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OTiBR:
DIE VERniNUiUNCi VON :STR1F. V>iD LANDWIRTSCHAFT. GEISTIGER UND KÖRPERLICHER ARBEIT
P. KROPOTKIN.
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BERLIN NW. 7.
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I AB 1887 PROFESSOR OF HISTORY |
i 1908-1928 DIRECTOR OF THE 1
^UNIVERSITY LIBRARY 1910-1928
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p. KROPOTKIN
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LANDWIRTSCHAFT. INDUSTRIE UND HANDWERK.
SCHOENHOF'S
Importers of Foreign Books
1280 Massachusetts Avenue
CAMBRIDGE, MASS.
LANDWIRTSCHAFT, INDUSTRIE UND HANDWERK
ODEE:
DIE VEREINIGUNG VON
INDUSTRIE UND LANDWIRTSCHAFT, GEISTIGER
UND KÖRPERLICHER ARBEIT
VON
P. KROPOTKIN.
AUTORISIERTE ÜBERSETZUNG VON GUSTAV LANDAUER.
BERLIN NW. 7
VERLAG VON S. CALVARY & CO. 1904.
E«v,^•^'«-W/1;;R7J5D^
UNIVERSITY
LIBRARY
dUN 23 1948
Inhalt.
Seite
Vorwort des Übersetzers 1
Vorwort des Verfassers 5
Erstes Kapitel: Die l)ezentralisation der Industrien . . 8 Arbeitsteilung und Vereinigung — Die Ausbreitung der indu- striellen Technik — Jedes Land Hersteller seiner eigenen Bedarfartikel — Großbritannien — Frankreich — Deutsch- land — Rußland ' — ^^Deatsche Konkurrenz." Zweites Kapitel: Die Dezentralisation der Industrien
(Fortsetzung) 30
Italien und Spanien — Indien — Japan — Die Vereinigten Staaten — Baumwoll-, Wollen- und» Seidenindustrie — Die wachsende Notwendigkeit für jedes Volk, sich hauptsächlich auf die heimischen Konsumenten zu stützen. Drittes Kapitel: Die Möglichkeiten der Landwirtschaft . 50 Die Entwicklung der Landwirtschaft — Angebliche Über- völkerung — Kann der Boden Großbritanniens seine Bewohner ernähren? — Britische Landwirtschaft — Vergleich mit der Landwirtschaft in Frankreich; in Belgien — Handelsgärtnerei: ihre Vervollkommnung — Bringt es Gewinn, in Großbritannien Weizen zu bauen? — Amerikanische Landwirtschaft: inten- sive Wirtschaft in den Vereinigten Staaten. Viertes Kapitel: Die Möglichkeiten der Landwirtschaft
(Fortsetzung) 95
Die Lehre des Malthus — Fortschritte im Weizenbau — Ost- flandem — Jersey — Kartoffelernten, früher und jetzt — Be- wässerung — Major Hallet's Versuche — Gepflanzter Weizen.
VI lAhalt.
Fünftes Kapitel: Die Mß^lite'hkeit en der Landwirt- schaf ti(Fort8etzuiig) 117
Ausdehnung der Gärtnerei und des Obstbaus: in Frankreich, in den Vereinigten Staaten — Kulturen unter Glas — Gemüse- garten unter Glas — Wannhauskulturen: in Guernsey, in Belgien; Schluß.
Sechstes Kapitel: Kleinindustrien und Industrie- dörfer .,,,.. . . . 140
Industrie und Landwirtschaft — Die Kleinindustrien — Ver- schiedene Typen — Kleingewerbe inGroßbritan- n i e n : Sheffield, Seengebiet, Birmingham — Kleinge- werbe in Frankreich — Weberei und verschiedene andere — Das Gebiet um Lyon — Paris, das Zentrum der Kleingewerbe.
Siebentes Kapitel: Kleinindustrien und Industrie- dörfer (Fortsetzung) 178
Kleingewerbe in Deutschland — Diskussionen darüber und Ergebnisse. — KleingewerbeinRußland — Schluß.
Achtes Kapitel: Geistige Arbeit und körperliche
Arbeit 201
Trennung von Wissenschaft und Handwerk — Technische Erziehung — Vollständige Erziehung — Das Moskauer System: Anwendung in Chicago, Boston, Aberdeen — Kon- kreter Unterricht — Gegenwärtige Zeitvergeudung — Wissen- schaft und Technik ~ Vorteile, die der Wissenschaft aus einer Verbindung der geistigen und körperlichen Arbeit er- wachsen.
Neuntes Kapitel: Schluß 233
Anhang 241
A. Französische Einfuhr 241
B. Aufschwung der Industrie in Rußland 241
C. Eisenindustrie in Deutschland , . • 242
Inhalt. Vn
D. Maschinenwesen in Deutschland 243
E. Die Baum Wollindustrie in DftUtschland 244
F. Minen- und Textilindustrie in Östörreich .... 245
G. Mr. Giifens und Mr. Flux^ Zahlen zur Stellung: Englands
im Welthandel 246
H. Die Baumwollindustrie in Indien 247
I. Bewässerte Wiesen in Italien 249
J. Die Kanalinseln 260
K. Gepflanzter Weizen (Die Erklärung von Rothamsted) 258
L. Verpflanzter Weizen 2ö0
M. Gemüseeinfuhr nach dem Vereinigten Königreich . 262
N. Die Handelsgärtnerei in Belgien 264
0. Kleingewerbe im Gebiet Lyons 266
P. Kleinindustrien in Paris 270
Q. Kleingewerbe in Deutschland 271
R. Intensive Landwirtschaft in Deutschland (Anhang des
Übersetzers) 272
Yorwort des Übersetzers.
In einer Zeit, wo wilder und einseitiger als irgend früher die Eufe: hie Landwirtschaft! hie Industrie! und hie Handel! ertönen, wo Kaufleute und Arbeiter billige Lebensmittel aus dem Auslande, Grundbesitzer und Bauern (das ist nicht ganz dasselbe!) gute Preise für ihre Erzeugnisse verlangen, wo Eng- land daran geht, sich ein größeres Reich zu schaffen, weil das kleine im Reichtum erstickt — kurz, in unserer sehr be- schränkten, sehr kurzsichtigen und sehr widerwärtigen Zeit tritt mit großer Selbstverständlichkeit ein Mann vor die Völker und sagt ihnen: Mir scheint, ihr streitet euch um den Raub! wollt ihr nicht lieber arbeiten, was ihr braucht? und ihr Ar- beiter! was gehen euch denn die billigen Lebensmittel an? wollt ihr nicht lieber dafür sorgen, daß ihr reichlich die Mittel zum Leben habt?
Peter Kropotkin, der dieser Mann ist, der so schlicht zu fragen versteht, der mit der Seele eines Kindes und dem durch- dringenden Geist eines sehr viel wissenden Weisen die Dinge aus der verzerrten Verrücktheit der Profitgier und Verblendung wieder auf den Boden einfacher Arbeit für Lebensbedürfnisse versetzt — Peter Kropotkin zeigt uns in dem Buche, das hier vorliegt, ein Zukunftsbild — nicht eine Utopie, ein Bild der nächsten, der herannahenden, der schon vorbereiteten Zukunft: die Industrialisierung der Landwirtschaft. Er könnte sich die Worte zu eigen machen, die Bernard Shaw, der Sozialist, der Kritiker, der Dichter gesprochen hat:
„Ich weiß, daß wir alle, besonders die, die in Städten wohnen, der Meinung sind, die Landwirtschaft sei ein edler Beruf, der Gesundheit und Freude und Kraft in sich birgt und
Kropotkin, Landwirtschaft, Industrie u. Handwerk- x
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die Erneuerung des Volkslebens. Meine Ansicht aber ist, daß sie ein unwürdiger, verkommener, empörender Beruf ist; und ich glaube, die Landwirtschaft in unserem Lande wird nie zu einer Blüte kommen, so lange sie in den Händen der land- Avirtschaftlichen Klasse verbleibt. Ich glaube, unserem Land wird Gedeihen kommen von den Menschen, die in den Städten gewesen sind und nun wieder zum Lande zurückkehren. Ich glaube, die Landwirtschaft der Zukunft wird nicht das Werk beschränkter Landwirte sein, die schlecht bezahlte Landarbeiter ausbeuten: sie wird das Werk intelligenter Männer sein, gleich den Männern, die in unseren großen Fabriken arbeiten: und die Männer, die dann in der Landwirtschaft tätig sind, werden Männer sein mit einem Gehalt von 2 «^ in der AVoche."*)
Erschütternd wie diese Worte eines haßerfüllten Menschen- freundes ist die Schilderung, die Kropotkin von der Lage der englischen und nicht nur der englischen Landwirtschaft gibt. Und dann zeigt er uns, wie die große Lüge unserer Zeit: West- europa müsse Industrieprodukte ausführen und Lebensmittel aus fremden Ländern heimbringen, dabei ist, krachend und stinkend zusammenzubrechen. Er zeigt uns die Methoden, durch die jedes Volk und jede Landschaft nahezu alles, was gebraucht wird, selbst herstellen kann. Die Dichtigkeit der Bevölkerung, die unsere Nationalökonomen, die sich gebärden, als ob sie im Dienste der Handelsbeflissenen ständen, mehr oder weniger verschämt Übervölkerung nennen, ist gerade das Mittel, die Methoden wissenschaftlicher Technik und die Vereinigung aller Kräfte auf die Bodenbestellung anzuwenden. Kropotkin zeigt, daß die Natur mierschöpflich ist: je mehr Menschen, arbeitende Menschen, um so mehr gibt sie her.
*) Worte, gesprochen auf der Konferenz der Garden City Asso- ciation zu Bournville am 20. und 21. September 1901. — Eine deutsche Gartenstadt-Gesellschaft, deren Teile sich mit den von Kropotkin in diesem Buch entwickelten Strebungen in allem wesentlichen decken, ist vor kurzem gegründet worden. Näheres durch den unterzeichneten Übersetzer.
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Wenn unsere Parteien und Interessenvertreter mit ihrem Schutzzoll- und Freihandelsgeschrei Verirrte in der Nacht sind, die wohl den Weg tasten möchten, der zum Volkswohl führt, die aber zu wenig sehen und darum einander an den Ohren zerren und puffen und auf die Füße treten und wild durch- einander schreien: dann kann ihnen, wenn sie also guten Willens sind, Kropotkins Buch eine Fackel sein, die ihnen den Weg weist. Vielleicht werden sie sich dann in dem Eufe einen: Oegen den Export! für die Arbeit dessen, was gebraucht wird! gegen den Profit! für produktive Arbeit! Vielleicht auch nicht
— vielleicht sind sie keines guten Willens dann wollen
wir hoifen, daß ihnen die Arbeiter, nicht gerade bloß die so- genannten Proletarier, die Arbeitenden und nach produktiver Arbeit Begehrenden — die Wege weisen.
Kropotkin also zeigt uns, daß die Entwickelung der In- dustrie und der technischen Wissenschaften zusammen mit der Dichtigkeit der Bevölkerung dahin führen werden, daß die Völker in intensiver Arbeit, in einer Verbindung von Wissen- schaft und Tätigkeit, von Landwirtschaft und Industrie ihre Bedürfnisse herstellen werden, daß die Umwege über Export und Profit in Zukunft vermieden werden, daß an die Stelle der wahnsinnig gewordenen Arbeitsteilung die Arbeitsvereinung treten wird.
Es lebt uns ein anderer Russe, der nicht wie Kropotkin nach Westeuropa verschlagen wurde, sondern in seiner noch dünn bevölkerten Heimat Wurzeln geschlagen hat. Das Gegen- teil scheint es, was er uns lehrt; und doch fällt von Kropotkin aus auf seinen Freund in der Heimat, auf Tolstoj, ein neues Licht. Sie beide wollen ja dasselbe: in Arbeit vereinte Men- schen, die schaffen, was sie brauchen. Nur daß Kropotkin in London lebt, ein Optimist und Gläubiger ist, ein Positivist und ein Anhänger Darwins und Spencers; Tolstoj aber kommt von Schopenhauer her und nur aus der Verzweiflung, nicht zuletzt aus der Verzweiflung an den Massen, ist sein geistiges Wesen und sein Streben zu verstehen. Wenn es sich aber — so scheint Tolstoj schmerzerfüllt uns zuzurufen — wenn es sich
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nicht um die Massen handelt, sondern nur um die wenigen Gerechten im Lande? um die zerstreuten und ewig vereinzelten Kinder Jesu? sollen die dann ewig den Fluch der Ungerechtig-^ keit, den Alp des Ekels ertragen? Sollen die nie imstande sein, für sich und ihr Heil ihr tausendjähriges Keich zu schaffen? sollen sie nicht — verzehren, was sie gearbeitet haben? ar-^ beiten um des Verbrauchs willen? Soll die Gerechtigkeit und die schlichte Schönheit des Lebens von der Technik und den Wissenschaften abhängen, die nur für Massen Wert haben — für eben die Massen, die sie nicht benutzen wollen? Wenn es sich nicht um eine dichte Bevölkerung handelt, sondern um kleinere Gruppen, um die vorangehenden Jünger, um die Sekten,, die an den Bändern des Lebens, in den Steppen und weiten,, dünnbevölkerten Kelchen am liebsten entstehen — dann muß- zunächst auf Bequemlichkeit und Technik verzichtet werden — Ein würdiges Leben aber ist jeder Zeit, jedem Ort, jeder Kultur- stufe möglich. Die Kultur ist für solche Sehnsüchtige, wie Tolstoj einer ist, kein Zweck, sondern ein Mittel, und ein Mittel, das seiner Sehnsucht nicht frommen kann. Heilige, Menschen, deren Sehnsucht nach Erfüllung schreit, haben nie die Kultur gebraucht; sie haben sich aufs äußerste beschränkt,, um ihr Ideal lebendig werden zu sehen. Denn die Heiligen sind die Irdischsten: sie wollen nicht warten, sie wollen auf Erden so leben, wie der Gott in ihrer Brust es verlangt.
Tolstoj und Kropotkin — das sind zwei Wege — mick dünkt, nach einem Ziel. Wenn es auf Kropotkins Wegen langsamer gehen sollte, als er annimmt und mit verlockenden Farben schildert — dann bliebe immer noch übrig, einstweilen auf Tolstojs Bahn vorauszugehen. Leicht möglich, daß die Massen, die Kropotkin für seine Wege braucht, dann schneller nachkommen könnten.
Hermsdorf (Mark). Gustav Landauer..
Yorwort.
Die Nationalökonomen haben, mit Bezeichnungen wie: Profit, Rente, Kapitalzins, Mehrwert und dergleichen, eifrig die Vorteile untersucht, die die Grundeigentümer oder Kapitalisten oder bestimmte bevorzugte Nationen entweder aus der unter- l)ezahlten Arbeit der Lohnarbeiter ziehen können, oder daraus, daß eine Gesellschaftsklasse von der andern beherrscht wird, oder daraus, daß die wirtschaftliche Entwickelung einer Nation gegen die einer andern zurückgeblieben ist. Da diese Gewinne unter den einzelnen Individuen, Klassen und Nationen, die an der Produktion beteiligt sind, in einem sehr ungleichen Ver- hältnis verteilt werden, hat es große Mühe gekostet, das ge- genwärtige Verteilungsverhältnis der Gewinne und seine wirt- schaftlichen und moralischen Folgen zu erforschen, und des- gleichen die Veränderungen in der gegenwärtigen Wirtschafts- organisation der Gesellschaft, die eine gleichmäßigere Vertei- lung der überschnell aufgehäuften Reichtümer ermöglichen könnten. Über diese Fragen bezüglich des Anrechts auf diesen Reich- tümerzuwachs werden jetzt zwischen den Nationalökonomen der verschiedensten Richtungen die heißesten Kämpfe aus- gefochten.
Mittlerweile blieb die große Frage: „Was sollen wir pro- duzieren, wie sollen wir produzieren?" notwendigerweise im Hintergrunde. Die politische Ökonomie, je mehr sie sich aus ihrem halb wissenschaftlichen Stadium emporhebt, trachtet immer mehr danach, eine Wissenschaft zu werden, die der Erforschung der menschlichen Bedürfnisse und der Mittel, sie mit möglichst geringem Kraftaufwand zu befriedigen, gewidmet ist, das heißt: eine Art Physiologie der Gesellschaft zu werden. Aber bisher haben erst wenige Nationalökonomen anerkannt, daß das das eigentliche Gebiet der Nationalökonomie ist, nur wenige haben
versucht, ihre Wissenschaft von diesem Standpunkte aus zu be- handeln. Infolgedessen ist der Hauptgegenstand der National- ökonomie, d. h. die Ökonomie der Kraft, die zur Be- friedigung der menschlichen Bedürfnisse erforderlich ist, eigentlich der letzte, dessen Behandlung in konkreter Form man in ökonomischen Untersuchungen zu finden erwartet.
Die folgenden Seiten sind ein Beitrag zu einem Teil die- ses umfassenden Problems. Sie enthalten eine Erörterung der Vorteile, die aus einer Verbindung industrieller Betätigung^ mit intensiver Landwirtschaft und der geistigen Arbeit mit der Handarbeit für zivilisierte Gesellschaften sich ergeben könnten.
Die Bedeutung einer solchen Verbindung ist der Aufmerk- samkeit einiger Jünger der Sozial Wissenschaften nicht entgan- gen. Sie wurde vor etlichen fünfzig Jahren mit Bezeichnungen wie „harmonische Arbeit", „integrale Erziehung" und so weiter lebhaft erörtert. Es wurde damals aufgezeigt, daß die größte Gesamtsumme an Wohlstand erreicht werden kann, wenn man- nigfaltige landwirtschaftliche, industrielle und geistige Beschäf- tigungsarten in jeder Gemeinschaft vereinigt sind, und daß der Mensch sein Bestes leistet, wenn er in der Lage ist, seine fast immer mannigfaltigen Fähigkeiten in verschiedenen Beschäfti- gungen anzuwenden: im Ackerbau, in der Werkstatt, in der Fabrik, im Studierzimmer oder im Atelier, anstatt auf Lebens- zeit an eine dieser Beschäftigungen allein festgenagelt zu sein.
In jüngerer Zeit, in den siebziger Jahren, veranlaßte Her- bert Spencers Theorie der Evolution ein bemerkenswertes Werk eines Russen: „Die Theorie des Fortschritts" von M. M. Michailowsky. Der Teil der fortschreitenden Entwickelung, der zur Differenzierung gehört, und der andere, der zur In - tegrierung der Fähigkeiten und Tätigkeiten gehört, wer- den von dem russischen Schriftsteller tiefgründig untersucht, und Spencers Formel der Differenzierung entsprechend ergänzt.
Und schließlich muß ich noch, abgesehen von einigen klei- neren Monographien, ein lehrreiches kleines Buch von J. R, Dodge, dem Statistiker der Vereinigten Staaten, erwähnen (Farm and Factory : Aids derived by Agriculture from Industries,
New- York 1886). Darin wird dieselbe Frage von dem Stand- punkte des praktischen Amerikaners aus untersucht.
Ein halbes Jahrhundert früher konnte eine harmonische Vereinigung von landwirtschaftlicher und industrieller Betätigung und desgleichen von Kopfarbeit und Handarbeit nur ein ent- fernter Wunsch sein. Die Bedingungen, unter denen das Fa- briksystem sich behauptete, und ebenso die verrotteten Formen der Landwirtschaft, die damals obwalteten, machten eine solche Vereinigung unfaßbar. Eine synthetische Produktion war un- möglich. Indessen hat die wundervolle Vereinfachung der tech- nischen Verfahren in der Industrie wie der Landwirtschaft, zum Teil dank der fortwährend wachsenden Arbeitsteilung — ent- sprechend den Vorgängen, die wir in der Biologie kennen ler- nen — die Synthese möglich gemacht; und eine deutliche Ten- denz nach einer Synthese der menschlichen Tätigkeiten offenbart sich jetzt in der modernen Entwickelung des Wirtschaftslebens. Diese Tendenz wird in den folgenden Kapiteln untersucht — wobei besonderes Gewicht auf die gegenwärtigen Möglichkeiten der Landwirtschaft gelegt wird, die durch eine Reihe Beispiele aus den verschiedenen Ländern beleuchtet werden, und des- gleichen auf die Kleinindustrien, denen durch die neuen Me- thoden der Kraftübertragung ein neuer Anstoß gegeben wor- den ist.
Der Hauptteil dieser Abhandlungen wurde in den Jahren 1888 — 90, im „Nineteenth Century", eine davon im „Forum" ver- öffentlicht. Indessen sind die darin aufgezeigten Tendenzen während der letzten zehn Jahre durch solch eine Masse neuen Materials erwiesen worden, daß eine sehr beträchtliche Menge neuen Stoffs zu verarbeiten war, während die Kapitel über die Landwirtschaft und die Kleingewerbe neu zu schreiben waren.
Ich benutze die Gelegenheit, all den Freunden und Correspon- denten, die mich durch Mitteilungen über Landwirtschaft und Kleingewerbe unterstützt haben, meinen besten Dank zu sagen.
Bromley (Kent) 1898.
P. Kropotkin.
Erstes Kapitel.
Die Dezentralisation der Industrien.
Arbeitsteilung und Vereinung. — Die Ausbreitung der industriellen Technik. — Jedes Land Hersteller seiner eigenen Bedarfarfcikel — Grofs- britannien. — Frankreich. — Deutschland. — Rufsland. — „Deutsche
Konkurrenz."
Wer erinnert sich nicht an das berühmte Kapitel, mit dem Adam Smith eine Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Nationen eröffnet? Selbst solche National- ökonomen unserer Zeit, die sich den Werken des Vaters der politischen Ökonomie selten noch zuwenden und die Ideen, die ihnen zugrunde liegen, oft genug vergessen, wissen dieses Ka- pitel beinahe auswendig, so oft ist es seitdem immer wieder abgeschrieben worden; und die Wirtschaftsgeschichte des Jahr- hunderts, das verstrichen ist, seit Adam Smith lebte, ist so- zusagen ein tatsächlicher Kommentar dazu geworden.
„Arbeitsteilung" war sein Stichwort. Und die Teilung und Unterteilung — die immer feinere Teilung — der Tätig- keiten ist so weit getrieben worden, daß die Menschheit in Kasten geteilt wurde, die fast so unverrückbar sind wie die des alten Indien. Wir haben zunächst die allgemeine Teilung in Produzenten und Konsumenten: wenig konsumierende Produ- zenten einerseits und wenig produzierende Konsumenten ander- seits. Dann gibt es in diesen Abteilungen eine Reihe weiterer Unterabteilungen: der Handarbeiter und der geistige Arbeiter, die zu beider Nachteil scharf voneinander getrennt sind; die landwirtschaftlichen Arbeiter und die Fabrikarbeiter; und in der Klasse dieser letztgenannten wiederum zahllose Unterabteilungen — die so ins kleinste getrieben sind, daß das moderne Ideal eines Arbeiters wahrhaftig so beschaffen zu sein scheint: ein Mann
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oder eine Frau, vielleicht ein Mädchen oder ein Knabe, die keinerlei Handwerk gelernt haben, nicht das geringste von der Industrie wissen, in der sie beschäftigt sind, die einzig imstande sind, den ganzen Tag und all ihr Leben denselben winzigen Bruchteil von etwas herzustellen: solch ein Wesen zieht vom dreizehnten Lebensjahre bis zum sechzigsten Kohlenkarren an eine bestimmte Stelle der Grube oder es verfertigt die Feder eines Federmessers oder den „achtzehnten Teil einer Nadel". Bloße Bediente einer bestimmten Maschine; ein bloßes aus Fleisch und Bein bestehendes Zubehör eines ungeheuren Mechanismus, ohne die geringste Vorstellung, wie und warum der Mechanismus seine rhythmischen Bewegungen vollbringt. Gelernte Kunstfertigkeit ist dabei — als Überbleibsel aus einer Vergangenheit, die zum Untergang verurteilt ist — völlig zu verschwinden. An Stelle des Handwerkers, der früher als Künstler ästhetischen Genuß am Werk seiner Hände empfand, trat der menschliche Sklave eines eisernen Sklaven. Ja, auch der Landarbeiter, der sich früher von der Mühsal des Lebens im Hause seiner Vorfahren erholen konnte — das dann wieder das Haus seiner Kinder war — und in seiner Liebe zum Boden und eifrigem Verkehr mit der Natur, auch er ist um der Ar- beitsteilung willen zum Untergang verdammt worden. Er ist ein Anachronismus, versichert man uns: er muß in einer Bonanza- Farm durch einen Gelegenheitsarbeiter ersetzt werden, der für den Sommer gemietet und, wenn der Herbst kommt, wieder entlassen wird: ein Tramp, der das Feld nie wieder sehen wird^ auf dem er einmal in seinem Leben die Ernte besorgt hat. „Binnen wenigen Jahren", versichern die Nationalökonomen, „kann die Landwirtschaft mit den Prinzipien der Arbeitsteilung und der modern industriellen Organisation völlig in Einklang gebracht sein."
Unsere Nationalökonomen und Politiker, die von den Er- gebnissen, zu denen unser Jahrhundert der wunderbarsten Erfin- dungen, vor allem in England, gelangt ist, geblendet waren, gingen in ihren Träumen von der Arbeitsteilung noch weiter. Sie verkündeten die Notwendigkeit, die Gesamtheit des Menschen-
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geschlechts in Völkerwerkstätten zu teilen, von denen jede ihre- besondere Spezialität haben sollte. Man lehrte uns zum Beispiel^ Ungarn und Rußland seien von Natur dazu bestimmt, Korn zu bauen, um die Industrieländer zu ernähren; Großbritannien hätte den Weltmarkt mit Baumwollwaren, Eisenwaren und Kohle zu versorgen; Belgien mit Wollstoffen, und so weiter. Ja, inner- halb jedes Volkes sollte jede Provinz ihre besondere Spezialität haben. So ist es seither eine Zeitlang gewesen; und so soll es bleiben. Auf diesem Wege sind Vermögen erv^^orben wor- den, und so wird es auch ferner der Fall sein. Nachdem es verkündet war, daß der Reichtum der Völker sich nach der Höhe der Gewinne bemißt, die die Wenigen einheimsen, und daß die größten Gewinne mittelst einer Spezialisierung der Arbeit erzielt werden, kam die Frage gar nicht in Betracht, ob lebendige Menschen sich immer einer solchen Spezialisierung unterwerfen wollten und ob Völker ebenso spezialisiert werden könnten wie vereinzelte Arbeiter. Die Theorie war gut für heutigen Tags — warum sich um morgen kümmern? Der Tag morgen konnte sich seine eigene Theorie schaffen.
Und das tat er auch. Die enge Lebensanschauung, die in der Ansicht bestand, daß der Profit das einzige Leitmotiv der Menschengesellschaft sei, und die starre Meinung, was gestern da war, müsse ewig dauern, waren, wie sich herausstellt, mit den Tendenzen menschlichen Lebens nicht im Einklänge;, und das Leben wandte sich nach einer andern Richtung. Nie- mand wird leugnen wollen, daß die Produktion durch die Spe-^ zialisierung eine hohe Stufe erreichen kann. Aber genau im selben Verhältnis, in dem die Arbeit, die von dem Einzelnen in der modernen Produktion erfordert wird, einfacher, leichter zu lernen und sicher auch monotoner und ermüdender wird, empfindet er mehr und stärker das Bedürfnis, mit der Arbeit zu wechseln, alle seine Fähigkeiten zu üben. Die Menschheit erkennt, daß die Gemeinschaft keinen Vorteil davon hat, einen Menschen sein Leben lang an einem Flecke anzuschmie- den, in einer Werkstelle oder einem Bergwerk; daß sie nichts gewinnt, wenn sie ihm unmöglich macht, so zu arbeiten^
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daß er frei mit der Natur verkehren könnte, daß er ein bewußter Teil desgroßenGanzenwäre,anden höchsten Genüssen der Wissen- schaft und Kunst, des freien Wirkens und Schaffens teilnähme.
Des ferneren lehnen es die Völker ab, sich spezialisieren zu lassen. Jedes Volk ist ein Gemisch von Trieben und Nei- gungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten, Fähigkeiten und Schöpfer- kräften. Das Land, das jedes Volk bewohnt, ist wiederum eine sehr mannigfaltige Kreuzung von Boden und Klimaten, von Hü- geln und Tälern, von Höhenunterschieden, die zu noch größerer Verschiedenheit der Länder und Rassen führen. Mannigfaltig- keit ist das Kennzeichen sowohl des Landes wie seiner Bewohner;: und diese Mannigfaltigkeit schließt die Mannigfaltigkeit der Be- schäftigungen in sich. Die Landwirtschaft ruft Industrien ins Leben, und die Industrien fördern die Landwirtschaft. Beide sind unzertrennlich; und die Verbindung, die Vereinung beider bringt die größten Resultate hervor. Je mehr das technische Wissen jedermann vertraut ist, je mehr es international wird und nicht mehr länger geheim gehalten werden kann, um so mehr er- wirbt jedes Volk die Möglichkeit, die ganze Mannigfaltig- keit seiner Kräfte auf die ganze Mannigfaltigkeit indus- trieller und landwirtschaftlicher Betätigung hinzuwenden. Das Wissen kennt keine künstlichen politischen Grenzen. Und ebenso wenig die Industrien; die gegenwärtige Tendenz der Menschheit geht dahin, eine möglichst weitgehende Mannigfaltig- keit der Industrien Seite an Seite mit der Landwirtschaft in jedem Lande, in jeder einzelnen Provinz beisammen zu haben. Die Bedürfnisse der Gemeinschaften entsprechen so den Bedürf- nissen der Einzelnen; und während eine vorübergehende Tei- lung der Tätigkeiten am sichersten den Erfolg eines einzelnen Unternehmens verbürgt, ist die dauernde Teilung zum Unter- gang verdammt und muß durch eine Mannigfaltigkeit von Be- tätigungen —geistigen, industriellen, landwirtschaftlichen — ersetzt werden, entsprechend den verschiedenen Fähigkeiten des Einzel- menschen und ebenso den mannigfaltigen Fähigkeiten innerhalb jeder Menschengemeinschaft.
Wenn wir demnach die Scholastiker unserer Lehrbücher
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verlassen und das menschliche Leben als Ganzes ins Auge fassen, dann entdecken wir bald, daß es hohe Zeit ist, wenn- schon alle Vorteile einer vorübergehenden Arbeitsteilung auf- rechterhalten werden sollen, die Vorteile der Vereinung der Arbeit in Anspruch zu nehmen. Die politische Ökonomie hat bisher hauptsächlich die Teilung Jbetont. Wir verkünden die Vereinung, die Integrierung; und wir behaupten, daß das ge- sellschaftliche Ideal — das heißt der Zustand, zu dem die Gesellschaft bereits unterwegs ist — eine Gesellschaft mit ver- einter Arbeit ist; eine Gesellschaft, wo jeder Einzelne zugleich geistig und körperlich arbeitet; wo jeder Taugliche ein Ar- beiter ist, und jeder Arbeiter sowohl im Feld wie in der in- dustriellen Werkstatt arbeitet; wo jede Gemeinschaft von Men- schen, die groß genug ist, über eine gewisse Mannigfaltigkeit natürlicher Hilfsmittel zu verfügen — sei es ein Volk oder nur ein Stamm — den größten Teil seiner landwirtschaftlichen und industriellen Produkte selbst herstellt und selbst verbraucht. Solange natürlich die Organisation der Gesellschaft so bleibt, daß es den Grundbesitzern und Kapitalisten erlaubt ist, sich unter dem Schutz des Staates und der historischen Eechts- einrichtungen den jährlichen Mehrwert der menschlichen Arbeits- kraft anzueignen, kann keinerlei Änderung der Art von Grund aus durchgeführt werden. Aber das gegenwärtige industrielle System, das auf eine fortgesetzte Spezialisierung der Tätig- keiten gegründet ist, trägt bereits die Keime seines eigenen Untergangs in sich. Die industriellen Krisen, die heftiger und ausgedehnter werden und die durch die Rüstungen und Kriege, die das jetzige System bedingt, noch schlimmer und heftiger werden, erschweren seinen Bestand mehr und mehr. Außer- dem bekunden die Arbeiter die deutliche Absicht, das Elend, das jede Krise mit sich bringt, nicht länger geduldig zu er- tragen. Und jede Krise bringt den Tag schneller heran, wo die gegenwärtigen Einrichtungen des Privateigentums und der Privatproduktion in ihren Grundlagen erschüttert werden, und zwar unter innem Kämpfen, deren Heftigkeit von der größeren oder geringeren Einsicht der jetzt privilegierten Klassen ab- hängen wird.
