbel von gegossenem Stahl und war im Begriffe, den Tiger anzugreifen, als ihm der Gedanke einfiel: „Mein Gesser Ghaghan, der Herrscher in den zehn Gegenden, besass das Vermögen magischer Verwandlungen j er mag nun todt oder noch am Leben seyn, so muss ich, auf den Fall, dass er noch leben sollte, bis zu seinem edeln Körper zu gelangen suchen." Mit diesem Gedanken steckte er den Kurmi genannten Säbel von ge- gossenem Stahl ein und fiel den Tiger an, den er am Stirnfell packte und mit dem linken Arm umschlungen hielt. Während der Tiger würgte und sich schüttelte, riss Dsesse Schikir ihm mit der festgekrallteu Hand das Stirnfell her- unter, schwang sich dann hinauf und bekam dessen beide Ohren zu packen, Avodurch er ihm die Bewegung raubte. Nachdem Dsesse solchergestalt den Tiger in seiner Gewalt hatte, zogen die beiden andern Helden ihre Schwerter, stie- gen ab und kamen heran. Unterdessen rief Gesser Gha- ghan aus dem Innern des Tigerrachens Folgendes: „Mein
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edler fDsesse Schikir, dich habe ich erkannt! Verdirb nicht das Fell dieses Tigers: wir werden ihn durch ein anderes Mittel lödten! Denn aus dem Kopffell des Tigers können hundert Helme, so wie aus dem Fell des übrigen Körpers hundert und fünfzig Harnische verfertigt werden, Lass den Ticrer los, mein Dsesse!" Mit Lachen liess Dsesse den Tiger los und rief: ,,'Was hat mein Bogda da gesprochen!" Unterdessen hatte Gesser Chaghan mit sei- ner linken Hand die Kehle des Tigers fest erfasst, лvoduгch er ihn zum Wanken brachte. Sodann zog er mit der Rech- ten sein Messer mit krystallenem Hefte hervor, stiess es dem Tiger durch die Kehle und kam heraus. Nachdem Gesser Chaghan den Tiger getödtet halte, sprach er: „Bist du, mein Dsesse, nicht ein Künstler? Schneide doch aus dem Kopflell für die dreissig Helden dreissig Helme zu, so auch aus dem Fell des übrigen Körpers dreissig Harnische. Das Uebrigbleibende vom Fell ллоПеп wir un- ter die Besten der dreihundert Hauplleule vertheilen."
Nachdem Gesser Chafjhan den Tifjer g^elödlet hatte, trat er mit seinen drei Helden den Rückweg an. Unter- wegs sprach Dsesse Schikir: „Mein Bogda, der nichts- würdige Buidong liat . deine dreissig Helden mit sich fortreissend, die Flucht ergriffen! Welche Schmach deinem theuern Namen!" Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaglian erwiederte: „Mein Dsesse Schikir, schweige davon! Avährend ich von meiner kleinsten Kind- heit an die Grausamen unterdrückte und besiedle, sebrauchte ich den Buidong beständig als Wegweiser. Dieser Bui- dong ist ein solcher AVegweiser, dass er zum Beispiel in der finstersten Nacht eine irgendwo hingesteckte Nadel nie verfehlen wird. Ueberdiess ist er ein vollkommener Meister in der Kenntniss der Sprachen aller sechs Wesengattungen. Darum schweige und beschäme ihn nicht! Sein Titel ist
fortan Mergen Tewene.
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DRITTES CAPITEL.
Wie Gesser Ghaghan die gestörte Reichsverwaltung
DES KüME GhAGHAN VON GhINA IN OrDNUNG BRINGT.
Die Geinahlinn des Kürae Chaghan von China war Buddha geworden (gestorben). Nach dem Tode seiner Ge- mahlinn erliess der Chaghan folgenden Befehl: „In Folge dieses mich betreffenden (Todesfalles) soll jeder stehende Mensch stellend trauern, soll jeder sitzende Mensch sitzend trauern, soll jeder wandelnde Mensch fortwandelnd trauern, soll jeder essende Mensch fortessend trauern, soll jeder nicht essende Mensch ungegessen trauern!" Als alles A'^olk sich über diesen Befehl unzufrieden bezeigte, versammelten sich die höchsten Würdenträger des Chaghan ausserhalb (des Pallastes) und hielten folgende Berathschlagung: „Die Chäninn ist gestorben, ihre Gebeine sollten beigesetzt wer- den, die Lamas sollten versammelt werden, um von ihnen Avährend neun und vierzig Tagen Religionsschriften lesen zu lassen-, es sollten unermessliche Wohlthätigkeitsgaben dar- gebracht werden, der Chaghan sollte eine andere Gemahlinn wählen und nehmen , er sollte das ganze Volk erheitern und vergnügen! Diese Gemahlinn ist ja nicht die einzige Gestorbene: Jeder und das ganze Volk muss ja einmal sterben 5 wozu also ein solcher Befehl! Wer лväre nun wohl im Stande, diesen Chaghan zu erheitern (ihn auf andere Gedanken zu bringen)?" Zu der Zeit, als sie sich darüber befragten und Niemand ausfindig machen konnten, lebten (am Hofe des) Chaghan sieben kahlköpfige Schmiede (Metall- arbeiter)^ alle Sieben waien Brüder. Der älteste von ihnen war ein unbesonnener, sich in Alles mischender Kahlkopf, der aber ein Weib hatte, welches ihn meisterte. Als dieser kahlköpfige Schmid seine Arbeit vollendet hatte, sprach er zu seinem Weibe: „Die Minister befragen sich darüber.