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Aber wir behaupten auch, daß jeder sozialistische Versuch^ die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit umzugestalten, fehlschlagen muß, wenn er die oben genannten Tendenzen zur Vereinung nicht berücksichtigt. Diese Tendenzen haben unseres Erachtens von Seiten der verschiedenen sozialisti- schen Schulen noch nicht die gebührende Beachtung gefunden
— dahin muß es aber kommen. Eine gewandelte Gesellschaft muß die Täuschung aufgeben, wonach die Völker entweder landwirtschaftliche oder industrielle Produkte herzustellen haben. Sie muß sich für die Herstellung der Nahrungsmittel und vieler, wenn nicht der meisten Rohmaterialien auf sich selbst ver- lassen können; sie muß Mittel und Wege finden, die Land- wirtschaft mit der Fabrikation zu verbinden — die Feldarbeit mit dezentralisierter Industrie — und sie muss für „integrale Erziehung" sorgen, denn diese allein, die von der frühesten Kindheit an zugleich in Wissenschaft und Handwerk unter- richtet, kann der Gesellschaft die Männer und Frauen geben, die sie braucht.
Jedes Volk sein eigener Landwirt und Fabrikant; jedes Individuum Feldarbeiter und irgendwie Techniker; jedes Indi- viduum im Besitz wissenschaftlicher Kenntnisse und handwerk- lichen Könnens — dies ist nach unserer Behauptung die gegen wärtige Tendenz der Kulturvölker.
Das ungeheure Anwachsen der Industrien in Grossbritannien und die gleichzeitige Entfaltung des internationalen Verkehrs,, der jetzt den Transport von Rohmaterialien und Lebensmitteln in unerhörtem Maßstabe erlaubt, haben den Eindruck hervor- gebracht, ein paar Völker Westeuropas seien dazu bestimmt,, die Kaufleute der Welt zu werden. Sie brauchten bloß —
— so führte man aus — den Markt mit Industrieprodukten zu versorgen, und sie zögen aus aller Welt die Nahrungsmittel in ihr Land, die sie nicht selbst ernten könnten, und die Roh- materialien, die sie für ihre Industrien brauchten. Die stets wachsende Geschwindigkeit der Verbindungen zur See und die stets wachsenden Erleichterungen der Schiffahrt haben dazu. beigetragen, diesen Eindruck zu verstärken. Wenn wir die
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Ijegeisterten Schilderungen des internationalen \>rkehrs lesen^ wie sie Neumann Spallart — der Statistiker und fast der Dichter des Welthandels — so meisterhaft entworfen hat, so sind wir in der Tat geneigt, vor den erreichten Resultaten in Entzücken zu geraten. „Warum sollen wir Korn bauen, Ochsen und Schafe züchten und Obstgärten anlegen, warum die müh- selige Arbeit des Bauern verrichten und in Befürchtung einer ^schlechten Ernte ängstlich nach dem Himmel blicken, wenn wir mit viel geringerer Mühe Berge von Korn aus Indien, Amerika, Ungarn oder Rußland bekommen können. Fleisch aus Neu- seeland, Gemüse von den Azoren, Apfel von Kanada, Trauben aus Malaga und so weiter?" So rufen die Westeuropäer. „Schon jetzt," sagen sie, „besteht unsere Nahrung selbst in bescheidenen Haushaltungen aus Produkten, die aus aller Welt her zu uns kommen. Unsere Kleider werden aus Fasern oder aus Wolle gemacht, die in allen Teilen der Erde gewachsen oder geschoren worden sind. Die Prärien von Amerika und Australien, die Berge und Steppen Asiens, die eisigen Wild- nisse der arktischen Zone, die Wüsten Afrikas und die Tiefen der Meere, die Tropen und die Länder der Mitternachtssonne sind uns tributpflichtig. Alle Menschenrassen tragen dazu bei, uns mit unserer einfachen wie mit der üppigen Nahrung zu versorgen, mit schlichten Kleidern und Phantasiekostümen, während wir ihnen als Gegenleistung die Produkte unserer höheren Intelligenz, unseres technischen Wissens, unserer mächtigen industriellen und kaufmännisch organisatorischen Fähigkeiten senden! Ist dieser geschäftige, umfassende Austausch der Waren über die ganze Erde weg, der binnen weniger Jahre plötzlich empor- gekommen ist, nicht ein wundervoller Anblick?"
Zugegeben, es sei so; aber ist es mehr als ein böser Spuk? Ist es notwendig? Auf welche Kosten ist man dahin gelangt, und wie lange wird es dauern?
Gehen wir achtzig Jahre zurück. Frankreich lag blutend am Ende der napoleonischen Kriege. Seine junge Industrie, die am Ende des letzten Jahrhunderts sich zu entwickeln be- gonnen hatte, war ruiniert. Deutschland, Italien waren auf
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industriellem Gebiet mächtlos. Die Heere der großen Republik hatten der Leibeigenschaft auf dem Kontinent einen tötlichen Streich versetzt; aber mit der Wiederkehr der Reaktion ver- suchte man die sterbende Institution wieder zu beleben, und die Leibeigenschaft ließ keine in Betracht kommende Industrie aufkommen. Die schrecklichen Kriege zwischen Frankreich und England, die oft auf lediglich politische Ursachen zurück- geführt werden, hatten eine viel tiefere Bedeutung — eine wirt- schaftliche Bedeutung. Es waren Kriege um die führende Stellung auf dem Weltmarkt, Kriege gegen Frankreichs Handel und Industrie — und England gewann die Schlacht. Es be- herrschte die Meere. Bordeaux war nicht mehr der Neben- buhler Londons und die französische Industrie schien im Keime erstickt. Und England begann, begünstigt durch den mächtigen Anstoß, den das Zeitalter der Erfindungen den Naturwissen- schaften und der Technik gegeben hatte, und ohne ernsthafte Konkurrenten, seine Industrie in die Höhe zu bringen. In großem Maßstabe und in ungeheuren Quantitäten zu produzieren, wurde die Losung. Das notwendige Menschenmaterial wurde unter den Bauern gefunden, die zum Teil gewaltsam von ihrem Lande vertrieben, zum Teil durch hohe Löhne in die Städte ge- zogen wurden. Die notwendigen Maschinenanlagen entstanden, und die britische Produktion fabrizierter Waren ging mit Riesen- schritten vorwärts. Im Laufe von noch nicht siebzig Jahren stieg die Förderung von Kohlen von 10 zu 130 Millionen Tonnen; der Import von Rohmaterial stieg von 30 auf 380 Millionen Tonnen, und der Export von fertiger Ware von 46 auf 200 Millionen £, Der Tonnengehalt der Handelsflotte wurde beinahe verdreifacht. Fünfzehntausend Meilen Eisen- bahnen wurden gebaut.
Es wäre zwecklos zu wiederholen, auf wessen Kosten diese Resultate erzielt wurden. Die schrecklichen Enthüllungen der Parlamentskommissionen von 1840 — 42 über die grauenvolle Lage der arbeitenden Klassen, die Erzählungen von den Bauern- vertreibungen, den „cleared estates", und den geraubten Kin- dern sind noch frisch im Gedächtnis. Sie werden bleibende
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Denkmale sein, die zeigen, mit welchen Mitteln die Groß- industrie Englands begründet wurde. Aber die Anhäufung des Keichtums in den Händen der privilegierten Klassen ging mit einer vorher unerhörten Schnelligkeit vorwärts. Die unglaub- lichen Reichtümer, die jetzt den Ausländer in den englischen Privathäusern in Erstaunen setzen, wurden in dieser Perlode angehäuft; die maßlos teure Lebenshaltung, die bewirkt, daß jemand, der auf dem Kontinent für reich gilt, in England nur als mäßig wohlhabend erscheint, kam in dieser Zeit auf. Das besteuerte Eigentum allein verdoppelte sich während der letzten dreißig Jahre dieser Periode, während in demselben Zeiträume (1810 bis 1878) nicht weniger als 1112000000 £— heutzu- tage nahezu 2000000000 £ — von englischen Kapita- listen in ausländischen Industrien oder ausländischen Anleihen angelegt wurden.
Aber das Monopol der industriellen Produktion konnte England nicht ewig verbleiben. Weder die industriellen Kennt=^ nisse noch der Unternehmungsgeist konnten ein dauerndes Privileg des Inselreichs bleiben. Es war notwendig, daß sie über den Kanal hinübergingen und sich auf dem Kontinente ausbreiteten. Die große Revolution hatte in Frankreich eine zahlreiche Klasse bäueriicher Besitzer geschaffen, die sich fast ein halbes Jahrhundert lang verhältnismäßigen Wohlstandes oder wenigstens gesicherter Arbeit erfreuten. Die Reihen der Stadtarbeiter ohne Haus und Herd wuchsen langsam. Aber die Revolution des Mittelstandes von 1789 — 93 hatte bereits zwischen den bäueriicheu Besitzern und den Dorfproletariern unterschieden, und dadurch, daß die erstem zum Nachteil der letztern begünstigt wurden, sahen sich die Knechte, die keinen Hausstand und kein Land hatten, gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen und so den ersten Keim der Arbeiterklasse zu bilden^ die den Fabrikanten auf Gnade und Ungnade überlassen sind. Weiterhin aber begannen die bäuerlichen Besitzer selbst, nach- dem sie sich einer Periode unleugbaren Wohlstandes erfreut hatten, ihrerseits den Druck schlechter Zeiten zu spüren und waren gezwungen, sich nach Beschäftigung in den Fabriken
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umzusehen. Kriege und Revolution hatten dem Wachsen der Industrie Abbruch getan; aber sie begann in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts wieder zu wachsen; sie entwickelte sich und verbesserte sich; und jetzt ist Frankreich, trotzdem es das Elsaß verloren hat, für Fabrikate nicht mehr England tribut- pflichtig, wie es vierzig Jahre vorher der Fall war. Heute wird sein Warenexport auf beinahe die Hälfte des britischen Exports geschätzt, und zwei Drittel davon sind Textilwaren; während sein Import hauptsächlich in den feineren Sorten Baumwolle und Wollengarnen besteht — die zum Teil als Stoffe wieder ausgeführt werden — und aus einer kleinen Menge Wollwaren. Für seinen eigenen Bedarf zeigt Frankreich eine entschiedene Tendenz, ein Land zu werden, das sich selbst er- hält, und für den Verkauf seiner fertigen Waren strebt es da- nach, sich nicht auf seine Kolonien, sondern hauptsächlich au£ seinen eigenen reichen heimischen Markt zu verlassen.*)
Deutschland geht denselben Weg. Während der letzten fünfundzwanzig Jahre, insbesondere seit dem letzten Kriege ist seine Industrie von Grund auf reorganisiert worden, und seine neu entstandenen Industrien sind mit Maschinen versehen, die meistens das letzte Wort des technischen Fortschritts vorstellen; es hat eine Menge Werkführer und Techniker, die eine hervor- ragende technische und wissenschaftliche Bildung besitzen, und in einer Armee ausgebildeter Chemiker, Physiker und Ingenieure hat seine Industrie eine sehr mächtige und intelligente Hilfe. Im ganzen bietet Deutschland jetzt das Schauspiel eines Volkes in einer Periode des Aufschwungs**), mit all den Kräften, die solcher Aufschwung auf allen Lebensgebieten mit sich bringt. Dreißig Jahre vorher war es ein Abnehmer Englands. Jetzt ist es bereits auf den Märkten des Südens und Ostens ein Konkurrent, und bei dem jetzigen schnellen Wachstum seiner Industrien wird seine Konkurrenz bald noch schärfer sein als zur Zeit.
*) Siehe Anhang A.
**) Anm. d. Übers. „Aufschwung" im englischen Original deutsch. Kropotkin, Landwirtschaft, Industrie u. Handwerk. 2
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Die Welle der industriellen Produktion, die im Nordwesten Europas ihren Ursprung hatte, breitet sich nach Osten und Süd- osten aus und bedeckt einen immer größeren Umkreis. Und jemehr sie ostwärts geht und in jüngere Länder eindringt, um- somehr verpflanzt sie dahin alle Verbesserungen, die einem Jahrhundert mechanischer Erfindungen und chemischer Ent- deckungen zu verdanken sind; sie entlehnt der Wissenschaft alle Hilfe, die die Wissenschaft der Industrie bieten kann; und sie findet Völkerschaften, die danach dürsten, die letzten Er- gebnisse der modernen Forschung in Besitz zu nehmen. Die neuen Industrien Deutschlands beginnen, wo Manchester nach einem Jahrhundert voll tastender Versuche angelangt war; und Rußland beginnt, wo Manchester und das Königreich Sachsen sich jetzt befinden. Rußland ist jetzt daran, sich von seiner Abhängigkeit von Westeuropa zu befreien, und beginnt mehr und mehr alle die Waren herzustellen, die es früher aus Groß- britannien oder Rußland importiert hatte.
Schutzzölle können vielleicht manchmal die Geburt neuer Industrien unterstützen; immer auf Kosten anderer ebenfalls wachsender Industrien und immer hemmen sie die Verbesserung derer, die bereits bestehen; aber die Dezentralisation der In- dustrien geht mit oder ohne Schutzzölle vorwärts; ich sollte eher sagen — trotz der Schutzzölle. Österreich, Ungarn und Italien gehen denselben Weg — sie entwickeln ihre heimischen Industrien — und selbst Spanien und Serbien sind dabei, sich der Familie der Industrievölker anzuschließen. Ja, selbst In- dien, selbst Brasilien und Mexiko beginnen, imterstützt von englischem und deutschem Kapital und technischem Wissen, Industrien auf ihrem Boden entstehen zu lassen. Schließlich ist allen europäischen Industrieländern zuletzt in den Vereinigten Staaten ein furchtbarer Konkurrent erwachsen. Je mehr die technische Ausbildung sich immer weiter verbreitet, um so mehr müssen die Industrien in den Vereinigten Staaten wachsen; und sie wachsen in der Tat mit solcher Schnelligkeit — einer ameri- kanischen Schnelligkeit — daß in ganz wenigen Jahren die jetzt neutralen Märkte von amerikanischen Waren erobert sein werden.
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Das Monopol der ersten Anpflanzer auf dem Felde der Industrie hat aufgehört. Und es wird nie wieder kommen, trotz aller krampfhaften Anstrengungen, einen Stand der Dinge wie- derkehren zu lassen, der bereits der Geschichte angehört. Nach neuen Wegen, nach neuen Ausgangspunkten müssen wir Umschau halten: die Vergangenheit hat gelebt und wird nie wieder- kehren.
Ehe ich weitergehe, sei der Weg der Industrien nach Osten durch ein par Zahlen illustriert. Wir wollen mit dem Beispiel Kußlands beginnen. Nicht weil ich es besser kenne, sondern weil Kußland auf dem industriellen Schauplatz zuletzt auftrat. Noch vor vierzig Jahren betrachtete man es als das Ideal eines ackerbauenden Volkes, das von der Natur gezwungen sei, an- deren Völkern die Nahrung zu liefern und seine fertigen Waren sich vom Westen liefern zu lassen. So war es in der Tat vor vierzig Jahren — aber es ist nicht mehr so.
Im Jahre 1861 — dem Jahr der Befreiung der Leib- eigenen — hatten Rußland und Polen nur 14000 Fabriken, die jedes Jahr einen Wert von 296000000 Kübeln (ungefähr 36000000 £) produzierten. Zwanzig Jahre später war die Zahl der industriellen Anlagen auf 35100 gestiegen, und ihre Jahresproduktion betrug beinahe das vierfache der oben ge- nannten Ziffer, nämlich 1305000000 Rubel (ungefähr 131000000 ^); und im Jahre 1894 — obwohl der Census die kleineren Betriebe und alle Industrien, die Verbrauchssteuern zahlen (Zucker, Spirituosen, Zündhölzer) nicht mitrechnete — erreichte die Gesamtproduktion des Reichs bereits 1759000000 Rubel das heißt 180000000 £. Der bemerkenswerteste Zug bei der russischen Industrie ist, daß einerseits die Zahl der Fabrik- arbeiter sich seit 1861 noch nicht ganz verdoppelt hat (sie be- trug 1894 1555000), andererseits aber die Produktion des einzelnen Arbeiters sich mehr als verdoppelt hat: in den Haupt- industrien hat sie sich verdreifacht. Der Durchschnitt war im Jahre 1861 weniger als 70 £ im Jahr; er beträgt jetzt 163 £, Das Anwachsen der Produktion kommt also haupt- sächlich auf Rechnung der Verbesserung des Maschinenwesens.
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Wenn wir jedoch einzelne Branchen herausgreifen und besonders die Textilindustrie und die Maschinenfabriken, so erscheint der Fortschritt noch auffallender, So finden wir^ wenn wir die achtzehn Jahre vor dem Jahre 1879 (wo die Einfuhrzölle um fast 30% erhöht wurden und die Schutzzoll- politik endgültig durchdrang) ins Auge fassen, daß auch ohne Schutzzölle die Produktionsmenge in Baumwollwaren aufs drei- fache stieg, während die Anzahl der in dieser Industrie beschäf- tigten Arbeiter sich nur um 25% vergrößerte. Die Jahrespro- duktion eines jeden Arbeiters war so von 45 Pfund auf 117 Pfund gestiegen. Während der nächsten neun Jahre (1880 — 82) wurde der Jahresumsatz mehr als verdoppelt und erreichte die re- spektable Summe von 49000000 £ ^ dem Geld nach berechnet,, und 3200000 Zentner an Waren; und es muß beachtet werden, daß bei einer Bevölkerung von 130 Millionen Einwohnern der heimische Markt für russische Baumwollwaren fast unbegrenzt ist; und manche Artikel werden auch nach Persien und Central- asien exportiert.*)
Allerdings müssen die feinsten Garne, die verarbeitet werden^ und ebenso Nähgarn immer noch eingeführt werden. Aber die Fabrikanten von Lancashire werden dem bald abhelfen; sie bauen jetzt ihre Spinnereien in Rußland. Zwei große Spinne- reien zur Herstellung der feinsten Baumwollgarne wurden letztes Jahr in Kußland eröffnet, mit Hilfe von englischem Kapital und englischen Ingenieuren, und ein Werk zur Herstellung dünnen Drahtes zum Kratzen der Baumwolle wurde jüngst von einem
*) Der Jahresimport an roher Baumwolle beträgt 4 Millionen Zentner^ darunter 300000 Zentner aus Zentralasien und Transkaukasien. Die etztem stammen von ganz neuem Anbau, da die ersten Pflanzungen der amerikanischen Baumwollstaude und ebenso die ersten Sortier- und Preis einrichtungen in Turkestan von den Russen eingeführt wurden. Die relative Billigkeit der glatten Baumwoll waren in Rufsland und die gute Qualität der bedruckten Kattune haben auf der Ausstellung, die 1897 in Nischni-Nowgorod stattfand, diß Aufmerksamkeit des britischen Kommissars erregt, der sie in seinem Bericht einigermassen ausführlich besprochen hat.
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l)ekannten Fabrikanten aus Manchester in Moskau eröffnet. Das Kapital ist international und überschreitet die Grenzen, mit oder ohne Zollschranken.
Dasselbe gilt für Wollwaren. Indessen werden Woll- kämmereien, Spinnereien und Webereien, die mit den besten modernen Einrichtungen versehen sind, alljährlich in Rußland und Polen von englischen, deutschen und belgischen Fabrikanten gebaut; |sodaß im letzten Jahr vier Fünftel der gewöhnlichen Wolle und ebensoviel der feineren Sorten, die es in Rußland gibt, im Lande gekämmt und gesponnen wurden — ein Fünftel bloß von jeder Sorte wurde ins Ausland geschickt. Die Zeiten, wo Rußland als Exporteur von Rohwolle bekannt war, sind demnach unwiderruflich vorbei.*)
Was die Maschinenfabriken angeht, so kann keinerlei Ver- gleichung zwischen heutzutage und 1861 oder auch nur 1870 angestellt werden: denn diese ganze Industrie ist erst in den letzten fünfzehn Jahren entstanden. In einem eingehenden Be- richt des Prof. Kirpitscheff wird angeführt, daß der erreichte Fortschritt am besten an der Vollendung ermessen werden kann, die man in Rußland mit dem Bau der besten Dampf- maschinen und der Herstellung von Wasserrohren erreichte, die den Vergleich mit den Leistungen Glasgows aushalten. Im Beginn dank englischen und französischen Ingenieuren und späterhin dank dem technischen Fortschritt im Lande selbst, braucht Rußland fernerhin keinen Teil seines Eisenbahn- mechanismus mehr zu importieren. Und was landwirtschaftliche Maschinen betrifft, so lernen wir aus mehreren englischen Konsulatsberichten, daß russische Mähmaschinen und Pflüge erfolgreich mit denselben Geräten amerikanischen und eng- lischen Ursprungs konkurrieren. Während der letzten acht oder zehn Jahre hat dieser Industriezweig sich im südlichen Uralgebiet stark entwickelt (und zwar als Dorfindustrie, die der Technischen Schule der Kreisvertretmig oder des Zemstwo
*) Die Jahresproduktion der 1085 Wollbearbeitungsfabrikeu in Ruß- land und Polen wurde 1894 auf ung^iähr 12 Millionen £ geschätzt.
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in Krasno-Ufimsk ihre Entstehung verdankt) und insbesondere auf den Ebenen, die sich nach dem Azowischen Meer hin- ziehen. Über diese letztere Gegend berichtete im Jahre 1894 der Vizekonsul Green, wie folgt: „Außer etwa acht oder zehn größeren Werken ist jetzt das ganze Konsulargebiet mit kleinen Maschinenwerkstätten übersät, die sich hauptsächlich mit der Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen und Geräte befassen, von denen die meisten ihre eigenen Gießereien haben. . . . Die Stadt Berd^^ansk," fügte er hinzu, „kann sich nun rühmen, die größte Mähmaschinenfabrikation in Europa zu besitzen, die imstande ist, jährlich dreitausend Maschinen zu liefern."*)
Des weiteren schließen die obigen Ziffern, die sich bloß auf die Fabriken beziehen, die einen Jahresumsatz von mehr als 200 £ aufweisen, die außerordentlich mannigfaltigen Heim- gewerbe nicht ein, die ebenfalls in letzter Zeit, zugleich mit den Fabriken, außerordentlich angewachsen sind. Die Hausindustrien — die für Rußland so charakteristisch, auch unter seinem Klima so notwendig sind — beschäftigen jetzt mehr als Vk Millionen Bauern, und ihre Gesamtproduktion wurfje vor einigen Jahren auf mehr geschätzt als die Gesamt- produktion aller Fabriken. Sie betrug mehr als 180 Millionen £ im Jahr. Ich werde Gelegenheit haben, später auf diesen
*) Bericht des Vizekonsuls Green, „The Economist", 8. Juni 1894: „Mähmaschinen von besonderem Typus, die von 15 bis 17 £ verkauft werden, sind dauerhaft und leisten mehr Arbeit als englische oder amerikanische Maschinen." Im Jahre 1893 wurden allein in diesem Bezirk 20000 Mähmaschinen, 50000 Pflüge und so weiter verkauft, die einen Wert von 822000 £ ausmachten. Wenn nicht die Zölle auf ausländisches Roheisen wären, die die Einfuhr einfach verhindern (das Zweiundeinhalbfache des Londoner Marktpreises), so hätte diese Industrie einen noch größeren Aufschwung genommen. Aber um die heimische Eisenindustrie zu schützen — die infolgedessen fortfährt, sich im Ural an veraltete Formen zu klammern — wird ein Zoll von 61 Shilling auf die Tonne importiertes Eisen erhoben. Die Folgen dieser Politik für die russische Landwirtschaft, die Eisenbahnen und das Staatsbudget, sind jüngst ausführlich von A. A. Radzig in einem (russisch geschriebenen) Buche erörtert worden, das den Titel führt: „Die Eisenindustrie der Welt." St. Petersburg. 1896. .
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Gegenstand zurückzukommen, sodaß ich jetzt weiter keine Zahlen angebe und nur sage, daß selbst in den Hauptindustrie- provinzen Rußlands rund um Moskau die Hausweberei — für den Handel — einen Jahresumsatz von 4V2 Millionen £ hat; und daß es selbst im nördlichen Kaukasus, wo die Klein- industrie neueren Ursprungs ist, in den Bauernhäusern 45000 Webstühle gibt, die eine Jahresproduktion von 200000 £ haben.
Was die Minenindustrie angeht, so hat sich trotz des über- mäßigen Schutzsystems und trotz der Konkurrenz von Holz und Naphta*) die Förderung der Kohlengruben des Don während der letzten zehn Jahre verdoppelt und in Polen vervierfacht. Beinahe aller Stahl, drei Viertel des Eisens und zwei Drittel des Roheisens, das in Rußland verwendet wird, sind heimisches Produkt, und die acht russischen Stahlschienenwerke sind stark genug, in jedem Jahr 6 Millionen Zentner Schienen auf den Markt zu werfen.**)
Es ist daher kein Wunder, daß die Einfuhr fertiger Waren nach Rußland so unbedeutend ist, und daß seit 1870 — das heißt, neun Jahre vor der allgemeinen Erhöhung der Zölle — die Zahl der eingeführten fertigen Waren im ^'erhältnis zur Gesamteinfuhr sich fortwährend verringert. Fertige Waren machen jetzt nur den fünften Teil der Einfuhr aus; und während die Einfuhr Großbritanniens nach Rußland im Jahre 1872 auf 16 300000 £ geschätzt wurde, betrug sie im Jahre 1894 nur 6884000 c^".***) Unter diesen wurden fertige Waren auf w^enig über 2 Millionen £ geschätzt — das Übrige bestand entweder aus Nahrungsmitteln oder Rohstoffen oder halbfertigen Waren (Metalle, Garn und dergleichen). In der Tat ist die Einfuhr der britischen Produktion im Laufe von zehn Jahren von 8 800000 auf 5 Millionen £ gesunken, sodaß der
*) Von den 1246 Dampfern, die die russischen Flüsse befahren, wird em Viertel mit Naphta geheizt und die Hälfte mit ♦Holz; Holz ist auch das hauptsächlichste Feuerungsmittel der Eisenbahnen und Eisen- werke im Ural.
Siehe Anhang B.
7185185 im Jahre 1896.
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Wert der nach Rußland eingeführten britischen Industrie- produkte in den folgenden winzigen Ziffern ausgedrückt ist: Maschinen 2006 600 £\ Baumwollwaren und Baumwoll- garne 395570 £\ WoUstoöe und Wollgarne 287 000 £ und so weiter. Aber der Preissturz der nach Rußland ein- geführten Erzeugnisse aus Großbritannien ist noch verblüffender. So führte Rußland im Jahre 1876 8 Millionen Zentner britische Metalle ein und bezahlte damals 6 Millionen £\ aber im Jahre 1884 wurde zwar dasselbe Quantum eingeführt, aber die Summe, die dafür bezahlt wurde, betrug nur 3400000 £, Und dieselbe Verbilligung ist an allen Waren, die eingeführt werden, zu bemerken, wennschon nicht immer im selben Maßstab.
Es wäre ein grober Irrtum, wenn man annehmen wollte, die Abnahme der ausländischen Einfuhr sei hauptsächlich hohen Schutzzöllen zuzuschreiben. Die Abnahme der Einfuhr ist viel besser mit dem Wachsen der heimischen Industrien zu erklären. Die Schutzzölle haben ohne Zweifel dazu beigetragen (zusam- men mit anderen Ursachen) deutsche und englische Industrielle nach Polen und Rußland zu ziehen. Lodz — das Manchester Polens — ist eine völlig deutsche Stadt, und die russischen Handelsadreßbücher sind voller deutscher und englischer Namen. Englische und deutsche Kapitalisten, englische Ingenieure und Werkführer haben die verbesserten Baumwollindustrien ihrer Vaterländer nach Rußland verpflanzt; sie sind jetzt dabei, die Wollindustrien und den Maschinenbau zu verbessern; w^ährend Belgier eifrig daran gegangen sind, die Eisenwerke in Südruß- land zu verbessern. Es ist jetzt nicht der leiseste Zw eifel erlaubt — und dieser Meinung schließen sich nicht nur Nationalöko- nomen, sondern mehrere russische Industrielle an — daß eine Freihandelspolitik das Weiterwachsen der Industrien in Rußland nicht hemmen würde. Sie würde nur die hohen Gewinne solcher Industriellen verringern, die ihre Betriebe nicht verbessern und sich hauptsädilich auf billige Arbeitskräfte und lange Arbeits- zeit stützen.
Überdies, so wie es Rußland gelingt, mehr Freiheit zu erlangen, wird sofort ein stärkeres Wachsen seiner Industrien
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eintreten. Technische Ausbildung — die, so seltsam es ist, bis vor kurzem von der Kegierung systematisch unterdrückt worden ist — würde schnell wachsen und sich verbreiten ; und in wenigen Jahren würde Rußland, mit seinen natürlichen Hilfs- mitteln und seiner arbeitsfreudigen Jugend, die schon jetzt ver- sucht, Industriearbeit und Wissenschaft zu vereinigen, sehen, wie sich seine industriellen Kräfte aufs zehnfache steigerten. Auf industriellem Gebiet: farä, da se. Es wird alles selbst fa- brizieren, was es braucht; und wird doch ein Ackerbauvolk bleiben. Zur Zeit arbeiten nur eine Million Männer und Frauen im europäischen Rußland, aus einer Bevölkerung von 80 Millionen, in Fabriken, und 7V2 Millionen verbinden landwirtschaftliche und industrielle Tätigkeit. Diese Ziffer kann sich verdreifachen, ohne daß Rußland aufhört, ein Ackerbauvolk zu sein; aber wenn sie erst verdreifacht ist, wird für eingeführte Waren kein Platz mehr sein, weil ein ackerbautreibendes Volk sie billiger her- stellen kann als solche Länder, die von eingeführten Nahrungs- mitteln leben.
Das Nämliche trifft noch mehr zu in bezug auf andere euro- päische Völker, deren industrielle Entwickelung weit vorge- schrittener ist, und besonders für Deutschland. Es ist in letzter Zeit so viel über die Konkurrenz geschrieben worden, die Deutschland dem britischen Handel, selbst auf britischen Märkten macht, und sie kann so gründlich kennen gelernt werden, wenn man nur die Läden in London besichtigt, daß ich es nicht nötig habe, mich ausführlich in Einzelheiten einzulassen. Mehrere Artikel in Zeitschriften, die über den Gegenstand im August 1886 im Daily Telegraph abgedruckte Korrespondenz, zahlreiche Berichte von Konsuln, die in den wichtigsten Zeitungen ge- wöhnlich ausgezogen sind und die noch eindrucksvoller sind, wenn man die Originale zur Hand nimmt, und schließlich poli- tische Reden haben die öfientliche Meinung Englands mit der Bedeutung und der Macht der deutschen Konkurrenz vertraut gemacht.*) Überdies ist die Macht, die Deutschland der tech-
*) Viele hierher gehörige Tatsachen sind jüngst auch in einem kleinen Buche : Made in Germany, von E. E. Williams zusammengestellt
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nischen Ausbildung seiner Arbeiter, Ingenieure und zahlreicher Männer der Wissenschaft verdankt, so oft von den Fürsprechern einer technischen Erziehung in England erörtert worden, daß das außerordentliche Wachstum Deutschlands als Industriemacht nicht mehr geleugnet w^erden kann.
Wo in alten Zeiten ein halbes Jahrhundert nötig war, um eine Industrie entstehen zu lassen, sind jetzt ein paar Jahre ausreichend. Im Jahre 1864 wurden nur 160000 Zentner Roh- baumwolle nach Deutschland eingeführt und nur 16000 Zentner Baumwollwaren wurden ausgeführt; die Baumwollspinnerei und Weberei waren nur meist unbedeutende Hausindustrien. Zwanzig Jahre später betrug die Einfuhr von Rohbaumwolle bereits 3600000 Zentner und nach zwei weiteren Jahren war sie auf 5 556000 Zentner gestiegen, und die Ausfuhr von Baumwoll- stoffen und Garn wurde 1883 auf 3 600000 £ und 1893 auf 7 662 000 £ geschätzt. Eine große Industrie ist so in weniger als dreißig Jahren geschafien worden. Für die not- wendige technische Ausbildung war gesorgt und zurzeit ist. Deutschland nur noch für die feinsten Sorten Garn von Lan- cashire abhängig. Jedoch glaubt Herr Francke,*), daß selbst diesem Mangel bald abgeholfen sein wird. Spinnereien für sehr feines Garn sind kürzlich errichtet worden, und die Emanzipation von Liverpool mittels einer Baumwollbörse in Bremen ist in vollstem Fortgang.**)
In der Wollbranche hat sich die Zahl der Spindeln in kurzer Zeit verdoppelt, und im Jahre 1894 erreichte der Wert der Ausfuhr in Wollwaren 8220 300 £. von denen ein Wert von 907 569 £ nach dem Vereinigten Königreich gingen.***)
worden. Unglücklicherweise sind die Tatsachen, die sich auf den jüngsten Aufschwung der deutschen Industrie beziehen, so oft für Parteizwecke mifsbraucht worden, um die Schutzzollbewegung zu fördern, daß ihre wahre Bedeutung oft verkannt wurde.