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wer wohl den Chaghan zur Besinnung zu bringen im Slaude seyn möchte; diese Dummköpfe wissen es nicht, dass wenn der Herrscher in den zehn Gegenden, der wohlthätige Held Gesser Chaghan nicht im Stande ist, ihn zur Be- sinnung zu bringen, Niemand anders ausser ihm es ver- mag." Sein Weib entgegnete: „O Weh, was für ein un- besonnener, verrückter, nichtswürdiger und sündlicher Kahl- kopf bist du! Woran die Minister des Chaghan nicht ge- dacht haben, daran willst du sie erinnern! Gehe an deine vor dir liegende Arbeit und halte das Maul!'- Als der schwatzsüchtige Kahlkopf merkte , dass sein AVeib ihn nicht würde gehen lassen, sagte er ihr: „Hole doch Wasser! auch bin ich halb verhungert; lasst uns doch Essen kochen und Mahlzeit halten!" Den Boden des Gefasses aber, womit sein Weib nach Wasser zu gehen pflegte, halte er vorher durchlöchert. Nachdem er sein Weib nach Wasser forl- geschickt hatte, begab er sich in die Versammlung der hohen Beamten und sprach zu ihnen: „Wer, ihr Herren Minister, ist derjenige, der den Chaghan zur Besinnung zu bringen im Stande ist? Habt ihr ihn gefunden?" Die Mi- nister erwiederten: .,Wir haben ihn nicht gefunden; weisst du etwa Jemand, der den Chaghan zur Besinnung zu brin- gen vermöchte?" Der Kahlkopf versetzte: „Der Herr- scher in den zehn Gegenden, der wohlthätige Held Gesser Chaghan vermag es." Die Minister entgegneten: „Das ist eine schwere Aufgabe! wenn du ihn nicht herzuschaften vermagst , лүег sollte sonst ihn herzuberufen im Stande seyn!" Hierauf erwiederte der Kahlkopf: „Warum nicht? ich sehe! nur schafft mir ein Pferd und einen Begleiter!-' Die Kronsbeamten schafften ihm ein Pferd und einen Be- gleiter, der kahlköpfige Schmid machte sich auf den Weg, langte bei Gesser Chaghan an und stieg vor dessen Wohnung ab.
Während diess oreschah, hatte Gesser Chashan durch magisches Wissen die unbesonnene Schwatzhaftigkeit des
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Kahlkopfes erfabren und setzte denselben vor dessen Ein- treten durch einen Schreckbhck in Vervsirrung, so dass der Kahlkopf nach seinem Eintritte nicht wiisste, ob er sich setzen, ob er grüssen oder sich verbeugen sollte, son- dern verblüfft vor sich hinstarrte. Gesser Chaghan sprach: „Woher bist du, Taugeuichls? Was für ein nichtswürdiger, verrückter Kahlkopf bist du dochl dich zu setzen verstehst du nicht, fortzugehen verstehst du nicht; wie ein Narr bleibst du da stehen!" Der Schmid gab keinen Laut von sich. Nun hörte Gesser Chaghan auf, ihn durch seinen Schreck- blick zu verwirren, der kahlköpfige Schmid kam zu sich, verbeugte sich und sprach: „Die Gemahlinn des Küme Chaghan л'Оп China ist gestorben und der Ciiaghan hat Folgendes befohlen: „Jeder stehende Mensch soll stehend trauern; jeder nicht wandelnde Mensch soll an seinem Orte bleibend trauern ; jeder \vandelnde Mensch soll Avandelnd trauern ; jeder essende Mensch soll essend trauern und jeder nicht essende Mensch soll ohne Essen trauern!" Hier- auf hin haben die hohen Beamten des Ciiaghan sich bera- then und mich hergesandt in der Ueberzeugung, dass wenn Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Gegenden sich hinbegeben würde, der Chaghan wieder zur Besinnung kommen möchte." Gesser Chaglian rief: „AVas, bin ich dazu da, alle Chane zu trösten und zu erheitern, wenn ih- nen ihre Gemahlinnen sterben?" Der Kahlkopf ant\^ ortete hierauf nichts. Weiter sprach Gesser Chaghan: „Gut, ich werde hingehen; aber es gibt einen schneeweissen Berg lind an der Sonnenseite dieses schneeweissen Berges ein Schneeweisses blockendes Lamm*); das müsst ihr mir her- schaffen ! Ferner gibt es einen goldenen Berg und auf die- sem goldenen Berge eine von selbst mahlende goldene Mühle; diese schaÖ't mir her! Sodann gibt es einen eiser- nen Berg und auf diesem Eisenberge ein herumhüpfendes
1) Ve.''gl. für die.ses und das Folgende S. 54.