*^ Die neueste Entwickelung der Textilindustrie in Deutschland. **^ Yergl. Schulze-Gävernitz, Der Großbetrieb etc. Siehe Anhang E. ***) Die Einfuhr deutscher Wollstoffe nach England ist stetig ge- stiegen, und zwar von 60741:4 £ im Jahre 1890 auf 907569 £ im Jahre 1894. Die britische Ausfuhr nach Deutschland (von Stoffen und Garnen) betrug 1890 2769392 £ und 1894 3017163 £,
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Die Flachsindustrie vergrößerte sich in noch schleunigerem Tempo, und was Seide angeht, so bleibt Deutschland mit seinen 87 000 Webstühlen und seiner Jahresproduktion im Wert von 9 Millionen £ nur hinter Frankreich zurück.
Der Fortschritt der deutschen chemischen Industrie ist be- kannt und wird in Schottland und Northumberland nur zu sehr gespürt; und die Berichte über die deutschen Eisen- und Stahl- industrien, die man in den Veröffentlichungen des Iron and Steel Institute und in der Enquete, die von der British Iron Trade Association veranstaltet war, findet, zeigen, wie fürchter- lich die Herstellung von Roheisen und fertigem Eisen in Deutsch- land in den letzten zwanzig Jahren gewachsen ist. (Siehe An- hang 0.) Kein Wunder daher, daß die Einfuhr von Eisen und Stahl nach Deutschland während" eben dieser zwanzig Jahre auf die Hälfte sank, während die Ausfuhr sich nahezu ver- vierfachte. Was die Maschinenfabriken angeht, so haben zw^ar die Deutschen den Fehler begangen, englische Vorbilder zu sklavisch nachzuahmen, anstatt von neuen Gesichtspunkten aus neue zu schaffen, wie es die Amerikaner taten, aber wir müssen doch anerkennen, daß ihre Nachahmungen gut sind und daß sie, was die Billigkeit angeht, sehr erfolgreich mit den Werk- zeugen und Maschinen Englands konkurrieren. (Siehe An- hang D.) Ich brauche kaum zu erwähnen, was für hervor- ragende Fabrikate die deutschen wissenschaftlichen Apparate sind. Männern der AVissenschaft ist das bekannt, selbst in Frankreich.
Infolge dieser Tatsachen ist jegliche Einfuhr fertiger Waren nach Deutschland in der Abnahme begriffen. Die Gesamtsumme der Einfuhr von Textilwaren (Garne inbegriffen) ist so niedrig, daß sie durch beinahe gleich große Werte der Ausfuhr ausge- glichen wird. Und es ist kein Zweifel, daß nicht nur die deutsehen Märkte für Textilwaren den anderen fabrizierenden Ländern bald verschlossen sein werden, sondern daß die deutsche Konkurrenz sowohl auf den neutralen Märkten wie auf denen Westeuropas bald stärker und stärker gespürt werden wirdl Man kann leicht vor einer schlecht unterrichteten Zuhörerschaft
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Beifall ernten, indem man mit mehr oder weniger Pathos aus- ruft, deutsehe Produkte könnten niemals den englischen gleich- kommen! Die Tatsache ist eben, daß sie an Billigkeit kon- kurrieren können und manchmal auch — wo es erforderlich ist — an gleich guter Arbeit; und dieser Umstand ist auf viele Ursachen zurückzuführen.
Der Grund: billige Arbeitskräfte, der in Diskussionen über die „deutsche Konkurrenz", die in England und Frankreich ge- führt werden, so oft angeführt wird, muß jetzt wegfallen, da viele neuere Untersuchungen wohl erhärtet haben, daß niedrige Löhne und lange Arbeitszeit nicht notwendig billiges Produkt bedeuten. Billige Arbeitskräfte und Schutzzoll bedeuten lediglich für eine Anzahl Unternehmer die Möglichkeit, ihre Fabrikation mit ver- alteten und schlechten Maschinen fortzusetzen; aber in hoch- entwickelten Hauptindustrien, wie die BaumwoU- und die Eisen- industrie, wird das billigste Produkt erreicht: durch hohe Löhne, kurze Arbeitszeit und beste Maschinen. Wenn die Zahl der Handgriffe, die für je tausend Spindeln erforderlich sind, zwischen siebzehn (in manchen russischen Betrieben) und drei (in Eng- land) schwanken kann, dann kann keine Verbilligung der Löhne imstande sein, diesen ungeheuren Unterschied aufzuwiegen. In- folgedessen sind in den besten deutschen Baumwollwebereien und Eisenwerken die Löhne der Arbeiter (wir erfahren es spe- ziell für Eisenwerke aus der oben erwähnten Enquete der British Iron Trade Association) nicht niedriger als in Groß- britannien. Alles was gesagt werden kann, ist, daß der Arbeiter in Deutsehland mehr für seinen Lohn erhält als in England — das das Paradies der Zwischenhändler ist — und bleiben wird, solange es hauptsächlich von importierten Nahrungsmitteln lebt.
Der Hauptgrund für die Erfolge Deutschlands auf in- dustriellem Gebiet ist derselbe wie für die Vereinigten Staaten. Beide Länder treten jetzt eben in die industrielle Periode ihrer Entwickelung ein, und sie tun das mit all der Energie, die der Jugend und dem Beginnen eigen sind. Beide Länder erfreuen sich weit verbreiteter wissenschaftlich-technischer — oder we- nigstens konkret-wissenschaftlicher Erziehungseinrichtungen. In
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beiden Ländern werden die Fabriken nach den neuesten und besten Modellen, die sonstwo ausgearbeitet worden sind,, erbaut; und beide Länder sind in einer Periode des Erwachens in allen Zweigen der Betätigung — Literatur und Wissenschaft^ Industrie und Handel. Sie treten in die nämliche Periode ein,, in der Großbritannien in der ersten Hälfte dieses Jahrhundert» war, als britische Arbeiter so viele Erfindungen im wunder- vollen modernen Maschinenwesen gemacht haben.
Wir haben einfach einen Akt der auf einander folgen- den Entwickelung der Völker vor uns. Und anstatt da- rüber zu schreien oder sich dagegen zu stemmen, wäre es besser,, wenn die zwei Pioniere der Großindustrie — England und Frank- reich — sehen wollten, ob sie nicht eine neue Initiative er- greifen und wiederum etwas neues tun können; ob ein Aus- gangspunkt für das schöpferische Genie dieser zwei Völker nicht in neuer Bichtung gesucht werden muß — nämlich der Nutzbarmachung sowohl des Landes wie der industriellen Kräfte des Menschen zu dem Zweck, dem ganzen Volk anstatt einigen Wenigen den Wohlstand zu sichern.
Zweites Kapitel.
Die Dezentralisation der Industrien.
(Fortsetzung*.)
Italien und Spanien. — Indien. — Japan. — Die Vereinigten Staaten. EaumwoU-, Wollen- und Seidenindustrie. — Die wachsende Notwendig- keit für jedes Volk, sich hauptsächlich auf die heiniis9hen Konsumenten
zu stützen.
Der Strom des industriellen Wachstums fließt indessen nicht nur ostwärts; er geht ebenso nach Südosten und Süden. Österreich und Ungarn gewinnen in dem Kennen um industrielle Bedeutung sehr schnell an Boden. Der Dreibund ist bereits durch das wachsende Bestreben österreichischer Industrieller, sich gegen die deutsche Konkurrenz zu schützen, bedroht worden; und selbst das Land des Dualismus hat es neuerdings erlebt, daß die zwei verbrüderten Nationen sich um Zölle stritten. Die österreichischen Industrien sind ein modernes Gewächs, und doch weisen sie einen Jahresumsatz auf, der 100 Millionen £ übersteigt. Böhmen ist in wenigen Jahrzehnten zu einem Industrieland von beträchtlicher Bedeutung herangewachsen; und die Vortrefflichkeit und Eigenart der Maschinen, die in den neu eingerichteten Kornmühlen Ungarns verwandt werden, zeigen, daß die junge Industrie Ungarns auf dem rechten Wege ist, nicht nur den Wettbewerb mit ihren älteren Geschwistern aufnehmen zu können, sondern auch zu ihrem Teil unsere Kenntnisse zu vermehren, wie die Naturkräfte zu verwerten sind. Nebenbei sei bemerkt, daß das Nämliche bis zu einem gewissen Grad für Finnland gilt.,. Für den gegenwärtigen Zu- stand der gesamten Industrien Österreich-Ungarns fehlen die
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"Ziflfern; aber die verhältnismäßig geringe Einfuhr fertiger^ Pro- dukte ist bemerkenswert. Für den britischen Handel ist Öster- reich-Ungarn in der Tat kein in Betracht kommender Kunde; aber selbst in Bezug auf Deutschland befreit es sich sehr schnell von seiner früheren Abhängigkeit. (Siehe den Anhang F.)
Derselbe industrielle Fortschritt erstreckt sich über die südlichen Halbinseln. Wer hätte vor zwanzig Jahren von italienischen Industrien reden wollen? Und doch gehört Italien jetzt — die Ausstellung in Turin im Jahre 1884 hat es ge- zeigt — in die Keihe der Industrieländer. „Man sieht allent- halben Aufschwung der Industrie und des Handels/^ so schrieb ein französischer Nationalökonom dem „Temps". „Italien strebt danach, ohne fremde Produkte auszukommen. Die patriotische Parole lautet: Italien ganz durch sich selbst! Sie erfüllt die Gesamtheit der Produzenten. Es gibt nicht einen einzigen Fabrikanten oder Kaufmann, der nicht selbst in dürftigster Lage sein bestes täte, um die fremde Vormundschaft abzu- schütteln." Die besten französischen und englischen Muster werden nachgeahmt und durch das eigentümliche nationale Genie und die künstlerischen Überlieferungen verbessert. Voll- ständige Statistiken fehlen, sodaß der statistische Annuario seine Zuflucht zu indirekten Daten nimmt. Aber das äußerst schnelle Anwachsen der Kohleneinfuhr (9 Millionen Tonnen im Jahre 1896 gegen 779000 Tonnen im Jahre 1871); die Hebung der Minenindustrien, die ihre Förderung während der letzten fünfzehn Jahre verdreifacht haben; die wachsende Fabrikation von Stahl und Maschinen (beinahe 3 Millionen £ im Jahre 1886), die — um Bovios Worte zu gebrauchen, zeigt, daß ein Volk, das weder eigenes Heizmaterial noch eigene Erze hat, trotzdem eine achtbare Metallindustrie haben kann; und schließ- lich das Anwachsen der Textilindustrie, das sich an dem Netto- import von Rohbaumwolle und der Zahl der Spindeln zeigt, die sich während fünf Jahren nahezu verdoppelt haben*) —
*) Der Netto-Import von Rohbaumwolle betrug 1880 291 680 Zentner und 594118 im Jahre 1885. Die Zahl der Spindeln im Jahre 1885 1800000, gegen 1 Älillion im Jahre 1877. Die ganze Industrie existiert
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all das zeigt, daß das Bestreben, ein Industrieland zu werden^ das imstande ist, seinen Bedarf durch die eigene Produktion zu decken, kein bloßer Traum ist. Und was die Anstrengungen angeht, einen lebhafteren Anteil am Welthandel zu erobern, wer kennt nicht die altüberlieferten Fähigkeiten, die die Italiener in dieser Richtung von jeher entwickelt haben?
Ich sollte des ferneren Spanien erwähnen, dessen Textil-, Bergwerks- und Metallindustrien sehr schnell wachsen; aber ich beeile mich, zu Ländern zu kommen, die man noch vor ein par Jahren als ewige und pflichtige Kunden der Industrievölker Westeuropas betrachtete. Wir wollen als Beispiel Brasilien nehmen. Hatten es die Nationalökonomen nicht ein für allemal dazu verurteilt, Baumwolle zu pflanzen, sie im Rohzustand aus- zuführen und Baumwollwaren dafür einzutauschen? Vor zwan- zig Jahren konnten seine neun elenden Spinnereien insgesamt ganze 385 Spindeln aufweisen. Aber schon 1887 gab es in Brasilien 46 Baumwollspinnereien und Webereien, und fünf unter diesen haben bereits 40000 Spindeln; während ihre zehn- tausend Webstühle jedes Jahr mehr als 33 Millionen Yards Baumwollstoffe auf die brasilianischen Märkte bringen. Ja so- gar Veracruz in Mexico, das unter dem Schutz von Zollwächtern steht, hat angefangen, Baumwolle zu verarbeiten und wies 1887 seihe 40200 Spindeln auf, 287700 Stücke Baumwolltuch und 212000 Pfund Garn. Seit diesem Jahr ist der Fortschritt stän- dig weiter gegangen, und im Jahre 1894 berichtete der Vice- konsul Chapman, daß einige der trefflichsten Maschinen in den Orizaba-Spinnereien zu finden seien, während „bedruckte Baum-
erst seit 1859. Der Netto-Import von Roheisen stieg während der fünf Jahre 1881—85 von 700000 auf 800000 Zentner.
[Anmerkung des Übersetzers: Der englische Zentner beträgt hier zur Abwechselung 100 (englische) Pfund (quintal), während er sonst 112 Pfund hat und darum auch „hundred- weight" heilst. — Im übrigen sei hier bemerkt, dafs in dieser deutschen Ausgabe auf die mühsame und nie ganz genaue Umrechnung der Währung, Gewichte u. s. w. in die bei uns üblichen verzichtet wurde, da es dem Verfasser ja an keiner Stelle auf absolute Statistik, sondern immer nur auf Verhältniszahlen ankommt.]
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wolle", so schrieb er, „jetzt ebenso gut wenn nicht besser ist als die importierte Ware."*)
Die offensichtlichste Widerlegung der Export-Theorie ist indessen von Indien geliefert worden. Indien ist immer als sicherster Abnehmer für englische Baumwollstoffe betrachtet worden, und das ist es auch bis vor kurzem gewesen. Von der Gesamtsumme von Baumwollwaren, die Großbritannien ex- portierte, kaufte Indien gewöhnlich mehr als ein Viertel, oft nahe an einem Drittel (von 17 Millionen c^ bis 22 Millionen, bei einer Gesamtsumme von 75 Millionen im letzten Jahr- zehnt, und von 16100000 £ bis 18242000 £ während der Jahre 1893 und 1894). Aber die Dinge haben angefangen sich zu ändern. Die indischen Baumwollfabriken, die — aus mehreren Gründen, die nicht völlig aufgeklärt sind — in ihren Anfängen so wenig erfolgreich waren, haben mit einem Male festen Boden gewonnen. ,
Im Jahre 18G0 verbrauchten sie nur 23 Millionen Pfund Rohbaumwolle, aber im Jahre 1877 war das Quantum fast viermal so groß, und es verdreifachte sich noch einmal während der nächsten zehn Jahre: 283 Millionen Pfund Rohbaumwolle wurden 1887/88 verbraucht. Die Zahl de'r Baumwollspinnereien und Webereien stieg von 40 im Jahr 1877 auf 147 im Jahre 1895; die Zahl der Spindeln stieg in denselben Jahren von 886100 auf 3844300; und während 1887 57188 Arbeiter beschäftigt waren, finden wir sieben Jahre später 146 240; und das Kapital, das von x\ktiengesellschaften in Baumwollspinnereien, -Webereien und -Druckereien angelegt ist, stieg von 7 Millionen Zehnrupien im Jahr 1882 auf 14600000 im Jahr 1895.**) Was die Qualität der Erzeugnisse angeht, so wird sie in den Blau- büchern gerühmt; die deutschen Handelskammern konstatieren,
*) „The Economist'*, 12. Mai 1894 S. 9: Vor ein par Jahren ver- arbeiteten die Ottzaba-Spinnereien und Webereien ausschließlich im- portierte Rohbaumwolle; aber jetzt verwenden sie soviel als möglich einheimische und selbstgesponnene. ^'
**) Zehn Rupien sind bekanntlich ungefähr 1 Pfund Sterling. Kropotkin, Landwirtschaft, Industrie u. Handwerk. 3
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daß die besten Spinnereien in Bombay „jetzt nicht weit hinter den besten deutschen zurückbleiben"; und zwei bedeutende Autoritäten auf dem Gebiet der Baumwollindustrie, Mr. James Platt und Mr. Henry Lee sagen übereinstimmend, „daß in keinem Land der Erde, abgesehen von Lancashire die Arbeiter eine so natürliche Begabung für dieTextilindustrie^haben wie in Indien."*)
Die Ausfuhr von Baumwollgarnen aus Indien hat sich in fünf Jahren (1882 — 87) mehr als verdoppelt, und bereits 1887 konnten wir im „Statement" (S. 62) lesen, daß „das Baum- wollgarn, das eingeführt wurde, immer weniger von der groben oder auch nur mittelfeinen Sorte war, ein Beweis, daß die indischen Spinnereien mehr und mehr einen Halt auf dea heimischen Märkten gewinnen". Während demnach Indien fort- fuhr, annähernd dieselbe (seitdem etwas verminderte) Menge britischer Baumwollwaren einzuführen, warf es schon damak (1887) seine eigenen Baumwollwaren nach Mustern von Lan- cashire im Werte von 'nicht weniger als 3635510 £ auf die fremden Märkte; es exportierte 33 Millionen Yards graues Baumwollzeug, das in Indien von indischen Arbeitern fabriziert wurde. Und seitdem ist die Ausfuhr fortwährend gestiegen, sodaß in den Jahren 1891—93 73 bis 80 Millionen Yards Baumwollzeuge ausgeführt wurden**) und desgleichen 161 bis. 189 Millionen Pfund Garn. Schließlich erreichte im Jahre 1897 der Wert der ausgeführten Garne und Stoffe die ansehnliche Ziffer von 14073 600 Zehnrupien.
Die Jutespinnerei und -Weberei in Indien sind in noch schnellerem Maßstab gewachsen,***) und die einst blühende
*) Schulz e-Gävernitz, Die Baumwollindustrie etc. S. 123.
**) 312000 Ballen wurden 1893 nach China und Japan ausgeführt, während es zehn Jahre vorher nur 112000 gewesen waren.
***) Im Jahre 1882 hatten sie 5633 Webstühle und 95937 Spindeln. Zwei Jahre später (1884 — 85) hatten sie schon 6926 Webstühle und 131 740 Spindeln, an denen zusammen 51 900 Personen beschäftigt waren. Jetzt, das heißt im Jahre 1895, haben die 28 Jutewerke Indiens zu- sammen 10580 Webstühle und 216240 Spindeln (in zwölf Jahren ver- doppelt) und sie beschäftigen pro Tag durchnittlich 78889 Personen*
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Jute-Industrie Dundees geriet in Verfall, nicht nur wegen der hohen Tarife der Kontinentalmächte, sondern auch infolge der indischen Konkurrenz. Selbst die Wollindustrie ist jüngst in Schwung gekommen, während die Eisenindustrie Indiens plötzlich in die Höhe kam, seit man nach vielen Versuchen und Fehl- schlägen die Mittel ausfindig machte, die Hochöfen mit heimischer Kohle zu speisen. In wenigen Jahren, so versichern uns ge- naue Kenner, wird Indien seinen Bedarf an Eisen selbst liefern. Ja, die englischen Industriellen sehen nicht ohne Befürchtungen, daß die Einfuhr indischer Textilwaren nach England fortwährend steigt, während Indien auf den Märkten des fernen Ostens und Afrikas ein ernsthafter Konkurrent des Mutterlandes wird. Aber warum auch nicht? Was könnte die Entwickelung indischer Industrien verhindern? Etwa Mangel an Kapital? Aber das Kapital hat kein Vaterland; und wenn aus der Ar- beit indischer Kulis, deren Löhne nur halb so hoch sind wie die der englischen Arbeiter, hohe Profite hervorgehen, so wird das Kapital nach Indien wandern, wie es nach Kußland ge- gangen ist, wenn auch seine Wanderung für Lancashire und Dundee die Hungersnot bedeutet. Oder etwa der Mangel an Kenntnissen? Aber Längen- und Breitegrade setzen ihrer Aus- breitung kein Hindernis entgegen; nur die ersten Schritte sind schwer. Was die Überlegenheit der Arbeiterschaft angeht, so wird niemand, der den Hindu als Arbeiter kennt, über seine Fähigkeiten im Zweifel sein. Jedenfalls stehen sie nicht unter denen der 86000 Kinder unter dreizehn Jahren, oder der 363000 Knaben und Mädchen unter achtzehn Jahren, die in den britischen Textilfabriken beschäftigt sind.*)
Der Fortschritt, der jm Maschinenwesen erreicht wurde, geht am besten aus diesen Ziffern hervor. Die Ausfuhr von Jutestoffen aus Indien be- trug im Jahre 1884/85 1543870 £ und im Jahre 1895 5213900 £. (Siehe Anhang H.)
*) Die Zahl der Knaben über dreizehn und unter achtzehn Jahren, die volle Arbeitszeit haben, betrug im Jahre 1890 86998. Die Zahl der Mädchen dieses Alters ist nicht angegeben; sie werden als „Frauen" gerechnet und haben volle Arbeitszeit. Aber da das Verhältnis der
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Zehn Jahre sind gewiß nicht viel im Leben von Völkern. Und doch ist in den letzten zehn Jahren ein anderer mächtiger Konkurrent im Osten heraufgekommen. Ich meine Japan. Im Oktober 1888 erwähnte der Textile Recorder in wenigen Zeilen, daß die Jahresproduktion von Garnen in den Baumwollspinnereien Japans 9498500 Pfund betrage und daß fünfzehn weitere Spin- nereien, die 156100 Spindeln enthalten sollten, im Bau begriffen seien.*) Zwei Jahre später wurden 25 Millionen Pfund Garn in Japan gesponnen; und während in den Jahren 1886 — 88 Japan fünf oder sechsmal mehr Garn aus dem Ausland einführte, als es zu Hause spann, wurden im nächsten Jahr nur zwei Drittel des Gesamtverbrauchs des Landes vom Ausland eingeführt.**) Von dieser Zeit an wuchs die Produktion regelmäßig. 1886: 6503300 Pfund; 1893: 91950000 Pfund; 1895: 153444000 Pfund. In neun Jahren hatte sie sich also vervierundzwanzig- facht. Die Gesamtproduktion von feinen Geweben, die im Jahre 1887 auf 1200000 £ geschätzt war, stieg sehr schnell auf 14270000 £ im Jahre 1895 — wobei es sich bei diesem Betrage bis zu beinahe zwei Fünfteln um Baumwolle handelte. Dementsprechend fiel die Einfuhr ausländischer Baumwoll- waren aus Europa von 1640000 £ im Jahre 1884 auf 849600 £ im Jahre 1895, während die Ausfuhr von Seiden- waren auf 3 246000 £ stieg. Ferner wuchsen die Kohlen-
Frauen zu den Männern in den Textilfabriken des Yereinigten König- reichs sich wie zwei zu eins verhält, kann die Zahl der Mädchen dieses Alters (dreizehn bis achtzehn) als doppelt so groß wie die der Knaben angenommen werden, das wäre ungefähr 190000. Das würde also eine Gesamtsumme von mindestens 363000 Knaben und Mädchen unter 18 Jahren gegenüber einer Gesamtarb eiterzahl von 1084630 Personen ergeben, die in allen Textilbranchen des Vereinigten Königreichs be- schäftigt sind. Mehr als ein Drittel. (Statesman's Year-book für 1898, S. 75.)
*) „Textile Recorder", 15. Oktober 1888.
**) 17778000 Kilogramm Garn wurden 1886 eingeführt gegen 2919000 Kilogramm heimischen Garns. Die entsprechenden Zahlen waren im Jahre 1889: 25687000 und 12160000 Kilogramm.
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und Eisenindustrien so mächtig, daß Japan für Eisenwaren Europa nicht mehr lange tributpflichtig sein wird; der Ehrgeiz der Japaner erstrebt sogar, eigene Schiifswerften zu haben, und im letzten Sommer verließen 300 Schififsbauer die Elswick- Werke Arm- strongs, um in Japan den Schiifsbau einzuführen. Aber nur auf fünf Jahre wurden sie engagiert. Die Japaner denken in fünf Jahren genug gelernt zu haben, um ihre Schiffe selbst bauen zu können.*) Was so gewöhnliche Artikel wie z. B. Streich- hölzer angeht, so ist diese Industrie nach den verfehlten Ver- suchen von 1884 wieder in die Höhe gekommen, und 1895 führten die Japaner über 15 Millionen Groß Streichhölzer aus im Werte von 1246550 £,
All das zeigt, daß der vielgefürchtete Eroberungszug des Ostens gegen die europäischen Märkte schnell fortschreitet. Die Chinesen schlafen noch; aber was ich von China gesehen habe, bringt mich zu der festen Überzeugung, daß in dem Augenblick, wo sie anfangen mit Hilfe des europäischen Ma- schinenwesens zu fabrizieren, — und die ersten Schritte sind bereits getan — sie es mit mehr Erfolg und notwendiger Weise auf viel breiterer Grundlage tun werden, als selbst die Japaner.
Aber was soll ich von den Vereinigten Staaten sagen, die man nicht beschuldigen kann, billige Arbeitskräfte zu verwenden oder Waren nach Europa zu senden, die „billig und schlecht" sind? Ihre Großindustrie datiert von gestern; und doch schicken die Vereinigten Staaten bereits eine fortwährend wachsende Zahl Maschinen in das alte Europa, und dieses Jahr haben sie sogar angefangen. Eisen zu schicken. Im Verlauf von zwanzig Jahren (1870 — 90) hat sich die Zahl der in den amerikanischen Fabriken beschäftigten Personen mehr als verdoppelt, und der
*) Die Minenindustrie ist folgendermaßen gewachsen: Gewonnenes Kupfer im Jahre 1875: 2407 Tonnen, im Jahre 1887: 11064 Tonnen. Kohlen im Jahre 1875: 567200 Tonnen; 1669000 zwölf Jahre später; 4259000 im Jahre 1894. Eisen: 3447 Tonnen im Jahre 1875; 15268 im Jahre 1887; über 20000 1894. (K. Rathgen, Volkswirtschaft und Staatshaushaltung, Leipzig 1881; Konsularberichte.)
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Wert ihrer Produkte hat sich nahezu verdreifacht.*) Die Baum- wollindustrie, die mit vorzüglichen, im Lande hergestellten Ma- schinen versehen ist,**) entwickelt sich außerordentlich, und die Ausfuhr von im Lande verfertigten Baumwollwaren betrug im letzten Jahre ungefähr 2800000 £\ Was die Jahres- produktion von Roheisen und Stahl angeht, so ist sie zur Zeit größer als in Großbritannien,***) und diese Industrie ist auch besser organisiert, wie Mr. Berkley in seiner Ansprache an das Institut der Zivilingenieure im November 1891 betontet)
All das aber ist fast vollständig im Laufe der letzten zwanzig oder dreißig Jahre herangewachsen — ganze In- dustrien sind seit 18()0 geschaffen worden. ff) Was wird also wohl die amerikanische Industrie zwanzig Jahre später sein, unterstützt wie sie ist von einer bewunderungswürdigen Ent- wickelung der Technik, von vorzüglichen Schulen und einer wissenschaftlichen Erziehung, die Hand in Hand mit technischer Erziehung geht, und einem Unternehmungsgeist, der in Europa nicht seines gleichen hat?
Bände hat man über die Krise von 188G/87 geschrieben, die — um die Worte der Parlamentskommission zu gebrauchen — seit 1875 da war, mit einer „nur kurzen Periode der Pros- perität, deren sich einzelne Geschäftszweige in den Jahren
*) In Industrien beschäftigte Arbeiter: 1870 2054000; 1890 4712600. Wert der Produkte: 1870 3 385 861 000 Dollars; 1890 9372437280 Dollars. Jahresproduktion auf den Kopf des Arbeiters: 1870 1648 Dollars; 1890 1989 Dollars.
**) Textile Recorder.
♦**) Sie betrug in den Jahren 1890—94 zwischen 7255076 und 9811620 Tonnen Roheisen; 4051260 Tonnen Bessemer und Clapp- üriffiths Stahl wurden 1890 produziert.
f ) „Die gröfste Leistung eines Hochofens geht in England nicht über 750 Tonnen pro Woche hinaus ; in Amerika aber ist man bei einer wöchentlichen Leistung von 2000 Tonnen angelangt." („Nature'*, 19. No- vember 1891, S. 65.)
ff) J. R. Dodge, Farm and Factory: Aids to Agriculture from other Industries, New York and London, 1884, S. 111. Ich kann dies kleine Buch allen, die sich für die Frage interessieren, angelegentlichst empfehlen.
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1880 bis 1883 erfreuten", und die — wie ich hinzufügen möchte — sich über alle wichtigen ludustrieländer der Erde ausdehnte. Alle möglichen Ursachen der Krise sind untersucht worden; aber wohin die Kakophonie der Schlußfolgerungen auch immer gelangte, über eine waren sie alle einig, nämlich die der Parlamentskommission, die in kurzen Worten lauten könnte: „Die Industrieländer finden keine solchen Abnehmer, die sie in die Lage bringen, hohe Gewinne zu erzielen." Da der Gewinn die Grundlage der kapitalistischen Industrie ist, erklären niedrige Gewinne alles Weitere. Niedrige Gewinne yeranlassen die Unternehmer, die Löhne herabzusetzen, oder die Zahl der Arbeiter oder die Zahl der wöchentlichen Arbeits- tage einzuschränken, oder sie bringen ihn etwa dazu, zur Fabrikation minderwertiger Waren seine Zuflucht zu nehmen, die gewöhnlich schlechter bezahlt werden als die besseren Sorten. Wie Adam Smith sagte: niedrige Gewinne bedeuten schließlich eine Verkürzung der Löhne, und niedrige Löhne bedeuten einen geminderten Verbrauch des Arbeiters. Niedrige Gewinne bedeuten auch einen einigermaßen geminderten Ver- brauch des Unternehmers, und beides zusammen bedeutet ge- ringere Gewinne und geminderten Verbrauch bei der außer- ordentlich großen Mittelklasse, die in Industrieländern herauf- gekommen ist, und das bedeutet wiederum eine weitere Ver- minderung der Gewinne für die Unternehmer.
Ein Land, das in der Hauptsache für den Export fabriziert und daher hauptsächlich von den Gewinnen lebt, die aus seinem Außenhandel kommen, befindet sich gar sehr in der nämlichen Lage wie die Schweiz, die ja in hohem Grade von den Ge- winnen lebt, die von den Fremden kommen, die ihre Seen und Gletscher besuchen. Eine gute „Saison" bedeutet em Zu- strömen von 1 — 2 Millionen ^ Geld, das von den Touristen importiert wird, und eine schlechte „Saison" hat die Wirkung einer schlechten Ernte in einem ackerbautreibenden Lande: eine allgemeine Verarmung stellt sich ein. So steht es auch mit einem Lande, das für den Export arbeitet. Wenn die „Saison" schlecht ist, und die ausgeführten Waren nicht zwei-
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mal so teuer im Auslande verkauft werden können, als sie zu Hause wert sind, dann muß das Land, das hauptsächlich von diesen Geschäften lebt, Not leiden. Niedrige Gewinne für die Gasthofsbesitzer in den Alpen bedeuten schlechtere Lebens- haltung in weiten Gebieten der Schweiz, und niedrige Gewinne ftlr die Industriellen von Lancashire und Schottland und die Exporteure bedeuten schlechtere Lebenshaltung in Groß- britannien. Die Ursache ist in beiden Fällen die nämliche.
Seit vielen Jahrzehnten hatten wir nicht solch eine Billig- keit des Weizens und der fabrizierten Waren erlebt wie vor kurzem, und doch litt das Land unter einer Krise. Die Leute sagten natürlich, die Ursache der Krise bestünde in der Über- produktion. Aber „Überproduktion" ist ein äußerst sinnloses. Wort, wenn es nicht bedeutet, daß die, die alle Arten Pro- dukte brauchen, nicht die Mittel haben, sie mit ihren niedrigen Löhnen zu kaufen. Niemand wagt zu behaupten, es stünden in den elenden Arbeiterhäuschen zu viele Möbel, es seien da zu viele Bettstellen und Betten, es brennten in den Hütten zu viele Lampen, oder es sei zuviel Kleiderstoff auf den Schultern nicht bloß derer, die (im Jahre 1886) auf dem Trafalgar Square zwischen zwei Zeitungsblättern zu schlafen pflegten, nein, auch solcher, zu deren Sonntagsstaat ein Zylinderhut gehört. Und niemand wird zu behaupten wagen, daß in den Wohnungen der Landarbeiter, die zwölf Shilling in der Woche verdienen, oder in den Behausungen der Frauen, die in der Konfektions- industrie oder anderen Kleingewerben, von denen die Außen- bezirke aller Großstädte wimmeln, vierzig bis fünfzig Pfennig pro Tag verdienen, daß da zuviel Lebensmittel seien. UT)er- produktion bedeutet lediglich und einfach einen Mangel an Kaufkraft bei den Arbeitern. Und eben dieser Mangel an Kaufkraft der Arbeiter wurde allenthalben auf dem Kontinent während der Jahre 1885 — 87 verspürt.