ene in m
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eisenblaues Rind-, dieses schafl't mir her! Ferner gibt es (noch) einen Goldberg und auf demselben einen von selbst um sich schlagenden goldenen Stecken j diesen schafft mir her! Weiter gibt es einen kupfernen Berg und auf diesem Kupferberge einen kupfeifarbenen bellenden Hund; diesen schafft mir her! Einen (drillen) goldenen Berg gibt es noch und auf diesem Goldberge eine herum schwirrende gold Brejuse; diese schafft mir her! Eine goldene Schlinge, u die Sonne zu fangen, gibt es; diese schafft mir herl I Neste des Ameisenkönigs gibt es angesammellen Goldstaub; diesen bringt mir her! Eine silberne Schlinge, um den Mond zu fangen, gibt es; diese schafft mir her! Eine Haod- voll Sehnen von Läus(!n gibt es, diese bringt mir her! Eine Hornbüchse, gefüllt mit dem Nasenblute des männli- chen schwarzen Adlers gibt es; diese schafft mir her! Eine Horubüchse, gefüllt mit der Milch aus den Brüsten des weiblichen schwarzen Adlers gibt es; diese schafft mir her! Eine Hornbüchse, gefüllt mit den Thränen der Jungen des schwarzen Adlers gibt es; diese schafft mir her! Im Meere gibt es einen saftigen Kry stall von der Grösse einer stei- nernen Walze; diesen schafft mir her! Sollte diess Alles aber nicht zu haben seyn, nun so gibt es sieben kahlköpfige Schmiede, die alle Sieben Künstler seyn sollen; darum schafft mir die Köpfe dieser sieben Schmiede her! Wenn ihr mir aber diese mancherlei '.Kostbarkeiten nicht schafft, so werde ich nicht kommen." — „Gut!" sprach der Kahl- kopf und trat den Bückweg an.
Bei seiner Heimkunft erzählte er die Worte Gesser Chaghan's. Die Kronsbeamlen riefen: „O Weh, wo sol- len wir so vielerlei Kostbarkeilen finden; könnten wir auch nur ein einziges davon habhaft werden! was aber die For- derung betrifft, das Gehirn der sieben kahlköpfigen Schmiede heizuschaffen, dazu kann Ralh werden; wir tödlcn die Sie- ben und machen ihm mit ihrem Gehirn ein Geschenk." Diess gesagt, erschlugen sie die Sieben und sandten die
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sieben Köpfe durch zwei Boten, welche sie dem Gesser Chaghan überbrachten. „Gut ist es, dass ihr mir zu eiuem nöthigen Geschäfte Menschenköpfe bringt", sprach dieser, setzte einen mit Fleisch angefüllten Kessel zum Kochen und kochte in einem andern Kessel die sieben Menschenköpfe. Die beiden Gesandten des Küme Chaghan sassen voll Furcht und dachten: „Es scheint, dass Gesser Chaghan unsere mitgebrachten sieben Menschenköpfe kocht, um uns damit zu bewirthen." Indess nahm er das SchafFleisch aus dem Kessel und setzte es den beiden Gesandten vor^ die sieben Menschenköpfe hingegen Hess er ganz zerkochen und nahm blos das Schadelgebein heraus, aus welchem er sieben Trinkschalen verfertigte. Unterdessen sprach er zu den beiden Boten: „Jetzt geht in eure Ileimathj ich werde bald nach euch kommen." Die beiden Boten traten hierauf den Rückweg an.