Nachdem die schlechten Jahre vorüber waren, trat eine allgemeine Belebung des internationalen Verkehrs ein, und da die britische Ausfuhr in vier Jahren (1886 bis 1890) um nahezu 24% stieg, fing man an zu sagen, es sei kein Grund, sich
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durch die fremde Konkurrenz beunruhigen zu lassen; der Nieder- gang der Ausfuhr in den Jahren 1885 — 87 sei nur vorüber- gehend und in Europa allgemein gewesen, und England be- haupte jetzt wie von altersher seine dominierende Stellung auf dem Weltmarkte. Es ist allerdings richtig, daß wir, wenn wir ausschließlich den Geldwert des Exports während der Jahre 1876 — 1895 ins Auge fassen, keinen beständigen Niedergangs gewahren, sondern nur Schwankungen. Der britische Export scheint wie der Handel überhaupt eine gewisse periodische Bewegung aufzuweisen. Er fiel von 201 Millionen £ im Jahre 1876 auf 192 Millionen im Jahre 1879; dann stieg er wieder im Jahre 1882 auf 241 Millionen und fiel 1886 wieder auf 213 Millionen; stieg 1890 wieder auf 264 Millionen, fiel aber wieder und erreichte 1894 ein Minimum von 216 Millionen^ dem im nächsten Jahr eine leichte Aufwärtsbewegung folgte.
Da diese periodische Bewegung eine Tatsache ist, war Mr. GiflFen in der Lage, die „deutsche Konkurrenz" auf die leichte Achsel zu nehmen, indem er zeigte, die Ausfuhr aus dem Vereinigten Königreich sei nicht zurückgegangen. Man kann sogar sagen, daß sie auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet geblieben ist, was sie zwanzig Jahre früher war, trotz aller Schwankungen.*) Wenn wir jedoch daran gehn, die exportierten Mengen ins Auge zu fassen und sie mit dem Geldwert der Ausfuhr zu vergleichen, dann muß selbst Mr. Giffen anerkennen,, daß die Preise von 1883 im Vergleich mit denen von 1873 sa niedrig waren, daß das Vereinigte Königreich, um denselben Geldwert zu erreichen, vier Stücke Baumwollzeug anstatt drei
*) Auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet stellt sie sich, in Shillingen ausgedrückt, folgendermaßen dar: 1876 1877 1878 1879 1880 1881 1882
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121 sh. |
1883 . . |
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1884 . . |
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1889 . . |
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1891 . . |
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1893 . . |
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1895 . . |
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134 „ |
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hätte exportieren müssen und acht oder zehn Tonnen Metall- waren anstatt sechs. „Der Gesamtwert des englischen Außen- handels, wenn er nach den Preisen, die zehn Jahre früher galten, bemessen würde, hätte 861 Millionen £ betragen anstatt 667 Millionen £'\ so sagt uns keine geringere Autorität als die Kommission, die zur Untersuchung der wirtschaftlichen Depression eingesetzt war.
Man könnte indessen einwenden, 1873 sei ein Ausnahms- jahr gewesen, infolge der überstarken Nachfrage, die nach dem deutsch-französischen Kriege eingetreten war. Aber dieselbe Abwärtsüiewegung dauert fort. Wenn wir in der Tat die Ziffern betrachten, die im letzten Statesman's Year-book mitgeteilt sind, so sehen wir, daß das Vereinigte Königreich, das im Jahre 1883 4957 Millionen Yards Stoffe (Baumwolle, Wolle und Leinen) und 316 Millionen Pfund Garn ausführte, um einen Exportwert von 104\2 Millionen £ zu realisieren, im Jahre 1895 nicht weniger als 5478 Yards derselben Stoffe und 330 Millionen Pfund Garn exportieren mußte, um nur auf 99 700 000 £ zu kommen. Was das Jahr 1894 angeht, das ein Minimum- Jahr war, so war das Verhältnis noch schlechter. Und es würde sogar noch schlechter aussehen, wenn wir die Baum- wollwaren allein nähmen, oder eine Vergleichung mit dem Jahre 1860 anstellten, wo 2 776 Millionen Yards Baumwollstoffe und 197 Millionen Pfund Baumwollgarn einen Wert von 52 Millionen £ erreichten, während 35 Jahre später beinahe doppelt so viel Millionen Yards (5033 Millionen) und 252 Millionen Pfund Garn erfordert waren, um 68 300 000 £ auszumachen.*) Und wir dürfen nicht vergessen, daß (dem Wert nach) die Hälfte der britischen und irischen Ausfuhr in Textilwaren besteht.
Wir sehen also, daß zwar der Gesamtwert der Ausfuhr aus dem Vereinigten Königreich im großen Ganzen während der letzten zwanzig Jahre unverändert bleibt, daß aber die hohen Preise, die vor zwanzig Jahren für diese Ausfuhrartikel
*) Statesman's Year-book 1896, S. 78.
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•erzielt werden konnten, und mit ihnen die hohen Gewinne un- widerruflich vorbei sind. Und ganze Berge von Ziffern und Berechnungen werden nicht imstande sein, die britischen Kaufleute zu überzeugen, daß dem nicht so sei. Sie wissen vollständig, daß die heimischen Märkte immer mehr überladen werden; daß die besten ausländischen Märkte sieh ihnen zu entziehen beginnen ; und daß auf den neutralen Märkten Groß- britannien unterboten wird. Dies ist die unvermeidliche Folge davon, daß die Industrie sich rund um die Welt ausgebreitet iat. (Siehe Anhang G.)
Große Hoffnungen werden jetzt auf Australien gesetzt, das ein Markt für britische Waren immer mehr werden soll; aber Australien wird bald tun, was Kanada schon jetzt tut. Es wird Industrien schaffen. Und die letzte Kolonialausstellung, die den „Kolonisten" zeigte, wozu sie imstande sind und wie sie es anfangen müssen, wird dadurch nur den Tag schneller herbeiführen, wo jede Kolonie eine nach der andern farä da se. Kanada und Indien legen bereits Schutzzölle auf englische Waren. Was die vielbesprochenen Märkte des Kongo angeht und Mr. Stanley's Berechnungen und Versprechungen, wonach ■ein Handel bis zu 26 Millionen £ jährlich entstehen könnte, wenn die Leute von Lancashire den Afrikanern Tücher schickten, um sie um ihre Lenden zubinden, so gehören solche Versprechungen zu derselben Kategorie Hirngespinste wie die l)erühmten Nachtmützen der Chinesen, die England nach dem •chinesischen Kriege reich machen sollten. Die Chinesen ziehen ihre eigenen im Lande verfertigten Nachtmützen vor, und was die Leute vom Kongo angeht, so streiten sich mindestens vier Nationen darum, ihnen ihre armselige Bedeckung zu liefern: England, Deutschland, die Vereinigten Staaten und last but not least: Indien.
Es gab eine Zeit, wo England beinahe das Monopol in der Baumwollindustrie hatte; aber um 1880 besaß es nur 55 */o von allen Spindeln, die in Europa, den Vereinigten Staaten und Indien arbeiteten (40 von 72 Millionen) und ein wenig über die Hälfte Webstühle (550 000 von 972 000). Im
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Jahre 1893 war das Verhältnis noch weiter auf 41 % dei* Spindeln heruntergegangen (45 300 000 unter 91340 000)*) England verlor also an Boden, während die andern gewannen. Und die Sache ist ganz natürlich; man hätte sie vorhersehen können. Es ist kein Grund vorhanden, warum Großbritannien immer der Baumwollverarbeiter der Welt sein soll, wo doch die Rohbaumwolle in dieses Land ebenso wie in andere ein- geführt werden muß. Es war ganz natürlich, daß Frankreich,. Deutschland, Italien, Kußland, Indien, Japan, die Vereinigten Staaten und selbst Mexiko und Brasilien anfingen ihre eigenen Garne zu spinnen und ihre eigenen BaumwollstoiFe zu weben. Aber das Auftauchen der Baumwollindustrie in einem Lande,, oder besser gesagt, irgend einer Textilindustrie, wird unver- meidlich der Ausgangspunkt für das Heranwachsen einer Reihe anderer Industrien ; chemische und mechanische Werke, Metallurgie und Minenwesen fühlen sofort den Aufschwung, den ein neues Bedürfnis mit sich bringt. Die Gesamtheit der heimischen Industrien, und ebenso die technische Erziehung im allgemeinen muß besser werden, um dem Bedürfnis Genüge zu tun, sobald es empfunden wurde.
Was sich hinsichtlich der BaumwoU waren ereignet hat, geht ebenso in Bezug auf andere Industrien vor sich. Groß- britannien und Belgien haben nicht länger das Monopol in der Wollindustrie. Riesenhafte Betriebe in Verviers liegen still; die belgischen Weber sind im tiefsten Elend, während die deutsche Wollproduktion von Jahr zu Jahr steigt; Deutschland exportiert neunmal so viel Wollwaren als Belgien. Oesterreich verfertigt seine eigenen Wollwaren und exportiert sie; Riga, Lodz und Moskau versorgen Rußland mit feinen wollenen Tuchen; und das Anwachsen der Wollindustrie in jedem der genannten Länder ruft hunderte von verwandten Gewerben ins Leben.
Viele Jahre hindurch hat Frankreich das Monopol der Seidenindustrie gehabt. Da die Seidenwürmer in Südfrankreich
*) The Economist, 13. Januar 1894.
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gezüchtet werden, war es ganz natürlich, daß Lyon ein Mittel- punkt für die Verarbeitung der Seide wurde. Spinnereien', Hausweberei und Färbereien entwickelten sich in großer Aus- dehnung. Aber schließlich hatte sich die Industrie so stark entwickelt, daß die einheimischen Vorräte an Rohseide un- genügend wurden, und so wurde Rohseide aus Italien, Spanien, Südösterreich, Kleinasien, dem Kaukasus und Japan eingeführt, bis zu Beträgen von 9 — 11 Millionen £ in den Jahren 1875 und 1876, während Frankreich nur übar eigene Seide im Werte von 800 000 £ verfügte. Tausende von Bauernburschen und Mädchen wurden durch hohe Löhne nach Lyon und die Nachbarbezirke gezogen; die Industrie war blühend. Indessen erwuchsen allmählich neue Mittelpunkte der Seidenindustrie in Basel und in den Bauernhäusern um Zürich. Französische Auswanderer nahmen das Gewerbe mit sich, und es entwickelte sich in der Fremde, besonders nach dem Bürgerkrieg von 1871. Die Regierung des Kaukasus ließ französische Arbeiter und Arbeiterinnen aus Lyon und Marseille kommen, damit sie die Georgier und Russen über die besten Methoden der Seiden- raupenzucht unterrichteten und ebenso über die Verarbeitung der Seide, und Stavropol wurde ein neues Zentrum der Seiden- weberei. Oesterreich und die Vereinigten Staaten taten das Nämliche; und was ist nun das Ergebnis? Während der Jahre 1872 — 1881 hat die Schweiz die Erträge ihrer Seidenindustrie mehr als verdoppelt; Italien und Deutschland erhöhten sie um ein Drittel; und die Gegend um Lyon, die früher Seidenwaren Tbis zum Werte von 454 Millionen Francs im Jahre herstellte, konnte im Jahre 1887 nur eine Einnahme von 378 Millionen aufweisen. Die Ausfuhr der Lyoner Seide, die in den Jahren 1855 — 59 durchschnittlich 425, und in den Jahren 1870 — 74 460 Millionen Francs einbrachte, fiel auf 233 Millionen im Jahre 1887. Und von französischen Spezialisten ist berechnet worden, daß zur Zeit nicht weniger als ein Drittel der in Frankreich benutzten Seidenstoffe aus Zürich, Crefeld und Barmen eingeführt werden. Ja, sogar Italien, das 1880 2 Millionen Spindeln und 30 000 Webstühle (gegen 14 000 im^
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Jahre 1870) hatte, sendet seine Seide nach Frankreich und konkur- riert mit Lyon. Mögen die französischen Fabrikanten noch so sehr nach Schutzzöllen schreien, oder mögen sie zu der Fabrikation billigerer Waren von schlechterer Qualität ihre Zuflucht nehmen ; mögen sie 3 250 000 kg Seidenstoffe zum selben Preis ver- kaufen wie 2 500 000 in den Jahren 1855 — 59 — niemals^ werden sie wieder die Stellung erobern, die sie einmal besessen haben. Italien, die Schweiz, Deutschland, die Vereinigten Staaten und Rußland haben ihre eigenen Seidenfabriken und importieren aus Lyon nur die feinsten Qualitäten. Was die geringeren Sorten angeht, so gehört z. B. ein Foulard zum ge- wöhnlichen Putz der Dienstmädchen in St. Petersburg, w^eil die Hausindustrie im nördlichen Kaukasus sie zu einem Preise liefert, bei dem die Weber Lyons verhungern müßten. Das Gewerbe ist dezentralisiert worden, und während Lyon immer noch ein Zentrum für die feinen, künstlerisch ausgeführten Seidenartikel ist, wird es nie wieder das Hauptzentrum der gesandten Seidenbranche werden, das es vor dreißig Jahren war.
Ahnliche Beispiele könnten in Menge aufgeführt werden. Greenock versorgt Rußland nicht länger mit Zucker, weil Rußland genug eigenen zum selben Preise hat, wie er in England verkauft wird. Die Uhrenindustrie ist nicht mehr eine Spezialität der Schweiz: überall werden jetzt LTiren gemacht. Indien gewinnt aus seinen neunzig Kohlengruben zwei Drittel seines jährlichen Kohlenverbrauchs. Die chemische Industrie, die dank der besondern Vorteile für die Einfuhr von spanischem Schwefelkies und für die Ansammlmig einer solchen Mannig- faltigkeit von Industrien an den Mündungen des Clyde und des Tyne entstand, ist jetzt im Verfall. Spanien ist im BegriflF^ von englischem Kapital unterstützt, seinen eigenen Schwefel- kies für sich selbst zu verwerten; und Deutschland ist ein großes Zentrum für die Herstellung von Schwefelsäure und Soda geworden — ja es klagt sogar schon über Über- produktion.
Doch genug! Ich habe so viele Zahlen vor mir, die alle dieselbe Geschichte erzählen, daß die Beispiele nach Belieben
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vermehrt werden könnten. Es ist Zeit, den Schluß zu ziehen^ und der Schluß ergibt sich für jeden Geist ohne Vorurteile von selbst. Industrien aller Arten werden dezentralisiert und ver- streuen sich über die ganze Erde; und überall erwächst eine Mannigfaltigkeit von Gewerben, Arbeitsvereinung statt Arbeits« teilung. Dies sind die kennzeichnenden Züge der Zeiten, in denen wir leben. Jedes Volk wird der Reihe nach ein Industrie- volk; und die Zeit ist nicht mehr weit, wo jedes Volk Europas, und ebenso der Vereinigten Staaten, und selbst die zurück- gebliebenen Völker Asiens und Amerikas beinahe alles, was sie brauchen, selbst produzieren werden. Kriege und derlei zufällige Umstände mögen eine Zeitlang die Ausbreitung der Industrien aufhalten: sie werden ihr kein Ende machen, sie ist vermeidlich. Für jeden Beginnenden sind nur die ersten Schritte schwierig. Aber sowie eine Industrie erst Wurzel ge- faßt hat, ruft sie hunderte andere Gewerbe ins Leben, und sowie die ersten Schritte getan und die ersten Hindernisse überwunden sind, geht das Wachsen der Industrie in be- schleunigtem Tempo weiter.
Diese Tatsache wird so stark empfunden, wenn nicht ver-^ standen, daß die Jagd nach Kolonien das Kennzeichen der letzten zwanzig Jahre geworden ist. Jedes Volk will seine eigenen Kolonien haben. Aber Kolonien werden nicht helfen. Es gibt kein zweites Indien in der Welt, und die alten Zu- stände werden nicht noch einmal wiederkehren. Ja, einige der britischen Kolonien drohen bereits ernsthafte Konkurrenten des Mutterlandes zu werden; andere, wie Australien, werden ohne Frage dieselben Wege gehen. Was die bisher neutralen Märkte angeht, so wird China nie ein in Betracht kommender Kunde Europas werden; es kann viel billiger im Lande produzieren, und wenn es einmal ein Bedürfnis nach Waren europäischer Art verspüren wird, wird es sie selbst herstellen. Wehe Europa, wenn es an dem Tage, wo die Dampfmaschine ihren Einzug in China hält, sich noch auf fremde Abnehmer verläßt! Was die afrikanischen Halbwilden angeht, so ist ihr Elend keine Grundlage für den Wohlstand eines Kulturvolkes..
Drittes Kapitel.
Die Möglichkeiten der Landwirtschaft.
Die Entwickelung der Landwirtschaft. — Angebliche Übervölkerung:. -r- Kann der Boden Grofsbritanniens seine Bewohner ernähren ? — Britische Landwirtschaft. — Vergleich mit der Landwirtschaft in Frank- reich; in Belgien. — Handelsgärtnerei: ihre Vervollkommnung. — Bringt es Gewinn, in Großbritannien Weizen zu bauen? — Amerikanische Landwirtschaft: intensive Wirtschaft in den Vereinigten Staaten.
Die Geschichte von Industrie und Handel während der letzten dreißig Jahre war eine Geschichte der Dezentralisation der Industrie. Es war nicht eine bloße Verschiebung des Schwerpunktes des Handels, wie sie Europa in früherer Zeit erlebt hatte, als die Handelshegemonie von Italien nach Spanien, nach Holland und schließlich nach England wanderte: es han- delte sich um viel Tiefergehendes, da geradezu die Möglichkeit kommerzieller oder industrieller Hegemonie ausgeschlossen wurde. Ganz neue Verhältnisse sind aufgekommen; und neue Ver- hältnisse verlangen neue Anpassungen. Bemühungen, Ver- gangenes wiederzubeleben, wären vergeblich: die Kulturvölker müssen sich neuem Beginnen zuwenden.
Natürlich werden sehr viele Stimmen laut werden, die sich zu zeigen bemühen, daß das frühere Vorrecht der Bahn- brecher um jeden Preis aufrecht erhalten werden muß: alle Bahnbrecher haben die Gewohnheit das zu sagen. Man wird sagen, die Bahnbrecher müßten hinsichtlich ihrer technischen Ausbildung und Organisation so überlegen werden, daß sie im- stande seien, all ihre jüngeren Konkurrenten zu schlagen; und wenn es notwendig sei, müsse man seine Zuflucht zur Gewalt
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nehmen. Aber Gewalt ist gegenseitig; und wenn der Kriegs- gott immer für die stärksten Bataillone Partei ergreift, so sind die Bataillone die stärksten, die für neue Rechte gegen alte Privilegien kämpfen. — Was das redliche Verlangen nach besserer technischer Ausbildung angeht — gewiß, wir alle wollen davon möglichst viel haben; es wird eine Wohltat für die Menschheit sein; für die Menschheit natürlich — nicht für ein einzelnes Volk, denn Kenntnisse können nicht einzig und allein für den Hausbedarf gepflegt werden. Kenntnisse und Erfindungen, Kühnheit der Gedanken und Unternehmungsgeist, die Siege genialer Menschen und die Verbesserungen der so- zialen Organisation sind internationale Dinge geworden; und keine Art Fortschritt — auf geistigem, industriellem oder sozialem Gebiet — kann in politische Grenzen eingeschlossen werden; er überspringt die Meere, er durchbohrt die Gebirge; Steppen sind ihm kein Hemmnis. Kenntnisse und Erfindergabe sind jetzt so vollständig international, daß wir sicher sein können, wenn morgen bloß eine Zeitungsnotiz mitteilt, das Problem der Kraftanhäufung, oder ohne Druckerschwärze zu drucken, oder die Luftschiflffahrt habe in einem Lande der Welt eine praktische Lösung gefunden, daß binnen wenigen Wochen das nämliche Problem fast auf demselben Wege von verschiedenen Erfindern verschiedener Nationalität gelöst werden wird. Fortwährend bemerken wir, daß dieselbe wissenschaftliche Entdeckung oder technische Erfindung innerhalb weniger Tage in Ländern, die tausend Meilen voneinander abliegen, gemacht worden sind; als ob es eine Art Atmosphäre gäbe, die in einem bestimmten Augenblick das Aufkeimen einer bestimmten Idee begünstigte. Und eine solche Atmosphäre gibt es tatsächlich: die Dampf- maschine, die Presse und der gemeinsame Schatz von Kennt- nissen haben sie geschaffen.
Wer aber davon träumt, das technische Genie zu mono- polisieren, ist fünfzig Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben. Die Welt — die weite, weite Welt — ist jetzt das eigentliche Gebiet des Wissens; und wenn jedes Volk in einem besonderen Zweige besondere Fähigkeiten entfaltet, so wiegen die mannig-
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fachen Fähigkeiten der verschiedenen Völker einander auf; und die Vorteile, die aus ihnen fließen könnten, wären nur vorüber- gehend. Die mechanische Kunstfertigkeit der britischen Arbeit^ die amerikanische Kühnheit in gigantischen Unternehmungen^ der systematische Geist der Franzosen und die Erziehungskunst der Deutschen sind internationale Fähigkeiten geworden. Sir William Armstrong übermittelt in seinen italienischen und japa- nischen Werkstätten an Italiener und Japaner die Fähigkeit^ riesenhafte Eisenmassen zu bearbeiten, eine Fähigkeit, die am Tyne ausgebildet worden ist; der revolutionäre amerikanische Unternehmungsgeist erobert die alte Welt; der französische ausgeglichene Geschmack wird europäischer Geschmack; und die deutsche Erziehung ist — ich darf sagen: verbessert — in Rußland heimisch geworden. So wäre es besser, anstatt zu versuchen, in den alten Bahnen Leben zu erhalten, zu unter- suchen, worin die neuen Verhältnisse bestehen, was für Pflichten sie unserer Generation auflegen.
Die Kennzeichen der neuen Verhältnisse sind deutlich und ihre Folgen sind leicht zu verstehen. In dem Maße wie die Industrievölker Westeuropas stets wachsenden Schwierigkeiten begegnen, ihre Waren im Auslande zu verkaufen und dafür Lebensmittel einzutauschen, werden sie genötigt sein, ihre Lebensmittel im eigenen Lande zu gewinnen; sie werden ge- zwungen sein, sich auf die heimischen Abnehmer für ihre Waren zu verlassen, und auf die heimischen Produzenten für ihre Lebensmittel. Und je eher sie es tun, um so besser.
Zwei große Einwände jedoch stehen der allgemeinen An- nahme solcher Schlüsse im Wege. Man hat uns von Seiten der Nationalökonomen und Politiker belehrt, daß die Länder der westeuropäischen Staaten so übervölkert seien, daß es aus- geschlossen sei, daß sie all die Lebensmittel und Rohprodukte selbst gewinnen, die für die Erhaltung ihrer stets wachsenden Bevölkerungen notwendig sind. Daher schreibe sich die Not- wendigkeit, Waren zu exportieren und Nahrungsmittel ein- zuführen. Und man sagt uns noch dazu, daß wenn es selbst möglich wäre, in Westeuropa all die für seine Bewohner nötigen
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Lebensmittel zu gewinnen, es doch nicht vorteilhaft wäre so zu verfahren, solange dieselben Lebensmittel im Auslande billiger zu haben seien. Dies sind zur Zeit die Lehren und Ideen, die in der Gesellschaft gang und gäbe sind. Und doch ist es leicht zu beweisen^ daß beides vollständig falsch ist: reichliche Lebens- mittel für viel mehr als die gegenwärtigen Bevölkerungen könnten in Westeuropa gewonnen werden, und es wäre ein ungeheurer Vorteil, wenn dies geschähe. Dies sind die beiden Punkte, die ich nun zu untersuchen habe.
Beginnen wir mit dem schwierigsten Fall: ist es möglich, daß der Boden Großbritanniens, der zur Zeit Lebensmittel nur für ein Drittel seiner Bewohner hergibt, alle notwendigen Lebensmittel in der erforderlichen Verschiedenartigkeit für 33 Millionen Menschen schaffen könnte, wenn er — alles mit- gerechnet, Wälder und Felsen, Marschen und Torfmoore, Städte, Eisenbahnen und Felsen — nur 56 Millionen Acres umfaßt, von denen nur 33 Millionen Acres als kultivierbar gelten?*) Die allgemeine Meinung ist, daß das unter keinen Umständen möglich sei; und diese Meinung ist so eingewurzelt, daß wir sogar sehen, wie Männer der Wissenschaft, die im allgemeinen den landläufigen Meinungen kritisch gegenüber stehen, diese Meinung aufnehmen, ohne sich die Mühe zu geben, ihr auf den Grund zu gehen. Sie wird als Axiom betrachtet. Und doch finden wir, sowie wir versuchen. Gründe, die für sie sprechen, zu finden, daß sie nicht die geringste Unterlage hat, weder in Tatsachen noch in Schlüssen, die auf bekannten Tatsachen aufgebaut wären. —
Nehmen wir z. B. J. B. Lawes' Erntestatistik, die jedes Jahr in den „Times" veröffentlicht wird. In seiner Statistik
*) 23^0 des ganzen Bodens von England, 40% in Wales und TS^/o in Schottland bestehen jetzt aus Waldungen, Buschwerk, Bergen, Heiden, Wasser etc. Der Rest also 32 777513 Acres, die entweder bebaut werden oder daueiTid Weideland sind, kann als der „kultivierbare" Boden Groß- britanniens gelten. (Anm. d. Übers. 1 acre =■- 4046,78 Quadratmeter, also etwa ^J^ Hektar.)
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für das Jahr 1887 machte er die Bemerkung, daß während der acht Erntejahre 1853—1860 „beinahe drei Viertel des ge- samten im Vereinigten Königreich verbrauchten Weizens hei- misches Produkt war und nur wenig mehr als ein Viertel aus dem Ausland kam"; aber fünfundzwanzig Jahre später waren die Zahlen beinahe umgekehrt, nämlich „während der acht Jahre 1879 — 1886 ist wenig über ein Drittel durch heimische Ernten gedeckt worden und fast zwei Drittel wurden eingeführt". Aber weder die Vermehrung der Bevölkerung um 8 Millionen noch die Hebung des Konsums von Weizen um Vs ScheiBFel pro Kopf*) konnten diesen Wandel erklären. In den Jahren 1853 — 60 ernährte der englische Boden einen Einwohner auf je 2 bebaute Acres: warum waren im Jahre 1887 drei Acres erforderlich, um denselben einen Einwohner zu ernähren? Die Antwort ist einfach: lediglich deshalb, weil die Landwirtschaft in Verfall geraten ist.
In der Tat ist der mit Weizen bebaute Boden seit 1853 — 60 um volle 1590000 Acres zurückgegangen, und demnach blieb die Durchschnittsemte der Jahre 1883 — 86 hinter der von 1853 — 60 um mehr als 40 Millionen Scheflfel zurück; und dieses Defizit allein stellte die Nahrung von mehr als 7 Millionen Einwohnern dar. Zur selben Zeit war der mit Gerste, Hafer, Bohnen und anderer Sommeraussaat bebaute Boden ebenfalls um weitere 560000 Acres zurück- gegangen, die, wenn man den niedrigen Durchschnitt von 30 Scheffeln per Acre annimmt, die notwendigen Hülsenfrüchte zur Vervollständigung der Nahrung für die oben genannten 7 Millionen Einwohner geliefert hätten. Und man könnte sagen, daß der Umstand, daß das Vereinigte Königreich im Jahre 1886 Getreide und Hülsenfrüchte für 17 Millionen anstatt wie im Jahre 1860 für 10 Millionen Einwohner einführte, lediglich daher kam, daß 2 Millionen Acres der Bebauung ent- zogen waren.**) Diese Tatsachen sind wohlbekannt; aber ge-
*) 1 engl. Scheffel (bushel) = 36,35 Liter.
**) Mit Weizen bebaute Bodenfläche in den Jahren 1853—60 durch- schnittlich 4092160 Acres j durchschnittliche Ernte 14310779 Quarters
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wohnlich begegnet man ihnen mit der Bemerkung, daß der Charakter der Landwirtschaft sich geändert habe: statt des Anbaues von Weizen sei Milch und Fleisch produziert worden. Indessen zeigen die Zahlen von 1887, wenn man sie mit denen von 1870 vergleicht, daß dieselbe Abwärtsbewegung auch für Grünfutter und dergleichen eingetieten war. Die mit Kartoffeln bebaute Bodenfläche war um 280000 Acres zurückgegangen; Rübenland um 180000 Acres; und obwohl Kunkelrüben, Mohr- rüben u. s. w. mehr angepflanzt wurden, veiminderte sich doch die mit Früchten der Art bebaute Gesamtbodenfläche um weitere 330000 Acres. Eine Vermehrung der Bodenfläche trat nur beim Weideland (2800000 Acres) und bei den Wiesen ein (1600000 Acres); aber vergebens würden wir nach einem entsprechenden Anwachsen des Viehstandes suchen. Die Ver- mehrung des Viehstandes, die während dieser 27 Jahre eintrat, war nicht genügend, um auch nur die Bodenfläche zu decken, die früher unbebaut war und neu kultiviert wurde.*)
Seit dem Jahre 1887 indessen entwickelten sich die Dinge immer schlimmer und schlimmer. Wenn wir Großbritannien allein nehmen, dann sehen wir, daß im Jahre 1885 die mit
(1 Quarter = 8 Scheffel). Mit Weizen bebaute Bodenfläche in den Jahren 1884—87 durchschnittlich 2509055 Acres; durchschnittliche Ernte (gute Jahre) 9198956 Quarters. Siehe Professor W. Fream's Rothamstead Experiments (London 1888), Seite 83. Ich nehme im obigen Sir John Lawe's Zahl, 5,65 Scheffel auf den Kopf der Be- völkerung pro Jahr. Sie kommt der Jahresschätzung der französischen Statistiker, 5,67 Scheffel, sehr nahe. Die russischen Statistiker rechnen 5,67 Scheffel Winterfrucht (hauptsächlich Roggen) und 2,5 Scheffel Sommerfrucht (Buchweizen, Gerste u. s. w.).
*) Das Großvieh nahm um 1800000 Stück zu, und die Schafe nahmen um 4^4 Millionen ab (62/3 Millionen, wenn wir die Jahre 1886 und 1868 miteinander vergleichen), was etwa eine Zunahme um IV4 Millionen Großvieh bedeutet, da man acht Schafe auf ein Stück Hornvieh rechnet. Aber da seit 1860 fünf Millionen Acres neu angebaut wurden, genügt der eben genannte Zuwachs kaum, um dieses Stück Land zu decken, so daß die 2^4 Millionen Acres, die nicht länger bebaut wurden, völlig unersetzt blieben. Sie sind der Nation voll- ständig verloren gegangen.
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allen Getreidearten bebaute Fläche 8392 006 Acres betrug*; das ist wahrlich sehr wenig, wenn man an die Fläche denkt, die bebaut hätte sein können, aber selbst dieses Wenige ging noch auf 7400227 Acres im Jahre 1895 zurück. Die mit Weizen l3ebaute Fläche betrug 2478318 Acres im Jahre 1885 (gegen 3630300 Acres im Jahr 1874); aber sie schrumpfte 1895 auf 1417 641 Acres zusammen, während die mit andern Getreide- arten bebaute Fläche sich nur um eine Kleinigkeit vermehrte
— von 5198026 Acres auf 5462184 Acres — der Gesamt- verlust an allen Getreidearten betrug also beinahe eine Million Acres in zehn Jahren! Weitere 5 Millionen Einwohner waren also gezwungen, ihre Lebensmittel in der Fremde zu suchen.