Nachdem die sieben Trinkschalen aus den Schädeln fertig waren, distillirte er aus Branntwein Arasa (Doppel- branntwein), sodann aus Arasa distillirte er Chorasa, aus Chorasa distillirte er Schi rasa, aus Schirasa distillirte er Borasa, aus Borasa distillirte er Tagpa, Tigpa, Marfea und Mirba, in Allem sieben Arten Chorasa (sehr star- ken Branntwein), welche er durch ein Beutelsieb seihte und dann die sieben Arten Chorasa darbrachte, indem er sie durch einen Wirbelwind zu seiner Grossmutter Absa Gürlse liinaufschickte. Die Grossmutler Absa Gürtse empfing das Getränk, genoss es und wurde davon berauscht. „Ist etwa mein Rotznäschen gekommen", rief sie, лоп oben herabschauend. — Gesser rief: „Mütterchen, ich möchte dich gern besuchen; lass mir. doch eine Leiter herab!" — „Mit Rechl, mein Lieber!" erwiederte die Gross- mutter und liess eine Strickleiter herab. Gesser rief: ,,Wie, mein Mütterchen, ist es deine Absicht, dass ich, dein einziger Enkel, herabfalle und den Hals breche, dass du mir eine Strickleiter herabsenkest? lass eine Kettenleiter
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herab!" Die Grossmutler senkte hierauf eine Kellenleiter herab, Gesser Chaghan stieg dieselbe hinan und kam zur Grossmutter. Er sprach zu ihr: „Mein Müllerchen! Rogmo Goa, mein Weib, deine unwürdige Schwiegertochter, hat mir erzählt, dass ihr A'aler Sengeslu Chaghan eine Menge Kostbarkeilen besitze, als: einen schneeweissen Berg, auf dessen Sonnenseite ein schnecw eisses Lamm blockt, eine «rol- dene Mulde, ein eisenblaues Kind, einen goldenen Stecken, einen Hund mit kupferner Schnauze, eine goldene Bremse, eine Handvoll Sehnen von Läusen, eine mit Nasenljlut von Ameisen gefüllte Hornbüchse, eine goldene Schlinge zum Fangen der Sonne, eine silberne Schlinge zum Fangen des Mondes, eine Hornbüchse voll Nasenblut des männlichen schwarzen Adlers, eine Hornbüchse voll Milch aus den Brüsten des weiblichen schwarzen Adlers, eine Hornbüchse voll Thränen aus den Augen der Jungen des schwarzen Adlers, einen saftigen Kryslall aus dem Meere; — ist diess wahr oder gelogen?" Die Grossmutler erw'iederle: „Woher sollte jener Nichtswürdige alle diese Kostbarkeiten herhaben; ich aber besitze sie Alle!'' — „Wo ist diess Alles, Müt- terchen, zeige es mir doch!" entgegnete Gesser, worauf die Grossmutler sprach: „Warum sollt ich nicht, mein Lie- l)er, dort in jenem verschlossenem Kästchen sind sie; da, nimm!" Mit diesen Worten gab sie ihm den Schlüssel, den Gesser nahm, das Schloss öffnete, und während die Grossmutler seitwärts blickte, die mancherlei Kostbarkeilen aus dem Kästchen nahm und in den Busen steckte. Dann sprach er. „Nun, mein Mütterchen, habe ich dich besucht; jetzt muss ich wieder nach Hause!" Als er mit diesen Worten die Kellenleiler hinabzusteigen im Begriff war, rief die Grossmutler: „Mein lieber Joro, warum eilst du so sehr nach Haus? wie wäre es, erst eine Suppe bei mir zu essen?" Gesser entgegnete: „Mütterchen, icb Labe dich gesehen und das ist mir genug! Was liegt mir an Thee und Suppe." — Mit diesen Worten stieg er die KetleDleiler
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vollends hinab. Zu der Zeit war es Sitte, wenn man Jemand das Ausgeleite gab, ihm Asche nachzuwerfen. So rief denn auch die Alte: „Lebe wohl, mein Lieber!" und warf ihm Asche nach. Diese Asche sind, sagt man, die ein- zeln zerstreuten лveissen Wölkchen (Schäfchen) am Himmel. Nachdem Gesser Chaghan auf die Erde herabgestie- gen war, breitete er seinen Rockschooss ans und untersuchte, sie auseinander legend, die vielerlei Kostbarkeiten. Alle diese Kleinodien waren da , mit Ausnahme von Vieren, nämlich des Nasehblutes des männlichen schwarzen Adlers, der Milch aus den Brüsten des weiblichen schwarzen Adlers, der Thränen aus den Augen der Jungen des schwarzen Adlers und des saftigen Krystalls aus dem Meere." O Weh, rief Gesser, indem ich meine Herabkunft beschleunigte, habe ich von den vielen Kostbarkeiten vier derselben mit- zunehmen versäumt 5 woher soll ich sie nun nehmen!" Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan gab dem am Himmel sich aufhaltenden männlichen schwar- zen Adler einen Traum ein. Als der Adler des Morgens bei Tagesanbruch erwachte, sprach er zu seinem Weibchen: Seit meiner Geburt habe ich keinen solchen Traum gehabt 5 mir träumte nämlich in dieser Nacht, dass am Ursprünge des Stromes Nairandsa eine durch achtjährige Unfrucht- barkeit fett gewordene, krepirle bunte Kuh liege, und dass icTi hinging, ihr Fleisch zu verzehren. Was für ein herr- licher Traum war das." Sein AVeib entgegnete hierauf: „Es ist gegen Sitte und Gebrauch, dass am Himmel sich aufhallende Wesen sich auf die Erde herab auf dort lie- gendes Aas senken, so лvenig es Sitte ist, dass auf der Erde wandelnde Wesen sich zum blauen Himmel erheben. Als Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Gegen- den geboren wurde, geschah diess in einer Menschenhnut; man sagt, dass er sich in allen zehn Gegenden verwandeln könne; vielleicht ist jenes Fleisch seine Spfise und (jenes Wasser, der Fluss) sein Trank. Du Li^l unbekannt mi^