Nahm die mit Futter bebaute Fläche in diesen zehn Jahren zu? Nicht im mindesten! Sie ging um fast 300000 Acres weiter zurück (3 521602 im Jahre 1885 und 3 225 762 im Jahr 1895). Oder nahmen die mit Klee und Gras bebauten Wiesen im Verhältnis zu all diesem Rückgang zu? Leider nein! Sie blieb fast dieselbe (4654173 Acres 1885, 4729801 im Jahr 1895). Kurz, wenn wir all das Land zusammennehmen, das als Felder oder Wiesen bebaut ist (17 201490 x\cres im Jahr 1885 und 16166950 Acres im Jahr 1895), so sehen wir, daß innerhalb der letzten zehn Jahre wiederum eine Million Acres der Bebauung entzogen wurden, ohne die geringste Entschädigung.
— Sie vermehrten die bereits ungeheure Bodenfläche von mehr als 16 Millionen Acres — die Hälfte- allen Kulturlandes
— die unter dem Namen „Weidegrund" geht, das heißt kaum genügt, daß je 3 Acres eine Kuh ernähren!
Muß ich nach alledem noch hinzufügen, daß ganz im Gegensatz zu den Behauptungen, daß die britischen Landwirte anstatt „Weizenbauern" „Fleischproduzenten" würden, keine Vermehrung des Viehstandes während der letzten zehn Jahre eintrat? In der Tat, wo hätte das Vieh sein Futter finden sollen? Das Land hat, anstatt den Boden, der des Getreides beraubt wurde, zur „Fleischproduktion" zu verwenden, seinen Viehstand weiter vermindert.' Es hatte 1885 6597 964 Stück
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Hornvieh und 1895 nur 6354336; 1885 26534600 Schafe und 1895 25792200. Zugegeben, die Zahl der Pferde stieg; jeder Schlächter und Grünkramhändler hält jetzt ein Pferd, 7,um die Herrschaften nach ihren Wünschen zu fragen" (in Schweden und der Schweiz tun sie es, nebenbei bemerkt, telephonisch); und infolge dessen hat Großbritannien 1545228 Pferde gegen 1408788 im Jahre 1885. Aber die Pferde kommen aus dem Auslande, und ebenso der Hafer und ein beträchtlicher Teil des Heus, das sie fressen. Und wenn in der Tat der Verbrauch an Fleisch in England zugenommen hat, so ist das der Einfuhr billigen Fleisches zu verdanken, nicht dem Fleische, das im Lande produziert werden konnte.*) Kurz, die Landwirtschaft hat nicht, wie man uns oft erzählt, eine andere Richtung genommen; es ging einfach abwärts mit ihr — nach allen Richtungen. Gefährlich große Landstrecken hören auf bebaut zu werden, während die letzten Verbesserungen der Gemüsegärtnerei, der Obstzucht und der Geflügelzucht nur unbedeutend sind, wenn wir sie mit dem vergleichen, was in der- selben Richtung in Frankreich, Belgien und Amerika geschehen ist. Die Ursache dieses allgemeinen Niederganges ist ein- leuchtend. Er kommt daher, daß das Land verlassen und verödet wird. Überall, wo bei der Ernte menschliche Arbeit erfordert wird, ist das Gebiet kleiner geworden, und ein Drittel der Land- arbeiter ist seit 1861 weggeschickt worden, damit sie die Armee der Arbeitslosen in den Großstädten vergrößern helfen,**) so daß die Felder Großbritanniens nicht nur nicht übervölkert sind, sondern nach menschlicher Arbeit hungern, wie James Caird zu sagen pflegte. Das britische Volk arbeitet nicht auf seinem Boden; es wird daran gehindert es zu tun, und die angeblichen Nationalökonomen jammern, daß der Boden seine Bewohner nicht ernähren könne!
*) Nicht weniger als 5877000 Zentner Rindfleisch und Hammel- fleisch, 1065470 Schafe und Lämmer und 415 565 Stück Vieh wurden 1895 eingeführt.
**) Landwirtschaftliche Arbeiter in England und Wales: 2100000 im Jahr 1861; 1383000 im Jahr 1884; 1311720 im Jahr 1891.
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Mit dem Tornister auf dem Bücken ging ich einmal ziz Fuß aus London und wanderte durch Sussex. Ich hatte das: Werk von L6once de Lavergne gelesen und erwartete einen sorgfältig angepflanzten Boden zu finden; aber weder in der Nähe Londons und noch weniger weiter südlich sah ich Leute auf den Feldern. Im Landstrich des Weald konnte ich zwanzig Meilen wandern, ohne irgend etwas zu treffen als Haide oder Gehölz, die zur Fasanenjagd an „Londoner Herren" verpachtet waren, wie die Arbeiter sagten. „Schlechter Boden" war mein erster Gedanke; aber dann kam ich gelegentlich zu einer Farm, die an der Kreuzung zweier Straßen gelegen war und sah, daß der Boden eine reiche Ernte trug, und mein nächster Gedanke war: tel seigneur, telle terre, wie die französischen Bauern sagen. Späterhin sah ich die reichen Felder der Graf- schaften Mittelenglands; aber selbst da war ich betroffen, nicht dieselbe geschäftige Arbeit zu finden, die ich auf den belgischen und französischen Feldern zu bewundern pflegte. Aber ich hörte auf mich zu wundem, als ich erfuhr, daß nur 1 383 000 Männer und Frauen in England und Wales auf den Feldern arbeiten, während mehr als 16 Millionen zu den „in Gewerben, häuslicher Tätigkeit, unbestimmten Berufen oder gar nicht produktiv tätigen Klassen" gehören, wie die unbarmherzigen Statistiker sagen. Eine Million dreimalhunderttausend Menschen können nicht eine Fläche von 33 Millionen Acres produktiv bewirtschaften, es sei denn, daß sie ihre Zuflucht zu den Be- bauungsmethoden der Bonanzafarm nehmen.
Und wiederum, wenn ich Harrow zum Mittelpunkt meiner Ausflüge machte, konnte ich in der Richtung nach London oder in der entgegengesetzten Richtung fünf Meilen weit wandern, und ich sah im Osten und Westen nichts als Wiesenland, wo sie kaum zwei Tonnen Heu auf den Acre schneiden konnten — kaum genug, um eine Milchkuh vom Ertrage zweier Acres zu ernähren. Der Mensch macht sich durch seine Abwesenheit von diesen Wiesen bemerkbar; er führt im Frühjahr eine schwere Walze darüber; er fährt alle zwei oder drei Jahre etwas Dünger hin; dann verschwindet er, bis die Zeit zur
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Heuernte gekommen ist. Und das ist so — zehn Meilen voni Charing Cross, also dicht bei einer Stadt von 5 Millionen Ein wohnern, die mit Kartoffeln aus Flandern und Jersey, mit Salat aus Frankreich und Äpfeln aus Kanada versorgt wird. In den Händen der Pariser Gärtner würden je tausend Acres, die in; dieser Entfernung von der Hauptstadt lägen, von mindestens- 2000 Menschen bestellt werden, die Gemüse im Wert von 50 bis 300 £ per Acre liefern würden. Aber hier liegen die Felder, die bloß Menschenhände brauchen, um eine unerschöpf- liche Quelle goldner Ernten zu werden, nutzlos da, und man sagt uns „schwerer Lehm!" und weiß nicht einmal, daß es unter den Händen der Menschen gar keinen unergiebigen Boden gibt; daß die fruchtbarsten Boden nicht in den Prärien Amerikas und nicht in den russischen Steppen zu finden sind;; daß sie vielmehr in den Torfmooren Irlands, in den Sanddünen der Nordktiste Frankreichs, auf den steinigen Bergen am Rhein zu finden sind, und daß sie da von Menschenhand dazu gemacht worden sind.*)
Die empörendste Tatsache aber ist, daß in einigen un- zweifelhaft fruchtbaren Teilen des Landes die Zustände noch schlimmer sind. Mein Herz stöhnte förmlich, als ich die Be- schaffenheit des Landes in South Devon sah, als ich da kennen lernte, was man unter „Weidegrund" verstellt. Feld neben Feld ist lediglich mit drei Zoll hohem Gras bedeckt, zwischen denen Disteln in verschwenderischer Fülle wachsen. Zwanzig, dreißig solche Felder sieht man auf einen Blick vom Gipfel jedes Hügels aus; und tausende Acres sind in diesem Zustande, ob- wohl die Großväter der jetzt lebenden Generation in ungeheurer Arbeitsleistung diesen Boden von Steinen befreit haben, ihn einhegten, roh drainierten und dergleichen. In jeder Richtung sah ich verlassene Häuschen und verwahrloste Obstgärten. Eine ganze Bevölkerung ist verschwunden, und selbst die geringen
**) Anmerk. d. Übers. Etwa 25 km von Berlin, in der Obstbau- kolonie „Eden" bei Oranienburg werden auf schlechtestem märkischen Sandboden die erlesensten Obst- und Beerensorten von feinstem Aroma gezogen.
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Keste müssen vollends verschwinden, wenn die Dinge so wie bisher weiter gehen. Und so sieht es in einem Teil des Landes aus, der einen äußerst fruchtbaren Boden hat und sich eines Klimas erfreut, das sicherlich geeigneter ist, als das Klima von Jersey im Frühjahr und im Anfang des Sommers — in einem Land, wo selbst die ärmsten Häusler manchmal in der ersten Hälfte des Mai Kartoffel ernten. Aber wie kann dies Land bestellt werden, wenn niemand da ist, es zu bestellen? „Wir haben Felder; die Leute gehen vorbei, aber sie gehen nicht hinein", so sagte ein alter Knecht zu mir, und so ist es in der Tat.*)
Natürlich wird man sagen, die eben ausgesprochene Meinung stehe in sonderbarem Gegensatz zu der wohlbekannten Überlegenheit der britischen Landwirtschaft. Wissen wir nicht in der Tat, daß britische Ernten durchschnittlich achtundzwanzig Scheffel Weizen per Acre bringen, während in Frankreich nur siebzehn Scheffel erreicht werden? Steht es nicht in jedem Jahrbuch, daß Großbritannien alljährlich 180 Millionen £ für die tierischen Produkte seiner Landwirtschaft einnimmt — Milch, Käse, Fleisch und Wolle? All das ist zutreffend, und ohne Zweifel ist die britische Landwirtschaft in mancher Hin- sicht der mancher anderen Völker überlegen. Im Hinblick auf die Erlangung der größten Erträge mit der geringsten Arbeits- menge war Großbritannien ohne Frage an der Spitze, bis es von Amerika überholt wurde. Und ebenso ist, was die schönen Viehrassen, den glänzenden Stand der Wiesen und die Ergebnisse angeht, die in einzelnen Farmen erzielt wurden, von Groß- britannien viel zu lernen. Aber eine nähere Bekanntschaft mit der britischen Landwirtschaft im Ganzen enthüllt manches
*) Zu dem kleinen Gehöft, wo ich mich während zweier Sommer aufhielt, gehörten: eine Farm, 370 Acres, vier Knechte und zwei Jungen; ein anderes hatte etwa 300 Acres und zwei Männer und zwei Jungen; ein drittes achthundert Acres und nur fünf Männer und wahrscheinlich dieselbe Zahl Jungen. In der Tat, das Problem, das Land mit der geringsten Zahl Menschen zu bewirtschaften, ist in dieser Gegend so gelöst worden, dafs zwei Drittel davon überhaupt nicht bestellt werden.
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Minderwertige. So glänzend sie auch ist, eine Wiese bleibt eine Wiese, die lange nicht so produktiv ist wie ein Kornfeld; und die schönen Viehrassen erscheinen als sehr annselige Geschöpfe, solange jeder Ochse drei Acres zu seiner Ernährung braucht. Gewiß yerspürt man etliche Bewunderung bei den durchschnittlich 28 Scheffeln, die hierzulande erzielt werden; aber wenn wir hören, daß von den bebauungsfähigen 33 Millionen Acres nur 1417 000 Acres Weizen tragen, sind wir gründlich enttäuscht. Jeder könnte dieselben Resultate haben, wenn er all seinen Dung in den zwanzigsten Teil des Grundstücks,, das er besitzt, stecken wollte. Und hinwiederum erscheinen uns die achtundzwanzig Scheffel nicht mehr so zufriedenstellend,, wenn wir erfahren, daß man in Rothamstead ohne jede Düngung» nur durch gute Kultur, durchschnittlich 14 Scheffel pro Acre auf demselben Stück Land vierzig Jahre hintereinander geerntet hat; während sie mit Düngung 38 Scheffel anstatt 28 erhalten und unter dem Parzellensystem werden 40 Scheffel erreicht. Auf einigen Farmen ernten sie manchmal sogar fünfzig und sieben- undfünfzig Scheffel per Acre.*)
Wenn wir einen richtigen Eindruck von der britischen Landwirtschaft bekommen wollen, dürfen wir nicht auf das sehen, was an einigen ausgesuchten und wohlgepflegten Stellen erreicht worden ist; wir müssen fragen, was mit dem Gebiet als Ganzes genommen gemacht worden ist.**) Nun. unter je
*) The Rothamstead Experiments, 1888, von Prof. W. Fream, S. 35 ff. **) Die Zahlen, die ich für diese Berechnungen benutze, linden sich im Statesmans Year-book, 1896, und in The Agricultural Returns, of the Board of Agriculture für 1895. Sie lauten wie folgt:
Acres Gesamtgebiet (Großbritannien) . . . 56457 500
Nichtkultivierbares Gebiet:
Acres England ... 7481000 Wales . . . 1885000 Schottland . . 14314000 Großbritannien: 23680000
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1000 Acres des gesamten Gebiets von England, Wales und Schottland sind 418 Acres, die Wald, Buschwerk, Heide, Gebäude u. s. w. tragen. Wir brauchen dieses Verhältnis nicht zu tadeln, weil sehr vielfach die Natur die Schuld trägt. In Frankreich und Belgien gilt in derselben Weise ein Drittel des Oebiets als unkultivierbar, obwohl Teile davon immer wieder urbar gemacht werden. Aber lassen wir den „unkultivierbaren" Teil bei Seite und sehen zu, was mit den 582 Acres, die von lOÜO übrig bleiben und die den „kultivierbaren" Teil vorstellen, geschehen ist (32 777 000 Acres in Großbritannien). Vor allen Dingen teilt er sich in zwei nahezu gleiche Teile, und einer -davon — 295 Acres auf 1000 — ist „Weidegrund", das heißt, in den meisten Fällen ist er völlig unbestellt. Sehr wenig Heu wird darauf geerntet*), und einiges Vieh grast darauf. Mehr als die Hälfte der bebauungsfähigen Fläche wird also unbestellt gelassen, und der Rest, das heißt, von je 1000 Acres 287, wird bestellt. Von diesen letzteren tragen 110 Acres Korn, 21 Kartoffeln, 57 Gemüse und dergleichen, und 84 Klee und Heu. Und schließlich werden unter den 110 Acres, die Korn tragen, die besten 25 Acres (der vierzigste Teil des Ge- samtgebiets, der dreiundzwanzigste Teil der kultivierbaren
Kultivierbares Gebiet (Großbritannien) 32777500
Darunter:
Weidegrund 16610563
Klee und Gras .... 4729801 Korn und Kartoffeln
(541217 Acres) .... 7400227
Grünfutter 3225762
Brachland etc 475650
Hopfen 58940
Beeren 74587
Flachs 2023
In Kultur insgesamt (init solchem Weide- land, das Heu gibt) 16166950
Von den 6879825 Acres, die Korn trugen, waren 1417 641 Acres mit Weizen bestellt, 2166279 mit Gerste und 3225905 mit Hafer.
*) Nur auf 85 unter diesen 295 Acres wird Heu gewonnen. Der Rest dient nur zur Weide.
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Figur 1 zeigt an, wie sich das überhaupt bestellte Gebiet, das mit Getreide im allgemeinen und das mit Weizen besteilte Gebiet in Groß- britannien und Irland zu einander verhalten.
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Fläche) ausgesucht und mit Weizeu bestellt. Sie werden treflF- lich bestellt, gut gedüngt und auf ihnen erntet man durch- schnittlich 28 Scheffel per Acre; und auf diese 25 Acres unter 1000 gründet sich die überlegene Weltstellung der britischen Landwirtschaft.
Das schlichte Ergebnis all dessen ist, daß auf beinahe 33 Millionen Acres kultivierbaren Landes die Lebensmittel für nur ein Drittel der Bevölkerung gewonnen werden (zwei Drittel der verzehrten Lebensmittel werden importiert) und wir können dementsprechend sagen , daß, obwohl fast zw^ei Drittel des Gebiets kultivierbar sind, die britische Landwirtschaft auf jeder Quadratmeile nur 125 oder 130 Einwohner von 378 Ein- wohnern ernährt. Mit andern Worten: beinahe drei Acres des kultivierbaren Landes sind nötig, um einer Person die Nahrung zu liefern. Nun wollen wir sehen, wie es um das Land in Frankreich und Belgien bestellt ist.
Wenn wir freilich bloß die durchschnittlich 28 Scheffel Weizen per Acre in Großbritannien mit den durchschnittlich siebzehn Scheffeln in Frankreich vergleichen, so fällt die Ver- gleichung sehr zu Gunsten Großbritanniens aus; aber solche Durchschnittszahlen haben wenig Wert, weil die zwei Systeme der Landwirtschaft in den beiden Ländern völlig verschieden sind. Der Franzose hat auch seine erlesenen und schwer ge- düngten „fünfundzwanzig Acres" im Norden Frankreichs und in He-de-France, und von diesen ausgesuchten Acres bekommt er Durchschnittsernten von 31 bis 33 Scheffeln.*) Jedoch sät er nicht nur auf den besten ausgesuchten Feldern Weizen, sondern auch auf solchen auf dem Plateau und im südlichen Frankreich,
*) Das heißt, 31 bis 33 Scheffel durchschnittlich; vierzig Scheffel auf guten Gütern und fünfzig auf den besten. Das mit Weizen bestellte Gebiet beträgt 17500000 Acres; die kultivierbare Fläche 95 Millionen Acres und die Gesamtoberfläche Frankreichs 132 Millionen Acres. Ver- gleiche Lecouteux, Le ble, sa culture extensive et intensive, 1883; Risler, Physiologie et culture du ble, 1886; Boitet, Hertages et Prairies naturelles 1885; Baudrülart, Les populations agricoles de la Normandie, 1880; Grandeau, La production agricöle en France; Leonce de Lavergne's letzte Ausgabe, und so weiter.
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die ohne Bewässerung kaum zehn, acht oder gar sechs Scheffel auf den Acre hergeben; und diese schlechten Ernten verringern den Durchschnitt für das ganze Land. Der Franzose kultiviert viel, was man in England Weidegrund sein läßt — und darin besteht seine „Inferiorität" in der Landwirtschaft. In der Tat ist, obwohl das Verhältnis zwischen dem, was wir das „kultivier- bare" Gebiet genannt haben, und dem ganzen Lande ziemlich dasselbe ist wie in Großbritannien (624 Acres auf je 1000 Acres des Gebiets), das Gebiet, das mit Weizen bestellt ist, beinahe sechs Mal so groß als die entsprechende Verhältniszahl für Großbritannien (146 Acres von 1000 gegenüber 25 in Groß- britannien); die Kornfelder im ganzen nehmen mehr als zwei Fünftel des kultivierbaren Gebiets -ein, und weite Gebiete tragen überdies Futter oder Rohprodukte für industrielle Verwertung, Wein, Obst und Gemüse.
Alles in Betracht gezogen erhält der Franzose, obwohl er weniger Vieh hält und besonders weniger Schafe grasen läßt als der Engländer, trotzdem von seinem Boden beinahe alle Nahrung, die er und sein Vieh verzehren. Er importiert in einem Durchschnittsjahr nur ein Zehntel dessen, was die Nation verzehrt, und er exportiert nach England beträchtliche Mengen Lebensmittel (im Werte von 10 Millionen £) nicht nur vom Süden, sondern auch und insbesondere von der Kanalküste (Butter und Gemüse aus der Bretagne; Obst und Gemüse aus den Vororten von Paris und so weiter).*)
Das Ergebnis ist, daß der Boden Frankreichs, obwohl ein Drittel des Gebiets auch als „unkultivierbar" behandelt wird, die Nahrung für 170 Einwohner auf die Quadratmeile hergibt
*) Die Ausfuhr aus Frankreich betrug im Jahre 1894, das ein Durch- schnittsjahr war: Wein 233 Millionen Francs, Spirituosen 54 Millionen Francs, Käse, Butter und Zucker 114 Millionen Francs. Nach England schickte Frankreich im selben Jahr: für 2744870 £ Wein, 2227360 £ raffinierten Zucker, 2351870 £ Butter, 982800 £ Eier (1611500 £ im Jahr 1893) und 1402300 £ Cognac, alles nur französischen Ursprungs, und überdies 14403040 £ Seiden- und Wollwaren. Der Export aus Algier ist in diesen Zahlen nicht inbegriffen.
Kropotkin, Landwirtschaft, Industrie u. Handwerk. 5
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(nnter 188 Einwohnern), das heißt für vierzig Personen auf die Quadratmeile mehr als Großbritannien *)
Es ist also offenbar, daß die Vergleichung mit Frankreich nicht so sehr zu Gunsten Englands ausfällt, wie behauptet wird; und sie wird noch weniger günstig ausfallen, wenn wir in unserm nächsten Kapitel zum Gartenbau kommen. Was den Vergleich mit Belgien angeht, so ist das Resultat noch auffälliger — um so mehr als die Kultivierungssjsteme in beiden Ländern ähnlich sind. Um damit zu beginnen, finden wir auch in Belgien eine Durchschnittsernte von 27,8 Scheffeln Weizen auf den Acre; aber das Gebiet, das mit Weizen bebaut ist, ist fünfmal so groß als in Großbritannien im Vergleich mit dem kultivierbaren Gebiet, und Getreide bedeckt beinahe die Hälfte des bebauungsfähigen Gebiets.**) Der Boden ist so
*) Über je 1000 Acres des französischen Gebiets ist wie folgt verfügt: 376 Acres sind mit Wald, Buschwerk, Gemeindeweiden u. s. w. bedeckt, und 624 Acres werden als „bebauungsfähig" behandelt. Von je 624 „kultivierbaren" Acres sind 128 Wiesen (jetzt großenteils be- wässert), 92 Brachland und verschiedene Kulturen, 272 Getreide, 83 Grün- futter und Rohprodukte der Industrie, 47 Weingärten. — Nicht weniger als 146 Acres sind mit Weizen bestellt, der achtundzwanzig bis dreißig Scheffel in zwei Departements hergibt, sechsundzwanzig Scheffel in z wölf Departements.
Im Ganzen beträgt der Durchschnitt in der Hälfte des Landes mehr als siebzehn Scheffel, und in der andern Hälfte weniger als siebzehn Scheffel per Acre. Was das Vieh angeht, so finden wir in Großbritannien 6353336 Stück Vieh (d. h. neunzehn Stück auf je 100 Acres des kultivierbaren Gebiets), wobei in dieser Zahl mehr als 1250000 Kälber unter einem Jahr eingeschlossen sind, und 25792195 Schafe (d. h. 79 Schafe auf je 100 Acres wie oben). In Frankreich finden wir 12879240 Stück Vieh (sechzehn Stück auf je 100 Acres des kultivierbaren Gebiets) und nur 20721850 Schafe (25 Schafe auf je 100 Acres wie oben). Mit andern Worten, das Verhältnis des Hornviehs ist in beiden Ländern fast dasselbe (19 und 16 auf 100 Acres), und ein beträchtlicher Unterschied zugunsten Englands besteht nur in^.Bezug auf die Schafe (79 gegen 25). Die starken Importe von Heu, Ölkuchen, Hafer u. s. w. nach England dürfen jedoch nicht vergessen werden, weil für jedes Stück Vieh, das von importiertem Futter lebt, acht Schafe weiden, oder mit heimischem Futter aufgezogen werden können. Was Pferde angeht, so steht es in beiden Ländern ungefähr gleich.
**) Von je 1000 Acres des Landes sind 673 kultivierbar und 327 nicht. Von den ersten sind 317 mit Getreide bebaut, 182 mit Grünfrucht und Grasj 121 Acres sind mit Weizen und Weizen vermengt
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gut kultiviert, daß die Durchschnittsernten der Jahre 1889 — 92 (wobei das sehr schlechte Jahr 1891 nicht mitgerechnet ist)
Eigur 2. Verhältnis des bestellten Gebietes, das mit Getreide überhaupt,
zu dem, das mit Weizen bebaut ist, in Belgien. Das Weizenquadrat stellt
ein Gebiet vor, das mit Weizen und mit einer Mischung von Weizen und
Roggen bebaut ist.
mit Roggen bestellt; 94 mit Weizen allein. Aulserdem wachsen auf 63 Acres von 1000 Mohrrüben, Runkelrüben und Steckrüben.
5*
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28,6 Scheffel Winterweizen pro Acre brachten; beinahe 47 ScheflFel Weizen (35 bis 41^'2 in Großbritannien), und 40 ScheflFel
5S . 5
•5 -S^
Figur 3. Verhältnis der bestellten und unbestellten Gebiete in Gross- britannien, Belgien und Frankreich, a) Weizen; b) Roggen und Weizen ver- mischt; c) andere Getreide; dj Hackfrüchte, Wiesen und Weide ; e) unbestellt,
Wintergerste (29 — 35 in Großbritannien); während auf nicht weniger als 459800 Acres Steckrüben (2226250 Tonnen) und
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Mohrrüben (155000 Tonnen) geerntet wurden. Alles zusammen- genommen erntete man in Belgien mehr als 76 Millionen Ge- treide, d. h. 15,7 Scheffel auf den Acre des kultivierbaren Gebiets, während die entsprechende Zahl für Großbritannien nur 8,5 Scheffel ist; und auf jeden kultivierbaren Acre kommen fast zweimal so viel Stück Vieh wie in Großbritannien.*) Große Teile des Bodens sind überdies für industrielle Pflanzungen bestimmt, Kartoffeln für Spiritus, Zuckerrüben u. s. w. Man darf jedoch nicht glauben, der Boden sei in Belgien fruchtbarer als in England. Im Gegenteil zeigt, um die Worte Laveleye's anzuwenden, „nur die Hälfte oder weniger des Gebiets, natürliche Bedingungen, die der Landwirtschaft günstig sind"; die andere Hälfte besteht aus Kies- oder Saudboden, „dessen natürliche Unfruchtbarkeit nur durch reichliches Düngen tiberwunden werden konnte". Der Mensch, nicht die Natur, hat dem belgischen Boden seine jetzige Produktivität gegeben. Mit diesem Boden und dieser Arbeit gelingt es Belgien, fast ganz eine Bevölkerung zu ernähren, die dichter ist als die von England und Wales, und 544 Einwohner auf die Quadratmeile zählt. Wenn man Export und Import von landwirtschaftlichen Produkten aus und nach Belgien gegen einander verrechnet, so können wir sagen, daß Laveleye's Berechnungen noch zu- treffen, und daß nur ein Einwohner von je zehn bis zwanzig importierte Lebensmittel braucht. Der belgische Boden versorgt nicht weniger als 490 Einwohner auf die Quadratmeile mit heimischer Nahrung, und es bleibt noch etwas für die Ausfuhr übrig — landwirtschaftliche Produkte im Wert von nicht weniger als 1 Million £ werden jährlich nach England
*) Wenn man alle Pferde, Schafe und Vieh in beiden Ländern zu- sammen nimmt, und acht Schafe gleich einem Stück Hornvieh nimmt, so finden wir, dafs Belgien 23 Rinder und Pferde auf je 100 Acres Land hat, gegen 20 in Grofsbritannien. Wenn wir das Vieh allein nehmen, so ist das Mifsverhältnis viel stärker, nämlich 36 gegen 19. Der Jahres- wert der tierischen Produkte in Belgien wird vom Annuaire Statistique de la Belgique (1893, S. 263) auf 58039050 £ angegeben, das Geflügel (1534000 ^) eingeschlossen.
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exportiert. Außerdem darf nicht vergessen werden, daß Belgien ein Industrieland ist, das heimische Waren im Werte von 9 ,£ auf den Kopf der Bevölkerung (56 Millionen £ durchschnittlieh in den Jahren 1886 — 92) exportiert, während der Gesamt- export aus dem Vereinigten Königreich nur ^ £ 1 Shilling auf den Einwohner beträgt — Was abgesonderte Teile des belgischen Gebiets angeht, so bringt die kleine und von Natur unfruchtbare Provinz Westflandern nicht nur die Nahrung seiner 580 Einwohner auf die Quadratmeile hervor, sondern exportiert auch noch landwirtschaftliche Produkte im Wert von 25 Shilling auf den Kopf seiner Bevölkerung. Und doch kann Niemand Laveleye's Meisterwerk lesen, ohne zu dem Schluß zu kommen, daß die flämische Landwirtschaft noch bessere Resultate ge- zeitigt hätte, wenn sie nicht in ihrem Wachstum behindert wäre durch das fortwährende starke Anwachsen der Pacht. Angesichts der alle neun Jahre erhöhten Pacht haben manche Pächter schließlich auf weitere Verbesserungen verzichtet.
Ohne bis nach China zu gehen, könnte ich ähnliche Bei- spiele aus andern Ländern anführen, besonders aus der Lom- bardei. Aber das oben Gesagte wird genug sein, um den Leser vor übereilten Folgerungen zu warnen, wonach es un- möglich sei, 39 Millionen Menschen von 78 Millionen Acres zu ernähren. Das oben Gesagte setzt mich in den Stand die folgenden Schlüsse zu ziehen: 1. wenn der Boden des Ver- einigten Königreiches nur so bebaut würde, wie es vor 35 Jahren schon der Fall war, so könnten 24000000 Menschen anstatt 17000000 sich von heimischen Lebensmitteln ernähren und die Art Landwirtschaft, die weiteren 750000 Menschen Beschäftigung gäbe, würde den britischen Industriellen beinahe 3 000 000 wohlhabende und heimische Abnehmer stellen. 2. Wenn das kultivierbare Gebiet des Vereinigten Königreichs bebaut würde wie der Boden im Durchschnitt in Belgien bewirt- schaftet wird, würde das Vereinigte Königreich für wenigstens 37000000 Einwohner Lebensmittel haben. Und es könnte Ackerbauerzeugnisse exportieren, ohne mit der Fabrikation auf- zuhören, die reichlich genug sein könnte, alle Bedürfnisse einer
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begüterten Bevölkerung zu erfüllen. Und schließlich 3. wenn die Bevölkerung dieses Landes sich verdoppeln sollte, so wäre nichts weiter nötig, um für 80000000 Einwohner die Lebens- mittel zu produzieren, als den Boden so zu bewirtschaften, wie er auf den besten Farmen Englands, in der Lombardei und in Flandern, bewirtschaftet wird, und einige Wiesen nutzbar zu machen, die gegenwärtig beinahe brach liegen, in derselben Weise, wie die Umgebung der großen Städte in Frankreich für die Handelsgärtnerei nutzbar gemacht wird. Alles dies sind keine Phantasien, sondern einfache Wirklichkeiten; bescheidene Folgerungen aus dem, was wir rings um uns sehen, ohne jeden Hinweis auf den Ackerbau der Zukunft.
Wenn wir jedoch wissen wollen, was der Ackerbau sein kann, und was auf einem bestimmten Stück Land erzielt werden kann, müssen wir uns um Auskunft an solche Regi- onen wenden, wie der SafFelare-Distrikt in Ost-FJandem, die Insel Jersey oder die bewässerten Wiesen der Lombardei, die in dem nächsten Kapitel erwähnt werden. Oder wir können uns auch an die Handelsgärtner Englands wenden, oder die Umgebung von Paris, oder nach Holland, die Gemüse- farmen Amerikas u. s. w.
Während die Wissenschaft ihr Hauptinteresse den indu- striellen Bestrebungen zuwendet, hat eine beschränkte Anzahl Naturfreunde und eine Legion von Arbeitern, deren Namen sogar der Nachwelt unbekannt bleiben werden, kürzlich eine ganz neue Landwirtschaft ins Leben gerufen, die so hoch über dem modernen Ackerbau steht, wie der moderne Ackerbau das alte Drei-Felder-System unserer Vorfahren überragt. Die Wissenschaft hat sie selten geleitet und manchmal irregeleitet, wie es mit Liebig's Theorien der Fall war, die von seinen Nachfolgern so sehr auf die Spitze getrieben wurden, daß man dazu gelangte, die Pflanzen wie Behälter für Chemikalien zu behandeln, und vergaß, daß die einzige Wissenschaft, die sich mit dem Leben und dem Wachstum befassen kann, die Physio- logie und nicht die Chemie ist. Die Wissenschaft hat sie selten geleitet: sie gingen empirisch vor, so aber, wie die Viehzüchter
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der Biologie neue Horizonte eröfifneten, eröffneten sie ein neues Gebiet experimenteller Forschung für die Pflanzenphysiologie. Sie haben eine ganz neue Landwirtschaft geschaffen. Sie lächeln, wenn wir uns der Wechselwirtschaft rühmen, die uns erlaubt, dem Felde jährlich eine Ernte zu entnehmen, oder alle 3 Jahre 4 Ernten, da ihr Ehrgeiz darauf gerichtet ist, in 12 Monaten von ein und demselben Stück Land 6 und 9 Ernten zu erlangen. Sie verstehen unser Gerede von gatem und schlechtem Boden gar nicht, denn sie machen sich ihren Boden selbst, und zwar in solchen Mengen, daß sie genötigt sind, jedes Jahr etwas davon zu verkaufen, denn sonst würde er die Fläche ihrer Gärten jährlich um einen halben Zoll er- höhen. Sie wollen nicht 5 und 6 Tonnen Gras auf den Acre erzielen, wie wir tun, sondern 50 bis 100 Tonnen verschiedener Gemüse auf demselben Raum; nicht Heu im Werte von 5 jß, sondern Gepiüse der einfachsten Sorte, Kohl und Kuben im Werte von 100 £, Da hinaus geht die Landwirtschaft jetzt. Wir wissen, daß das Fleisch das teuerste aller unserer notwendigen Lebensmittel ist; und wer nicht, aus Überzeugung oder Notwendigkeit, Vegetarier ist, verzehrt jedes Jahr durch- schnittlich 225 Pfund Fleisch — das heißt ungefähr, etwas weniger als den dritten Teil eines Ochsen. Und wir haben gesehen, daß in England und Belgien zwei bis drei Acres er- forderlich sind, um ein Stück Vieh zu halten; so daß eine Gemeinschaft von, sagen wir, einer Million Einwohner etwa 3 Millionen Acres reservieren müßte, um sie mit Fleisch zu versorgen. Wenn wir jedoch das Gut Herrn Goppert's auf- suchen — der zu den Förderern des ensilage in Frankreich gehört — dann sehen wir, daß er auf einem drainierten und gutgedüngten Acker nicht weniger als durchschnittlich 120000 Pfund Gras per Acre baut, die 30000 Pfund trockenes Heu geben — also von einem Acre die Nahrung eines Stück Viehs. Der Ertrag ist also verdreifacht. Was die Futterrüben angeht — die ebenfalls für die Fütterung des Großviehs verwendet werden — so gelingt es Mr. Champion in Whitby durch das Anlegen von Kanälen 100000 Pfund Rüben von jedem Acre
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zu ernten und manchmal 150000 und 200000. Er baut also auf jedem Acre das Futter für mindestens zwei oder drei Stück Vieh. Und solche Erträge stehen nicht vereinzelt da: so gelingt es Herrn Gros in Autun, 600000 Pfund Rüben und Mohrrüben zu ernten, sodaß er von der Ernte eines Acres vier Stück Hornvieh füttern könnte. Was Ernten von 100000 Pfund Eüben angeht, so trifft man sie sehr häufig in französischen fteisbewerbungen, und der Erfolg hängt nur von guter Kultur und geeignetem Düngen ab. Es stellt sich also heraus, daß wir bei der gewöhnlichen guten Landwirtschaft mindestens 2 Millionen Acres brauchen, um eine Million Vieh zu halten, während die doppelte Zahl auf der Hälfte Bodenfläche ge- halten werden könnte; und wenn die Bevölkerungsdichtigkeit es verlangte, könnte die Menge des Viehs, das wir halten, verdoppelt werden, und das dafü erforderliche Gebiet brauchte trotzdem nur die Hälfte oder nur ein Drittel des jetzigen Gebiets zu sein.*)
Diese Beispiele sind verblüffend genug, und doch liefert uns die gärtnerische Kultur noch auffallendere. Ich meine die Kultur, die in der Nähe großer Städte betrieben wird, und insbesondere die culture maraichere in den Vororten von Paris. In dieser Kultur wird jede einzelne Pflanze ihrem Alter ent-
*) Setzen wir voraus, dafs 9000 Pfund trockenes Heu notwendig sind, um ein Stück Vieh ein Jahr lang zu füttern, so zeigen die folgenden Zahlen (die Toubeau's Repartition metrique des impots entnommen sind), was wir jetzt bei gewöhnlicher und bei intensiver Bewirtschaftung ernten:
Ernte per Acre. Englische Pfund.
^ ^ \ Zahl der Stücke
Entsprechende vieh, die von je
Zahl in trockenem iqq ^cres ernährt
Heu. Engl. Pfund. Lverden können.
Weidegrund
Unbewässerte Wiesen . Klee, 2 mal geschnitten
Sehwed. Rüben
Engl. Raigras
Rüben (intensiv. Kult.) Mais (ensilage)
38 500
64 000
64 000
120 000
1200 2 400 4 800 10 000 18 000 21000 30 000
13 26 52 108 180 210 330
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sprechend behandelt. Die Samen keimen und die Pflänzchen entwickeln ihre ersten vier Blättchen unter besonders günstigen Boden- und Temperaturverhältnissen; dann werden die besten Pflänzchen ausgehoben und in ein Beet mit vorzüglicher Erde verpflanzt, unter Glas oder im Freien, wo sie ihre Wtirzelchen schlagen und auf beschränktem Raum gehalten mehr als die sonst übliche Pflege haben; und erst nach dieser vorläufigen Behandlung werden sie in den Garten gepflanzt, wo sie wachsen, bis sie reif sind. In solcher Kultur ist die ursprüngliche Bodenbeschaffenheit von geringer Bedeutung, weil die Erde aus den alten. Mistbeeten hergestellt wird. Die Samen werden sorgfältig ausgesucht, die Pflänzchen besonders gewartet, und Trockenheit ist nicht zu befürchten, es sind ganz verschieden- artige Pflanzen, mit Hilfe einer Dampfmaschine wird reichlich gegossen und es ist immer ein Vorrat Pflanzen da, um die schwächsten Exemplare zu ersetzen. Fast jede Pflanze wird individuell behandelt.
Es herrscht indessen hinsichtlich der Gärtnerei ein Miß- verständnis, das zu entfernen sehr nützlich wäre. Man nimmt allgemein an, daß es hauptsächlich der Markt sei, was die Handelsgärtnereien in die großen Bevölkerungszentren ziehe. Es muß wohl so gewesen sein und ist noch so, aber nur bis zu gewissem Grade. Eine große Zahl Pariser maraichers, selbst unter denen, die ihre Gärten innerhalb der Stadtmauern haben und deren Haupternte aus Saisongemüse besteht, exportieren ihre ganze Produktion nach England. Was den Gärtner haupt- sächlich zu der Großstadt zieht, ist der Stalldung; und dieser ist nicht so sehr erfordert, um den Boden zu verbessern — der zehnte Teil des Dungs, den die französischen Gärtner ver- wenden, würde für diesen Zweck genügen — als vielmehr, um dem Boden eine bestimmte Temperatur zu erhalten. Frühes Gemüse wird am besten bezahlt, und um frühe Gemüse zu ernten, muß nicht bloß die Luft, sondern ebenso auch der Boden erwärmt werden; und dies geschieht dadurch, daß große Mengen besonders gemischten Dunges in den Boden getan werden; seine Gärung heizt ihn. Aber es ist einleuchtend, daß
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bei der jetzt erreichten Höhe der Technik das Heizen des Bodens sparsamer und leichter durch Heißwasserröhren er- reicht werden könnte. Infolgedessen beginnen die französischen Gärtner mehr und mehr handliche Röhren oder Thermosiphon» zu benutzen, die für den Fall des Bedarfs in den kalten Kästen befestigt werden. Diese neue Verbesserung wird großen Nutzen bringen, und die Autorität von Barral's Dictionnaire d' Agri- culture bestätigt uns, daß ausgezeichnete Resultate erzielt werden.
Was die verschiedene Fruchtbarkeit des Bodens angeht — immer der Stein des Anstosses bei denen, die über Landwirtschaft schreiben — so ist es Tätsache, daß in der Gärtnerei der Boden immer gemacht wird, gleichgiltig, was er ursprünglich gewesen ist. Infolgedessen — so berichtet uns Prof. Dybowski in dem Artikel „Maralchers" in Barral's Dictionnaire d' Agri- culture — ist es jetzt ein üblicher Passus in den Pachtverträgen der Pariser Maraichers, daß der Gärtner seinen Boden bis zu einer gewissen Tiefe mitnehmen darf, wenn er das gepachtete Grundstück verläßt. Er macht den Boden selbst und wenn er anderswohin zieht, fährt er ihn weg, ebenso wie seine Kästen, seine Wasserrohre und sein übriges Gerät.*)
Ich kann hier nicht alle wunderbaren Fortschritte in der Gärtnerei aufzählen; daher muß ich den Leser auf Bücher ver- weisen — hochinteressante Bücher, die diesen Gegenstand be-
*) „Tragbarer Boden" ist nicht die letzte Errung-enschaft der Land- wirtschaft. Die letzte ist das Bewässern des Bodens mit besonderen Flüssigkeiten, die besondere Mikroben enthalten. Es ist eine Tatsache, daß künstlicher Dünger, ohne organischen, sich selten genügend zeigt. Andrerseits wurde jüngst entdeckt, daß gewisse Mikroben im Boden eine notwendige Bedingung für das Wachsen der Pflanzen sind. Daher entstand der Gedanke, diese nützlichen Mikroben zu säen, die sich sehr schnell im Boden entwickeln und ihn fruchtbar machen. Wir werden sicher bald mehr von dieser neuen Methode hören, die in großem Maß- stabe in Deutschland ausprobiert wird, um Torfmoore und schwere Boden in reiche Wiesen und Felder zu verwandeln. Siehe „Neue Wissenschaft" im „Nineteenth Century", Oktober 1897. (Anmerk. d. Übersetzers: Unter dem Namen „Recent Science" (neue Wissenschaft) veröffentlicht Kropotkin seit Jahren fortlaufende Berichte im „Nineteenth Century".)
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sonders behandeln, und gebe nur einige Beispiele.*) Nehmen wir z. B. das Gartenland — den marais — des Herrn Ponce, des Verfassers des bekannten Buches La culture maraichere. Sein Gartenland war nur 27 Acres groß. Die Ausgaben für das Anwesen, eine Dampfmaschine für die Bewässerung ein- geschlossen, betrugen 1136 £. Acht Personen, mit Herrn Ponce, bestellten den Garten und brachten die Gemüse zum Markt, für welchen Zweck ein Pferd gehalten wurde; bei der Kückkehr von Paris fuhren sie Dung ein, für den 100 £ im Jahr ausgegeben wurden. Weitere 100 £ wurden für Pacht und Abgaben ausgegeben. Aber wie soll ich alles aufzählen, was jedes Jahr auf diesem Fleckchen geerntet wurde, das weniger als drei Acres umfaßte? Ich müßte zwei Seiten und mehr mit den erstaunlichsten Zahlen füllen. Man muß sie in dem Buch des Herrn Ponce nachlesen, aber hier sind die wichtigsten Angaben: mehr als 20 000 Pfund Karotten, mehr als 20 000 Pfund Zwiebeln, Rettiche und andere nach Gewicht verkaufte Gemüse, 6000 Kohlköpfe, 3000 Stück Blumenkohl, 5000 Körbe Tomaten, 5000 Dutzend erlesene Früchte, 154 000 Köpfe Salat kurz, insgesamt 250 000 Pfund Gemüse u. dergl. Der Boden wurde in solchem Maße aus Mistbeeten gemacht, daß jedes Jahr 250 Kubikyards Erde verkauft werden mußten. Ähnliche Beispiele könnten dutzendweise angeführt werden, und die beste Gewähr, daß keine Übertreibung vorliegt, giebt uns die sehr hohe Pacht, die von den Gärtnern bezahlt wird, die in den Vorstädten Londons zwischen 10 und 15 £ per Acre beträgt
*) Ponce, La culture maraichöre 1869; Gressent, Le potager moderne, 7. Aufl., 1886; Cours-Gerard , Manuel pratique de culture maraichöre, 1863; Vilmorin, Le bon jardinier (Almanach).. Der nicht speciell interessierte Leser, der Daten über die Produktivität des Bodens wünscht, wird eine Menge gut geordnete Beispiele in dem hochinteressanten Buch A. Toubeau's finden: La Repartition metrique des impots, 2 Bde. 1880. Ich unterlasse es, manche treffliche englische Handbücher zu zitieren, aber ich muß bemerken, daß die gärtnerische Kultur in England auch Resultate erzielt, die von Gärtnern des Kontinents sehr gerühmt werden, und daß der Hauptvorwurf, der ihr gemacht werden muß, ihre verhältnismäßig geringe Ausdehnung ist.
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und in den Vorstädten von Paris bis zu 32 £ geht. Nicht weniger als 2125 Acres werden in der Nähe von Paris auf diese Weise von 5000 Personen bestellt, und dadurch werden nicht nur die 2 Millionen Pariser mit Gemüse versorgt, sondern der Überschuß wird noch nach London versandt.
Die oben angeführten Resultate werden mit Hilfe von Warmkästen, tausenden von Glasglocken und so weiter erzielt. Aber selbst ohne so kostspielige Dinge, nur mit sechsunddreißig Yards Kästen für Pflänzchen, werden in freier Luft Gemüse im Wert von 200 £ per Acre gezogen.*) Es ist indessen selbst- verständlich, daß in solchen Fällen die hohen Verkaufspreise der Erträgnisse nicht den hohen Preisen zu verdanken sind, die frühe Gemüse im Winter erzielen; sie sind lediglich auf die reichen Erträge der gewöhnlichsten Gemüse zurückzuführen. Es muß auch noch hinzugefügt werden, daß diese ganze erstaun- liche Kultur ein Werk von gestern ist. Vor fünfzig Jahren war die culture maraich^re ganz primitiv. Aber jetzt bietet der Pariser Gärtner nicht nur dem Boden Trotz — er könnte dieselben Erträge auf einem Asphaltpflaster ernten — er trotzt auch dem Klima. Seine Wände, die so gebaut sind, daß sie das Licht reflektieren und die Spalierbäume vor dem Nordwind schützen, seine Schirme und Glasdächer für diese Bäume, seine Kästen und pepinieres haben aus den Pariser Vorstädten einen wahren Garten, einen üppigen südländischen Garten gemacht. Er hat Paris die „zwei Breitegrade weniger" gegeben, die ein französischer wissenschaftlicher Schriftsteller begehrt hatte; er versorgt seine Stadt mit Bergen von Trauben und Obst zu jeder Jahreszeit; und im ersten Frühjahr überschwemmt er Paris mit duftenden Blumen. Aber er sorgt nicht nur für Luxusartikel. Die Kultur einfacher Gemüse breitet sich von Jahr zu Jahr mehr aus; und es werden so gute Resultate erzielt, daß es jetzt praktische Gärtner giebt, die behaupten, daß alle Lebens- mittel, tierische und pflanzliche, die für die 3V2 Millionen Ein-
*) Manuel pratique de culture maraichöre, von Courtois-G6rard, Aufl. 1863.
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wohner des Departements Seine und Seine-et-Oise nötig sind, auf ihrem eigenen Grund und Boden (3250 Quadratmeilen) her- gestellt werden könnten, und zwar ohne andere Kulturmethoden als die heute üblichen — Methoden, die bereits in reichem Maße bewährt und als erfolgreich erwiesen sind.
Und doch ist der Pariser Gärtner nicht unser Ideal eines Landwirts. In dem mühvollen Werk der Zivilisation hat er uns den Weg gewiesen, aber das Ideal der modernen Zivili- sation liegt anderswo. Er rackert sich, mit einer kurzen Unter- brechung, von früh morgens drei Uhr bis spät in die Nacht hinein ab. Er kennt keine Ruhe; er hat keine Zeit, ein menschliches Leben zu führen, die Gemeinschaft existiert nicht für ihn, seine Welt ist sein Garten, mehr als seine Familie. Er kann nicht unser Ideal sein, nicht er und nicht sein land- wirtschaftliches System. Unser Streben ist, daß er noch mehr Produkte mit geringerer Arbeit erzielen müßte, und dabei alle Freuden des Lebens genieße. Und das ist vollauf möglich.
Wenn wir solche Gärtner, die hauptsächlich die sogenannten primeurs erzeugen, bei Seite lassen — reife Erdbeeren im Januar und dergleichen — wenn wir nur die in Betracht ziehen, die ihre Erträgnisse im Freien gewinnen und Kästen nur für die ersten Tage des Pflanzenlebens verwenden, und wenn wir ihr System untersuchen, so sehen wir, daß ihr eigentliches Wesen darin besteht, erstens der Pflanze einen nahrhaften und porösen Boden zu schaffen, der sowohl die nötigen organischen Fäulnisstoffe wie die unorganischen Stoffe enthält; und dann, diesen Boden und die umgebende Atmosphäre in einer Temperatur und Feuchtigkeit zu halten, die höher sind als die der freien Luft. Das ganze System ist mit diesen wenigen Worten zusammengefaßt. Wenn der französische Gärtner eine erstaunliche Menge Arbeit, Intelligenz und Phantasie dazu verwendet, verschiedene Arten Dünger zu kombinieren, damit sie mit einer bestimmten Schnelligkeit ins Gären kommen, so tut er es zu keinem anderen Zweck, als den genannten: ein nährender Boden und die erwünschte gleichmäßige Temperatur und Feuchtigkeit von Luft und Boden. All seine empirische
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Kunst ist dem Erreichen • dieser beiden Ziele gewidmet. Aber beides kann auch auf andere und viel leichtere Weise erreicht werden. Der Boden kann mit der Hand verbessert werden, aber er braucht nicht mit der Hand gemacht zu werden. Jeder Boden, von jeder gewünschten Zusammensetzung, kann mit Maschinen gemacht werden. Wir haben bereits Dünger- fabriken, Maschinen zum Pulverisieren der Phosphate und selbst des Granits der Vogesen; wir werden auch Fabriken von Erde haben, sowie sich der Bedarf einstellt.
Es ist selbstverständlich, daß gegenwärtig, wo Betrug und Verfälschung in so ungeheurem Maße bei der Herstellung des künstlichen Düngers witwirken, und wo die Herstellung von Dünger für einen chemischen Prozeß angesehen wird, anstatt für einen physiologischen, der Gärtner lieber eine höchst mühselige Arbeit leistet, als daß er seine Erträgnisse durch den Gebrauch von pompös bezeichneten und wertlosen Chemikalien gefährdet. Aber das ist ein soziales Hindernis, das auf Unkenntnis und schlechte soziale Organisation, nicht auf Natur- ursachen zurückzuführen ist.*) Was die Notwendigkeit angeht, für das Anfangsleben der Pflanze warmen Boden mid warme Atmosphäre zu schaffen, so hat schon vor vierzig Jahren L6once de Lavergne vorausgesagt, der nächste Schritt in der Kultur sei, den Boden zu wärmen. Heizrohre geben dasselbe Resultat wie die gärenden Dünger, aber sie erfordern viel weniger menschliche Arbeit. Und das System wird bereits in großem
*) Es ist in Belgien und Frankreich schon zum Teil behoben, dank den öffentlichen Laboratorien, in denen Analysen von Samen und Dünger unentgeltlich gemacht werden. Die Fälschungen, die von diesen Laboratorien entdeckt wurden, übersteigen alle Vorstellungen. Düngermittel, die bloß den fünften Teil der Nährstoffe enthielten, die sie enthalten sollten, wurden ganz allgemein gefunden; und Dünger- mittel, die schädliche Stoffe enthielten und überhaupt keine Nährstoffe, wurden nicht selten von Firmen mit angesehenem Namen geliefert. Mit den Sämereien war es fast noch schlimmer bestellt. Im Genter Laboratorium wurden Proben von Grassamen untersucht, die 20^0 schädliche Gräser enthielten, oder 20% Sandkörner, die so gefärbt waren, daß der Käufer getäuscht wurde, oder selbst lO^o eines tödlich giftigen Grases.
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Maßstab angewandt, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden. Durch dieses System werden die Produktivkräfte eines be- stimmten Grundstücks mehr als verhundertfacht.
Natürlich jetzt, wo das kapitalistische System schuld ist, daß wir für jedes Ding den vier- oder fünffachen Arbeitswert zahlen, geben wir oft fast 1 £ für jeden Quadratmeter eines Warmhauses aus. Aber wie viele Zwischenhändler bereichern sich an den Holzrahmen, die aus Drontheim kommen? Könnten wir bloß unsere Ausgaben an Arbeit rechnen, wir würden zn unserm Erstaunen entdecken, daß dank der Anwendung von Maschinen der Quadratmeter eines Pflanzenhauses uns nicht mehr als einen halben Tag Arbeit kostet; und wir werden gleich sehen, daß der Durchschnitt in Jersey und Guernsey zum Bestellen eines Acres unter Glas nur drei Arbeiter mit zehn Stunden Arbeitszeit ist. Daher tritt das Treibhaus, das früher ein Luxus war, schnell in den Bereich intensiver Kultur ein. Und wir können den Tag prophezeihen, wo das Glashaus als notwendiges Zubehör des Ackers angesehen wird, sowohl für den Anbau solcher Früchte und Gemüse, die im Freien nicht vorwärts kommen, wie für die erste Zucht der meisten Kulturpflanzen während der ersten Stadien ihres Lebens.
Heimisches Obst ist immer dem halbreifen Produkt, das aus dem Ausland eingeführt wird, vorzuziehen, und die Mehr- arbeit durch das Aufziehen junger Pflanzen unter Glas bezahlt sich durch die unvergleichliche Überlegenheit der Produkte. Was die Frage der Arbeit angeht: wenn wir an die wirklich unglaubliche Arbeitsleistung denken, die am Rhein und in der Schweiz aufgewandt worden ist, um die Weinberge, ihre Terrassen und Steinmauern zu bauen und den Boden auf die steinigen Felsen zu fahren, und desgleichen an die Arbeits- leistung, die alljährlich auf die Bestellung dieser Weinberge und Obstgärten verwandt wird, dann sind wir geneigt zu fragen, was von den beiden, alles in allem genommen, weniger Arbeit erfordert: ein Weintreibhaus (ich meine ein Kalthaus) in einer Londoner Vorstadt oder ein Weinberg am Rhein oder am Genfer See? Und wenn wir die Preise, die der Weinbauer
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in der Nähe Londons erzielt (nicht die Preise, die in den Obstläden des Westends bezahlt werden, sondern die, die der Züchter für seine Trauben im September oder October erhält), mit denen vergleichen, die in der Schweiz oder am Khein in denselben Monaten üblich sind, sind wir geneigt zu behaupten, daß nirgends in Europa jenseits des fünfundvierzigsten Breite- grades Trauben mit geringerer menschlicher Arbeit, sowohl was die Kapitalanlage wie die Jahresarbeit angeht, gebaut werden, als in den Weintreibhäusern in den Vorstädten Londons und Brüssels. Und was die immer überschätzte Produktivität der exportierenden Länder angeht, so wollen wir uns erinnern, daß die Winzer Südeuropas für ihre Person einen scheußlichen piquette (Krätzer) trinken; daß Marseille für den heimischen Gebrauch einen Wein aus getrockneten Rosinen fabriziert, die aus Asien kommen; und daß die normannischen Bauern, die ihre Apfel nach London schicken, wirklichen Apfelwein nur an hohen Festtagen trinken. Solch ein Stand der Dinge wird nicht ewig dauern; und der Tag ist nicht fern, wo wir ge- zwungen sind, uns nach unsern eigenen Hilfsquellen umzusehen, um mis manche von den Dingen zu verschaffen, die wir jetzt importieren. Und darum werden wir nicht schlechter daran sein. Die Hilfsquellen der Wissenschaft, die den Kreis unserer Produktion erweitert und neue Entdeckungen macht, sind unerschöpflich. Und jeder neue Zweig der Betätigung ruft mehr und mehr neue Zweige ins Leben, die stetig die Macht des Menschen über die Naturkräfte vermehren. Wenn wir alles in Betracht ziehen, wenn wir uns den Fortschritt ver- gegenw^ärtigen, der in der Gartenkultur gemacht wurde, und die Tendenz, ihre Methoden auf die allgemeine Landwirtschaft auszudehnen, wenn wir die Bewirtschaftungsexperimente ins Auge fassen, die jetzt angestellt werden — heute Experimente und morgen Wirklichkeit — und wenn wir die Mittel erwägen, die die Wissenschaft noch in Bereitschaft hat, dann müssen wir sagen, daß es aufs äußerste unmöglich ist, im gegenwärtigen Augenblick vorauszusagen, welches die Maximal zahl der Menschen sei, die ihre Existenzmittel aus einem bestimmten
Kropotkin, Landwirtschaft, Industrie u. Handwerk. (3
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Landgebiet ziehen könnten, oder was für verschiedenartige Produkte sie mit Vorteil in einer bestimmten geographischen Breite gewinnen könnten. Jeder Tag erweitert frühere Schranken und eröfi&iet neue und weite Horizonte. Alles was wir jetzt sagen können, ist, daß 600 Menschen mit Leichtigkeit auf einer Quadratmeile leben können; und daß mit Kulturmethoden, die schon jetzt in großem Maße angewandt werden, 1000 Mensehen — nicht Faulenzer — die auf 1000 Acres leben, mit Leichtig- keit, ohne irgend eine Art Überarbeit, von diesem Gebiet eine üppige tierische und pflanzliche Nahrung gewinnen könnten, und ebenso den Flachs, die Wolle, Seide und die Häute, die für ihre Kleidung notwendig sind. Was unter noch voll- kommeneren Methoden erreicht werden kann — die auch schon bekannt, aber noch nicht in größerem Maßstab erprobt sind — so ist es besser, sich jeder Prophezeihung zu enthalten: so unglaublich sind die neuen Verbesserungen der intensiven Kultur. Wir sehen also, daß der Übervölkerungsschwindel nicht dem ersten Versuch, ihn einer genaueren Prüfung zu unter- ziehen, stand hält. Nur die können von Entsetzen befallen werden, wenn sie sehen, daß die Bevölkerung Englands aiie 1000 Sekunden um ein Individuum zunimmt, die jeden Menschen nur für einen neuen Verzehrer des materiellen Reichtums der Menschheit halten, und vergessen, daß er gleichzeitig zu diesem Eeichtum beiträgt. Aber wir, die in jedem Neugeborenen einen künftigen Arbeiter sehen, der viel mehr produzieren kann als seinen eigenen Anteil am gemeinsamen Gut — wir be- grüßen seine Ankunft. Wir wissen, daß eine dichte Bevölkerung eine notwendige Bedingung ist, ohne die der Mensch die pro- duktiven Kräfte seiner Arbeit nicht vermehren kann. Wir wissen, daß hochproduktive Arbeit unmöglich ist, so lange die Menschen in geringer Zahl über weite Gebiete zerstreut und so nicht im stände sind, sich für die höheren Erfordernisse der Kultur miteinander zu verbinden. Wir wissen, welche Summe von Arbeit aufgewandt werden muß, um den Boden mit einem primitiven Pflug aufzuwühlen, um mit der Hand zu spinnen und zu weben; und wir wissen auch, wie viel weniger Arbeit es
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kostet, dieselbe Menge Nahrung und denselben Stoflf mit Maschinen herzustellen. Wir sehen auch, daß es unermeßlich leichter ist 200 000 Pfund Lebensmittel auf einem Acre zu bauen als auf zehnen. Es ist ganz schön, sich vorzustellen, der Weizen wachse auf den russischen Steppen Yon selbst; aber wer gesehen hat, wie der Bauer in der Gegend der „frucht- baren" schwarzen Erde sich abrackert, wird nur einen Wunsch haben: daß die Vermehrung der Bevölkerung den Gebrauch des Dampfpflugs und Gartenkultur in den Steppen erlauben möge; daß sie ihnen, die heute die Lasttiere der Menschheit sind, erlauben möge, ihre Rücken zu erheben und endlich Menschen zu werden.
Wir müssen indessen anerkennen, daß es ein paar National- ökonomen giebt, die diese Wahrheiten völlig einsehen. Sie geben gern zu, daß Westeuropa viel mehr Lebensmittel produ- zieren könnte, als es der Fall ist; aber sie sehen nicht die Notwendigkeit und nicht den Vorteil ein, es zu tun, so lange es Nationen giebt, die Lebensmittel liefern können und dafür Industrieprodukte eintauschen. Wir wollen also untersuchen, inwiefern dieser Standpunkt richtig ist.
Es ist selbstverständlich, daß die ganze Frage im Augen- blick erledigt ist, wenn wir uns mit der Feststellung begnügen, daß es billiger ist, den Weizen in Riga zu holen als ihn in Lincolnshire zu bauen. Aber ist es in Wirklichkeit soV Ist es wirklich billiger die Lebensmittel im Ausland zu kaufen? Und angenommen, es sei so, wollen wir nicht doch daran gehen, dieses zusammengesetzte Ding, das wir Preis nennen, zu untersuchen, ehe wir ihm blind die Führung unserer An- gelegenheiten anvertrauen?
Wir wissen zum Beispiel, wie die französische Landwirt- schaft mit Abgaben belastet ist. Und doch, wenn wir die Preise der Lebensmittel in Frankreich, das die meisten selbst herstellt, mit den Preisen in England vergleichen, das sie ein- führt, so finden wir keinen Unterschied zugunsten des impor- tierenden Landes. Im Gegenteil, die Wage sinkt eher zu- gunsten Frankreichs, und entschieden war es so für Weizen,
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bevor der neue Sehutzzolltarif eingeführt wurde. Sowie man Paris verläßt (wo die Preise durch hohes Oktroi in die Höhe getrieben sind), findet man, daß jedes heimische Produkt billiger ist als in England, und daß die Preise noch weiter sinken, wenn man auf dem Kontinent noch mehr nach Osten geht. Es giebt jedoch in England noch etwas anderes, das noch unerfreulicher ist: nämlich, die enorme Entwickelung der Klasse der Zwischenhändler, die zwischen dem Importeur und dem heimischen Produzenten einerseits und dem Konsumenten anderseits stehen. Wir haben in letzter Zeit manches gehört über den ganz unverhältnismäßig großen Teil der von uns ge- zahlten Preise, der in die Taschen des Zwischenhändlers geht. Wir haben alle von dem Geistlichen im Londoner Eastend gehört, der sich genötigt sah, Schlächter zu werden, um seine Pfarrkinder vor dem gierigen Zwischenhändler zu retten. Wir lesen in den Zeitungen, daß manche Landwirte der Midland Grafschaften nicht mehr als 9 d. für 1 Pfund Butter erzielen, während der Kunde zwischen 1 s. 6 d. und 1 s. 8 d. bezahlt und daß die Cheshire'schen Bauern für das Quart Milch nicht mehr als VI2 — 2 d. bekommen können, während wir 4 d. für verfälschte und 5 d. für unverfälschte Milch bezahlen. Eine Untersuchung der Covent-Garden-Preise und eine Vergleichung- dieser mit Detailpreisen, die vor einigen Jahren in den Daily News angestellt wurde, hat ergeben, daß der Gemüse- käufer für jeden Penny, den der Landwirt einnimmt, 6 d. bis 1 s. und manchmal mehr zu zahlen hat. Aber in einem Lande mit importierten Lebensmitteln muß es so sein. Der Land- wirt, der seine eigenen Produkte verkauft, verschwindet von seinen Märkten, und an seiner Stelle erscheint der Zwischen- händler.*) Wenn wir uns jedoch dem Osten zukehren und
*) Vor einigen Wintern ließ sich ein Freund von mu', der in einem Londoner Vorort lebt, die Butter aus Bayern per Post schicken. Es kostete ihn, 11 Pfund einschließlich Porto (2 s. 2 d.), 10 s.j die Postanweisung machte" 6 d., der Brief 2^1^ d.. also im Ganzen weniger als 11 s. Butter von minderer Qualität (nicht zu vergleichen) mit 10— 15<*/o Wasser, wurde in London zur selben Zeit für 1 s. 6 d. das Pfund T erkauft.
— So- nach Belgien, Deutschland und Rußland gehen, finden wir, •daß die Unterhaltskosten sich mehr und mehr verringern, und •daß schließlieh in Eußland, das noch ein Landwirtschaftslaud ist, der Weizen die Hälfte oder zwei Drittel der Londoner Preise kostet und das Fleisch in allen Provinzen für 5 bis 10 Farthings (Kopeken) das Pfund verkauft wird. Und wir können daher behaupten, daß es noch nicht im geringsten bewiesen ist. daß es billiger ist, von importierten Lebensmitteln zu leben, als sie selbst herzustellen.