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der List eines Menschen, der über magische Verwandhm- gen gebietet, deshalb bleibe hier^ gehe nicht hin!" Der Adler versetzte: „Ich ^\erde am Himmel kreisend imihei- schweben und wenn kein Mensch da ist, mich herabsenken ^ ist aber ein Mensch da, so drehe ich um imd komme zu- rück. Ich muss doch sehen, ob mein Traum Wahrheit oder Täuschung ist.-' Mit diesen Worten entfernte er sich und sein Weib, das ihn nicht zurückhalten konnte, blieb zurück. Der Herrscher in den zehn Gegenden G e s s e r C h a g h a n hatte eine durch achtj^irige Unfruchtbarkeit fett gewordene bunte Kuh geschlachtet und ihren Körper an den Quellen des Stromes 3iairandsa hingelegt. Leber die Brust des Thieres hatte er seine eiserne neunastige Fang- schlinge aufgestellt. Für sich selbst hatte er eine Grube gegraben, in welcher er, den Zugfaden der Schlinge hal- tend, versteckt lag. Unterdessen kam der männliche schwarze Adler, kreiste am Himmel umher und senkte sich, als er fand, dass kein Mensch da war, herab. Er fing mit dem Hintertheile der Kuh an , iiass weiter bis zur Brust und nun zog Gesser Chaghan an die Schnur seiner neunar- migen eisernen Fangschlinge und fing den Vogel. Nach- dem er ihn gefangen hatte, liess er ihn herumspringen, und während er sich dabei den Schnabel zex'Stiess, sammelte Gesser eine HornJ>üchse voll von dessen Naseublute. Ln- terdessen schwebte das AVeibcheu des Adlers weinend am Himmel umher und rief ihrem Manne zu: „Habe ich es dir nicht gesagt? jetzt ist dir der Tod gewiss I " Gesser Chaghan, der mittels seines magischen AVissens die Trau- erworte des weiblichen Adlers verstand, sprach zu ihr: ,ЛҮе1ЬЦсЬег schwarzer Adler I dein Männchen werde ich nicht tödlen^ dvi aber schafte mir aus deinen Brüsten einjE; Hornbüchse vpll IVIüch und aus den Augen deiner Jungen eine Hornbüchse лоП ihrer Thränen. Ferner gibt es im Meere einen saftigen Krystall von der Grösse einer steiner- nen Walze, den schaffe mir herl diese drei Sachen schafle
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herbei! wonicht, so werde ich dein Männchen tödten." Bei diesen Worten Hess er den gefangenen Adler springen und flallern. Der weibliche Adler erwiederte: „Herrscher in den zehn Gegenden! furchtbarer Gesser Chaghan, lüdte ihn nicht! ich werde die (verlangten) Sachen zu schaf- fen suchen." Mit diesen Worten entfernte sie sich, säugte ihre Jungen nicht und sammelte dadtirch eine Hornbüchse voll Milch aus ihren Brüsten. Sodann quälte sie ihre Jun- gen bis zum Weinen und sammelte eine Hornbüchse voll Thränen aus ihren Augen. Zuletzt fand sie auch im Meere den saftigen Krystall von der Grösse einer steinernen Walze und holte ihn heraus. Diese drei Sachen brachte und über- lieferte sie dem Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan, worauf sie sich mit ihrem Männchen entfernte. Sobald der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan alle seine Kostbarkeiten beisammen halte, machte er sich auf den Weg zum Küme Chaghan von China. Daselbst angelangt, ging er sogleich in die Behausung (den Pallast) desKüjne Chaghan und fand denselben, seine ver- storbene Gemahlinn in den Armen haltend, sitzen. Gesser Chaghan sprach zu ihm: „Chaghan, handelst du nicht ganz verkehrt? es ist nicht Sitte, dass ein todter und ein lebendiger Mensch beisammen bleiben. Wenn sie beisam- men bleiben, so ist diess für den Lebenden von schlechter A'^orbedeutung. Die Gebeine deiner Gemahlinn beisetzen zu lassen, die gesammte Geistlichkeit zu versammeln und Religionsgebräuche verrichten zu lassen, wäre, nebst Spen- dung von milden Gaben, das Erforderliche. Dein guter JRuf und deine Ehre vor der Welt erfordern es ferner, dass du eine (neue) Gemahlinn nehmest, und dem ganzen Volke Freude und Zufriedenheit bereitest." Küme Cha- ghan sprach: „Wer und woher ist dieser verrückte Mensch? nicht nach einem Jahre , sogar nicht nach zehn Jahren werde ich diese (die todtc Gemahlinn) von mir lassen." — ;;Weun dem so ist, kann dem Chiighau nicht geholfen wer-
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den'% sprach Gesser Chaghan und ging hinaus. Nachdem Küme Chaghan eingeschlafen war, kam Gesser wie- der, stahl die lodte Gemahlinn von seinem Schoosse und legte ihm dafür das Aas eines Hundes in den Schooss. Beim Erwachen sprang Küme Chaghan auf und rief: „O Weh, O Weh! der Menseh von gestern hat \vahr gesprochen! Meine Gemahlinn ist, während sie (bei mir) lag, zum Hunde geworden! Nehmt diess weg und werft es hinaus!'' Wäli- rend diess geschah, sprach einer der Thürhüter : ,.Der Gesser Genannte kam herein und hat sie (die todte Ge- mahlinn) weggenommen ; aus Furcht konnnle ich nicht schreien." Der Chaghan rief: „O Weh, O ^Vch, dieser Gesser hat meine Gemahlinn Aveggenommen ! hülle er blos von meinem Schosse entfernt, was für den Lebenden sünd- lich und verderblich ist, wozu hat er mir aber den Hund (in den Schooss) geworfen? Dafür soll er sterben!" Diess gesagt Hess er den Gesser in die Schlangengrube werfen. Gesser spritzte ein wenig Milch aus den Brüsten des ЛА eiblichen schwarzen Adlers auf die Schlangen 5 davon wurden sämmlliche Schlangen vergiftet und krepirten. — Die grossen Schlangen brauchte der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan sodann als Kopfkissen und die vielen kleinen als Lagerstätte. Nachdem er also über- nachtet hatte, sang er des Morgens beim Aufstehen: „ Ich glaubte, dass dieser Chaghan, als er mich in die Schlangen- höhle werfen liess, ein Chaghan sey, der mich durch Schlan- gen könnte tödten lassen; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag, dass er seine Schlangen durch mich hat tödten lassen." Der Hüter der Schlangenhöhle verfügte sich zum Chaghan und berichtete alle Worte, die Gesser Chaghan gesungen hatte; er sprach: ,. Dieser Mensch ist nicht todt, vielmehr hat er alle unsere Schlangen gctücUet, liegt jetzt und singl." Küme Chaghan befahl nun, ihn in die Ameisenhöhle zu werfen. Gesser wuide hinein geworfen. Er spritzte von dem Nasi-nblute des
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männlichen schwarzen Adlers auf die Ameisen , wovon sie sämmllich vergiftet starben. Nachdem Gesser Chaghan die Ameisen gelödtet hatte, sang er: „Ich glaubte, dass dieser Küme Chaghan, als er den Gesser in die Amei- senhühle werfen liess, ein Chaghan sey, der mich könnte tödten lassen; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darü- ber freuen mag , dass er seine Ameisen durch mich hat tödten lassen." Der Hüter der Ameisenhöhle begab sich zum Chaghan und berichtete ihm: „Jener Mensch hat alle unsere Ameisen getödtet, liegt jetzt munter da und singt." ]Jer Chaghan befahl hierauf, ihn in die Läusehöhle zu wer- fen. Gesser Chaghan streute ein wenig von seinen Läuse- sehnen auf die Läuse , wovon sämmtliche Läuse starben. Nachdem er die Läuse getödtet halle, sang Gesser: „Ich v\'ar der Meinung, dass dieser Chaghan, als er mich in die Läusehöhle werfen liess, ein Chaghan sey, der mich könnte lödlen lassen; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darü- ber freuen mag, dass er seine Läuse durch mich hat tödten lassen." Der Hüter der Läusehöhle begab sich zu seinem Cliaghan und berichtete: „Jener Mensch liegt da und singl, nachdem er alle unsere Läuse getödtet hat." Der Chaghan befahl: „So w^erfl ihn in die Wespenhöhle!" Diesem Be- fehle gemäss nahmen sie den Gesser und warfen ihn in die Wespenhöhle. Er liess seine goldene Bremse los, welche alle Bienen und Wespen vernichtete. Nachdem er die AVespen gelödtet hatte, sang er: „Ich war der Meinung, dass dieser Chaghan, als er mich in die Wespenhöhle wer- fen liess, ein Chaghan sey, der mich könnte tödten lassen; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag, dass er seine Wespen durch mich hat tödten lassen." — Der Hüter der Wespenhöhle ging hin und erzählte seinem Cbaghan alle Wf)rle Gesser 's, worauf dieser in die Höhle der wilden Thiere geworfen wurde. Gesser Chaghan liess seinen Hund mit kupferner Schnauze los, welcher alle wiklc Thicrc \ciijicljlclc. Dann sang Gesser Cha-
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ghan: ., Ich glaubte, dass tlicser Chaghan . als er den Gesser iii die Höhle der \л1к1еп Thicre werfen liess, ein Chaghan sey, der ihn könnte lödlen lassen; nun sber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag, dass er seine wilden Thiere durch mich hat tödlen lassen." Der Hüter dieser Höhle ging zu seinem Chaghan und bcrichlete ihm „Jener Mensch ist nicht todt-, vielmehr hat er alle unsere wilden Thiere getödlet, liegt jetzt da und singt." Der Chaghan befahl: „So werft ihn in das finstere Loch!" Mit seiner die Sonne fangenden goldenen Schlinge und mit sei- ner den Mond fangenden silbernen Schlinge fing Gesser Chaghan die Sonne und den Mond, und übernachtete, das finstere Loch dadurch erleuchtend. Als Gesser aufstand, sang er: „Ich 'glaubte, dass dieser Chaghan, als er den Gesser in das finstere Loch werfen liess, ein Chaghan sey, der ihn tödten könnte ; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag, dass er sein finsteres Loch durch Gesser hat erleuchten lassen." — Der Hüter des Loches begab sich zu seinem Chaghan und berichtele ihm alle Worte Gesser 's, worauf der Chaghan befahl, ihn ins Meer zu werfen. Diess geschah, aber Gesser umfasste seinen saftigen Krystall von der Grösse einer steinernen Walze und da geschah es, dass so wie er hineingCAvorfen \\urde, das Meer sich in zwei Theile theilte und trocken wurde, so dass Gesser um seinen Krystall herumhüpfend sang: „Ich glaubte, dass dieser Chaghan, als er den Gesser ins Meer werfen liess, ein Chaghan sey, der ihn tödten könnte; nun aber ist es ein Chaghan, der sich darüber freuen mag, däss er durch Gesser sein Meer hat trocken legen und seinem Volke das Wasser hat entziehen lassen. •' Der Mensch, der den Gesser ins Meer geworfen halle, begab sich zum Chaghan und berichtete ihm: „Jenef Mensch ist nicht lodt; das Meer ist vertrocknet und solcherlei Gesang singt er." Der Chaghan befahl: „So setzt ihn auf den kupfcriien Esel und lödlel ihn, indem ibv von vier Seilen