Wenn wir aber den Preis untersuchen und eine Unter- scheidung zwischen seinen verschiedenen Elementen machen, wird der Nachteil noch augenscheinlicher. Wenn wir z. B. die Kosten des Weizenbaues in diesem Lande und in Rußland vergleichen, so sagt man uns, daß im vereinigten Königreich der Zentner Weizen nicht unter 8 s. 7 d. gewonnen werden kann,- während in Rußland die Produktionskosten desselben Zentners auf 3 s. 6 d. bis 4 s. 9 d. geschätzt werden.*) Der Unterschied ist enorm und er würde noch sehr groß sein, selbst wenn wir einige Übertreibung in der ersteren Zahl zu- gestehen. Aber woher dieser Unterschied? Werden die russischen Landarbeiter so viel schlechter bezahlt? Ihre Geldlöhne sind gewiß viel geringer, aber der Unterschied wird ausgeglichen, sobald wir ihren Lohn in Produkten berechnen. Die 12 Shilling wöchentlich des britischen Landarbeiters repräsentieren dieselbe
*) Die Data für die Berechnung der Produktionskosten des Weizens in diesem Lande stammen von dem „Mark Lane Expreß" ; man findet sie in genießbarer Form in einem Artikel über Weizenbau in der „Quarterly Review", April 1887 und in W. E. Bear's Buch, The British Farmer and his Competitors, London (Cassell) 1888. Sie sind etwas über dem Durchschnitt; doch die Ernte, nach der die Berechnungen gemacht wurden, ist auch über dem Durchschnitt. Eine ähnliche Unter- suchung in weit größerem Maßstab ist von den russischen Provinzial- Tersammlungen veranstaltet worden, und das Ganze ist resümiert in einem vorzüglichen Artikel der Wyestnik Promyshlennosti , No. 49, 1887. Um die Papierkopeken mit Pence zu vergleichen, nahm ich den Rubel zu ^^/loo von seinem Nennwert: so war sein Durchschnittskurs während des Jahres 1886. Ich nahm 475 englische Ib. für ein Quarter Weizen.
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Menge Weizen in Großbritannien, wie die 6 Shillinge wöchent- lich des russischen Arbeiters in Rußland *) ganz zu schweigen von der Billigkeit des Fleisches in Rußland und der niedrigen Wohnungsmiete. Der russische Arbeiter wird auf diese Art mit demselben Betrag der Produkte bezahlt wie hier. Was die vermeintliche wunderbare Fruchtbarkeit des Bodens in den russischen Prairien betriflft, so 1st dies ein Irrtum. Ernten von 16 — 23 Scheffel pro Acre werden in Rußland als gute Ernten angesehen, während der Durchschnitt, selbst in den Getreide exportierenden Teilen des Reichs, kaum 13 Scheflfel erreicht. Außerdem ist die Summe an Arbeit, die dazu gehört,, um in Rußland Weizen zu ziehen, wo es keine Dreschmaschinen gibt, wo der Pflug von einem Pferd gezogen wird, das nicht den Namen verdient, wo keine Wege ftlr den Transport sind etc., gewiß viel größer, als die Summe an Arbeit, die nötig ist, um dieselbe Menge Weizen im westlichen Europa zu ziehen.
Russischer Weizen wurde auf dem Londoner Markt im Jahre 1887 zu 31 Shilling der Quarter verkauft,, während aus denselben Zahlen des Mark Lane Express hervorging, daß der Quarter Weizen in England nicht unter 36 s. 8 d. hergestellt werden konnte, selbst wenn das Stroh verkauft würde, was nicht immer der Fall ist. Aber der Unterschied der Grund- rente in beiden Ländern würde schon allein zur Erklärung des Preisunterschiedes gentigen. In der Weizenzone Rußlands^ wo die Durchschnittsrente auf etwa 12 Shilling per Acre steht.
*) Aus den detaillierten Zahlen des „Agricultural Department" (The year 1885 with regard to Agriculture, vol. II) geht hervor, daß die Durchschnittslöhne der Landarbeiter von 180 Kopeken wöchentlich in Mittelrußland bis 330 Kopeken in der Weizen exportierenden Zone (3 s. 9 d. bis 6 8. 6 d.) u. 53 d. bis 10 s. 5 d. während der Ernte betrugen. Seit 1885 stiegen die Löhne in beiden Ländern; die Durchschnittslöhne des englischen Arbeiters waren 1896 mit 13 s. 7 d. angegeben. Wenn der russische Arbeiter im Vergleich mit dem englischen so schlimm daran ist, so kommt dies hauptsächlich von der außerordentlich hohen Kopfsteuer und mehreren andern Ursachen, die hier nicht beiläufig berührt werden können.
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und die Ernte zwischen fünfzehn und zwanzig Scheffel bringt, ist der Anteil der Rente an den Produktionskosten eines jeden Quarters russischen Weizens zwischen 3 s. 6 d. und 5 s. 8 d., während in England, wo Rente und Taxen nicht weniger als 40 s. für jeden weizentragenden Acre betragen (nach den Zahlen des Mark Lane Expreß) und die Ernte auf 30 Scheffel angenommen wird, der Anteil der Rente an den Produktions- kosten eines jeden Quarters 10 s. beträgt.*) Aber selbst wenn wir nur 30 s. Rente und Taxen auf den xicrc rechnen und eine Durchschnittsernte von 28 Scheffeln, so bleiben immer noch 8 s. 8 d. vom Verkaufspreis eines jeden Quarters Weizen, die zum Grundbesitzer und zum Staat gehen. Wenn es so viel mehr in Geld kostet, in England Weizen zu bauen, während der Arbeitsaufwand hier zu Lande so viel geringer ist als in Rußland, so ist die außerordentliche Höhe der Grundrente daran schuld, die in den Jahren 1860 — 1880 eingetreten ist. Aber dieses Anwachsen kam selbst wieder von der Leichtigkeit, durch den Verkauf von Industrieprodukten ins Ausland große Gewinne zu erzielen. Die falsche Lage der britischen länd- lichen Wirtschaft nicht die Unfruchtbarkeit des Bodens, ist also die Hauptursache der russischen Konkurrenz.
Viel mehr müßte in Bezug auf die amerikanische Kon- kurrenz gesagt werden, und ich muß daher den Leser auf die bemerkenswerte Artikelserie über diesen Gegenstand verweisen, den Schaeffle im Jahre 1880 in der „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft" veröffentlichte, und auf einen sehr ein- gehenden Artikel über die Kosten der Weizenproduktion in der ganzen Welt, der im April 1887 in der Quarterly Review erschien. Die Schlüsse dieser beiden Schriftsteller werden völlig bestätigt durch die Jahresberichte des American Board of Agriculture, und Schaeffle's Vorhersagungen wurden vollauf
*) Die Rente ist seit 1887 gesunken, aber die Weizenpreise sind auch heruntergegane-en. Es darf nicht vergessen werden, daß nur die besten Aecker mit Weizen bestellt werden, daß also die Rente für jeden Acre, auf dem Weizen steht, höher angesetzt werden muß, als die Durchschnittsrente per Acre eines Gutes von 200 — 300 Acres.
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gestützt durch die späteren Berichte vou J. R. Dodge. Es geht aus diesen Arbeiten hervor, daß die Fruchtbarkeit des ameri- kanischen Bodens stark übertrieben worden ist, da die Massen Weizen, die Amerika von seinen nordw^estlichen Farmen nach Europa schickt, auf einem Boden gewachsen sind, dessen natür- liche Fruchtbarkeit nicht größer und oft geringer ist, als die durchschnittliche Fruchtbarkeit des ungedüngten europäischen Bodens. Die Casselton-Farm in Dakota, mit ihren zwanzig Scheffeln pro Acre, ist eine Ausnahme; denn die Durchschnitts- ernte der hauptsächlichen Weizen produzierenden Staaten im Westen beträgt nur elf bis zwölf Scheffel. Wenn wir einen fruchtbaren Boden in Amerika finden wollen und Ernten von dreißig bis vierzig Scheffeln, dann müssen wir in die alten Oststaaten gehen, wo der Boden von Menschenhand gemacht ist.*) Aber wir finden ihn nicht in den Territorien, die mit Ernten von acht bis neun Scheffeln zufrieden sind. Dasselbe trifft zu in bezug auf die amerikanische Fleischzufuhr. Schaeffle hat betont, daß die große Masse Vieh, die wir in der Vieh- zählung der Vereinigten Staaten aufgezählt sehen, nicht in den Prärien gezüchtet wird, sondern in den Ställen der Farmen, ebenso wie in Europa; was die Prärien angeht, so finden wir auf ihnen nur den elften Teil des amerikanischen Hornviehs, den fünften Teil der Schafe und den einundzwanzigsten Teil der Schweine.**) Da also die „natürliche Fruchtbarkeit" nicht mitspielt, müssen wir uns nach anderen Ursachen umsehen; und wir haben sie in den Weststaaten in der Billigkeit des Bodens und der besonderen Organisation der Produktion; und in den Oststaaten in dem schnellen Fortschritt der intensiven Landwirtschaft.
*) L. de Lavergne betonte schon vor vierzig Jahren, daß die Vereinigten Staaten die Hauptabnehmer des Guano sind. Im Jahre 1854 importierten sie fast dieselbe Menge wie England, und sie hatten noch überdies 62 Guanofabriken, die noch 16 mal mehr herstellten, als importiert wurde. Vergl. auch Ronna, L'agriculture aux Etats Unis, 1881; Lecouteux, Le bll; und J. E,. Dodge, Annual Report of the American Department of Agriculture fur 1885 und 1886. Schaeffle's Werk ist ausgezogen in Schmollers Jahrbuch.
**) Siehe auch J. R. Dodge, Farm and Factor^'', New York 1884.
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Es versteht sich^ daß die Kulturmethoden mit den ver- schiedenen Bedingungen wechseln müssen. In den weiten Prärien Nordamerikas, wo der Boden fllr 8 bis 40 s. per Acre gekauft werden konnte, und wo Flächen von 100 bis 150 Quadratmeilen in einem Block mit Weizen bestellt werden konnten, wurden besondere Kulturmethoden angewandt und die Resultate waren glänzend. Das Land wurde gekauft, nicht gepachtet. Im Herbst wurden ganze Scharen Pferde gebracht, und das Pflügen und Säen geschah mit Hilfe von kolossalen Pflügen und Sämaschinen. Dann wurden die Pferde in die Berge zum Weiden geschickt; die Leute wurden ent- lassen, und ein Mann, manchmal zwei oder drei blieben zurück, um den Winter auf der Farm zu verbringen. Im Frühling begann der Agent des Eigentümers in einem Umkreis von hundert Meilen von einer Kneipe in die andere zu laufen, und engagierte Arbeiter und Landstreicher, die beide von Europa freigebig zur Verfügung gestellt w^urden, für die Ernte. Bataillone von Leuten marschierten nach den Weizenfeldern und kam- pierten da, die Pferde wurden von den Bergen geholt, und in einer oder zwei Wochen war die Ernte geschnitten, gedroschen, geworfelt, mit eigens erfundenen Maschinen in Säcke gepackt, und zum nächsten Elevator oder direkt auf die Schiff'e geschickt, die sie nach Europa brachten. Darauf wurden die Leute wieder ent- lassen, die Pferde wurden wieder auf die Weide geschickt oder verkauft und wiederum blieben nur ein paar Leute auf der Farm.
Die Ernte von jedem Acre war klein, aber die Maschinerie war so vollkommen, daß auf diese Weise 300 Tage Arbeit eines Mannes 200 — 300 Quarters Weizen produzierten; mit andern Worten — da die Landfläche nicht in Betracht kommt — jeder Mann produzierte an einem Tag seinen Jahresbedarf an Brod (8V2 Scheffel Weizen); und wenn man alle weitere Arbeit in Betracht zog, wurde ausgerechnet, daß die Arbeit von 300 Leuten an einem einzigen Tage den Konsumenten in Chicago das Mehl lieferte, das für den Jahresbedarf von 250 Personen erforderlich ist. Zwölf und eine halbe Arbeits-
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stunden sind demnach in Chicago erforderlich, um einen Mann mit seinem Jahresbedarf an Weizenmehl zu versorgen.
Unter den besonderen Umständen des fernen Westens war das sicher eine geeignete Methode, um auf einmal die Weizen- zufuhr der Menschheit zu vergrößern. Sie war zweckent- sprechend, als große Gebiete unbesetzten Landes der Tätig- keit eröffnet wurden. Aber es konnte nicht immer so bleiben. Unter einem solchen Bewirtschaftungssystem war der Boden bald erschöpft, die Ernte nahm ab, und intensive Land- wirtschaft (die reiche Ernten auf beschränktem Gebiet erstrebt) mußte bald an die Stelle treten. Dies war der Fall in Jowa im Jahr 1878. Bis dahin war Jowa ein Emporium für Weizen- produktion in der eben geschilderten Weise. Aber der Boden war bereits erschöpft, und als eine Krankheit kam, hatten die Weizenpflanzen keine Kraft, ihr zu widerstehen. In wenigen Monaten war fast die ganze Weizenernte, von der man erwartete, daß sie glänzender als alle früheren ausfallen würde, vernichtet; acht bis zehn Scheffel schlechten Weizens per Acre war alles, was geerntet werden konnte. Das Ergebnis war, daß die „Mammuth farms" in kleine Farmen zerschlagen werden mußten, und daß die Farmer von Jowa, nach einer schrecklichen Krise von kurzer Dauer — es geht alles schnell in Amerika — zu einer intensiveren Kultur tibergingen. Jetzt stehen sie in der Weizenkultur nicht hinter Frankreich zurück, denn sie ge- winnen bereits durchschnittlich I6V2 Scheffel per Acre auf einem Gebiet von mehr als 2 Millionen Acres, und sie werden bald noch mehr leisten. Wie auch immer, mit Hilfe von Dünger und verbesserten Wirtschaftsmethoden konkurrieren sie er- staunlich mit den Mammuth-Farmen des Far West.
In der Tat wurde immer und immer wieder, von Schaeffe,. Semler, Oetken und vielen andern Autoren betont, daß die Kraft der „amerikanischen Konkurrenz" nicht in ihren Mam- muth-Farmen liege, sondern in den unzähligen kleinen Farmen, auf denen der Weizen genau so gebaut wird wie in Europa, d. h. mit Hilfe von Dünger, aber mit einer besser organisierten Produktionsmethode und Erleichterungen des Verkaufs, und
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ohne daß sie gezwungen sind, dem Grundbesitzer einen Zoll von einem Drittel oder mehr des Verkaufspreises eines jeden Quarters Weizen zahlen zu müssen. Indessen konnte ich erst^ nachdem ich selbst eine Tour in die Prärien von Manitoba gemacht hatte, die volle Wahrheit der oben erwähnten An- schauungen einsehen. Die 15 bis 20 Millionen Scheflfel Ge- treide, die jedes Jahr von Manitoba exportiert werden, werden fast samt und sonders in Farmen von einer oder zwei „quarter- sections", d. h. von 160 und 320 Acres gewonnen. Gepflügt wird in der üblichen Weise, und in der ungeheuren Mehrheit der Fälle kaufen die Farmer die Schneide- und Bindemaschinen derart, daß sie sich in Gruppen von vieren vereinigen. Die Dreschmaschine wird vom Farmer für ein oder zw^ei Tage ge- liehen, und der Farmer fährt seinen Weizen mit eigenen Pferden zum Elevator, entweder um ihn sofort zu verkaufen^ oder im Elevator aufbewahren zu lassen, wenn er nicht un- mittelbar Geld braucht und hofl't, in einem oder zwei Monaten einen besseren Preis zu erzielen. Kurz, in Manitoba stößt einem ganz besonders die Tatsache auf, daß selbst unter einem System heftiger Konkurrenz, die mittlere Farm vorzüglich mit der Mammuth-Farm konkurrieren kann, und daß nicht die Produktion von Weizen in größtem Maßstab sich am besten bezahlt macht. Es ist auch sehr interessant zu bemerken, daß tausende und abertausende Farmer in der kanadischen Provinz Toronto und in den Oststaaten Weizen produzieren, obwohl das Land überhaupt kein Prärieland ist und die Farmen in der Eegel klein sind.
Die Stärke der „amerikanischen Konkurrenz" liegt also nicht in der Möglichkeit, hunderte Acres Weizen in einem Block zu haben. Sie beruht auf dem Eigentum am Boden, auf einem Bewirtschaftungssystem, das dem Charakter des Landes angepaßt ist, auf einem weit gediehenen Genossenschafts- geist und schließlich auf einer Anzahl Einrichtungen und Bräuchen, die dazu bestimmt sind, den Landwirt und seinen Beruf auf eine hohe Stufe zu heben, die in Europa unbekannt ist.
In Europa vergegenwärtigen wir uns durchaus nicht, was
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in den Vereinigten Staaten und Kanada im Interesse der Landwirtschaft getan worden ist. In jedem amerikanischen Staat und in jedem besonderen Teil Kanadas gibt es eine Versuchs-Farm, und alle Arbeit vorläufiger Versuche über neue Varietäten Weizen, Hafer, Gerste, Futter und Obst, die der Landwirt in Europa meistens selbst zu machen hat, wird mit den besten wissenschaftlichen Einrichtungen in der Versuchs- farm zunächst in kleinem und dann in größerem Maßstab .getan. Die Resultate all dieser Forschungen und Versuche werden nicht bloß dem Landwirt, der sie kennen zu lernen wünscht, zugänglich gemacht, sie werden vielmehr zu seiner Kenntnis gebracht und seiner Beachtung sozusagen mit allen möglichen Mitteln aufgenötigt. Die „Bulletins" der Versuchs- stationen werden in hunderttausenden von Exemplaren ver- breitet; Besuche der Farm sind derart organisiert, daß tausende von Farmern die Stationen jedes Jahr besuchen und sich die erreichten Resultate von Spezialisten zeigen lassen, entw^eder neue Varietäten von Pflanzen oder verschiedene neue Methoden der Behandlung. Die Korrespondenz mit den Landwirten wird in solchem Maßstabe geführt, daß zum Beispiel die Versuchs- station in Ottawa jedes Jahr hunderttausend Briefe und Packete versendet. Jeder Landwirt kann unentgeltlich und portofrei drei Pfund Getreidesamen jeder Art beziehen, von denen er im nächsten Jahr den nötigen Samen für mehrere Acres er- halten kann. Und schließlich werden in jedem kleinen und entlegenen Dorf Versammlungen der Landwirte abgehalten, bei denen besondere Vortragende, die von den Versuchsfarmen oder den lokalen Landwirtschaftsgesellschaften ausgeschickt werden, mit den Landwirten in belehrender Weise die Er- gebnisse der Versuche und Entdeckungen, die im letzten Jahr auf allen Gebieten der Landwirtschaft, des Gartenbaus, der Viehzucht, der Milchwirtschaft und der landwirtschaftlichen Genossenschaft gemacht worden sind, besprochen werden.*)
*) Einige weitere Mitteilungen über den Gegenstand in meinen Artikeln „Some Resources of Canada" und „Recent Science" im Nine- teenth Century, Januar 1898 und Oktober 1897.
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Die amerikanische Landwirtschaft macht in der Tat einen, imponierenden Eindruck. Nicht durch die Weizenfelder des fernen Westens, die bald der Vergangenheit angehören werden^ sondern durch die Entwickelung der rationellen Landwirtschaft und der Kräfte, die sie heben helfen. Man lese die Beschreibung einer landwirtschaftlichen Ausstellung, der „State's fair" in einer kleinen Stadt Jowas, wo an 70 000 Farmer mit ihren Familien während der Ausstellungswoche in Zelten kampieren, und studieren, lernen, kaufen und verkaufen und sich des Lebens freuen. Da sieht man ein Nationalfest, und man sieht, daß man es mit einer Nation zu tun hat, wo die Land- wirtschaft geehrt wird. Man nahm die „Verhandlungsberichte" und „Mitteilungen" der zahlreichen landwirtschaftlichen Ge- sellschaften zur Hand, keiner „königlichen", aber des Volks; man lerne die großen Bewässerungsanlagen kennen; und dann wird man fühlen, daß die amerikanische Landwirtschaft eine wirkliche Macht ist, die von Leben strotzt, die keine Furcht vor „Mammuthfarms" zu haben braucht und es nicht nötig hat,, wie ein Kind nach Schutz zu schreien.
Intensive Landwirtschaft und Gartenbau sind schon heute ebenso wie in Belgien kennzeichnend für die Bodenbehandlung in Amerika. Schon im Jahre 1880 kauften neun Staaten^ darunter Georgia, Virginia und die beiden Carolinas, künst- lichen Dünger im Werte von 5 750000 £\ und man berichtet uns, daß mittlerweile die Benutzung künstlichen Düngers sich außerordentlich stark dem Westen zu ausgebreitet hat. In Jowa, wo vor zwanzig Jahren meistens Mammuthf armen waren, ist schon gesätes Gras aufgekommen und es wird vom land- wirtschaftlichen Institut in Jowa wie von den zahlreichen landwirtschaftlichen Lokalzeitungen sehr empfohlen; und bei den landwirtschaftlichen Preisverteilungen werden die höchsten Preise nicht für extensive Wirtschaft gegeben, sondern für reiche Erträge auf kleinem Gebiet. So wurden auf einer neueren Ausstellung, an der sich hunderte von Farmern beteiligten, die ersten zehn Preise an zehn Farmer verteilt, die, jeder auf drei Acres, zwischen 262 und 346^/4 Scheffel Mais geerntet hatten,.
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mit andern Worten, zwischen 87 und 115 Scheffeln per Acre. Das zeigt, wohin das Streben der Farmer von Jowa geht. In Minnesota wurden zwei Jahre vorher die Preise für Ernten von 300 bis 1 120 Scheffel Kartoffel per Acre gegeben, d. h. von 8^4 bis 31 Tonnen per Acre, während die Durch- schnittsernte von Kartoffeln in Großbritannien nur 6 Tonnen beträgt.
Gleichzeitig breitet sich die Handelsgärtnerei in Amerika außerordentlich aus. In den Gärtnereien von Florida sehen wir Ernten wie folgende: 450 — 600 Scheffel Zwiebel per Acre. 400 Scheffel Tomaten, 700 Scheffel Bataten. Das zeugt von einem hohen Stand der Kultur. Was die „truck farms'* angeht (Handelsgärtnereien für den Export auf Dampfern und Eisen- bahn), so bedeckten sie 1892 400000 Acres, und die Obstgärten in den Vorstädten von Norfolk in Virginien wurden von Prof. Ch. Baltet*) als wirkliche Muster dieser Art Kultur bezeichnet — ein sehr ehrendes Zeugnis im Munde eines französischen Gärtners, der selbst aus den Mustergärtnereien von Troyes kommt.
Und während die Leute in London immer noch fast das ganze Jahr zwei Pence für einen Kopf Salat zahlen (der sehr oft aus Paris eingefürt ist), hat man in Chicago und Boston Anstalten, die einzig in der Welt sind, wo der Salat in un- geheuren Treibhäusern mit Hilfe von elektrischem Licht ge- zogen wird; und wir dürfen nicht vergessen, daß die Ent- deckung des „elektrischen Wachstums" zwar europäisch ist (sie stammt von Siemens), daß es aber die Cornell Universify war, die durch eine Reihe von Versuchen den Beweis führte, daß elektrisches Licht zum Wachstum des grünen Teils der Pflanzen außerordentlich viel beiträgt.
Kurz, Amerika, das früher die Führung hatte bei der Vervollkommnung der extensiven Kultur, stellt sich jetzt ebenso an die Spitze der Bewegung für intensive Landwirtschaft. Auf dieser Anpassungsfähigkeit beruht die wirkliche Macht der amerikanischen Konkurrenz.
*) L'Horticulture dans les cinq Parties du Monde. Paris 1895.
Viertes Kapitel.
Die Möglichkeiten der Landwii^tschaft.
(Fortsetzung.)
Die Lehre des Malthus. — Fortschritte im Weizenbau. — Ostflandern. —
Jersey. — Kartoffelernten, früher und jetzt. — Bewässerung. — Major
Hallet's Versuche. — Grepflanzter Weizen.
Wenig Bücher haben einen so verderblichen Einfloß auf die allgemeine Entwickelung des ökonomischen Denkens aus- geübt wie Malthus' Essay on the Principle of Population ihn auf drei Generationen hinter einander gehabt hat. Das Buch erschien zur rechten Zeit, wie alle Bücher, die überhaupt irgendwie Einfluß hatten, und es faßte Gedanken zusammen, •die bereits in den Köpfen der begüterten Minderheit zu Hause waren. Es war die Zeit, wo die Ideen der Freiheit und Gleichheit, die von der amerikanischen und französischen Hevoiution erzeugt worden waren, noch den Geist der Armen erfüllten, während die reicheren Klassen ihrer Liebhaberaus- flüge in diese Gebiete schon müde waren: da kam Malthus und versicherte, gegen Godwin polemisierend, daß keine Gleich- heit möglich sei; daß die Armut der Vielen nicht die Schuld von Zuständen sei, sondern ein Naturgesetz. Die Bevölkerung, so schrieb er, wächst zu schnell, und die Zukommenden finden keinen Platz an der Tafel des Lebens; und dieses Gesetz könne durch keine Änderungen in den Einrichtungen auf- gehoben werden.- Er gab so den Reichen eine Art wissen- schaftliches Argument gegen die Ideen der Gleichheit; und wir wissen, daß zwar alle Herrschaft auf Gewalt gegründet ist, daß aber die Gewalt selbst zu wanken beginnt, sowie sie
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nicht mehr von einem starken Glauben an ihr eigenes Recht getragen wird. Was die ärmeren Klassen angeht — die immer den Einfluß der Ideen verspüren, die in einer bestimmten Zeit bei den reicheren Klassen im Schwange sind — so nahm es ihnen die Hoffnung auf Besserung; es machte sie skeptisch gegen die Versprechungen der sozialen Reformer; und bis zu diesem Tag hegen selbst die vorgeschrittensten Reformer Zweifel über die Möglichkeit, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, im Falle, daß diese Befriedigung einmal verlangt werden sollte und ein zeitweiliger Wohlstand der Arbeiter eine rasche Ver- mehrung der Bevölkerung hervorbrächte.
Die Wissenschaft ist bis zum heutigen Tag von den Lehren Malthus' durchsetzt geblieben. Die Nationalökonomie fährt forty ihre Argumentation auf eine stillschweigende Anerkennung der Unmöglichkeit zu gründen, die Produktionskräfte eines Volkes schnell zu steigern und so alle Bedürfnisse zu befriedigen. Dieses Postulat steht, ohne daß es erörtert wird, im Hinter- grund von allem, was die politische Ökonomie, sei sie klassisch oder sozialistisch, über Tauschwert, Löhne, Verkauf der Arbeits- kraft, Rente, Umsatz und Konsum zu sagen hat. Die politische Ökonomie erhebt sich nie über die Hypothese eines be- schränkten und ungenügenden Vorrats der Lebensbedürfnisse; sie nimmt sie ,,als erwiesen an. Und alle Theorien, die mit der politischen Ökonomie zusammen- hängen, halten an demselben irrigen Grundsatz fest. Auch beinahe alle Sozialisten geben das Postulat zu. Ja, selbst in der Biologie (die jetzt so eng mit der Soziologie verwoben ist) haben wir neuerdings gesehen, daß der Theorie der Ver- änderlichkeit der Arten eine ganz unerwartete Hilfe daraus kam, daß sie von Darwin und Wallace mit der Grundidee des Malthus verknüpft wurde, daß die natürlichen Hilfsmittel un- weigerlich nicht im stände seien, den fortwährend sich ver- mehrenden Pflanzen und Tieren die Lebensbedürfnisse zu liefern. Kurz, wir können sagen, daß die Theorie des Malthus, die die geheimen Wünsche der besitzenden Klassen in eine pseudo- wissenschaftliche Form brachten, die Grundlage eines ganzen
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Systems praktischer Philosophie wurde, die den Geist der Ge- bildeten und Ungebildeten durchsetzt, und (wie es die prak- tische Philosophie immer tut) auf die theoretische Philosophie unseres Jahrhunderts zurückwirkt.
Allerdings hat das ungeheure Anwachsen der Produktiv- kräfte des Menschen auf industriellem Gebiet, seit er Dampf und Elektrizität in seine Dienste zwang, die Doktrin des Malthus etwas erschüttert. Die industrielle Macht ist in der Tat in einem Maße gewachsen, der keine denkbare Vermehrung der Bevölkerung nachkommen kann, und sie kann noch viel mehr wachsen. Aber die Landwirtschaft wird immer noch von der Malthusianischen Pseudophilosophie für uneinnehmbar ge- halten. Die neueste Vervollkommnung der Landwirtschaft und des Gartenbaus sind nicht gut genug bekannt; und während unsere Gärtner dem Klima und dem Breitegrad Trotz bieten, subtropische Pflanzen akklimatisieren, mehrere Ernten statt einer im Jahr heimbringen, und den Boden, den sie für jede Kultur brauchen, selbst machen, fahren die Nationalökonomen unbeirrt fort, zu sagen, die Bodenfläche sei beschränkt und seine Produktivkraft noch mehr; sie behaupten noch immer, eine Bevölkerung, die sich alle dreißig Jahre verdoppele, würde bald nicht mehr die nötigen Lebensbedürfnisse finden!
Einige Mitteilungen, um zu belegen, was von dem Boden erlangt werden kann, sind im vorigen Kapitel gemacht worden. Aber je tiefer man in den Gegenstand eindringt, um so mehr neue und verblüflfende Tatsachen entdeckt man und um so grundloser erscheinen Malthus' Befürchtungen.
Beginnen wir mit einem Beispiel, das der Kultur auf freiem Feld entnommen ist — mit der des Weizens; da stoßen wir auf folgende interessante Tatsache. Während man uns so häufig sagt, der Weizenbau mache sich nicht bezahlt, und Englaiid infolge dessen von Jahr zu Jahr das Gebiet seiner Weizenfelder verkleinert, vergrößern die französischen Bauern fortwährend die mit Weizen bebaute Fläche, und die größte Vermehrung ist den Bauernfamilien zu verdanken, die das Land, das ihnen gehört, selbst bebauen. Seit dem Ende des
Kropotkin, Landwirtschaft, Industrie u. Handwerk. 7
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letzten Jahrhunderts haben sie das mit Weizen bebaute Land sowohl wie den Ertrag jeden Acres beinahe verdoppelt so daß die Menge des in Frankreich gezogenen Weizens sich nahezu vervierfacht hat*) In derselben Zeit hat die Bevölkerung nur um 41 ^0 zugenommen, so daß das Verhältnis der Weizen- vermehrung sechsmal größer war als das Verhältnis der Be- völkerungsvermehrung, obwohl die Landwirtschaft in all der Zeit durch eine Reihe ernsthafter Störungen aufgehalten wurde: Besteuerung, Militärdienst, Armut der Bauern und sogar bis 1884 strenge Verbote gegen alle Arten der Vereinigung unter den Bauern. Es muß auch bemerkt werden, daß während der- selben hundert Jahre, und selbst innerhalb der letzten fünfzig Jahre die Gärtnerei, die Obstzucht und die Kulturen für industrielle Zwecke sieh in Frankreich außerordentlich ent- wickelt haben, so daß es keine Übertreibung wäre zu sagen, daß die Franzosen jetzt von ihrem Boden mindestens sechs- oder siebenmal so viel gewinnen als vor hundert Jahren. Die „Existenzmittel", die der Boden hergegeben hat, sind also fast fünfzehnmal schneller gewachsen, als die Bevölkerung.
Aber das Verhältnis der Fortschritte in der Landwirtschaft läßt sich noch besser aus den vermehrten Anforderungen er- sehen, die an die Kultivierung des Bodens gestellt werden. Vor einigen dreißig Jahren hielt der Franzose eine Ernte für ganz gut, wenn sie 22 Scheffel auf den Acre ergab; aber auf demselben Boden werden jetzt mindestens 33 Scheffel verlangt, während auf dem besten Boden die Ernte nur gut ist, w^enn sie 43 bis 48 Scheffel ergibt, und manchmal bringt der Acre
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*) Die Untersuchungen Tisserands gefaßt werden: |
können wie folgt zusammen- |
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Jahr. |
Bevölkerung in Millionen. |
Acres mit Weizen. |
Durchschnitts- ernte in Scheffeln pr. Acre. |
Weizenernte in Scheffeln. |
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1789 1831—41 1882—88 |
27.0 33.4 38.2 |
9884000 13224000 17198000 |
9 15 18 |
87980000 194225000 311619000 |
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nicht weniger als 55 Scheffel.*) Es gibt ganze Länder — Hessen z. B. — wo man erst zufrieden ist, wenn die Durch- schnittsernte 37 Scheffel bringt; während die Versuchsgüter von Centralfrankreich Jahr für Jahr auf großen Landflächen 41 Scheffel auf den Acre produzieren, und eine Anzahl Güter in Nordfrankreich geben regelmäßig, Jahr für Jahr, 45 bis 68 Scheffel auf den Acre. Manchmal auf kleinen Gebieten mit besonderer Pflege sind sogar nicht weniger als achtzig Scheffel erreicht worden.*) In der Tat hält es Prof. Grandeau für erwiesen, daß durch Verbindung einer Reihe solcher Operationen wie: Auswahl der Samen, Säen in Reihen, und besondere Düngung die Ernten weit über den besten Durchschnitt der Gegenwart verbessert werden können, und daß trotzdem zugleich die Produktionskosten durch die Anwendung billiger Maschinen um 50% verringert werden könnten; nicht zu reden von den kostspieligen Maschinen, wie dem Dampfpflug oder den Pulverisatoren, die den Boden herstellen, wie er für jede besondere Kultur erforderlich ist. Man hat jetzt hie und da dazu gegriffen, und sicher werden sie allgemein gebraucht werden, sowie die Menschheit die Notwendigkeit verspürt, ihre landwirtschaftlichen Produkte stark zu vermehren.