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vier grosse Blasbälge in Wirksamkeil setzt!" Gesser Cha- ghan nahm die schwarze, durchaus risslose, Kohle von der Grösse eines Pferdekopfes heimlich zu sich und bestrich sich damit. Als die Blasbalgtreter kamen und von vier Sei- len ein grosses Feuer durch Blasen anfachten, liess er, als das Feuer ihm nahe kam, durch magische Kraft aus sich selbst Wasser strömen und löschte damit das Feuer voll- ständig aus. Nachdem Gesser das Feuer ausgelöscht hatte, sang er in früherer Weise. Die Blasbalgtreter gingen hin und berichteten: „Jener Mensch ist nicht gestorben 5 so und SU hat er gesungen.'- Der Chaghan befahl: .,So tödlet ihn, indem ihr ihn mit scharfen Waflfen zusammenhauet!" Als sie nun anfingen auf Gesser Chaghan zu schiessen und zu hauen, liess er durch magische Kraft mittels seines gol- denen Steckens die Waff'en zerschlagen und zertrümmern. Da sie ihn niclit lödlen konnten, gingen sie hin und be- richteten dem Chaghan : „ Was das für ein sündlicher Mensch ist! jetzt wissen wir kein Mittel mehr, ihn zu töd- ten: es ist uns unmöglich! der Ciiaghan möge selber ent- scheiden!" Der Chaghan befahl: „So sammelt eine Anzahl Lanzen (damit Bewaffnete) und tödlet ihn, ihn auf die Spi- tzen der Lanzen nehmend!" Als sie nun den Gesser Cha- ghar fortführten, nahm derselbe seine goldene Mühle mit und sprach betrügerisch und zum Schein: „Gegen diese (Todesarl) habe ich kein Mittel 5 nun ist mein Tod gewiss!"
Gesser Chaghan hatte die Tochter des Kü'me Cha--J ghau, Namens Küne Goa, durch jaagisches Wissen ken-- nen gelernt, er sprach: „Dieser Nichtswürdige hört nicht auf, dich auf alle Art zu quälen." Gesser Chaghan be- festigte nun einem Papagei einen lausend Klafter langen seidenen Faden an den Fuss, fasste das Fadenende und that, als wolle er den Papagei als Boten in seine Heimath schicken. Auf der Brustwehr der Feste rief er dem Pa- pagei mit lauter Stimme zu: „Mein Papagei, mache dich schnell аи1Чи'пЛҮс!^! denn der K um c Chaghan von China
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will den Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan lödlen. Sage meinen drei, mich übertreffenden, Helden, dass sie kommen sollen I Sage auch meinen drei, mir glei- chen Helden, dass sie kommen sollen! Sage dasselbe auch meinen drei Helden, geringer als ich! Meine (übrigen) dreissig Helden mögen hernach kommen ! Meinen neun Helden f^age, dass sie kommen sollen, das Schloss und die Stadt dieses Chaghans zu zerstören und ihn selbst aufs schmählichste umzubringen! Sage ihnen, dass sie vor sei- nen Augen Alles in Asche verwandeln, dass sie vor seinen Blicken Alles in sch^varze Kohle verwandeln und dass sie sein ganzes Volk wegführen sollen! nun mache dich auf den Weg, mein Papagei!" Der Papagei flog davon und Gesser Chaghan hielt das Ende des seidenen Fadens. Küme Chaghan und Alle um ihn hatten die "Worte ge- hört; sie riefen: ,.0 Weh, was thut er! den einzelnen Gesser waren wir nicht im Stande umzubringen und nun, wenn die neun Helden kommen sollten, wird von uns nicht das Geringste übrig bleiben! O Gesser Chaghan, rufe doch deinen Vogel zurück! wir werden dir Alles geben, was du forderst." Gesser erwiederte: „Mein Л^ogel ist schon zu Aveit geflogen; ich mag nicht!" Nun verbeugten sich Alle vor ihm und riefen: „Befiehl Avas du willst, wir werden deinem Befehle nachkommen!" Da sprach Gesser Chaghan: „Gut! wirst du mir deine Tochter Küne Goa geben? dann werde ich versuchen, ob ich meinen Vogel zurückrufen kann." Küme Chaghan erAviederte: ..Ich werde sie dir geben; warum sollte sie mir leid seyn!" Da rief Gesser Chaghan: .,Komm, mein Papagei! und winkte dabei in magischer Weise, während er den lausend Klafter langen seidenen Faden anzog und den Vogel zu- rücknahm. Küme Chaghan nahm den Gesser Chaghan mit in seine Behausung und richtele ein grosses Fest an. Seiner Tochter Küne Goa sagte er heimlich: „Meine liebe Kiine Goal ich muss dich dem Gesser geben; denn wenn
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du ihn nicht nimmst, so wird er uns tödten und dich den- noch nehmen." Küne Goa erwiederte: „Mein Vater, es scheint dem Verlangen des Herrschers in den zehn Ge- genden, Gesser ChagJian's gemäss zu seynj wenn er das Leben meines Vaters bedroht, warum sollte ich ihn nicht nehmen?" Der Chaghan genehmigte diese Worte und gab die Küne Goa dem Herrscher in den zehn Ge- genden Gesser Chaghan zur Gemahlinn.