Wenn wir daran denken, in welch sehr ungünstiger Lage sich die Landwirtschaft jetzt in der ganzen Welt befindet, dann dürfen wir nicht erwarten, wesentlichen Fortschritt in ihren Methoden auf weiten Gebieten erreicht zu sehen; wir müssen zufrieden sein, den auf vereinzelten, besonders begünstigten Stellen erreichten Fortschritt zu konstatieren, wo aus einer oder der andern Ursache der vom Landwirt erhobene Tribut nicht so schwer war, jede Möglichkeit des Fortschritts zu nehmen.
*) Grandeau, Etudes agronomiques, 2ine s6rie. Paris 1888.
*) Risler, Physiologie et Culture du ble. Paris 1886. Die Weizen- •einten Frankreichs als Ganzes genommen, ist der folgende Fortschritt erreicht worden. 1872 — 81 war die Durchschnittsernte 14.8 Zentner per Hektar. 1882 — 90 sind 16.9 Zentner per Hektar erreicht. Eine Ver- mehrung um 14^/0 in zehn Jahren. (Prof. C. V. Garola. Les Cer^ales, «•70 ff.)
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Ein solches Beispiel kann in dem Distrikt Saflfelare im östlichen Flandern gesehen werden. Auf einem Gebiet von 37 000 Acres (alles gerechnet) findet eine Bevölkerung von 30 000 Einwohnern, lauter Bauern, nicht nur ihre Nahrung^ sondern bringt es noch zuwege, nicht weniger als 10 720 Stück Hornvieh, 3800 Schafe, 1815 Pferde und 6550 Schweine zu halten, Flachs zu bauen und verschiedene landwirtschaftliche Produkte zu exportieren.*)
Ein anderes Beispiel dieser Art finden wir auf den Kanal- inseln, deren Einwohner zum Glück die Segnungen des Römischen Rechts und des Großgrundbesitzes nicht kennen gelernt haben, da sie noch heute unter dem gemeinen Recht der Normandie leben. Die kleine Insel Jersey, acht Meilen lang und weniger als sechs Meilen breit, ist immer noch ein Land der Freilandkultur; aber, obwohl es nur 28 707 Acres umfaßt, einschließlich der Felsen, ernährt es eine Be- völkerung von fast zwei Einwohnern auf den Acre, oder 1300 Einwohnern auf die Quadratmeile, und es giebt nicht einen einzigen Schriftsteller, der über Landwirtschaft geschrieben, der nicht nach einem Besuche dieser Insel den Wohlstand der Bauern von Jersey rühmt und die erstaunlichen Resultate, die sie auf ihren kleinen Gütern — zwischen fünf und zwanzig Acres — sehr oft weniger als fünf Acres — durch eine rationelle und intensive Kultur erreichen.
Die meisten Leser werden wahrscheinlich erstaunt sein^ wenn sie hören, daß der Boden von Jersey, der aus verwittertem Granit besteht, mit keinen organischen Stoffen darin, durchaus nicht von hervorragender Fruchtbarkeit ist und daß das Klima^ obwohl sonniger als das Englands, manche Nachteile hat durch die geringe Menge Sonnenhitze im Sommer und die kalten Winde im Frühjahr. Aber es ist in der Tat so, und zu Beginn dieses Jahrhunderts lebten die Einwohner von Jersey haupt- sächlich von importierten Lebensmitteln. (Siehe Anhang J.)
*) 0. de Kerchove de Denterghen, La petite Culture des Flandres, beiges. Gent, 1878.
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Die Erfolge, die in letzter Zeit in Jersey erreicht wurden, sind völlig der Arbeitsleistung zu verdanken, die eine dichte Be- völkerung an das Land gesetzt hat; einem System des Grund- besitzes, der Landtibertragung und Erbschaft, die sehr verschieden von denen sind, die sonst üblich sind, der Befreiung Ton Staatssteuern, und der Tatsache, daß Gemeinschaftseinrichtungen noch vor ziemlich kurzer Zeit bestanden haben und daß eine üeihe Gemeinschaftsbräuche und Gewohnheiten gegenseitiger Unterstützung, die daher stammen, noch heutigen Tages leben. Was die Fruchtbarkeit des Bodens angeht, so wird sie zum Teil mit Hilfe von Seetang erreicht, der unentgeltlich an der Küste, lauptsäehlich aber in Blaydon-on-T}Tie gesammelt wird, aus iillen Sorten Abfall — einschließlich Knochen, die von Plewna, and Katzenmumien, die aus Egypten bezogen wurden.
Es ist bekannt, daß in den letzten dreißig Jahren die Eauern und Pächter von Jersey Frühkartoffeln in großem Maß- stab zogen, und daß sie auf diesem Gebiet sehr befriedigende Resultate erreichten. Da ihr Hauptziel ist, die Kartoffeln so irüh als möglich zu ernten, zu einer Zeit, wo sie an der Weigh- Bridge (der Wagebrücke) von Jersey 17 bis 20 £ pro Tonne gelten, beginnt das Ausbuddeln der Kartoffeln an den Plätzen, •die am besten geschützt sind, schon in den ersten Tagen des Mai, oder selbst Ende April. Ein ganzes System der Kartoffel- kultur, das mit der Auswahl der Saatkartoffel und den Anstalten, :sie zum Keimen zu bringen, der Auswahl der besonders ge- schützten und gut gelegenen Grundstücke und der Auswahl :geeigneten Düngers beginnt und mit dem Kasten endigen, wo «die Kartoffeln keimen, der übrigens sehr viele andere nützliche Bestimmungen hat — ein ganzes System der Kultivierung ist Auf dieser Insel für diesen Zweck von der Kollektivintelligenz der Bauern ausgearbeitet worden.*)
*) Man kann den Kollektivcharakter der Entwickelung dieser Zweige der Landwirtschaft nicht genug betonen. An manchen Punkten der englischen Südktiste können auch Frühkartoffeln gezogen werden — nicht zu reden von Cornwall und South Devon, wo die Kartoffeln von manchen Landwirten in kleinen Mengen ebenso früh wie in Jersey ge-
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In den letzten Wochen des Mai und im Juni, wenn die Ausfuhr auf der Höhe angelangt ist, verkehrt eine ganze Dampferflotte zwischen dieser kleinen Insel und mehreren Häfen Englands und Schottlands. Jeden Tag landen acht bis zehn Dampfer im Hafen von St. H6lier, und vierundzwanzig Stunden später sind sie mit Kartoffeln geladen und steueni nach London, Southampton, Liverpool, Newcastle und Schottland. So werdea in jedem Sommer zwischen 50- und 60 000 Tonnen Kartoffeln,, im Wert von 260 000 bis 500 000 £, je nach dem Jahr, exportiert; und wenn man den Verbrauch an Ort und Stelle mit in Betracht zieht, haben wir mindestens 60- bis 70 000 Tonnen, die erzielt werden, obwohl nicht mehr als 6500 bis 7500 Acres Land für Früh- und Spätkartoffel verwendet werden, wobei noch die bekannte Tatsache zu beachten ist, daß Früh- kartoffeln nie so reiche Erträge bringen als späte. Zehn bis elf Tonnen auf den Acre ist so der Durchschnitt, während in England der Durchschnitt nur sechs Tonnen auf den Acre beträgt.
Sowie die Kartoffeln heraus sind, wird die zweite Saat Mangold oder „Dreimonatweizen" (eine bekannte Varietät schnell wachsenden Weizens) gesät. Nicht ein Tag wird mit der Aus- saat verloren. Auch wenn der Kartoffelacker nur aus einem oder zwei Acres besteht, wird er, sowie der vierte Teil davon seine Kartoffeln hergegeben hat, mit der zweiten Pflanzung besät. Man kann so ein kleines Feld in vier Stücke geteilt sehen, von denen drei mit Weizen besät sind, jeder fünf oder sechs Tage älter als der andere, während auf dem vierten Stück die Kartoffeln noch ausgegraben werden.
Die vorzügliche Beschaffenheit der Wiesen und des Gras- landes auf den Kanalinseln ist oft beschrieben worden, und obwohl das Gesamtgebiet, das in Jersey mit Grünfrucht, Gras
Wonnen werden. Aber solange diese Kultur das Werk einzelner Pflanzer bleibt, müssen ihre Resultate notwendiger Weise hinter dem zurück- bleiben, was die Bauern von Jersey durch ihre gemeinsame Erfahrung erreichen. Die technischen Einzelheiten über den Kartoffelbau in Jersey findet man in einer Arbeit, die ein Pflanzer von Jersey im Journal of Horticulture vom 22. und 29. Mai 1890 veröffentlicht hat.
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und Weide ^- für Heu und zum Weiden — bestellt ist, weniger als 11 000 Acres beträgt halten sie in Jersey über 12 300 Stück Vieh und über 2300 Pferde, die lediglich für die Zwecke der Landwirtschaft und zur Zucht Verwendung finden.
Ferner aber w^erden jedes Jahr etwa 100 Stiere und 1600 Kühe und Färsen exportiert,*) so daß jetzt, wie in einer amerika- nischen Zeitung zu lesen stand, mehr Jersey-Kühe in Amerika sind als auf der Insel Jersey. Milch und Butter von Jersey sind weit berühmt, und ebenso die Birnen, die in freier Luft gezogen werden, von denen jedoch jede einzelne auf dem Baum durch ein besonderes Käppchen geschützt ist, und noch mehr das Obst und die Gemüse, die in den Warm- häusern gezogen werden. Mit einem Wort, es wird genügen, wenn ich sage, daß sie im ganzen landwirtschaftliche Pro- dukte im Wert von 50 ^ pro Acre der Gesamtfläche der Insel erzielen.
Fünfzig Pfund für landwirtschaftliche Produkte von jedem Acre des Landes ist gut genug. Aber je mehr w^ir die moderne Vervollkommnung der Landwirtschaft studieren, um so mehr sehen wir, daß die Grenzen des Ertragsfähigkeit des Bodens nicht erreicht werden, auch nicht in Jersey. Neue Aussichten werden fortwährend eröifnet. In den letzten fünfzig Jahren haben die Wissenschaft — besonders die Chemie — und die Technik die industrielle Macht des Menschen über die orga- nische und unorganische tote Materie erweitert und ausgedehnt. Wahre Wunder sind in dieser Richtung getan worden. Nun kommt die Keihe an ähnliche Erfolge bei lebendigen Pflanzen. Die menschliche Technik in Behandlung lebendiger Materie und die Wissenschaft — in ihren Zweigen, die von den lebenden Organismen handeln — treten mit der Absicht auf, für die Kunst der Nahrungserzeugung das zu tun, was die mechanische und chemische Technik für die Kunst, Metalle, Holz und tote Pflanzenfasern zu behandeln und zu formen, getan haben. Fast jedes neue Jahr bringt eine neue, oft unerw^artete Verbesserung
*) Siehe Anhang J.
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in der Kunst der Landwirtschaft, die so viele Jahrhunderte über geschlafen hatte.
Wir sahen eben, daß die durchschnittliche Kartoffelernte, die in England sechs Tonnen auf den Acre beträgt, in Jersey fast doppelt so groß ist. Aber Mr. Knight, dessen Name jedem Gartenbauer Englands gut bekannt ist, hat einmal aus seinen Feldern nicht weniger als 1284 Scheffel Kartoffeln auf einem einzigen Acre gegraben, das ist dem Gewicht nach ausgedrückt 34 Tonnen und neun Zentner; und bei einer jüngst statt- gehabten Preisverteilung in Minnesota konnte festgestellt werden, daß 1120 Scheffel oder 30 Tonnen auf einem Acre gewachsen waren.
Dies sind ohne Zweifel außergewöhnliche Ernten, aber ganz vor kurzem unternahm der französische Professor Aime Girard eine Reihe von Versuchen, um die besten Bedingungen für den Kartoffelbau in seinem Lande zu finden.*) Er ging nicht auf Schauerträge aus, die etwa mit Hilfe von extravagantem Düngen erreicht worden wären, sondern er studierte sorgsam alle Bedin- gungen: die beste Varietät, die Tiefe des Pflügens und Pflanzeris, die Entfernung zwischen den Pflanzen. Dann trat er mit etlichen 350 Pflanzern in verschiedenen Teilen des Landes in Brief- wechsel, leitete sie brieflich an und brachte sie schließlich zu Versuchen. Mehrere seiner Korrespondenten, die seinen An- weisungen genau folgten, machten Versuche in kleinem Maß- stab, und sie erzielten, anstatt der drei Tonnen, die sie zu ernten pflegten — Ernten, die einem Ertrag von 20 und 36 Tonnen auf den Acre entsprochen hätten.**) Noch mehr, neunzig Pflanzer stellten die Versuche auf Feldern an, die mehr als der vierte Teil eines Acres groß waren, und mehr als zwanzig Pflanzer machten ihre Experimente auf größeren Flächen von 3 bis 18 Acres. Das Resultat war, daß keiner von ihnen weniger als zwölf Tonnen pro Acre erntete , einige
*) Siehe die Anuales agi-onomiques für 1892 und 1893; auch das Journal des Economistes, Februar 1893, S. 215.
**) Fünfzig bis neunzig Tonneu auf den Hektar.
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aber zwanzig Tonnen, und der Durchschnitt für die 110 Pflanzer betrug vierzehnundeinhalb Tonnen auf den Acre.
Indessen begehrt die Industrie nach noch reicheren Ernten. Kartoffeln werden in Deutschland und Belgien in großer Menge ■zur Destillation verbraucht; infolgedessen versuchen die Brenner, möglichst große Mengen Stärke vom Acre zu erzielen. Aus- gedehnte Versuche sind neuerdings zu diesem Zweck in Deutsch- land angestellt worden: und die Ernten waren: neun Tonnen auf den Acre für die armen Sorten, vierzehn Tonnen für die besseren, und 32,4 Tonnen für die besten Varietäten Kartoifeln.
Drei Tonnen und mehr als dreißig Tonnen pro Acre: das sind also die festgestellten Grenzen; und man fragt sich natür- lich: Welcher von beiden Erträgen erfordert weniger Arbeit an Pflügen, Pflanzen, Bestellen und Ausgraben und weniger Bedarf an Dünger = dreißig Tonnen, die auf zehn Acres wachsen, oder dieselben dreißig Tonnen, die auf einem oder zwei wachsen? Wenn die Arbeit nicht in Betracht kommt, während jeder Pfennig, der für Saat und Dünger ausgegeben wird, von großem Wert ist, wie es leider beim Bauern sehr oft der Fall ist — dann wird er notgedrungen die erste Me- thode wählen. Aber ist sie die wirtschaftlichste?
Ferner habe ich oben erwähnt, daß es im Saffelarebezirk und in Jersey gelingt, ein Stück Hornvieh pro Acre Grün- frucht. Wiesen und Weideland zu halten, während anderswo für denselben Zweck zwei oder drei erforderlich sind. Aber noch bessere Resultate können mit Hilfe der Bewässerung erzielt werden, entweder mit Jauche oder einfach mit Wasser. In England sind die Landwirte mit anderthalb und zwei Tonnen Heu zuf den Acre zufrieden, und in dem oben erwähnten Teil Flanderns werden zweiundeinhalb Tonnen Heu für eine schöne Ernte gehalten. Aber auf den bewässerten Wiesen der Vogesen, des Vaucluse u. s. w. in Frankreich werden sechs Tonnen trockenes Heu, auch auf schlechtem Boden, die Regel; und dies bedeutet beträchtlich mehr als das Jahresfutter einer Milchkuh (das auf wenig mehr als fünf Tonnen angesetzt werden kann) von einem Acre. Alles zusammeno:euommen haben sich die Er-
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gebnisse der Bewässerung als so zufriedenstellend erwiesen^ daß während der Jahre 1862— 82 nicht weniger als 1355000 Acres Wiesen bewässert worden sind *) was so viel bedeutet,, wie daß die jährliche Fleischnahrung von mindestens 1500000 Erwachsenen oder mehr dem Jahreseinkommen des Landes neu- gewonnen wurde; im Land erzeugte, nicht importierte. In der Tat hat sich im Tal der Seine der Bodenwert infolge der Be- wässerung verdoppelt; im Saonetal hat er sich verfünffacht, und in manchen landes (Heiden) der Bretagne verzehnfacht .**)
Ein klassisches Beispiel ist der Distrikt Campine in Belgien. Es war ein äußerst unfruchtbares Gebiet — bloßer Seesand,, in unregelmäßige Mulden hingeweht, der nur von den Wurzeln des Heidekrauts zusammengehalten wurde; der Acre davon pflegte zu 5 bis 7 Shilling (15 bis 20 Francs pro Hektar) ver- kauft, nicht etwa verpachtet zu werden. Aber jetzt ist es dank der Arbeit der flämischen Bauern und der Bewässerung im Stande, das Futter für eine Milchkuh pro Acre zu liefern — wobei der Dung des Viehs zur weiteren Bodenverbesserung ver- wertet wird.
Die bewässerten Wiesen um Mailand sind ein anderes be- kanntes Beispiel. Beinahe 22000 Acres sind da mit Wasser bewässert, das von den Kloaken der Stadt stammt und sie geben Ernten von meistens acht bis zehn Tonnen Heu; manch- mal ergeben einige besondere Wiesen den fabelhaften Ertrag —
*) Barral im Journal d' Agriculture pratique, 2. Februar 1889; Boitel, Herbages et Prairies naturelles, Paris 1887.
**) Die Steigerung der Erträge dank der Bewässerung ist sehr belehrend. In der sehr unfruchtbaren Sologne hat die Bewässerung die Heuernte von zwei Tonnen pro Hektar (zweieinhalb Acres) auf acht Tonnen gebracht; in der Vendee von vier Tonnen schlechtem Heu auf zehn Tonnen vorzüglichem. Im Gebiete des Ain erzielte Herr Puvis dadurch, daß er 19000 Francs dazu verwandte, 92^2 Hektar zu be- wässern (etwa 2 <5^ 10 sh. pro Acre), einen Zuwachs von 207 Tonnen vorzüglichen Heus. Im südlichen Frankreich wird durch die Bewässerung ein Mehrertrag von über vier Scheffeln Weizen per Acre leicht erzielt; und für die Handelsgärtnerei betrug der Zuwachs 30 bis 40 £ pro Acre. (Siehe H. Sagnier „Irrigation" in Barral's Dictionnaire d' Agriculture, Band III, S. 339.)
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heute fabelhaft, aber morgen schon nicht mehr — von 18 Tonnen Heu pro Acre, das heißt das Futter von fast vier Kühen pro- Acre, und neunmal soviel als gute Wiesen in England ergeben.*) Indessen braucht jemand, der in England lebt, nicht bis Mai- land zu gehen, um die Resultate der Bewässerung mit Siel- wasser festzustellen. Es gibt mehrere Beispiele dafür auch La England, in den Ver3uchen des Sir John Lawes, und insbesondere in Craigentenny bei Edinburgh, wo, um Ronna's Worte anzu- wenden, „das Wachsen des Kaigrases so beschleunigt worden ist, daß es in einem Jahr sich völlig entwickelt, während es sonst drei bis vier Jahre braucht. Wenn es im August gesät wird, gibt es im Herbst den ersten Schnitt, und dann vom nächsten Frühling ab wird in jedem Monat eine Ernte von vier Tonnen auf den Acre erzielt; was in den vierzehn Monaten mehr als 56 Tonnen (Grünfutter) auf den Acre ergiebt.**) In Lodge Farm ernten sie vierzig bis zweiundfünfzig Tonnen Grün- futter pro Acre, nach dem Getreide, ohne neue Düngung. In Aldershot erzielen sie vorzügliche Kartoffelernten; und in Kom~ ford (Breton's Farm) erzielte Kapitän Hope im Jahr 1871 — 72 ganz außerordentliche Erträge verschiedener Wurzeln und Kar- toffeln.***)
*) Dictionnaire d'AgTiculture, nämlicher Artikel. Siehe auch An- hang I. (Anmerk. des Übers. : Die deutschen Leser seien an die Riesel- felder um Berlin erinnert, durch die schlechter Boden anständige Er- träge liefert, obwohl die Stadt Berlin die landwirtschaftliche Seite ihrer hygienischen Anlage sehr vernachlässigt. — Die deutschen Leser werden eine größere Zahl entsprechender Daten für die deutsche Landwirtschaft wünschen; indessen ist es hier nicht meine Aufgabe» dem Verfasser ins Wort zu fallen. Sie bleiben daher einer besonderen Veröffentlichung vorbehalten. Einstweilen einiges Vorläufige im Anhang E,.)
**) Konna, Les Irrigations, Band III, S. 67. Paris 1890.
***) Prof. Ronna gibt die folgenden Zahlen für die Erträge pro Acre : 28 Tonnen Kartoffeln, sechzehn Tonnen Ringelblumen, 105 Tonnen Runkelrüben, 110 Tonnen Mohrrüben, neun bis zwanzig Tonnen ver- schiedenen Kohl und so weiter. Sehr bemerkenswerte Erfolge scheint auch Herr Goppart gehabt zu haben, der Grünfutter für Silos zog. Siehe sein Werk: Manuel de la Culture des Mais et autres Fourages- verts, Paris 1877.
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Es kann also gesagt werden, daß wir, während wir zur Zeit zwei und drei Acres fUr ein Stück Hornvieh brauchen und nur an wenigen Plätzen ein Stück Vieh auf jeden Acre mit Grünfutter, Wiesen und Weide kommt, in der Bewässerung (die sich sehr schnell bezahlt macht, wenn sie richtig angelegt ist) bereits ein Mittel haben, in Teilen unseres Gebiets zweimal oder dreimal so viel Vieh pro Acre zu halten. Überdies geben die sehr reichen Rübenernten, die jetzt erzielt werden (75 bis 110 Tonnen Runkelrüben sind keine Seltenheit), ein anderes mächtiges Mittel an die Hand, den Mehstand zu vermehren, ohne das Land, das dem Getreidebau gehört, anzutasten.
Eine andere neue Richtung in der Landwirtschaft, die viel- versprechend ist und wahrscheinlich manche geläufigen Mei- nungen umstoßen wird, muß an dieser Stelle erwähnt werden. Ich meine die fast gärtnerische Behandlung unseres Getreide- baus, die im fernen Osten weit verbreitet ist und in Westeuropa ebenso misere Aufmerksamkeit zu erregen beginnt.
Auf der ersten internationalen Ausstellung im Jahr 1851 hatte Major Halle tt von Manor House, Brighton, eine Reihe sehr interessanter Sachen ausgestellt, die er als PecUgree-Getreide. Abstammungsgetreide bezeichnete. Er hatte die besten Pflanzen seiner Felder ausgesucht und ihre Abkömmlinge von Jahr zu Jahr einer sorgfältigen Auswahl unterzogen und es war ihm so geglückt, neue fruchtbare Varietäten von Weizen und Gerste zu züchten. Während sonst jedes Korn dieser Getreidearten durchschnittlich nur zwei bis vier Ähren gibt, erzielte er aus jedem Korn zehn bis fünfundzwanzig Ähren, und die besten Ähren hatten statt der üblichen sechzig bis achtundsechzig Körner durchschnittlich fast das Doppelte dieser Zahl.
Um so fruchtbare Varietäten zu erzielen, konnte Major Hallet natürlich seine ausgesuchten Körner nicht in breitem Wurf aussäen; er pflanzte sie, jedes besonders, in Reihen, in Abständen von 25 bis 30 cm voneinander. Auf diesem Wege fand er, daß jedes Korn, da es freien Raum für das hatte, was man Bestockung nennt (tillering im englischen, tallage in Frank-
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reich) *) zehn, jünfzehn, fünfundzwanzig und selbst bis zu peunzig- und hundert Ähren brachte, je nachdem; und da jede Ähre 60 bis 120 Körner trug, konnten Erträge von 500 — 2500 Körnern oder mehr von einem einzigen besonders gepflanzten Korn er- zielt werden. Er stellte sogar bei der Versammlung der British Association in Exeter drei Weizen-, Gerste- und Haferpflanzen aus, die folgende Zahl Halme hatten: Weizen vierundneunzig, Gerste hundertundzehn, Hafer siebenundachtzig **) Die Gersten- pflanze, die 110 Halme hatte, gab so 5 — 6000 Körner aus einem einzigen Korn. Eine genaue Zeichnung nach diesem erstaim- lichen Gew^ächs wurde von der Tochter Major Hallett's ange- fertigt und mit seinen Schriften verbreitet.***) Und wiederum wurd el876 im Maidstone Farmers' Club eine Weizenpflanze aus- gestellt mit 105 Halmen, die aus einer Wurzel wuchsen, auf der mehr als 8000 Körner gleichzeitig waren."t)
Zwei verschiedene Vorgänge waren also in Hallett's Ex- perimenten verbunden: ein Prozeß der Auswahl, um neue Ge-
*) „Bald nachdem die Pflanze über der Erde erscheint, beginnt sie neue besondere Sprossen zu bilden, bei deren Erscheinen sofort zu ihrer Unterstützung sich ein entsprechender Wurzelansatz bildet; und während die neuen Sprossen flach auf der Oberfläche des Bodens weiter- wachsen, nehmen die zugehörigen Wurzeln eine entsprechende Ent- Wicklung unter der Erde. Dieser Vorgang, den man „Bestockung'^ uennt, dauert fort, bis die Zeit herankommt, wo die Halme aufrecht in die Höhe wachsen." Je weniger sich die Wurzeln zusammendrängen müssen, um so besser werden die Ähren. (Major Hallett, „Thin Seeding" etc.)
**) Vorlesung über „Dünne Aussaat und die Auswahl des Samens",, gehalten vor dem Midland Farmers' Club am 4. Juni 1874.
***) „Pedigree Cereals", 1889. Vorlesung über dünne Aussaat etc., eben erwähnt. Auszüge aus den Times etc., 1862. Major Hallet lieferte außerdem mehrere Beiträge für das Journal of the Royal Agricultural Society und einen für Nineteenth Century. Die Cooperative Wholesale Society (Großhandelsgenossenschaft) hat mir freundlichst erlaubt, diese Zeichnung, die in einem Artikel wiedergegeben war, den ich im Jähr- lich der Gesellschaft für 1897 veröffentlichte, hier wiederzugeben.
t) Agricultural Gazette, 3. Januar 1876. Neunzig Ähren, von deneu manche nicht weniger als 132 Körner trugen, wurden auch in Neu- seeland erzielt.
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treidevarietäten zu erzeugen/ ähnlich wie hei der Zucht neuer Viehrassen; und eine Methode, den Ertrag von jedem Korn uiid -auf einem bestimmten Grundstück dadurch auJßerordentlich zu
Yig, 4. Gerstenpflanze mit 110 Halmen, von Major Hallett aus einem eiuzigfen gepflanzten Korn erzielt.
erhöhen, daß jeder Same besonders und weit vom andern ent- fernt gepflanzt wird, sodaß die junge Pflanze für ihre volle Ent-
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Wickelung Kaum hat, die gewöhnlich auf unsern Kornfeldern von ihren Nachbarn erstickt wird.*)
Der Doppelcharakter von Major Hallett's Methode — die Zucht neuer fruchtbarer Varietäten und das Kulturverfahren, die Samen weit voneinander zu pflanzen — scheint je- doch, soweit ich befugt bin, zu urteilen, bis vor ganz kurzem übersehen worden zu sein. Die Methode wurde meistens nach ihren Resultaten beurteilt; und wenn ein Landwirt mit „Hallett's Weizen" Versuche gemacht hatte und herausfand, daß er auf seinem eigenen Grundstück spät zur Reife kam, oder daß er ein weniger vorzügliches Korn ergab, als manche andere Varietät, dann kümmerte er sich gewöhnlich nicht weiter um die Methode.**) Indessen Major Hallett's Erfolge oder Nicht- erfolge in der Züchtung von den und den Varietäten sind ganz etwas anderes als was über die Methode der Auswahl selbst oder über die Methode, Weizenkörner weit voneinander pflanzen, zu sagen ist. Varietäten, die auf den windigen Dünen von Brighton gezüchtet wurden, können für die oder jene Gegend geeignet oder nicht geeignet sein. Physiologische Unter- suchungen der letzten Zeit legen der Verdunstung einen so ^großen Wert für das Reifen des Getreides bei, daß man in •Gegenden, wo die Verdunstung nicht so schnell vor sich geht wie in Brighton, zu anderen Varietäten greifen und sie zweck- entsprechend züchten muß.*) Ich sollte auch darauf hinw^eisen,
*) Es geht aus vielen verschiedenen Versuchen (erwähnt in Prof. Garola's vorzüglichem Buch Le Cereales, Paris 1892) hervor, daß wenn erprobter Samen (von dem nicht mehr als 6^/0 bei der Aussaat verloren geht) in breitem Wurf gesät wird, sod aß 500 Körner auf den ^Quadratmeter kommen, von diesen nur 148 Pflanzen geben... Jede Pflanze gibt in diesem Fall zwei bis vier Halme und zwei bis vier Ähren ; aber fast 360 Körner sind völlig verloren. Wenn in Reihen gesät wird, ist der Verlust nicht so groß, aber noch immer beträchtlich.
**) Siehe Prof. Garola's Bemerkungen über „HaUett's Weizen", die, nebenbei bemerkt, manchen Landwirten in Frankreich und Deutschland bekannt zu sein scheinen (Les Cereales, S. 337).
*) Nebenbei bemerkt, soll Hallett's Weizen nicht später gesät werden, als die erste Septemberwoche. Wer mit gepflanztem Weizen Versuche anstellen will, muß besonders darauf achten, die Versuche in freiem Feld, nicht in einem Hausgarten zu machen, und früh zu säen.
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daß man mit ganz anderem Weizen als dem englischen Ver- suche machen sollte, um fruchtbare Varietäten zu bekommen, nämlich mit dem schnellwachsenden norwegischen Weizen, dem „Dreimonatweizen" von Jersey und sogar mit der Gerste von Yakutsk, die erstaunlich schnell reif wird. Und jetzt, wo Gärtner, die im Züchten und Kreuzen so erfahren sind, wie Vilmorin, Carter, Sherif, W. Saunders in Kanada und manche andere, die Sache in die Hand genommen haben, können wir sicher sein, daß in Zukunft Fortschritte gemacht werden. Aber Zucht ist eine Sache, und die Samen einer geeigneten Weizen- varietät weit auseinander zu pflanzen, ist ganz eine andere Sache.
Diese letzte Methode wurde jüngst von Herrn Grandeau, Direktor der Station Agronomique de TEst, und von Herrn Florimond Dessprez auf der Versuchsstation von Capelle aus- probiert; und in beiden Fällen waren die Erfolge sehr be- merkenswert. Auf dieser letzten Station w^urde eine Methode, die in Frankreich zur Auswahl der Samen üblich ist, ange- wandt. Schon jetzt gehen manche französische Landwirte über ihre Weizenfelder, bevor die Ernte beginnt, wählen die ge- sundesten Pflanzen aus, die zwei oder drei gleich starke Halme tragen, auf denen lange Ähren mit vielen Körnern sitzen, und nehmen diese Ähren an sich. Dann schneiden sie mit einer Scheere die Spitze und das Ende jeder Ähre ab und behalten nur den mittleren Teil, der die größten Kömer enthält. Auf diese Weise erzielen sie zehn oder zwölf Liter so ausgesuchte Körner und haben dann im nächsten Jahr die nötige Menge Saatgut von besonders guter Qualität.*)
Dasselbe tat Herr Dessprez. Dann wurde jeder Samen besonders gepflanzt, in einer Reihe auf zwanzig Centimeter Ent- fernung, mit Hilfe eines besonders entworfenen Geräts, das dem rayonneur (Riefenzieher) ähnlich ist, der beim KartoflFel- pflanzen verwendet wird, und die Reihen, die achtundzwanzig Centimeter voneinander entfernt waren, w^urden abwechselnd mit
*) Über