Nachdem Gesser Chaghan die Küne Goa genommen lialte, verblieb er drei Jahre daselbst. Nach Ablauf der drei Jahre sprach Gesser Chaghan zu Küne Goa: „Deinen Vater habe ich beruhigt und vergnügt gemacht; bei dir und in deiner Nähe habe ich drei Jahre gelebt; jetzt kehre ich heim, komme aber wieder her, wenn ich meine Hauswirthschaft und meinen Viehstand untersucht haben werde," Küne Goa erwiederte: „O Weh, was sprichst du da, mein Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan! entweder bleibst du hier oder ich ziehe mit dir! was soll ich hier allein bleiben!" — ,,Gut, ver- setzte Gesser Chaghan, wir wollen ein Zeichen zwischen uns Beiden entscheiden lassen! lasst uns ausserhalb des Schlosses übernachten!" Gesser bestieg seinen magischen Braunen und Küne Goa ihr Blauschimmel - Maulthier mit einer Blässe und beide ritten znm Schlosse hinaus, um draussen zu übernachten, wobei sie folgendes Zeichen ver- abredeten: „Wenn dein Vorschlag gelten soll, dass wir Beide hier bleiben sollen, sprach Gesser, so soll sowohl mein magischer Brauner als dein Maulthier zum Schlosse herwärts den Blick gerichtet übernachten. Wenn aber dein Vorschlag ungültig, meiner aber gültig seyu soll, so muss der Blick meines magischen Braunen abwärts und nach der Gegend meiner Heimath gerichtet seyn." Dieser Verabre- dung gemäss legten sich Beide schlafen. Der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan ging am andern
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Morgen früh hinaus, um nachzusehen und fand, flass Beide, das Pferd und das Maulthier ihren Blick nach dem Sclilosse hin gerichtet halten. „Was, rief er, soll das von dir bedeuten, wein magischer Brauner! kehre deinen Blick nach der Ge- gend meines Hauses!'- Der magische Braune kehrte seinen Blick nach derGegend der Heimath und Gesser Ghaghan weckte die Rune Goa mit den Worten: „Der Morgen bricljt an, stehe auf! Nun, лл-ir haben uns ja nach Л^егаЬ- redung eines Zeichens schlafen gelegt: jetzt lasst uns sehen, wessen Vorschlag güllig und wessen \"orschlag ungültig ist! lasst uns nach dem Pferde und dem Maulthier sehen!" Küne Goa ging hinaus, sähe nach und sprach dann: „Dein Vor- schlag ist gültig, der meinige ist ungültig! Die Rückkeln- hängt von deinem Beheben ab; vsenn Gesser Chaghan, mein Herr, zurückkehren will, so mag es geschehen!" Beide stiegen auf; der Herrscher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan begleitete die Küne Goa, weil sie allein war, bis zum Schlosse und trat dann seine Heise au.
Unterwegs kam Gesser Chaghan an einen sehr hohen Berg und dachte: .,Л on so lange her bis jelzt sind meiner verrichteten Thaten schon so viele; nun will ich, mich Betrachtungen überlassend, hier bleiben." Während er da sass, kamen die drei siegreichen Schwestern, nebst dem Boa Dougtsong Garpo Genannten herab und sprachen: „Unsd* liebes Rötznäschcn! der Obertheil deines Körpers zeigt die Fü'l'le der Buddhas der zehn Gegenden; der Mittel- lheil deines Körpers zeigt die Fülle der vier grossen Göt- ter! Der Untertheil deines Körpers zeigt die Fülle der vier grossen Drachenfürsten-, welchen du züchtigest, dessen Sün- den fallen afb; welchen du tödtest, dessen Seele wird ei>- i'ettet. Bist du nicht Gesser Chaghan, der Herr dieses Dschambudwips? was für eine höhere Buddhageburt g^r- denkst du dü^ch dein Hiersitzen zu erwerben?" Gesser sprach: „Meine Schwx'storn haben Kechl I